Streeck, Laschet, StoryMachine: Schnelle Daten, pünktlich geliefert

Coronakrise: Wie ein Wissenschaftler zum Kronzeugen für einen raschen Exit wurde. Eine Rekonstruktion von Christian Schwägerl und Joachim Budde

Land NRW/Mark Hermenau Das Bild zeigt den Ministerpräsidenten in seinem Büro. Er sitzt am Schreibtisch. Vor ihm ein großer Bildschirm, auf dem der Forscher Streeck zu sehen ist.

Bei RiffReporter berichten WissenschaftsjournalistInnen für Sie über die Pandemie

Am 28. Januar 2020 kurz nach Mitternacht meldet die Deutsche Presseagentur: Ein Virus, das bis dahin nur aus China bekannt gewesen war, ist in Deutschland bei einem 33 Jahre alten Mann festgestellt worden. Der Betroffene, Mitarbeiter des Automobilzulieferers Webasto, hatte sich, wie später ermittelt werden konnte, während einer Schulung bei einer Kollegin aus China angesteckt.

Bis zu diesem Zeitpunkt erschien die Coronakrise, die inzwischen die ganze moderne Zivilisation in die Knie gezwungen hat, als ein chinesisches Problem. Es waren schreckliche Bilder aus der Volksrepublik zu sehen, zahlreiche Tote, überforderte Kliniken, die Stadt Wuhan im Lockdown. Doch Ende Januar kommt die Krise den meisten Deutschen immer noch weit weg vor, der Infektionsfall in Bayern wie ein Einzelfall, wie die Volte eines Virus. Weder aus Italien noch Spanien gibt zu diesem Zeitpunkt Meldungen von Coronafällen und auch das Robert-Koch-Institut schlägt noch keinen Alarm.

In dieser Phase, die heute – nur 74 Tage, aber 123.016 bestätigte Infektionen und 2799 Todesfälle allein in Deutschland später [Stand 13.4.] – sehr lange her wirkt, melden sich zwei deutsche Virologen zu Wort. Ihre Namen sind inzwischen Millionen Menschen geläufig. 

Der eine, Christian Drosten, Leiter des Instituts für Virologie an der Berliner Charité und Autor oder Mitautor von Dutzenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen über Coronaviren, spricht im Interview mit tagesschau.de eine Warnung aus, die nicht härter sein könnte: „Das ganze Medizinsystem in Deutschland muss sich schon jetzt auf eine mögliche Pandemie vorbereiten. Wir müssen unsere Denkweise verändern von ‚wir halten das Virus aus dem Land‘ zu ‚es könnte eine Pandemie auf uns zukommen‘“, sagt Drosten.

Feiern als gäbe es keine Gefahr

Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht Ende Januar selbst noch gar nicht von einer Pandemie, also einer weltweiten Epidemie. Doch am 30. Januar, zwei Tage nach der Meldung aus München, veröffentlicht WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus eine Warnung: Es handle sich nicht mehr allein um ein chinesisches Problem, sondern um „einen öffentlichen Gesundheitsnotstand von internationaler Bedeutung“.

Der zweite Virologe, dessen Namen inzwischen viele Deutsche aus Talkshows, Podcasts und Nachrichtensendungen kennen, kommentiert diese Entscheidung der WHO kurz nach ihrer Publikation auf Twitter mit scharfen Worten.

Hendrik Streeck, ein angesehener Wissenschaftler mit Spezialgebiet HIV/AIDS und seit Herbst 2019 Nachfolger von Christian Drosten auf dem Lehrstuhl für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, schreibt: „Ich finde die Entscheidung ist falsch. Nach den bisherigen Daten ist die #influenza dieses Jahr eine größere Gefahr als das neue #coronavirus. Die meisten Menschen scheinen nur milde Symptome zu haben.“

Zwei Virologen – zwei Sichten auf die Welt der kommenden Wochen und Monate. Das Robert-Koch-Institut stuft zu diesem Zeitpunkt das Risiko für Deutschland als „gering bis mäßig“ ein.

Am Samstag, dem 15. Februar 2020, verhalten sich sehr viele Menschen in Deutschland, als gäbe es wirklich keine besondere Gefahr.

An diesem Tag und in den darauffolgenden anderthalb Wochen feiern Hunderttausende in den Straßen, auf Umzügen, in Kneipen und auf Sitzungen im ganzen Land Karneval. Einige halten sich vielleicht mit dem Küssen zurück. Andere fragen, ob es angesichts der Menschen, die in Wuhan sterben, angemessen sei, Karneval zu feiern. Mehr aber auch nicht.

Keine großen Gedanken machen sich auch die Menschen, die an diesem 15. Februar in der Ortschaft Gangelt im Kreis Heinsberg, an der Grenze zwischen Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden, zur sogenannten Kappensitzung zusammenkommen, um zu feiern.

Am 24. Februar – einen Tag, bevor in Heinsberg der erste Corona-Fall diagnostiziert wird – legt Streeck bei seiner Influenza-Argumentation nach. Bereits 29 Millionen Infizierte und 16.000 Tote habe es durch Grippe in dieser Saison in den USA gegeben, verbreitet er auf Twitter. Der Tweet klingt ähnlich wie der, den wenige Tage später US-Präsident Donald Trump verbreitet:

Spätestens seit der Karwoche ist Streeck, 42 Jahre alt, zu einer der Schlüsselfiguren der Coronakrise in Deutschland geworden.

An diesem Mittwoch geht es bei einer Schaltkonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer um eine Entscheidung, die für die Zukunft des Landes enorm wichtig ist: Wie geht es weiter, wenn am 19. April die aktuell geltenden Einschränkungen für das öffentliche Leben auslaufen? Gehen die Kontaktbeschränkungen, mit denen sich die Deutschen gerade zu arrangieren versuchen, einfach weiter, um mit maximaler  Anstrengung Menschen vor der Covid-19-Krankheit zu bewahren? Auf diesem Kurs ist das Nachbarland Frankreich, wo Präsident Emmanuel Macron am Abend des Ostermontag verkündete, die Ausgangssperre bis 11. Mai zu verlängern. Dagegen fängt zum Beispiel das besonders getroffene Spanien vorsichtig mit einer Lockerung von Auflagen an.

Lockerung statt Lockdown

Doch in Deutschland kommt genau diese Debatte gerade jetzt massiv auf: Wirken die Quarantänemaßnahmen nicht schon sehr gut? Sind die Deutschen jetzt nicht bereits bestens mit Hygienemaßnahmen vertraut, so dass sie diese freiwillig befolgen können? Und drohen die Kosten und Schäden der Quarantäne nicht schon längst so groß zu werden, dass man anfangen muss, sie gegen den maximalen Schutz vor der Krankheit abzuwägen, mit dem Ergebnis, dass statt Ausharren im Lockdown rasche Lockerungen nötig sind?

Mit diesem Kurs geht der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet in die Woche der Entscheidung. Und dafür, dass wissenschaftlich zu untermauern, hat er sich den Virologen Hendrik Streeck auserkoren, den er am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in der Düsseldorfer Staatskanzlei als Kronzeugen seiner Strategie präsentierte.

Dafür vorzuplanen, nach welchen Kriterien Maßnahmen wieder aufgehoben haben, ist eine rationale Sache. Die Weltgesundheitsorganisation will in Kürze Richtlinien dafür publizieren. Weder Deutschland noch irgendein anderes Land sollten einfach nur von Tag zu Tag durch die Krise stolpern. Allein schon für ihr Sicherheitsgefühl braucht die Bevölkerung klare Ansagen, unter welchen Bedingungen die Einschränkungen in Grundrechte wie die Bewegungsfreiheit wieder enden werden.

Die Wissenschaftsakademie Leopoldina hat am Ostermontag deshalb eine Stellungnahme veröffentlicht, die einen Weg aus den Restriktionen beschreibt.

Doch die 24 Männer und zwei Frauen der zuständigen Arbeitsgruppe ließen vor der Schaltkonferenz von Kanzlerin und MinisterpräsidentInnen bewusst offen, ab wann und gemessen an welchen Schwellenwerten Lockerungen kommen können.

Streeck sagte am vergangenen Donnerstag dagegen in der Pressekonferenz mit Ministerpräsident Laschet ein entscheidendes Wort: „Jetzt“ sei der Zeitpunkt gekommen, die Phase des kompletten gesellschaftlichen Lockdowns zu beenden und in eine neue Phase einzutreten, die „beginnende Rücknahme der Quarantänisierung bei gleichzeitiger Sicherung hygienischer Rahmenbedingungen und Verhaltensweisen“ [Video ab Minute 18].

Deutschland, so die Botschaft von Laschets Kronzeugen Streeck, solle den kompletten Lockdown beenden, der Exit muss beginnen.

