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Workshop: Nachhaltig Mobil in meiner Stadt

Im Zentrum der Mensch – auf dem Weg zu einer zeitgemäßen Stadt- und Verkehrsplanung

von
24.02.2020
4 Minuten
Die Teilnehmer stehen in Dreier- und Vierergruppen vor den Flipcharts. Sie diskutieren, welche Alltagswege Pendler und Senioren täglich zurücklegen und welche Fahrzeugen sie dafür nutzen

Busy Streets – Auf neuen Wegen in die Stadt der Zukunft

Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt zurzeit in Städten. Schätzungen zufolge wird ihr Anteil 2050 auf rund zwei Drittel anwachsen. Auf dieses Wachstum sind die Metropolen und Ballungsgebiete jedoch überhaupt nicht vorbereitet. Während Innovationen in allen Bereichen den Alltag der Menschen verändern, bleibt das Straßenbild weitestgehend gleich – es wird nur immer voller. Immer mehr Menschen und Fahrzeuge rangeln um den wenigen Platz.

So kann es nicht weitergehen. Trotzdem halten vielerorts die Entscheider in Deutschland noch immer an dem alten Modell der autogerechten Stadt fest. Weniger Autoverkehr erscheint ihnen als Verzicht. Dabei zeigt der Blick ins Ausland, dass die Menschen bereitwillig auf klimafreundliche Alternativen umsteigen, sobald es attraktive Angebote gibt.

Der Richtungswechsel ist nicht leicht, denn er geht mit einem Perspektivwechsel einher. Für die Verkehrs- und Stadtplaner heißt das: Nicht länger das Auto, sondern den Menschen ins Zentrum ihrer Planung zu stellen. Der Mensch wird das Maß aller Entscheidungen. Darum geht es in meinem Workshop „Nachhaltig mobil in meiner Stadt“ mit dem Untertitel: „Is your city really made for you?“ – den ich im Rahmen einer Kooperation von RiffReportern und verschiedenen Landesbibliotheken bereits in Hamburg und München geleitet habe.

Gemeinsam ans Ziel

Nach meinem Impulsvortrag analysierten die Teilnehmer in Hamburg und München die Alltagswege einzelner Stadtbewohner und was sie davon abhält, im Alltag das Rad, den Bus oder sonstige Angebote jenseits des Autos zu nutzen. Im zweiten Schritt entwickelten sie dann Lösungen für ein zentrales Problem.

In Hamburg und München haben die TeilnehmerInnen in anderthalb Stunden in ihren Teams unter anderem Profile erarbeitet für: junge Frauen, Pendler, Geschäftsleute, die viele Meetings überall in der Stadt besuchen, Senioren, eine 17-jährige Schülerin oder einen Vater, der halbtags arbeitet, um seine beiden Kinder am Nachmittag zu betreuen. Obwohl die Ausgangssituationen in den Städten sehr verschieden sind, ähnelten sich ihre Ergebnisse.

In Hamburg und München wünschten sie die TeilnehmerInnen unter anderem ein besseres ÖPNV-Angebot und eine neue Preisgestaltung nach dem Wiener Vorbild. Dort kostet das Jahresticket 365 Euro. Das ist extrem günstig. Die Preissenkung war damals eine politische Entscheidung der rot-grünen Wiener Stadtregierung.

ÖPNV-Preise senken

Sie wollte, dass die BürgerInnen das Auto stehen lassen und auf den ÖPNV umsteigen. Das hat geklappt. Seit der Einführung werden 40 Prozent aller Wege mit Bussen und Bahnen zurückgelegt. In Hamburg sind es dagegen nur rund 20 Prozent.

Die Forderung der TeilnehmerInnen nach günstigeren ÖPNV-Tickets ist nachvollziehbar – vor allem für Hamburg. Das verdeutlicht der Blick auf die Tarife für Hartz-IV-Empfänger. Sie erhalten rund 35 Euro im Monat für ihre Mobilität. In Berlin kostet ein Sozialticket für die Tarifringe AB, also bis zur Stadtgrenze, 27,50 Euro im Monat. In München kostet ein vergleichbares Ticket 30 Euro und in Hamburg 66,10 Euro. In Hamburg kann sich ein Hartz-IV-Empfänger dieses Monatsticket also gar nicht leisten. Um aber am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, ist klimafreundliche Mobilität für alle nötig.

