Corona-Pandemie: Sterben Infizierte meist an der Omikron-Variante oder nur mit ihr?

In Dänemark wies die Statistik zeitweilig fast 50 Prozent Coronatote auf, die an etwas anderem starben. Deutsche Sterbefallzahlen sind wohl genauer.

5 Minuten
„COVID 19 Sarg bitte geschlossen halten“ steht an einem Sarg im Kühlhaus des städtischen Krematoriums.

Im Alltag klingt die Corona-Pandemie langsam aus, weniger Maskenträgerïnnen in Supermärkten, immer sorgloseres Publikum in Kneipen oder Kinos. Dabei sterben in Deutschland laut RKI derzeit täglich an die hundert Menschen im Zusammenhang mit Covid-19. Die Maskenpflicht in Supermärkten endete sogar schon Anfang April – bei damals rund 200 täglichen Todesfällen. Am 23. September 2022 könnten alle Coronamaßnahmen enden, trotz einer möglichen neuen Infektionswelle im Herbst, die die Sterbezahlen wieder steigen lassen könnte. Eine Debatte, wie viele Covid-Todesfälle das Land zu akzeptieren bereit ist, ohne Gegenmaßnahmen zu ergreifen, hat indessen noch nicht stattgefunden.

Anders in den USA. Dort schlagen 23 Gesundheitsexpertïnnen eine akzeptable Zahl an Todesfällen vor. Die Grenze setzen sie bei durchschnittlich 165 Toten pro Tag. Damit wäre Corona nicht tödlicher als andere schwere Atemwegsinfektionen wie Influenza, begründen die Fachleute aus den Bereichen Immunologie, Virologie, Gesundheitsökonomie und öffentliche Gesundheit ihre Wahl des Grenzwertes. „Normalität“ messen sie also daran, was das Land in der Zeit vor der Pandemie als normal hinnahm.

Amerikanische Experten definieren das neue Normal

165 tägliche Tote in den USA entsprechen 0,5 Covid-Toten pro einer Million Einwohner und Tag. Auf Deutschland übertragen wären das täglich rund 40 Coronatote. Daran gemessen leistet sich Deutschland derzeit zu viele Covid-Tote, um den Zustand „normal“ zu nennen.

Als Auslöser für Maßnahmen wie Maskenpflicht oder reduzierte Kontakte taugt ein Grenzwert freilich nur, wenn er sich möglichst genau messen lässt. Doch in Zusammenhang mit der Omikron-Variante des Coronavirus gibt es Zweifel an der Zahl der täglich gemeldeten Covid-Todesfälle.

Die meist mildere Omikron-Infektion hat für viele ihren Schrecken verloren. Laut der oben zitierten amerikanischen Expertïnnengruppe war die Alpha-Variante des Virus mehr als sechs mal so tödlich wie Omikron. Das macht viele Menschen unvorsichtiger, das Virus verbreitet sich stärker. Wenn sich Massen von Menschen infizieren, dann gibt es auch unter schwer Kranken oder Verunglückten mehr positiv Getestete als üblich. Wenn sie sterben, dann nicht unbedingt „an“ Covid-19, sondern „mit“ dem Virus. Je nachdem, wie die Coronatoten gezählt werden, kann dieser Effekt die Meldezahlen aufblähen.

Dänemark zählt anders als Deutschland

In Dänemark war das auf dem Höhepunkt der Omikron-Welle der Fall. Im März 2022 zählte das Land mehr Coronatote pro Tag als während der gesamten Pandemie. Allerdings nehmen die Skandinavier alle Todesfälle, die innerhalb von 30 Tagen nach einem positiven PCR-Test auftreten in die tägliche Corona-Statistik. So zählten sie auch Infizierte mit, die an etwas anderem starben. Erst nachträglich ermittelte das Statens Serum Institut – quasi das RKI Dänemarks – die tatsächlich „an“ Covid-19 Verstorbenen anhand von Totenscheinen. Es zeigte sich, dass im März bis zu 45 Prozent der gemeldeten Toten „mit“ Covid-19 starben, also nur etwas mehr als die Hälfte „an“ der Krankheit.

Auch in Deutschland stiegen im Februar und März 2022 die Fallzahlen in davor ungekannte Höhen. Die Omikron-Welle ließ auch die Totenzahl wieder ansteigen. Allerdings nicht so weit wie in der Delta-Welle im Herbst 2021, als das RKI täglich bis zu 400 Coronatote meldete. Dass sich hierzulande das Muster aus Dänemark nicht 1:1 wiederholte, liegt wohl an der anderen Zählweise. Das RKI erfasst Corona-Infizierte, die „in Bezug auf diese Infektion“ verstorben sind. Tote, die das Virus nur zufällig tragen, etwa infizierte Unfallopfer sollten in der Statistik also nicht auftauchen. Dennoch gibt es eine Grauzone zwischen „an“ und „mit“ Covid-19 verstorben. Bei Menschen mit Vorerkrankungen lasse sich oft nur schwer entscheiden, inwieweit ihre Corona-Infektion direkt zum Tod beigetragen hat, erklärt das RKI.

Fest steht, dass diese Unsicherheit die deutsche Statistik zumindest bis zum Herbst 2021 kaum verfälschte. Das zeigen 1.100 Autopsien an Coronatoten, die das „Deutsche Register für Covid-19-Autopsien“ an der Uniklinik Aachen zusammengetragen hat. Für 86 Prozent dieser Patienten war laut der Studie Covid-19 die Todesursache, für die restlichen 14 Prozent war es nur eine Begleiterkrankung.