Dafür, den 42 Jahre alten Virologen Streeck in der aktuellen Krise zu Rate zu ziehen, gibt es viele gute Gründe. Er hat zwar speziell zu Coronaviren nicht umfassend geforscht wie Drosten. Aber ihm eilte der Ruf voraus, ein hervorragender Wissenschaftler zu sein, als er im Herbst 2019 sein Amt als Drostens Nachfolger in Bonn antrat, nachdem Drosten samt den meisten Mitgliedern seines Coronaviren-Teams an die Berliner Charité gewechselt war. 

Vorangegangen waren bei Streeck Stationen an der Berliner Charité, der Harvard Medical School, dem Militärischen HIV-Forschungsprogramm der USA und der Universität Duisburg-Essen. Seit Juli 2019 ist der Wissenschaftler zudem Kuratoriumsvorsitzender der Deutschen AIDS-Stiftung.

Kaum je zuvor haben Forscher eine derart prominente Rolle im Alltagsgeschehen so vieler Menschen gehabt wie nun in der Coronakrise. Anthony Fauci in den USA, Jérôme Salomon in Frankreich, Fernando Simón in Spanien – fast jedes Land hat seinen wissenschaftlichen Corona-Star. In Deutschland ist das bisher Christian Drosten als Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Coronaviren, zudem bekannt aus seinem Podcast mit dem NDR.

Aber auch Hendrik Streeck bekommt enorm viel Aufmerksamkeit – und seit Donnerstag ist er quasi die Galionsfigur des Widerstands gegen einen verlängerten Lockdown.

Nur selten sind Wissenschaft und Politik so eng und vor allem so offensichtlich miteinander kurzgeschlossen wie derzeit. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stehen plötzlich, wie sonst nur Politikerinnen und Politiker, im Rampenlicht der Öffentlichkeit und sind den Mechanismen des Medienbetriebs unterworfen statt wie gewohnt dem Verdikt der akademischen Peers, die wissenschaftliche Arbeiten prüfen, bevor sie in Magazinen wie Science, Nature und Co. publiziert werden.

Aber das ist in diesen unnormalen Zeiten nur normal: Auch Christian Drosten und Hendrik Streeck müssen sich der Überprüfung stellen, ob sie ihre öffentlichen Behauptungen und Forderungen belegen können. Oder ob sie vielleicht nur mit eindrucksvoll klingenden Zahlen verkleiden, was sie sowieso schon immer gedacht haben, was sie privat als Bürger über die Lage denken, oder was einflussreiche Politiker und Freunde gerne von ihnen hören wollen.

Im Schutzanzug vor der Haustüre

Nachdem die Einwohner von Gangelt am 15. Februar ausgelassen ihren Karneval gefeiert und am 25. Februar den ersten bestätigten Fall der Krankheit Covid-19 zu beklagen haben, wird „Heinsberg“, der Name des Landkreises, in dem Gangelt liegt, neben dem nordbayerischen Mitterteich zum Hotspot der deutschen Coronakrise. 

Die Zahl der durch Tests bestätigten Infektionsfälle beginnt, dramatisch zu steigen – doch Hendrik Streeck gibt weiter Entwarnung.

Am 1. März, als die Zahl der Menschen in Deutschland, bei denen eine Infektion mit SARS-CoV-2 bestätigt ist, bereits deutlich gestiegen ist, schreibt er auf Twitter: „Es sollte Mut machen, dass trotz der bisher fast 100 #SARSCoV2 Infektionen in Deutschland, wir nur selten schwere Verläufe sehen und keine Todesfälle zu beklagen haben. Unsere Einschätzung ist richtig gewesen.“ Es bleibt offen, ob er mit dem Plural sein Team oder nur sich selbst meint.

Am 2. März ändert das Robert-Koch-Institut seine Risikobewertung für Deutschland von „gering bis mäßig“ auf „mäßig“.

Streeck macht jetzt, was jeder gute Virologe in dieser Situation tun sollte: Er entwirft ein Forschungsprojekt, holt sich die Zustimmung des zuständigen Ethikausschusses der Universität, und legt Anfang März als erster Wissenschaftler überhaupt in Deutschland mit seinem Team damit los, im rund 120 Kilometer von Bonn entfernten Hotspot Proben, Daten, Messwerte zu sammeln. Streeck wird damit zum Pionier dafür, vor Ort Zahlen und Fakten zum Infektionsgeschehen zu sammeln.

„Am ersten Tag standen wir wirklich in Schutzausrüstung vor der Tür, hatten die Masken aber abgenommen, um unsere Gesichter zu zeigen. Das Signal fand ich wichtig: Hier kommen Menschen, niemand vom Mars“, berichtet er später dem Magazin „Stern“.  Mit seinen Mitarbeitern geht Streeck von Tür zu Tür auf der Suche nach Freiwilligen, macht bei ihnen Abstriche im Rachen- und Nasenraum, auf Türklinken, Smartphones, in Toiletten, nimmt Luftproben. Mit im Gepäck hat er einen frisch entwickelten Antikörpertest auf SARS-CoV-2, der immer wieder an Ort und Stelle eine vergangene Infektion anzeigt. 

Dass der Test immer wieder anschlägt, bereitet den Wissenschaftlern, die sich mit einer sogenannten FFP3-Maske zu schützen versuchen, anfangs ein „mulmiges Gefühl“, wie Streeck später dem „Stern“ sagt, aber das sei mit der Zeit besser geworden. „Man lernt das Virus kennen“, wo es sich aufhalte und wo nicht, auf welchen Wegen es Menschen infiziere.

Ein Tweet vom 3. März zeigt Hendrik Streeck auf dem Boden knieend, wie er versucht, vor einer dunkelbraunen Schrankwand bei einer Hauskatze einen Abstrich zu nehmen.

Besser kann man es als Virologe wohl kaum machen: Hin zum Seuchenherd, Proben nehmen, Daten sammeln. Wissenschaft pur – und das inmitten eines gigantischen, globalen Sturms, der sich im März massiv zusammenbraut.

Bei seiner Arbeit begegnen dem Wissenschaftler neue Symptome – etwa der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns – und auch harte Schicksale: „Es gibt leider einige sehr ernsthafte Krankheitsverläufe im Kreis Heinsberg“, twittert er am 9. März, und fügt hinzu: „Einer der an #COVID19 Erkrankten ist heute gestorben. Mein herzliches Beileid an die Familie.“

Leider gebe es keine Unterstützung der Helfer vor Ort. Streeck wirft dem nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium vor, bei der Krisenbewältigung zu versagen. 

Es ist die Zeit, in der sich die Zahlen überschlagen und in der Regierungen und Bevölkerungen rund um die Welt vor Augen tritt, dass nichts mehr so sein wird wie vor dem Beginn der Pandemie, die die WHO am 12. März formal ausruft.

In Italien gibt es den Zahlen der Johns Hopkins Universität zufolge an diesem Tag bereits mehr als 12.500 bekannte Fälle (13. April: 153.000), in Spanien knapp 2300 (13. April: 167.000), in Deutschland 2100 (13. April: 128.000) – und in den USA, Mitte April mit mehr als einer halben Million Fällen globales Zentrum des Infektionsgeschehens, auch schon 1600. Aus Norditalien sind weiter Bilder zu sehen wie vorher aus Wuhan: überwältigtes Personal in Krankenhäusern, Särge, Leid.

Warnung vor der Idee der Herdenimmunität

Bei Regierungen rund um die Welt setzt sich die Erkenntnis durch, dass harte – sehr harte – Maßnahmen nötig sein werden, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

Viele Länder verhängen nun strenge Ausgangssperren: In Italien, wo es bereits seit Ende Januar regionale Beschränkungen gegeben hatte, verkündet die Regierung am 10. März einen kompletten „Lockdown“ des ganzen Landes. Spanien folgt am 14. März, Frankreich am 17. März mit Maßnahmen für die ganze Nation. Die Regierungen dieser Länder wissen, dass sie ihrer Wirtschaft unermesslichen Schaden zufügen. Aber sie entscheiden sich angesichts der Gefahr für knallharte Maßnahmen.

Bestätigung bekommen diese Regierungen am 16. März von einer Studie von Wissenschaftlern des Imperial College London, die vorrechnen, welche Folgen es hätte, das Virus einfach gewähren zu lassen oder die rasche Ausbreitung nur ein wenig zu bremsen.

Diese Strategie der sogenannten „Herdenimmunität“ verfolgt zu diesem Zeitpunkt noch der britische Premierminister Boris Johnson. Sie besagt, dass es besser sei, wenn das Virus die Bevölkerung schnell „durchseuchen“ kann, so dass von den Überlebenden rund 60 bis 70 Prozent Antikörper gegen SARS-CoV-2 ausbilden. In einer solchen Situation kommt die Infektionskette mit hoher Wahrscheinlichkeit von selbst zum Erliegen.

