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„Der Aal macht kein Gewese um seine Existenz.“

Eine Buchbesprechung zu Patrik Svensson: „Das Evangelium der Aale“

von
11.12.2020
7 Minuten
Kopf eines langgestreckten, schlangenförmigen Fisches, eines Aals, zeigt mit geöffnetem Maul zu, linken Bildrand.der Fisch liegt auf einem Kiesbett, hinter ihm sind unscharf Wasserpflanzen mit grünen Blättern zu erkennen.

Über das Leben der Aale sind trotz wissenschaftlicher Betrachtung seit mehr als 2300 Jahren immer noch viele Fragen offen. Für Patrik Svensson sind das nicht nur Lücken im zoologischen Wissen über diese Fische.

„Die Rätselhaftigkeit des Aals wird zum Echo der Fragen, die jeder Mensch in sich trägt: Wer bin ich, woher komme ich. Wohin bin ich unterwegs“,

schreibt der schwedische Autor in „Das Evangelium der Aale“.

Woher die Aale kommen: Diese Frage beispielsweise trieb schon 350 v. Chr. den griechischen Gelehrten Aristoteles um. Er setzte auf genaue Beobachtung und gilt vielen als Begründer der wissenschaftlichen Zoologie. Für die Herkunft der Aale hatte er keine andere Erklärung als, dass diese Fische von selbst aus Schlamm entstehen müssten. Fortpflanzung fiel aus nach allem, was er aus sorgfältigen und genauen Studien wusste. Denn weder hatte er jemals eine Paarung, noch Eier oder gar Jungfische beobachten können. Statt dessen vertrocknete Schlammkrusten am Boden eines leeren Teiches. Füllte sich dieser wieder mit Wasser, wimmelte es darin nur so von Aalen. Aristoteles hatte alles zusammengeführt, was er zum Aal beobachten konnte. Aber es reichte nicht. Noch lange nicht.

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Bis ins 19. Jahrhundert hinein konnte man sich nicht schlüssig erklären, wie Aale sich fortpflanzen.

Die Entstehung aus Schlamm kam schon lange nicht mehr infrage. Aber wie Aale sich vermehren, wusste man immer noch nicht genau. Anatomen hatten lange Zeit die Geschlechtsorgane nicht gefunden oder stritten darüber, ob das, was sie gefunden hatten, etwas mit der Fortpflanzung der Aale zu tun hätte. Erst 1850 beschrieb ein deutscher Zoologe zweifelsfrei ein Weibchen mit Eierstöcken und Eiern. Endlich war die Erkenntnis gesichert: Bei Aalen gibt es Weibchen! Aber was war mit Männchen? Das wollte auch ein Wiener Student der Medizin mit Nebenfach Zoologie wissen. Einen Monat lang sezierte der Neunzehnjährige im Frühjahr 1876 an der kaiserlich-königlichen meeresbiologischen Station von Triest an der Adria Aal um Aal. Ein Gewebe, das aussah wie die männlichen Keimdrüsen eines Fisches, hatte ein Zoologe wenige Jahre zuvor entdeckt. Ob es wirklich der Hoden eines Aals war, konnte man jedoch erst sagen, wenn man auch die Samenflüssigkeit dazu fand. Nach vierhundert Aalen gab der junge Mann aus Wien auf. Nicht in einem der Tiere hatte er überhaupt männliches Keimgewebe wiederfinden können, geschweige denn Samen.

Der Aal, schreibt Buchautor Patrik Svensson, „verbarg seine Sexualität vor ihm.“ Feine Ironie. Sexualität sollte ein Lebensthema des Studenten werden, als Schlüssel zu einer neuen Disziplin, der Psychoanalyse. Der junge Mann war Sigmund Freud.

Das Evangelium der Aale“ ist eine Erzählung.

Geschichten über die Erforschung der Aale, über große Aalfragen, die immer noch nicht beantwortet sind, verwebt der Autor mit Erinnerungen an das gemeinsame Aalfischen mit seinem Vater an der Aalküste in der südschwedischen Provinz Schonen, mit der Geschichte von Arbeitern und Tagelöhnern, der Kulturgeschichte der Aale, und mit Fragen von wissenschaftlicher Rationalität und Glauben.

All das Gute, das der Fisch in der christlichen Tradition repräsentierte, war anderen Arten vorbehalten als dem Aal.“ (Patrik Svensson)

Patrik Svensson hat die dazu passende Bibelstelle gefunden, im dritten Buch Mose: „Alle Lebewesen, die im Wasser leben und keine Flossen oder Schuppen haben, seien Euch abscheulich.“ Damit hatte es der Aal schwer. Natürlich haben Aale Flossen und – winzige – Schuppen. Für lange Zeit jedoch fehlte es an zoologischer Bildung, diese anatomischen Feinheiten zu erkennen.

