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Eine Erde ist nicht genug

Dossier zum Earth Overshoot Day 2018

von
30.07.2018
3 Minuten
Der Pazifik, aufgenommen am 28. Juli 2018 vom Satelliten DSCOVR

Schon am 1. August hat die Menschheit die natürlichen Ressourcen des ganzen Jahres 2018 verbraucht. Die RiffReporter fragen nach den Ursachen mangelnder Nachhaltigkeit und berichten über vielversprechende Lösungen.

Wenn die Menschen nachhaltig mit den natürlichen Ressourcen des Planeten umgehen würden, dann würden sie in einem Jahr nur so viel verbrauchen, wie in einem Jahr nachwachsen kann. Sie würden die Fähigkeit der Erde, sich zu regenerieren, nicht überstrapazieren. Doch genau das tun sie, und der Tag, an dem sie rechnerisch ihr Budget für das ganze Jahr aufgebraucht haben, ist für 2018 schon der 1. August. Dieser Tag, der Earth Overshoot Day, wird jedes Jahr von einer US-amerikanischen NGO berechnet, dem Global Footprint Network. Jahr für Jahr so zu leben, als hätte man einen zweiten Planeten, kann auf Dauer nicht gut gehen – so die Botschaft.

Das Netzwerk berechnet aus Zahlen der Vereinten Nationen, wie viel Platz die Menschen benötigen für Ackerbau, Viehzucht, Fischfang, Holzwirtschaft und die städtische Infrastruktur. Diesen Bedarf vergleicht es mit der biologischen Kapazität der Erde, die nachwachsenden Ressourcen zu regenerieren. Hinzu kommen als wichtigste Faktoren die CO2-Emissionen der Menschen und die Fähigkeit der Wälder und Ozeane, die Treibhausgase aufzunehmen und zu speichern. Am Ende der umfangreichen Rechnungen steht eine schlichte Zahl: Die Menschheit lebt, als stünden ihr 1,7 Erden zur Verfügung. Anders ausgedrückt: Am 213. Tag, dem 1. August, ist die Kapazität der Erde ausgeschöpft – und die Menschheit nimmt einen ökologischen Kredit auf, von dem nicht klar ist, wann sie ihn zurückzahlen wird.

Die Berechnung ist nicht unumstritten, aber die Organisation setzt damit ein sichtbares Zeichen gegen den Raubbau an der Natur. In einem ungewöhnlichen Artikel im Fachmagazin „Ecological Indicators“ (hier als PDF erhältlich) beantworten Kritiker des Global Footprint Network und dessen Vertreter parallel zehn Fragen. Dort beklagen die Kritiker zum Beispiel, dass die Berechnung des Earth Overshoot Day falsche Anreize setze: So lässt sich die Kapazität der Erde erhöhen, wenn man bisher naturbelassene Flächen bewirtschaftet, weil diese dann – zum Beispiel durch Düngung – mehr Ertrag liefern. Die Vertreter des Netzwerks antworten, dass die Umwandlung von Wald in Ackerfläche auch Nachteile mit sich bringe, die in der Berechnung berücksichtigt werden: Vor allem könne die Natur dann weniger CO2 aufnehmen.

Erinnerungen an die Grenzen des Wachstums

Die RiffReporter greifen das Thema Nachhaltigkeit regelmäßig auf und fassen aus diesem Anlass ihre Berichte aus verschiedenen Korallen zu einem Dossier zusammen. Das Themenpaket enthält detaillierte Analysen – etwa zu den ökologischen Auswirkungen der Textilindustrie und zur Attraktivität von Autos mit Elektro- und mit Verbrennungsmotor – ebenso wie ausführliche Berichte über hoffnungsvolle Lösungen, zum Beispiel zum Rückzug der Investoren aus der Kohleindustrie und über die Fahrradstadt Kopenhagen. Gleich mehrere Beiträge thematisieren den Verlust an Biodiversität, der zwar nicht in die Berechnung zum Earth Overshoot Day eingeht, aber die Überlastung der Ökosysteme sehr deutlich macht. Und mit vielen Zahlen belegen wir, dass das Umweltbewusstsein der Deutschen schlechter ist, als viele denken. Sie finden eine Übersicht aller Artikel am Ende dieses Beitrags.

Es gibt viele Wege aus der Krise, und die RiffReporter loten eine Menge Möglichkeiten aus: vom persönlichen Engagement über kommunale Initiativen bis zur internationalen Diplomatie, von psychologischen Analysen über technische Innovationen bis zu wirtschaftlichen Strategien. Auch die Empfehlungen des Global Footprint Network zu ihrer Aktion #MoveTheDate sind vielfältig: weniger Fleisch, weniger Abfall, energieeffiziente Häuser, besserer öffentlicher Nahverkehr, Ausstieg aus der fossilen Energie – und mehr Rechte für die Frauen, weil dies auch zu kleineren Familien führe.

Die Menschen belasten die Erde von Jahr zu Jahr stärker. Man fühlt sich an „Die Grenzen des Wachstums“ erinnert, den Bericht aus dem Jahr 1972, mit dem der Club of Rome bekannt wurde. Die Autoren simulierten erstmals am Computer das Zusammenspiel von Rohstoffen, Industrie, Bevölkerung und Umwelt. Schon damals befürchtete man, dass die Ressourcen nicht ausreichen. Verdoppelten die Forscher jedoch die Ressourcen, stieg die Umweltverschmutzung in dramatische Höhe. Fast alle berechneten Szenarien endeten mit einem Kollaps. Einen Zusammenbruch hält das Global Footprint Network heute noch für möglich und zählt Anzeichen auf: Erosion, Ausbreitung der Wüsten, Überfischung und Artenschwund.

Im Jahr 2000 fiel der Earth Overshoot Day noch auf den 23. September. Dieser Termin ist stetig vorgerückt – und in diesem Jahr ist es Mittwoch, der 1. August. Und das ist nur der Tag für den weltweiten Durchschnitt. Würden alle so leben wie die Deutschen, dann wäre die Belastungsgrenze schon am 2. Mai überschritten worden. Die Umweltorganisation Germanwatch kommentiert: „Es ist bisher keine Trendwende bei unserem viel zu großen Ressourcenverbrauch in Sicht.“ Mit einem Online-Rechner können Sie übrigens Ihren persönlichen Overshoot Day ausrechnen.

Die Beiträge in diesem Dossier stammen von den Autor*innen Daniela Becker und Christian Schwägerl sowie aus den Korallen:

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Alle Beiträge der RiffReporter zu Ressourcenverbrauch und Nachhaltigkeit:

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Alexander Mäder

Alexander Mäder

Alexander Mäder unterrichtet Journalismus an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Er ist in zwei RiffReporter-Projekten aktiv: KlimaSocial und die ZukunftsReporter.

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Lektorat: Dr. Peter Spork