Die Imperial-Wissenschaftler warnen aber mit drastischen Worten vor einer solchen Strategie: Ohne aktive Maßnahmen gegen das Virus könnte es in Großbritannien 2020 zu rund einer halben Million zusätzlicher Todesfälle führen, in den USA zu 2,2 Millionen Toten. Nach der Publikation der Daten beginnt der britische Premierminister Johnson, der sich zuvor noch damit gebrüstet hat, in einem Krankenhaus Covid-19-Patienten die Hand geschüttelt zu haben, von der Idee der „Herdenimmunität“ abzurücken. Auch US-Präsident Trump beginnt einzusehen, dass sein Wunsch, sehr schnell zur „Normalität“ zurückzukehren, so nicht in Erfüllung gehen wird.

Doch in Deutschland redet – trotz seiner Erfahrungen in Heinsberg – der Virologe Hendrik Streeck die Pandemie weiter klein. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das am 16. März erscheint, sagt er: „In Deutschland sterben jeden Tag rund 2500 Menschen, bei bisher zwölf Toten gibt es in den vergangenen knapp drei Wochen eine Verbindung zu Sars-2. Natürlich werden noch Menschen sterben, aber ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und sage: Es könnte durchaus sein, dass wir im Jahr 2020 zusammengerechnet nicht mehr Todesfälle haben werden als in jedem anderen Jahr.“

Er sagt nicht, was nach bestem Wissen vieler seiner Kolleginnen und Kollegen die Voraussetzung dafür ist, dass es so kommt: der harte Lockdown. Den lehnt er ab.

Am 17. März verändert das Robert-Koch-Institut seine Risikobewertung von „mäßig“ auf „hoch“.

Kritik an „monothematischer Beratung“

Am 18. März richtet sich Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Fernsehansprache auf nie dagewesenen Weise an die deutsche Bevölkerung und verkündet erste Maßnahmen der Kontaktbeschränkung und andere Regeln, um die Ausbreitung des Erregers einzudämmen. Merkel schlägt einen martialischen Ton an und sagt, es handle sich um die größte Herausforderung für Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Wenige Stunden vor Merkels Auftritt wirft Streeck der Bundesregierung via Twitter vor, sich „monothematisch“ beraten zu lassen – ein unverhohlener Seitenhieb gegen seinen Lehrstuhlvorgänger Christian Drosten und den Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, auf die Merkel hört und die zu den harten Maßnahmen geraten hatten. Einen Tag später erscheint das Stern-Interview. Darin warnt der Wissenschaftler vor „zu starkem Aktionismus“.

Doch unter welchen Bedingungen könnte die Pandemie wirklich so harmlos ausgehen, dass sie – wie Streeck nahelegt – in der Todesstatistik im Rückblick aus dem Jahr 2021 gar nicht auffallen wird?

Der Kontrast zwischen den lapidaren Aussagen des Virologen und dem, was zeitgleich andere Experten für den Fall errechneten, dass das Virus sich einfach ausbreiten würde, könnte größer nicht sein. Am 19. März (und in einer aktualisierten Version am 21. März) legt die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie Szenarien vor, die in bunten Kurven eine dramatische Botschaft überbringen.

Würde es das Virus auch nur schaffen, dass jeder Infizierte zwei weitere Personen ansteckt, so wären ohne Gegenmaßnahmen bereits 100 Tage nach Beginn der Epidemie 4,2 Millionen Menschen in Deutschland infiziert. Je nach Anteil der schweren Krankheitsverläufe müssten 230.000 bis 1,2 Millionen Menschen zeitgleich auf einer Intensivstation behandelt werden – bei wenigen Zehntausend real verfügbaren Betten.

Das Robert-Koch-Institut kommt am 20. März mit ähnlichen Annahmen – jeder Infizierte steckt zwei weitere Menschen an – im schlimmsten Fall auf einen Peak von gut zehn Millionen Infizierten etwa im August und mehreren Hunderttausend Toten. Das Institut folgert: „Von jetzt an und in den nächsten Wochen sind maximale Anstrengungen erforderlich um die COVID-19-Epidemie in Deutschland zu verlangsamen, abzuflachen und letztlich die Zahl der Hospitalisierungen, intensivpflichtigen Patienten und Todesfälle zu minimieren.“

Während sich die Bundesregierung und Robert-Koch-Institut darum bemühen, in der akuten Krisensituation bei der Bevölkerung Verständnis für die harten Auflagen zu schaffen, weil letztlich jede Stunde des Ausbreitungsgeschehens massiv über den weiteren Verlauf der Pandemie in Deutschland entscheidet, richtet Hendrik Streeck seinen Blick schon nach vorne.

Am 23. März verkündet Kanzlerin Merkel härtere Regeln für den Lockdown. Am selben Abend tritt Streeck in der ARD-Sendung „Hart, aber fair“ von Frank Plasberg auf und verblüfft den Moderator mit einer bemerkenswerten Aussage: Das Land könne auch „zu gut“ darin sein, die Infektionskurve abzuflachen.

„Ein Großteil der Bevölkerung wird sich infizieren“

Zwei Mechanismen, sagt Streeck, wirkten gegeneinander: „Auf der einen Seite wollen wir die Zahl [Anm.: der Infizierten] runterdrücken, damit die Intensivstationen nicht überlastet sind und wir für jeden Menschen die maximalen Ressourcen, die bestmögliche Versorgung haben.“ Auf der anderen Seite, fährt der Virologe fort, „wenn wir zu gut sind, die Kurve zu gut nach unten drücken, werden wir das Problem haben, dass es sehr lange dauert, bis wir eine sogenannte Herdenimmunität erreichen“.

Eine tiefere Erklärung seiner Position bietet Streeck auch. Er glaube nicht, dass es gelingen wird, den Lockdown so lange durchzuhalten, bis Medikamente und Impfstoff zur Verfügung stehen, wofür Experten zwölf bis achtzehn Monaten veranschlagen. „Ein Großteil der Bevölkerung wird sich infizieren“, sagt er. Es gibt, so seine Botschaft, keine Alternativ zur Strategie der Herdenimmunität.

Damit stellt er sich in direktem Widerspruch zu vielen seiner Kollegen, die vor den immensen Totenzahlen bei einer Strategie der Herdenimmunität warnen – unabhängig davon, ob diese Menschen nun binnen weniger Wochen sterben und im Prozess die Kliniken komplett überfordern oder ob sich der Prozess länger hinzieht.

Entscheidende Kennziffer der beiden unterschiedlichen Strategien ist die sogenannte „effektive Reproduktionszahl R“, also die Zahl der Menschen, die ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Wer das Virus kontrollieren will, bis es Medikamente oder einen Impfstoff gibt, muss diese Zahl unter 1 drücken und das Wachstum des Infektionsgeschehens dadurch stoppen. Das ist die Strategie, die wir nun sehen: Das öffentliche Leben wird weitgehend zum Stillstand gebracht, Infektionsherde werden genau untersucht, über den Startzeitpunkt von Lockerungen wird erst nachgedacht, wenn der Schwellenwert unterschritten ist, also die Zahl der Infizierten Menschen zurückgeht. 

In einer Publikation vom 9. April schätzt das Robert-Koch-Institut, dass die effektive Reproduktionszahl von SARS-CoV-2 in Deutschland Anfang März bei 3 gelegen hat, was eine schnelle Ausbreitung bedeutet. Bis zum 22. März sei der Zielwert um 1 erreicht worden, seit dem 30. März aber steige „R“ wieder leicht an. Für den 12. April gibt das RKI die Reproduktionszahl mit 1,2 an, also wieder über der Schwelle. Als Grund wird vermutet, dass das Virus nun Alten- und Pflegeheime erreicht hat, wo es sich rasch ausbreiten kann.

Wer es dagegen für ausreichend oder geboten hält, auf einigermaßen kontrolliertem Weg zur „Herdenimmunität“ zu gelangen, bevor Medikamente und Impfstoffe zur Verfügung stehen, in dessen Planung kann jeder Infizierte im Durchschnitt auch mehr als einen weiteren Menschen anstecken. Das hieße für die aktuelle Situation, dass man sehr schnell mit Lockerungen des Lockdowns beginnen könnte, R müsste nur so niedrig sein, dass die Kliniken mit dem Behandeln hinterherkommen und die Bestatter wenn möglich mit dem Beerdigen.

Nur: Das ganze Konzept der „Herdenimmunität“ ist in der heutigen Lage äußerst fragwürdig. Großbritannien hat es verfolgt, dann panisch aufgegeben. In Schweden wachsen die Zweifel. Es gibt Länder, die mangels eines funktionierenden Gesundheitssystems keine andere Wahl als eine „Durchseuchung“ haben werden. Aber Deutschland? 

Der Effekt davon, jetzt Maßnahmen wieder zu lockern, wäre absehbar: Man geht das Risiko ein, dass die Pandemie doch außer Kontrolle gerät, nämlich dann, wenn es zum „Rebound“ kommt, zur Rückkehr des Erregers mit hohen Infektionszahlen. Die Wissenschaftler des Imperial College raten deshalb zu Restriktionen für das öffentliche Leben, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht – also womöglich bis zum Herbst 2021. 