Selbst, als die Menschen es besser wussten, waren Aale immer noch für vernichtende Metaphern gut. In einem schwedischen Kinderbuch aus den 1930er Jahren ist der Aal eine Teufelsfigur. Und manchen Zuschauern der Verfilmung von Günter Grass Roman „Die Blechtrommel“ werden sich gruselige Bilder von Aalen eingebrannt haben, die aus einem Pferdekopf kriechen.

Portrait eines Mannes, der Betrachtende anblickt mit zur Seite gewandtem Kopf, angelehnt an einen Baum mit grober Rinde
Der Autor von „Das Evangelium der Aale“: Patrik Svensson arbeitet als Journalist für die schwedische Tageszeitung 'Sydsvenskan’, wo er über Kultur, Soziales, Politik und Naturwissenschaften schreibt. „Das Evangelium der Aale“ ist sein Debüt. Es erscheint in mehr als 30 Sprachen.

Dank Aalen konnten die „Pilgerväter“ amerikanische Geschichte machen.

Als Passagiere und Besatzungsmitglieder des englischen Segelschiffs „Mayflower“ im Frühjahr 1621 an der Küste des heutigen US-Bundesstaats Massachusetts an Land gingen, hatten sie eine entbehrungsreiche Reise und eine Überwinterung an Bord hinter sich. Von Krankheiten und Hunger ausgezehrt, lebte nur noch die Hälfte der Passagiere und Besatzungsmitglieder, die im vorangegangen Spätsommer in der englischen Hafenstadt Plymouth aufgebrochen waren. Der Landgang hätte die Überlebenden vermutlich nicht vor dem Hungertod bewahrt. Denn weder wussten sie, wo sie Wild erbeuten konnten, noch, wo essbare Pflanzen finden. Ihre Rettung war ein hilfsbereiter Ureinwohner namens Tisquantum, der ihnen zeigte, wo und wie man Aale fängt. Als „Pilgerväter“ nehmen die überlebenden Passagiere der Mayflower heute einen prominenten Platz im Gründungsmythos der Vereinigten Staaten ein. Aale nicht.

Es hatte wenig Sinn gehabt, bei x-beliebigen Aalen nach Geschlechtsorganen zu suchen.

Das war klar, mehr als 25 Jahre, nachdem Sigmund Freud in Triest auf der Suche nach den Hoden der Aale vergeblich ein Blutbad unter diesen Fischen angerichtet hatte. Die Geschlechtsorgane entwickeln sich nämlich erst in der letzten Lebensphase. Und der Lebensphasen haben Aale viele.

Man wusste am Ende des 19. Jahrhunderts, dass Aale am Ende ihres Lebens aus den Flüssen ins Meer abwandern und nie mehr zurückkehren. Statt dessen treffen an den Küsten regelmäßig kleine durchsichtige Fische ein, deren Körperform an Weidenblätter erinnert. Seit 1896 war wissenschaftlich gesichert, dass dies die ersten Lebensstadien der Aale sein mussten, die so genannten Weidenblattlarven der Europäischen Aale. Die gleichen italienischen Wissenschaftler, die das entdeckt hatten, beobachteten später in einem Aquarium, wie sich die Larven in Glasaale verwandelten. Aus ihnen entwickeln sich dann Gelbaale, die in die Flüsse wandern und viele Jahre lang bleiben, bis sie als Blankaale ins Meer schwimmen und nie mehr zurückkommen.

Damit waren vor mehr als 120 Jahren schon viele Abschnitte im Lebenslauf eines Aals beleuchtet. Aber Anfang und Ende blieben weiterhin im Dunkeln.

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Wo kommen die Larven her, wo schwimmen die erwachsenen Aale hin?

Patrik Svensson hat genau recherchiert, wie der dänische Zoologe Johannes Schmidt bis in die 1920er Jahre auf dem Atlantik auf Schiffen mitgereist ist, um mit einem eigenen Netz herauszufinden, wo es überall Weidenblattlarven gäbe. Die kleinste Larve fand er in der Sargassosee. Sie bildet östlich von Florida ein riesiges Meeresgebiet. Dessen Ausdehnung ist größer als die des Mittelmeeres und des Kaspischen Meeres zusammen.

Johannes Schmidt schloss aus seinen Befunden, dass die Larven des Europäischen Aals in der Sargassosee geschlüpft und von dort zu ihrer tausende Kilometer langen Reise nach den europäischen Küsten aufgebrochen sein müssten, und dass die erwachsenen geschlechtsreifen Aale am Ende ihres Lebens wieder in die Sargassosee wanderten, um sich zu paaren.