In den Partnerinterviews befragen sich die Teilnehmer eingangs zu ihrer Alltagsmobilität
Wir müssen reden! Wie wir künftig unterwegs sein werden, ist noch offen
Vier Frauen diskutieren vor einer Stellwand über die Mobilität von Frauen. Neben eine Gruppe von zwei Frauen und zwei Männern über die Wege, die ein Vater zweier Kinder täglich zurücklegen muss
Die Zivilgesellschaft entscheidet mit: Wie soll die Alltagsmobilität in München aussehen?
Arbeitsphase in der Hamburger Zentralbibliothek: Vier Gruppen stehen vor den Stellwänden und diskutieren
Wenn es um Mobilität geht, ist jeder Experte
Ob Tagesticket oder Monatskarte: Die Preise im Nahverkehr liegen in Deutschland teils weit auseinander. Die Teilnehmer in München und Hamburg pladierten für ein 365 Euro-Ticket nach dem Wiener Modell
In Hamburg und München wurde über die ÖPNV-Preise diskutiert: Wie teuer darf ein Monatsticket sein?

Ein gemeinsames Fazit aus den Workshops lautet: Der Bus- und Bahnverkehr muss künftig eine spürbar wichtigere Rolle spielen als bisher. Ihre Forderung spiegelt einen bundesweit Trend. Im April 2019 wünschte sich die Hälfte der Deutschen laut einer Befragung des ARD-Deutschlandtrends den Ausbau von Bus- und Bahnlinien, um die Verkehrsprobleme in Deutschland in den Griff zu bekommen.

Attraktive Bus- und Bahnstationen

Neben einer guten Taktung und bezahlbaren Preisen ist aber auch die Sicherheit ein wichtiges Kriterium für den Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn. Hier besteht laut den Teilnehmern in München noch viel Verbesserungsbedarf. Die Verkehrsbetriebe müssen umdenken. Schlecht beleuchtete Unterführungen, fehlende Warteräume oder fehlendes Sicherheitspersonal halten nach Meinung der TeilnehmerInnen eine Vielzahl von Menschen davon ab, insbesondere nachts Busse oder Bahnen zu nutzen. Um Angst und Unsicherheit an diesen öffentlichen Räumen zu vermeiden, fahren sie lieber Auto.

Ihre Lösungsvorschläge sind so einleuchtend wie simpel: Bewachte Warteräume an Bahnhöfen oder S-Bahnhöfen. In den Niederlanden ist das vielerorts längst gängige Praxis. Dort sind oftmals sogar die Fahrrad-Garagen an den Bahnhöfen bewacht und das Aufsichtspersonal an den Fahrradparkhäusern an S-Bahnstationen geht erst zehn Minuten nach Abfahrt des letzten Zuges nach Hause.

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Wer die Stadt der Zukunft plant, braucht eine klare Vision, wie die Menschen, die dort leben und arbeiten, auch ohne Auto mobil sein können. Die Teilnehmer in Hamburg haben in den anderthalb Stunden sehr konkrete Lösungen für die Probleme ihrer Stadt entwickelt. In München dagegen erarbeiteten die einzelnen Teams eher allgemeingültige Strategien, die auch auf andere Kommunen und Städten gut übertragbar sind.

Für die Planer sind die Workshop-Teilnehmer zwar Laien, aber ihr Alltag macht sie zu Experten. Sie alle kennen die Knackpunkte und Stolpersteine in der Infrastruktur ihrer Stadt oftmals besser als manche Entscheider in den Verwaltungen.

In der Innovationsbranche nennt man ein solches Vorgehen „die Kundenperspektive einnehmen“. Das ist heute der entscheidende Faktor, um funktionierende neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln.

Am 5. April geht es in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin weiter mit meinem nächsten Workshop „Mobilität, die ich mir wünsche“.

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Andrea Reidl

Andrea Reidl

Andrea Reidl arbeitet als Journalistin, Moderatorin und Buchautorin


Busy Streets

Wie soll die Stadt von morgen aussehen? Bei „Busy Streets“ geht es um nachhaltige Mobilität und die Entwicklung unserer Städte. Ich berichte schon seit längerem für große Medien über Sharing-Angebote, Radverkehr, autonome Fahrzeuge und Stadtbewohner, die Plätze und Grünflächen zurückerobern.

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Redaktion: Andrea Reidl
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