Einen Vergleich macht Hendrik Streeck Ende März nicht mehr – den aus seiner ersten Äußerung zum Thema auf Twitter. „Nach den bisherigen Daten ist die #influenza dieses Jahr eine größere Gefahr als das neue #coronavirus“, hatte er Ende Januar geschrieben. Inzwischen äußert er sich bei seiner wachsenden Zahl von Medienauftritten anders.

„Der Vergleich zwischen Coronavirus und Grippe hinkt einfach“, sagt er im Podcast „The Daily Streeck“ des Bayerischen Rundfunks am 26. März. Es helfe nicht, wenn man Äpfel und Birnen vergleiche. Grippeerreger würde das menschliche Immunsystem schon kennen, das Coronavirus sei für uns dagegen neu. Außerdem gebe es gegen Grippe eine Impfung. Einen Tag später sagt er in einem Interview des Handelsblatts: „Es ist ein ernstzunehmendes Virus, man darf das nicht bagatellisieren. Es ist keine saisonale Grippe, wie manchmal behauptet wird.“ 

Die Infektionszahlen und auch die Zahl der Toten steigen in den letzten Märztagen stark an. Nach Wuhan, Bergamo und Heinsberg wird mit New York eine weitere Millionenmetropole zum Opfer von SARS-CoV-2. Deutschland verzeichnet mehrere Tausend neue Fälle pro Tag.

Das Bild zeigt eine Frau, die komplett in medizinische Schutzkleidung aus Plastik gehüllt ist. Man sieht ihre rot lackierten Fingernägel, aber ansonsten wenig. Sie steht vor dem Krankenhaus.
Eine Klinikmitarbeiterin vor dem Maimonides Medical Center in Brooklyn, New York, das zu den Zentren der Corona-Pandemie gehört.
Spencer Platt/Getty Images/AFP

Am Vormittag des 31. März 2020 tritt Streeck zusammen mit Stephan Pusch, dem Landrat des Kreises Heinsberg, vor die Presse. Seine Forschungsarbeit in der Region tritt in eine neue Phase. Nun schießt die nordrhein-westfälische Landesregierung, deren mangelndes Eingreifen in dem Hotspot-Landkreis Streeck wiederholt kritisiert hat, einen Teil der Kosten bei (65.000 Euro, wie später bekannt wird).

Fakten schaffen

Landrat Pusch kündigt an, schon am Nachmittag würden die ersten Tests für eine Studie beginnen, „die nicht nur für den Kreis Heinsberg eine Aussagekraft hat, sondern im besten Fall für Nordrhein-Westfalen oder vielleicht für ganz Deutschland“. Bis zu jenem Dienstagmorgen seien im Kreis Heinsberg 8000 Tests durchgeführt worden. Das sei auf die knapp 255.000 Einwohner des Kreises eine „hohe Durchtestung“, sagt der CDU-Politiker, aber nicht genug: „Wir tappen natürlich bei unseren Maßnahmen in ganz großen Bereichen noch irgendwo im Dunkeln, das heißt, ich stelle mir das immer vor wie eine dunkle Halle, für die ich kein Flutlicht habe, sondern ich habe einfach nur Testverfahren, um da ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen.“

Pusch möchte wissen: „Wie viele Menschen hatten denn bereits eine Coronaviruserkrankung?“ Die Antwort ist wichtig, denn sie gibt Auskunft darüber, wie groß die Dunkelziffer der Menschen ist, die mit dem Coronavirus infiziert wurden, keine schweren Symptome zeigen aber nun wegen der Reaktion ihres körpereigenen Abwehrsystems immun sein könnten. Und erst wenn man die Gesamtzahl der Betroffenen kennt, lässt sich auch abschätzen, wie gefährlich ein Virus wirklich ist – als Anteil der Sterbefälle an der Zahl der Infizierten und der Gesamtbevölkerung.

Streeck spricht bei der Pressekonferenz am 31. März in Gangelt davon, dass Wissenschaftler und Politik „in einer nie dagewesenen Komprimiertheit zusammenarbeiten“ müssten. Die Wissenschaft spreche Handlungsempfehlungen aus, die Politik müsse entscheiden. „Das Ganze haben wir ja schon bei der Diskussion erlebt: Welche Maßnahmen sind eigentlich erforderlich, um das Virus effektiv einzudämmen?“

Doch es gibt in den Äußerungen interessante Nuancen: Einerseits sagt der Bonner Virologe, er wolle „ergebnisoffen da rangehen.“ Andererseits formuliert er das, was wenige Tage später bei der vielbeachteten Pressekonferenz mit Ministerpräsident Laschet passieren wird: Streeck sagt, er wolle die Entscheidungsgrundlage dafür  schaffen, „Maßnahmen wieder herunterzufahren oder aufzuheben“. „Ein Kriterium, auf das wir uns als Virologen beziehen, sind die Fakten. Und die Studien, die wir durchführen. Es gibt überhaupt keine Fakten, und ich denke, es ist an der Zeit, Fakten zu schaffen für Deutschland.“ Dazu gehöre „wie groß die Sterblichkeitsrate durch das Coronavirus ist im Vergleich zu Existenzen, die wir gefährden.“

Mit 40 Bonner Medizinstudenten richtet Streeck an diesem Tag in einer Schule in Gangelt ein Testzentrum ein.

Noch am selben Abend ist der Wissenschaftler Gast in der ZDF-Sendung von Markus Lanz [Mitschnitt verfügbar bis 30. April 2020], gemeinsam mit der Theologin Margot Käßmann und dem Ökonomen Marcel Fratzscher sowie zwei zugeschalteten Gästen. Schon nach einer Viertelstunde kommt das Gespräch auf die Frage, ob der „Shutdown“ des öffentlichen Lebens nicht überzogen und voreilig sei „auf Basis von Fakten, die nicht mal wirklich verifiziert sind“, wie der Moderator sagt. 

Lanz glaubt, genau so eine Kritik am Kurs der Bundesregierung und anderer Regierungen aus den Äußerungen Streecks herauszuhören. Dieser antwortet, er hätte einen anderen Kurs befürwortet als ihn die Kanzlerin verfolgt, nämlich vor einem Lockdown erst einmal abzuwarten, ob nicht andere Maßnahmen greifen:

„Im Nachhinein kann man ja immer irgendwie sagen, ich weiß es besser. Aber als dieser Moment gewesen ist, dass wir in sehr kurzer Zeit eine Maßnahme nach der anderen ergriffen haben – ich weiß nicht mehr, wie es losging, aber es wurden ja erst größere Veranstaltungen abgesagt, dann wurden Schulen geschlossen und dann kam eben die Ausgangsbeschränkung, und zur Ausgangsbeschränkung habe ich im Vorfeld schon gesagt, wir sollten erstmal abwarten und schauen, was passiert. Das Virus gehorcht keinem Politiker, es gehorcht keinem Menschen – wie jetzt aufzuhören, Menschen zu infizieren. Und vor allem weil wir ja, was wir heute beschließen, erst in zwei Wochen das Ergebnis sehen. Jetzt fangen wir so langsam an, die Ergebnisse – vielleicht, wir wissen es nicht – die Ergebnisse zu sehen von den ersten Maßnahmen. Aber man muss dem Virus Zeit lassen, dass wir auch die Ergebnisse langfristig sehen und einordnen können, was funktioniert und was nicht. Genauso falsch würde ich es jetzt finden, alles sofort zurückzudrehen und zu sagen, es hat alles funktioniert. Jetzt sind wir in dieser Situation, jetzt müssen wir auch schauen, wie wir das Virus oder die Infektionsraten steuern können.“

Ein Widerspruch? Einerseits sagt Streeck, das Virus gehorche keinem Politiker, was fatalistisch klingt. Andererseits sagt er, es gehe darum, Infektionsraten „zu steuern“, was nach Handlungsfähigkeit klingt.

Bürger Streeck

Streeck formuliert an diesem Abend eine politische Strategie: Dem Virus Zeit lassen zu zeigen, wie viele Menschen es wie infiziert; strengere Maßnahmen erst zu zünden, wenn laxere nicht funktionieren. Das inmitten einer Zeit zu sagen, in der den Epidemiologen zufolge jede Stunde Infektionsgeschehen darüber entscheidet, wie steil die Kurve der Fälle ansteigen wird, ist auf jeden Fall mutig.