Aale stammen aus der Sargassosee und kehren zur Paarung dorthin zurück.

Das ist der Stand der Erkenntnis in der Aalforschung bis heute. Aber noch hat niemand erwachsene Aale in der Sargassosee gesehen.

„An seinem Laichplatz angekommen, ist es dem Aal, ob tot oder lebendig, bisher noch stets gelungen, sich vor dem Menschen verborgen zu halten.“ (Patrik Svensson)

Wie paart sich der Aal? Entwickeln sich seine Eier in der Tiefe oder nah an der Oberfläche, vielleicht in den Wäldern aus treibendem Seetang, die in der Sargassosee oft zu finden sind? Offen sind zum Beispiel auch die Fragen, wie Aale ihren Weg finden und warum er so weit ist – aus der Sargassosee weit im Westen des Atlantik bis in die Flüsse Europas und zurück. Diese Fische bleiben rätselhaft.

Dabei ist Rätselhaftigkeit das Letzte, was Artenschützer gebrauchen können, wenn sie den Aal schützen wollen. Des Schutzes bedarf der Europäische Aal dringend, denn Experten sehen ihn als vom Aussterben bedrohte Art an. Schadstoffe im Wasser beinträchtigen Aale ebenso wie Parasiten, Glasaale landen allzuoft als illegale Delikatesse auf Speisetellern, Und Blankaale finden immer noch viel zu häufig den Tod in den Turbinen von Wasserkraftwerken, die ihnen in den Flüssen auf der Reise ins Meer im Weg stehen.

Manchmal scheint einem Aal ein Wunder zu widerfahren.

Patrik Svensson hat das erlebt. In der elterlichen Garage hatte sich ein Aal aus einem Wassereimer unbemerkt hinausgeschlängelt und war fortgekrochen. Vater und Sohn fanden ihn Stunden später staubbedeckt in einer Ecke. Kalt und schlaff; tot, so schien es. Doch zurück im Wasser zeigte sich das Tier nach kurzer Zeit höchst lebendig. Natürlich kann man das alles wissenschaftlich und rational erklären, betont Patrik Svensson. Doch was er als Kind gesehen hatte, war: „Ein Aal kann sterben und dann wieder leben.“

“Erst viel später las ich die Bibel und begriff, dass genau so der Glaube entsteht. Zu glauben heißt, sich dem Geheimnisvollen zu öffnen, dem, was jenseits von Sprache und Wahrnehmung liegt.“ (Patrik Svensson)

Aale verbinden

Wer an einem Fluss, einem Bach oder einem See mit Aalen wohnt, hat weit gereiste Tiere in seiner Nähe. Zugegeben: Weit reisen ist im Zeitalter globaler Flugverbindungen nichts besonderes mehr – wenn es darum geht, von A nach B zu kommen. Aber bei Aalen geht es um mehr. Sie brauchen für die erste Etappe ihrer Reise durch den Atlantik an die Küsten Europas oftmals Jahre. Sie verwandeln sich von Etappe zu Etappe. Aus dem Fluss oder Bach wird es sie nach vielen Jahren wieder fortziehen, wieder quer durch den Atlantik, einem rätselhaften Ende entgegen.

In Patrik Svenssons Erzählung schafft der Fisch literarische Verbindungen zwischen Natur- und Wissenschaftsgeschichte, Erinnerungen des Autors, der Suche nach Antworten und dem Wesen großer Rätsel.

Aale leben unauffällig. Im Alltag werden sie, wenn überhaupt, von Vielen in der toten und geräucherten Daseinsform wahrgenommen. „Der Aal macht kein Gewese um seine Existenz, “ schreibt Patrik Svensson.

Doch Aale sind spektakuläre Tiere. Wer Das Evangelium der Aale liest, mag sich davon überzeugen.

Buchcover. Aale, schlangenförmige in grau-braunen Farbtönen gezeichnete Fische auf blau-grünem Hintergrund mit den Schriftzügen: Das Evangelium der Aale, Patrik Svensson, Hanser
Buchcover von: Patrik Svensson, Das Evangelium der Aale. Übersetzt aus dem Schwedischen von Hanna Granz. 256 Seiten, ISBN : 978–3–446–26584–4, € 22,00 (D), € 22,70 (A).
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Einem ganz bestimmten Fluss fühlt sich Rainer B. Langen als Rheinländer schon mal sowieso besonders nah: „normal“ – am Rhein. Als freier Wissenschaftsjournalist kann er aber auch an anderen fließenden Gewässern nicht achtlos vorübergehen. Da passt es gut, dass es jetzt Flussreporter gibt.


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