Das Statistische Bundesamt unterscheidet „an“ und „mit“ Corona Verstorbene

Daten des Statistischen Bundesamts zeigen Ähnliches. Die Behörde erfasst die Todesursache Covid-19 anhand von Todesbescheinigungen leichenbeschauender Ärztïnnen und kann daher zwischen Covid-10 als Todesursache und als Begleiterkrankung unterscheiden. Eine Auswertung der Daten für 2020 (die Daten liegen bislang nur bis April 2021 vor) bescheinigt dem RKI hohe Treffsicherheit. Dessen monatliche Zahlen und die des Statistischen Bundesamtes verlaufen „parallel und fast deckungsgleich“, sagt Felix zur Nieden, Demograph bei der Wiesbadener Bundesbehörde. Die RKI-Zahlen liegen nur wenig über denen, die in der Todesursachenstatistik als Covid-19-Verstorbene gelten. Das RKI zählt demnach fast nur „an“ Covid-19 Verstorbene.

Daran habe sich auch in der Omikron-Welle nichts geändert, erklärt das RKI auf Anfrage. Weiterhin gelte, „dass die Mehrzahl der Patienten an Covid-19 gestorben ist“. Eine getrennte Erfassung von „an“ und „mit“-Fällen wie in Dänemark macht das RKI aber bislang nicht. Eine Publikation zu der Frage sei in Arbeit, teilt die Bundesbehörde mit.

Überprüfen lässt sich die Annahme des RKI nur indirekt, etwa mittels Daten zur Übersterblichkeit, die das Statistische Bundesamt in der Pandemie monatlich herausgibt. Die Übersterblichkeit gibt an, um wie viel mehr Menschen in einem Monat des aktuellen Jahres gestorben sind, als im Mittel (der Fachbegriff lautet „Median“) der vorherigen vier Jahre. Sie zeigt also eine ungewöhnlich hohe Sterberate an.

Daten zur Übersterblichkeit geben Aufschluss

Für die Omikron-Welle sei bislang nur die Übersterblichkeit für den Monat April 2022 aussagekräftig, sagt Felix zur Nieden. In den Monaten davor hingegen fiel die in vorpandemischer Zeit übliche Grippewelle aus. Deshalb starben weniger Menschen als gewöhnlich an dieser Infektionskrankheit. Es gibt also einerseits mehr Tote als normal durch Corona, andererseits aber weniger als üblich durch Grippe. In die Übersterblichkeit fließen beide Effekte, weshalb sie keine Rückschlüsse auf die Zahl der Coronatoten erlaubt.

Im April jedoch sind Grippewellen vorbei und die Übersterblichkeit vor allem durch Corona bedingt. Sie lag im April 2022 bei 3945 Todesfällen. Im gleichen Zeitraum meldete das RKI 4607 Coronatote. Die Übersterblichkeit deckt also 86 Prozent der gemeldeten Fälle ab. Das deutet darauf hin, dass weiterhin die meisten gemeldeten Toten „an“ Covid-19 sterben, statt nur „mit“ der Krankheit.

Fünf Bundesländer wissen mehr

Ein ähnliches Bild zeichnet eine Umfrage von Spiegel-Online unter 16 Landesgesundheitsministerien Anfang März 2022. Fünf Länder, darunter Baden-Württemberg und Bayern, erfassen die Todesursache von Corona-Infizierten. Demnach starben während der Omikron-Welle in diesen Ländern 75 Prozent der gemeldeten Toten „an“ Covid-19. „Mit“ der Krankheit starben 16 Prozent. Bei den restlichen neun Prozent blieb die Todesursache unbekannt. In der Delta-Welle waren noch 87 Prozent „an“ der Krankheit verstorben.

Omikron führt also zu etwas mehr „unechten“ Coronatoten, jedoch nicht in dem Ausmaß wie in der dänischen Statistik. Übrigens hat dort die Übererfassung der Covid-19-Todesfälle mit dem Abflauen der Omikron-Welle deutlich abgenommen: Nur noch etwa 20 Prozent der gemeldeten Fälle starben zuletzt „mit“ Covid-19.

Immer noch übernormal viele Tote

Die Daten stützen also die Annahme, dass nach wie vor die meisten gemeldeten Toten „an“ ihrer Coronainfektion gestorben sind und diese nicht nur nebenbei hatten. Die wahre Anzahl der täglichen Cornonatoten liegt derzeit wohl bei 75 bis 90, statt bei den gemeldeten rund 100. Doch auch das sind deutlich mehr als die 40, die sich aus der Empfehlung der amerikanischen Expertïnnen ergeben.

Da das Coronavirus bleiben und immer wieder für Infektionswellen sorgen wird, werden auch weiterhin Menschen an diesem Virus versterben. Die Zahl wird nicht von allein auf Null sinken, allenfalls zwischenzeitlich. Wie hoch sie steigen darf, ohne dass etwas dagegen unternommen wird, ist eine wichtige, offene Frage. Deutschland hat sie bislang nicht geklärt.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Dr. Christian J. Meier

Walter-Trautmann-Weg 24
64823 Groß-Umstadt

www: https://scicaster.wixsite.com/christian-j-meier

E-Mail: meierchristianj@gmail.com

Tel: +49 6078 7821662

VGWort Pixel