„Es geht ja nicht darum, das Virus laufen zu lassen“, sagt Streeck in der Runde. Aber ob man am Ende dann eine Ausgangsbeschränkung gebraucht habe, „das habe ich in Frage gestellt.“

Der Wissenschaftler empfiehlt in der Sendung den südkoreanischen Weg: massenhaft zu testen – obwohl die Testkapazität in Deutschland zu diesem Zeitpunkt noch stark limitiert ist. Und er lobt den Sonderweg Schwedens, auf freiwillige Mitwirkung der Bevölkerung zu setzen, für das sogar US-Präsident Donald Trump, der das Virus anfangs nicht ernst genommen hat, das Land kritisiert: „Die Schweden appellieren eben daran, Abstand zu halten, keine großen Gruppen zu haben, aber das normale Leben, der normale Alltag geht weiter, und appellieren an die Händehygiene und dass sie aufeinander achtgeben“, sagt Streeck. „Wenn jemand sich krank fühlt, dann bleibt er zuhause.“ Das sei „gar nicht so verkehrt“.

In einer Einblendung wird Streeck mit seinem Amt als Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn vorgestellt. Aber er äußert sich an diesem Abend noch in einer zweiten Rolle –als „Bürger“, wie er sagt. Zahlen und Fakten, die gegen einen Lockdown sprächen, hat Streeck bis dahin nicht vorgelegt. Jetzt wird am ehesten so etwas wie ein Motiv deutlich, warum er die ganze Zeit den Lockdown abgelehnt hat, den andere Virologen und Epidemiologen für absolut notwendig erachten. 

„Das heißt, man sollte über eine Exitstrategie nachdenken?“, fragt Lanz, nur wenige Tage, nachdem die Ausgangsbeschränkungen überhaupt in Kraft getreten sind, für die Politiker in aller Welt nun ihre Bevölkerungen vor allem um Geduld bitten. „Ich persönlich, wieder als Bürger gesprochen, halte es für extrem wichtig“, antwortet Streeck. 

Bürger Streeck denkt so: „Wir hatten schon mit vielen Viren zu tun und ich sehe einfach, was so eine Ausgangssperre, oder eine Ausgangsbeschränkung mit den Menschen macht. Ich hab selber Freunde, die sich fragen, ob sie danach noch einen Job haben oder Freunde, die sich wundern, ob sie ihre Miete irgendwie langfristig bezahlen können, wo ich das im Verhältnis zu anderen Viren und anderen Epidemien, die wir gehabt haben, schon ganz schön drastisch finde als Einschränkung.“

Als Schlüssel zum weiteren Vorgehen stellt Streeck nun seine Studie in Heinsberg dar: „Darum haben wir eben diese Studie initiiert, um Fakten zu schaffen, um zu sagen, wir haben jetzt eine so und so viel prozentige Dunkelziffer, so und so viel waren infiziert, und das ist eigentlich die Sterblichkeitsrate. Wir können uns anschauen, was sind eigentlich die Infektionswege, und wie können wir die durchbrechen. Zum Beispiel, wir haben noch nie von Infektionen in Friseursalons gehört, jetzt sind Friseursalons geschlossen.“ 

Dass es vielleicht keine bekannten Infektionen in Friseursalons gegeben hat, eben weil diese geschlossen wurden, wird an diesem Abend nicht diskutiert.

Die Verheißung des gewohnten Alltags

Wie sehr es derzeit Schlag auf Schlag geht, zeigt der nächste Tag, der 1. April. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet, der mit Gesundheitsminister Jens Spahn als seinem Vize für den CDU-Vorsitz kandidiert, beruft einen „Expertenrat“ zur Corona-Krise ein, der am 3. April zum ersten Mal tagt.

Laschet lässt keinen Zweifel daran, für wie ernst und gefährlich er die Lage hält. Er fordert die Bevölkerung am selben Tag auf, die häusliche Quarantäne strikt zu befolgen: „Lassen Sie jetzt nicht nach. Lassen Sie uns gemeinsam weiter durchhalten. Nur so können wir Leben retten und schützen.“

Doch während das ganze Land noch damit beschäftigt ist, die erst eine Woche vorher verhängten Beschränkungen zu verstehen und im Alltag umzusetzen, denkt Laschet bereits voraus, wie die Beschränkungen wieder aufgehoben werden können: „Die Mitglieder des Expertenrats werden sich unter anderem mit den ökonomischen und sozialen Konsequenzen einer lang andauernden Politik der sozialen Distanzierung und des wirtschaftlichen Shutdowns befassen und Szenarien für den Übergang zwischen Krisenmodus und Normalität diskutieren“, heißt es in der Mitteilung der Staatskanzlei. 

Dem zwölfköpfigen Gremium gehören auch mehrere renommierte Wissenschaftler an – darunter als einer von zwei Medizinern Hendrik Streeck. „Schon jetzt Strategien für die Rückkehr ins soziale & öffentliche Leben entwickeln: Heute erste Sitzung des Expertenrats #Corona von Ministerpräsident @ArminLaschet“, tweetet die Staatskanzlei in Düsseldorf am 3. April.

Drei Tage später, am 6. April, beginnt eine weitere bemerkenswerte Entwicklung. Auf Twitter und Facebook gehen zwei neue Nutzerkonten mit dem Namen „Heinsberg Protokoll“ online. Beide Accounts beginnen mit einer programmatisch wirkenden Zitatkachel von Hendrik Streeck: „Es geht hier nicht um Meinungen, das Ziel ist es, eine Faktenbasis zu schaffen.“ 

Doch der erste Tweet von „Heinsberg Protokoll” enthält noch eine andere Botschaft – einen Satz, der im Licht der Ereignisse wenige Tage später hellhörig macht: „Unser Forschungsziel: schnell Fakten zu #COVID10 liefern, damit die Bundesregierung Maßnahmen oder Lockerungen erarbeiten kann“, heißt es, und weiter: „Je schneller wir erste Erkenntnisse teilen können, desto eher kehren wir in unseren gewohnten Alltag zurück.“

Wer aber sagt, dass Argumente für eine schnellere Lockerung als Ergebnis herauskommen müssen?

„Ergebnisoffen“ solle die Heinsberg-Studie sein, hatte Streeck nur eine Woche vorher beteuert. Doch in dem Social-Media-Auftritt klingt das nun anders: Als würden die „Erkenntnisse“ automatisch dazu führen, dass es zu einer Lockerung kommt, und zwar je schneller, je früher Ergebnisse bekannt werden. 

Kennt da also jemand schon das Ergebnis der Forschungsarbeiten, wo sie doch gerade erst begonnen haben? Und könnte nicht auch das Gegenteil der Fall sein? Könnten die Ergebnisse aus Heinsberg nicht ebenso gut zu dem Schluss führen, dass die Ausgangsbeschränkungen noch lange aufrechterhalten werden müssen? 

Offenbar nicht aus Sicht des Absenders der Botschaften. Als den nennen die Accounts in der Twitter-Bio „StoryMachine“ und im Impressum bei Facebook die „StoryMachine GmbH“. Später wird StoryMachine mitteilen, dass das Projekt „Heinsberg Protokoll“ aus Eigenmitteln der drei Gesellschafter Kai Diekmann, Michael Mronz und Philipp Jessen sowie aus Mitteln der Firmen Deutsche Glasfaser und der Gries Deco Company, zu deren Portfolio „Depot“-Märkte gehören, die wegen der Coronakrise geschlossen wurden.

In den folgenden Tagen verbreiten die Accounts Bilder von hochmotivierten Forscherinnen und Forschern bei der Arbeit. Die Stimmung scheint gut zu sein.

Und schon am 9. April, Gründonnerstag, also innerhalb eines für wissenschaftliche Studien geradezu unerhört kurzen Zeitraums, gibt es etwas zu verkünden – „Zwischenergebnisse“.

10.30 Uhr morgens, Staatskanzlei Düsseldorf. Ein kleines Trüppchen Journalisten sitzt im Saal, mit viel Abstand zwischen den Stühlen. Andere sind per Video zugeschaltet.

Ministerpräsident Armin Laschet tritt ans Rednerpult. Er spricht von einem „Dreiklang von Maßnahmen“, zu denen es gehöre, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, die Krankenhäuser ausreichend auszustatten und schon jetzt darüber nachzudenken, wie man die Folgen der Pandemie „für unser Land, unsere Wirtschaft und für jeden Einzelnen“ abfedern könne.

Ein Bogen von Gangelt in den Rest der Republik

Es sind Aussagen, wie sie in diesen Tagen rund um die Welt viele Politiker machen, die also ganz normal und rational sind – würde Laschet nicht eine erstaunliche Verbindung ziehen zwischen der anstehenden „Vorbereitung auf die Zeit nach der Krise“ und der Heinsberg-Studie von Hendrik Streeck, die er in Auftrag gegeben habe, um „zu Erkenntnissen zu kommen, die dann wieder für die Politik von Bedeutung sind“ mit dem Ziel, „Freiheit und Gesundheit der Bürger besser in Einklang zu bringen als bisher“. Und würde wenig später über den Zeitpunkt der Lockerung nicht das Wort „jetzt“ fallen.

Man müsse auch die Schäden durch den Lockdown „in Rechnung stellen und dann immer wieder zu einer Abwägung kommen“. Und deshalb, sagt Laschet, zu Streeck gewandt, sei er froh, dass der Wissenschaftler heute einen „Zwischenbericht“ des Forschungsprojekts „Covid-19 Case Cluster Study“ geben werde.

Was nun folgt, ist ein in der jüngeren deutschen Wissenschaftsgeschichte bemerkenswerter Vorgang. Drei Universitätsprofessoren – neben Streeck sind Gunther Hartmann vom Institut für Klinische Chemie und Klinische Pharmakologie und Martin Exner vom Institut für Hygiene und öffentliche Gesundheit am Bonner Universitätsklinikum zugegen – springen in ihren Redebeiträgen von der örtlich begrenzten, in ihren Bedingungen ziemlich besonderen Datensammlung in der Gemeinde Gangelt, für die es nur Zwischenergebnisse ohne externe Begutachtung gibt, quasi mit Lichtgeschwindigkeit zum großen Ganzen der deutschen Pandemiepolitik und wieder zurück. Nur wenige Tage, nachdem sie ihre Studie überhaupt begonnen haben, stellen sie Zahlen dar, von denen Streeck sagt, sie seien „repräsentativ“.

Von 500 Personen in 200 Haushalten sind die Daten an diesem Vormittag erst ausgewertet. 15 Prozent der Menschen in Gangelt seien demnach bereits mit dem Coronavirus infiziert gewesen und 0,37 Prozent dieser Infizierten verstorben, rechnet Streeck vor. Das entspricht sieben Menschen. Die „Letalität“, also der Anteil der Infizierten, der verstirbt, sei damit fünf Mal niedriger als es die vielzitierte Johns Hopkins Universität für Deutschland berechne, sagt Streeck.

Eine gute Nachricht? Zumindest klingt es so, als wäre Covid-19 deutlich weniger schlimm als es bislang erscheint. Der Vergleich funktioniert aber nur, wenn man Zahlen, die allein für die Gemeinde Gangelt sprechen, mit Zahlen der Johns Hopkins Universität in Beziehung setzt, die sich auf ganz Deutschland beziehen, wo bekanntermaßen noch nicht so umfangreich ohne medizinischen Anlass getestet wurde, dass man die Dunkelziffer hätte erfassen können.

Später entzieht Streecks Kollege Gunther Hartmann dem Argument vor laufenden Kameras den Boden: „Die 15 Prozent sind eine ganz wichtige Zahl, aber die können wir nicht extrapolieren auf ganz Deutschland, weil hier eine Sondersituation vorliegt.“

Dessen ungeachtet ist Streecks Botschaft an diesem Tag wie bereits am Beginn der Pandemie in Deutschland: Nicht so schlimm wie andere behaupten.

Schon nach sieben Minuten Redezeit springt der Virologe von seinen vorläufigen Zahlen aus Gangelt ohne Überleitung, Punkt oder Komma zu weitreichenden politischen Folgerungen für das ganze Land. Er bezieht sich auf eine Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, zu deren Vorstand Exner gehört, und leitet urplötzlich aus seiner „Studie“ ab, dass nach einer „Phase 1“, der des strengen Lockdowns, jetzt eine neue Phase beginnen könne: „Dadurch, dass die Menschen so aktiv und diszipliniert jetzt in weiten Teilen mitmachen, ist es uns jetzt möglich, in eine Phase 2 einzutreten, eine beginnende Rücknahme der Quarantänisierung bei gleichzeitiger Sicherung der hygienischen Rahmenbedingungen und Verhaltensweisen.“ Daten, die das begründen würden, legt er nicht vor.

Streeck legt keine Zahlen vor, die belegen, wie gut sich die Heinsberger oder die Deutschen insgesamt an die Hygienevorschriften halten. Er benutzt aber, was den Zeitpunkt der Lockerungen betrifft, das entscheidende Wort, das seine Wissenschaftlerkollegen von der Leopoldina vier Tage später tunlichst vermeiden werden: „Jetzt“. 

Sein Nachredner, Martin Exner, spricht über die mögliche Öffnung von Kitas und Schulen, ohne auf die Frage einzugehen, wie vermieden werden könnte, dass junge Menschen die Krankheit in Familien mit Personen aus den Risikogruppen tragen, etwa zu ihren diabetischen oder asthmatischen Eltern. Einem internen Papier des Bundesinnenministeriums zufolge gehören in Deutschland 20 Millionen Menschen in eine der Risikogruppen, denen bei einer Erkrankung an Covid-19 ein besonders schwerer oder tödlicher Verlauf droht. Nur eine Million von ihnen lebt in Alten- und Pflegeheimen.

Das Leid bis zur Herdenimmunität

Erst der dritte Wissenschaftler, Gunther Hartmann, lässt überhaupt durchblicken, welche Realität und Botschaft hinter den Forderung der Männer auf dem Podium nach einer schnellen Lockerung der Ausgangsbeschränkungen steckt. Hartmann sagt es verklausuliert: „Prinzipiell wäre man in der Lage, auf der Grundlage dieser Studie und anderer Studien durchzurechnen, was es der Gesellschaft kosten würde an Leid, bis zur Herdenimmunität zu kommen.“

Die nicht genannte Zahl kann man selbst ausrechnen: 70 Prozent von 83 Millionen Menschen in Deutschland wären nötig, um eine „Herdenimmunität“ zu erreichen. Das wären 58 Millionen Menschen, die sich infizieren müssten. Wenn davon jene 0,37 Prozent sterben würden, von denen Streeck an diesem Tag spricht, dann wären das 215.000 Menschen. Das entspräche etwa der Einwohnerzahl von Mainz oder Erfurt.

Ein Anlass, Lockerungen zu fordern zu einem Zeitpunkt, an dem die harten Auflagen gerade überhaupt erst zu wirken beginnen?

Ebenfalls am Donnerstag kündigt das Robert-Koch-Institut an, eine bundesweite Testung zu starten, bei der alle 14 Tage 5000 Blutspender, zudem regelmäßig 2000 Personen in Hotspot-Regionen und einmalig 15.000 Personen an 150 Studienstandorten auf Antikörper gegen SARS-CoV-2 untersucht werden sollen. Es ist die Art von Studie, die wirklich repräsentative Ergebnisse liefern kann. Ergebnisse werden für Mai und Juni angekündigt.

Keine halbe Stunde, nachdem die Pressekonferenz zu Ende ist, schaltet das Science Media Center (SMC), eine gemeinnützige Serviceeinrichtung für Journalisten zu Wissenschaftsthemen mit Sitz in Köln, eine Verbindung zu Christian Drosten und zu Gérard Krause, dem Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Eigentlich soll es in dem Online-Pressegespräch um künftige Test-Strategien gehen, doch schnell kommt das Gespräch auf die Aussagen in Düsseldorf.

Das Tempo, in dem die Wissenschaft in der Coronakrise arbeitet, ist atemberaubend. Schritte, die früher lange gedauert hätten – die Gensequenz des Erregers zu ermitteln, Tests zu entwickeln, Angriffspunkte für Wirkstoffe zu suchen, die Impfstoffentwicklung zu beginnen – passieren nun in Rekordzeit. Aber es kann auch vorkommen, dass etwas zu schnell vonstatten geht. Und diesen Eindruck bekamen die Teilnehmer der SMC-Runde, als sie vor ihrem Gespräch die Pressekonferenz in Düsseldorf anschauten.

Christian Drosten wird später dem Eindruck widersprechen, er habe seinen Nachfolger auf dem Lehrstuhl in Bonn kritisieren wollen. Drosten ist es zuwider, wenn Menschen von Medien gegeneinander ausgespielt werden. Doch wie Krause lässt er in seiner ersten Reaktion durchblicken, dass ihm das, was er von Hendrik Streeck erfahren hat, nicht überzeugt: „Ich habe mir gerade diese Pressekonferenz angehört auf Phoenix, und ich kann daraus nichts ableiten. Da wird einfach so wenig erklärt, dass man nicht alles versteht.“

Krause und Drosten hinterfragen sodann, ob die von Streeck verwendeten Tests zuverlässig sind, ob sie vielleicht auch die fast allgegenwärtigen saisonalen Coronaviren mit erfasst haben, ob die Daten der Testpersonen so wie standardmäßig üblich in die Auswertung eingegangen sind, nämlich dass alle Bewohner eines infizierten Haushalts als eine einzige Person gezählt werden müssen.

10. April. Am Karfreitag schlägt Streeck von WissenschaftsjournalistInnen massiv Kritik entgegen. Bei ZEIT Online nehmen die Wissenschaftsjournalisten Florian Schumann und Dagny Lüdemann die Düsseldorfer Pressekonferenz auseinander. Als sie Streeck mit ihren Kritikpunkten konfrontieren, sagt dieser ihnen dem Bericht zufolge am Telefon, die Studie sei „mit heißer Nadel gestrickt“ worden. Der Forscher bestätigt laut ZEIT ausdrücklich, dass die Terminwahl für die Pressekonferenz einen politischen Hintergrund hatte, nämlich das für Mittwoch geplante Gespräch zwischen Bundeskanzlerin Merkel und den Ministerpräsidenten über das weitere Vorgehen in der Coronakrise.

Diskussionen bis in die Nacht

„Der Grund, dass man die Ergebnisse unbedingt noch vor Ostern präsentieren wollte, sei gewesen, dass nach Ostern ja entschieden werden solle, wie es mit den strengen Maßnahmen weitergeht, sagte Streeck am Telefon“, schreiben die ZEIT-Journalisten.

In der Süddeutschen Zeitung setzt sich die Wissenschaftsjournalistin Kathrin Zinkant ebenfalls kritisch mit Streecks Auftritt auseinander. „Laschet stellte im Landtag später eine Lockerung der Maßnahmen nach Ostern in Aussicht – als habe Streeck den Beleg erbracht, dass man über den Berg sei mit Corona“, schreibt Zinkant. „Doch tatsächlich gibt die Studie das nicht her. Sie ist vermutlich sogar methodisch fehlerhaft.“

Am Karsamstag legt Ministerpräsident Laschet indes nach. Er schickt Bundeskanzlerin Angela Merkel und den MinisterpräsidentInnen der anderen Bundesländer eine Stellungnahme seines Expertenrats, die es in sich hat, und macht sie via Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung öffentlich. Während Merkel am Donnerstag noch davon gesprochen hatte, dass ihre „übergeordnete Verantwortung“ im Lebens- und Gesundheitsschutz bestehe, drängt Laschet darauf, das Land in Richtung Lockerung der Auflagen zu bewegen.

Bildungseinrichtungen sollten „so schnell wie möglich“ wieder öffnen, Geschäfte nach dem Vorbild von Lebensmittelläden in den Alltag zurückkehren dürfen, Kitas mit Personal, das nicht zu den Risikogruppen gehören, dürfe wieder weitermachen, schreiben seine Experten. Der NRW-Ministerpräsident bezeichnet die Vorschläge in einem Begleitbrief als „transparent“ und „nachvollziehbar“.

Am Ostersonntag dann setzen sich die Bonner Forscher gegen die Kritik ihrer Kollegen zur Wehr. Streeck sagt im Tagesspiegel nun, die Veröffentlichung der Zwischenergebnisse ohne die in der Wissenschaft übliche Begutachtung sei keinesfalls leichtfertig erfolgt: „Wir haben bis in die Nacht auf Donnerstag darüber diskutiert, ob wir jetzt erste Daten präsentieren sollen. Wir entschieden uns dazu aus ethischen Gründen, und weil wir uns verpflichtet fühlten, einen nach wissenschaftlichen Kriterien erhobenen validen Zwischenstand vor Publikation mitzuteilen.“ Zwischenergebnisse würden auf Kongressen ständig und auf der ganzen Welt mitgeteilt, in Vorträgen und über Posterpräsentationen. 

Allerdings lässt Streeck Beispiele offen, welche Posterpräsentation je Vorlage einer politischen Entscheidung gewesen ist, bei der es um das Leben Hunderttausender Menschen ging.

In der taz kontert am selben Tag der Pharmakologe Gunther Hartmann, der mit Streeck die Studie durchgeführt hat, die Anmerkungen von Drosten und Krause mit den Worten, es sei „schade, dass Kollegen uninformiert voreilige und sichtlich unüberlegte Schlüsse ziehen, die das Bild in den Medien derart verzerren.“

Das Bild zeigt Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 9. April 2020 bei der Pressekonferenz im Bundeskanzleramt zu weiteren Maßnahmen im Kampf gegen die Corona-Pandemie.
Markus Schreiber /AFP und Associated Press, 2020. Alle Rechte vorbehalten

Hartmann wählt in der taz zugleich den Weg der Nachvorneverteidigung. Alle beteiligten Wissenschaftler seien „bei Konzeption, Design und Präsentation der Studie unabhängig von Interessen Dritter, einschließlich der Medienfirma StoryMachine”.

Das zu betonen ist zu diesem Zeitpunkt dringend nötig. Denn fragt man sich, mit welchen Motiven es zu rechtfertigen ist, dass der angesehene Direktor des angesehenen Bonner Virologieinstituts sich dazu bringen lässt, im Dienst eines politischen Zeitplans vorläufige Zahlen aus einer einzelnen Gemeinde als Richtschnur für den nationalen Pandemieplan auszugeben, kommt einem schnell Storyline und Versprechen von StoryMachine aus dem „Heinsberg Protokoll“ in den Sinn: „Je schneller wir erste Erkenntnisse teilen können, desto eher kehren wir in unseren gewohnten Alltag zurück.“

„PR und Journalismus extrem geschickt vermischt.“ 

An Schnelligkeit hat es nicht gemangelt, alle Botschaften wurden rechtzeitig vor den Bund-Länder-Verhandlungen über die Zukunft von Corona-Deutschland an diesem Mittwoch gesendet und verbreitet. Die Republik redet jetzt über Lockerungen statt darüber, wie der Lockdown durchzuhalten ist. Es ist Laschet, Streeck und StoryMachine gelungen, in der politischen Themen- und Prioritätensetzung neue Fakten zu schaffen und Aufmerksamkeit vom Lockdown auf den Exit umzulenken.

Doch das PR-Bündnis hat einen Preis: Die Kritik an der Seriosität des Vorgehens.

Einer der drei Gründer der StoryMachine GmbH ist, was Wissenschaft betrifft, nicht unbedingt für taugliche Stories bekannt. Der frühere BILD-Chefredakteur Kai Diekmann war 2019 in einen handfesten Skandal am Universitätsklinikum Heidelberg verwickelt, wo PR-Leute mit einem Mediziner die Story eines verheißungsvollen Brustkrebstests kreierten und als „Weltsensation“ in der BILD platzieren konnten – eine Story, die sich anschließend als substanzloser Bluff erwies und nun die Justiz beschäftigt.

Eigentlich hätte einen seriösen Virologen diese Vorgeschichte abschrecken müssen, das Angebot von StoryMachine, seine Studie zu begleiten, anzunehmen. Doch Michael Mronz, Mitgründer von StoryMachine, ist ein guter Bekannter von Streeck. Der Virologe und Mronz – langjähriger Partner und seit 2010 Ehemann des 2016 verstorbenen FDP-Politikers Guido Westerwelle – kennen sich über viele gemeinsame Freunde und Weggefährten. Auch mit Laschet ist Mronz, der beruflich neben seiner Rolle bei StoryMachine vor allem im von der Corona-Krise gebeutelten Event-Branche aktiv ist, in gutem Kontakt: Die beiden setzen sich gemeinsam dafür ein, dass die Olympischen Spiele im Jahr 2032 in der Region Rhein-Ruhr stattfinden. Mronz, Diekmann und der dritte StoryMachine-Mitgründer Philipp Jessen, früherer Chef von stern.de, brüsten sich eigentlich damit, nie über ihre Kunden zu sprechen. Für Streeck machten sie eine Ausnahme.

Ziel des Engagements sei es, sagte Jessen in einem Interview mit Meedia, der „überragend wichtigen und wissenschaftlich bedeutenden Arbeit“ von Hendrik Streeck „größtmögliche Öffentlichkeit und Sichtbarkeit zu ermöglichen.“ Ein zehnköpfiges Team solle die Forschung mit einer „journalistischen Herangehensweise“ begleiten. Es klang so, als würde die Begleitung laufen, bis das Forschungsprojekt abgeschlossen ist.

Doch nicht nur die SPD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag, die eine Anfrage zum Engagement von StoryMachine stellt, übte Kritik. Auch Experten für Wissenschaftskommunikation zeigten sich alarmiert von dem Vorgehen der Agentur. „Das ‚Heinsberg Protokoll‘ ist, was die Social-Media-Nutzung angeht, sehr gut und professionell gemacht, trotzdem ist es hochproblematisch“, sagt Annette Leßmöllmann, Inhaberin des Lehrstuhls für Wissenschaftskommunikation am Karlsruher Institut für Technologie. Es fange schon damit an, dass man auf der Basis von nur einer Studie nicht abschätzen könne, wie überragend und wichtig sie sei.

Das Bild zeigt Annette Leßmöllmann im Portrait.
Annette Leßmöllmann, Professorin für Wissenschaftskommunikation am Karlsruher Institut für Technologie, kritisiert die Arbeit von StoryMachine als extrem geschickte Vermischung von PR und Journalismus.
Nikola Haubner

Dem „Heinsberg Protokoll“ fehle es im Gegensatz zu den eigenen Behauptungen an einer journalistischen Herangehensweise: „Ganz wichtiges Handwerkszeug des Wissenschaftsjournalismus wird beim ‚Heinsberg Protokoll‘ ignoriert, wie mehrere Quellen heranzuziehen, nicht aus verfrühten, lauten Pressekonferenzen Meldungen zu machen, Aussagen des Studienleiters zu hinterfragen.“ Ihr Urteil: „Hier werden PR und Journalismus extrem geschickt vermischt.“

Dokumentation beendet

Jens Rehländer, Kommunikationschef der Volkswagen-Stiftung und einer der erfahrensten Akteure in der deutschen Wissenschaftskommunikation, äußert sich ähnlich negativ: „Die Agentur hat hier die Chance genutzt, als Dienstleister an der Aufmerksamkeit zu partizipieren, die Streeck zur Zeit auf sich zieht und einen Show Case kreiert, der für die weitere Kunden-Akquise nützlich sein soll“, sagt er. Streeck sei leider nicht in den Kopf gekommen, dass eine Kooperation mit der für ihn zuständigen Pressestelle der näherliegende Schritt gewesen wäre.

StoryMachine habe Content produziert, der keine Inhalte transportiert habe. „Eine leere Hülle“, sagt Rehländer, „offenbar auch nur dafür geschaffen, möglichst schnell möglichst viel Reichweite zu erzielen – und damit Aufmerksamkeit für die Pressekonferenz am Donnerstag zu erzeugen, die ja auch vor allem auf Druck von Armin Laschet so terminiert wurde, dass er rechtzeitig vor Ostern sein Votum für eine Lockerung des Lockdown an die Kanzlerin richten konnte“. Streecks Studie habe dafür die Steilvorlage liefern sollen.

Nun sei die Mission von StoryMachine erfüllt, urteilt Rehländer am Karsamstag: „Laschets Botschaft ist rechtzeitig vor den Osterferien in Berlin gelandet, der gefühlte Kanzlerkandidat hat Aufmerksamkeit erlangt. Zurück bleibt Streeck, der sich nun all der Peers und Medien erwehren muss, die seine Studienergebnisse für übereilt und methodisch unzureichend halten.“

Die Medienprofis von StoryMachine sehen sich offenbar auch am Ende ihrer Mission, zumindest vorläufig.

Obwohl das Forschungsprojekt noch eine ganze Weile laufen soll, verabschieden sich die Macher des „Heinsberg Protokoll“ am Ostersonntag um 18 Uhr auf Twitter vorläufig von ihrem Publikum, pünktlich zum Abschluss der Lockdown-Lockerungs-Offensive des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten. Der weitere Prozess an der Universität ist offenbar nicht mehr so interessant, erst mit den Ergebnissen will man sich wieder melden. „In Gangelt wurde schon am Donnerstag zusammengepackt. Alle Proben sind analysiert. Damit ist auch unsere Dokumentation in Heinsberg beendet.“

Das Robert-Koch-Institut meldet für Ostermontag, den 13. April, 123.016 Infektionsfälle, schätzungsweise 64.300 Genesene und 2799 Todesfälle. Das entspreche einem Anteil von Todesfällen an den bekannten Infektionsfällen von 2,3 Prozent – also immer noch höher, als es Wissenschaftler erwarten, wenn umfangreiche Tests stattfinden und die Dunkelziffer kleiner wird.

Was seither geschah:

Anmerkung: In der Version des Beitrags vom 13. April 2020 hieß es in Bezug auf die von Professor Gérard Krause aufgeworfene Kritik an der Heinsberg-Studie zu der Frage, ob alle Angehörigen eines Haushalts wie in epidemiologischen Studien üblich als eine einzige Person bewertet werden: („Später stellt sich heraus, dass dem nicht so ist“). In der am 18. April 2020 aktualisierten Version haben wir diesen Klammersatz durch eine ausführlichere Behandlung dieses Themas ersetzt und ein Zitat von Professor Krause (siehe auch Aussagen von Gunther Hartmann in der taz). Den letzten Nebensatz im Hauptteil des Artikels („also immer noch höher, als es Wissenschaftler erwarten, wenn umfangreiche Tests stattfinden und die Dunkelziffer kleiner wird“) haben wir bei der Aktualisierung hinzugefügt, um klarzustellen, dass ein Absinken dieses Werts plausibel zu erwarten ist.

  1. Corona
  2. Corona-FAQ

Haben alle Menschen, die das Robert-Koch-Institut als „genesen“ zählt, Covid-19 wirklich überstanden?

Auch PatientInnen, die als genesen gelten, können noch an Folgen der Krankheit leiden.

Das Symbolfoto stellt einen Patienten auf der Intensivstation eines Krankenhauses dar. Ein Monitor stellt Informationen über seinen Gesundheitszustand dar.
  1. Corona
  2. Corona-global
  3. Kenia

Coronakrise: Wie die Kinder der Massai in Kenia darunter leiden, dass die Schule ausfällt.

Wegen der Corona-Pandemie sind in Kenia Schulen und Universitäten geschlossen. Viele Schülerinnen und Schüler können zu Hause nicht lernen. Das gilt auch für die Kinder der Massai, die weitab von den Städten wohnen.

Schülerinnen und Schüler sitzen in blauen Schuluniformen in Holzbänken, gucken in die Kamera. Im Hintergrund ist die Tafel mit Rechenaufgaben zu sehen.
  1. Corona
  2. Gleichberechtigung

Corona-Krise: Lasst uns über die Mütter reden

Mütter haben keine Lobby. Dabei sind sie gerade extremen Belastungen ausgesetzt, wie eine neue Studie zeigt. Doch die Politik lässt sie im Stich. Ein Kommentar

Eine junge Mutter geht mit ihren Kindern durch den Park. Ein Kind ist ein Säugling, den sie auf dem Arm trägt.
  1. Corona
  2. Corona-FAQ

Muss ich für eine mögliche Covid-19-Erkrankung eine Patientenverfügung aufsetzen oder ergänzen?

Das Dokument hilft ÄrztInnen zu ermitteln, welche Behandlung ein Patient wünscht – sofern sie konkret ist.

  1. Corona
  2. Corona-FAQ

Was bedeutet Übersterblichkeit?

Kann man an der Übersterblichkeit ablesen, wie viele Menschen an Covid-19 verstorben sind?

  1. Corona
  2. Corona-FAQ
  3. Gesundheit

Kann das Coronavirus über Lebensmittel übertragen werden?

Wie man sich vor möglicher Ansteckung schützen kann

  1. Corona
  2. Vogelbeobachtung

Corona-Birding: Wenn beim Blick aus dem Fenster Schwarzstorch, Steinadler und Ortolan erscheinen

Vögel beobachten in Zeiten des Lockdowns: Der Dachverband Deutscher Avifaunisten hat Vogelbegeisterte aufgerufen, während der Ausgangsbeschränkungen alle Beobachtungen aus dem heimischen Fenster zu melden. Mehr als 80.000 Vögel wurden beobachtet, darunter findet sich manche Überraschung.

Ein Schwarzstorch fliegt in der Abenddämmerung
  1. Corona
  2. Corona-Klima
  3. Klimakrise

Die Klimakrise ist präsent

Eine große Mehrheit der Menschen hält die Klimakrise für langfristig gravierender als Corona. Und sehr viele Teilnehmer an Umfragen wünschen sich, dass die Politik Umwelt- und Klimaschutz als Priorität betrachtet, wenn sie Konjunkturprogramme auflegt.

Rot-Weißes Flatterband ist an ein verzinkten Gitter festgeknotet. Nach rechts und links spannen sich Streifen davon. Im Hintergrund ist eine Wand mit Grafittis zu erkennen
  1. Corona
  2. Kultur
  3. Technologie
  4. Theater

"Bei uns zischen die Screens."

Dramaturg Yves Regenass erzählt im Interview, wie es hinter den Kulissen einer freien Theaterproduktion aussieht, die wegen Corona neu geplant und umkonzipiert werden musste. Dabei arbeitet seine Gruppe "machina eX" bereits seit Jahren digital. Allerdings zum ersten Mal komplett. Und mit dem Messenger Telegram. Was ändert sich?

Yves Regenass, ein Mann Ende 30 mit rotem Rauschebart und kleinem Nasenring-Piercing, sitzt, den rechten Arm locker auf den Tisch gelegt, vor einem To-Go-Kaffeebecher und sieht in die Kamera. Er trägt ein weißes Sweat-Shirt, das Hunde im Wald zeigt (sehr ungewöhnliches, fast malerisches Motiv), außerdem eine bunte Baseballcap und Brille. Im Hintergrund ist eine rosa Wand mit Regalen - ein Café oder eine Küche.
  1. Corona
  2. Ratgeber

Sie fragen, wir antworten: FAQ zur Coronakrise – von Ansteckung über Falschnachrichten bis Zwangsmaßnahmen

Schicken sie uns Ihre Fragen zu Symptomen, Ansteckung, Tests, Staats- und Bürgerrechten, Immunsystem, Fake News und anderen Themen, die Sie bewegen

Das Bild zeigt eine junge Frau, die ein Schild mit einem Fragezeichen in der Hand hält
Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Covid-19: Ein Virus bedroht die Welt