Schutz vor Covid-19: Kann man das Coronavirus einfach weggurgeln?

Angesichts neuer ansteckender Virusvarianten gewinnt das anfangs belächelte Gurgeln wieder an Bedeutung. Die „Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene“ empfiehlt es ausdrücklich.

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Eine junge Frau spült ihren Mund mit einer Gurgellösung und schaut dabei in den Spiegel.

Die Coronaviren lassen nicht locker, Infektionswellen schwappen weiterhin durch das Land. Die neuen Omikron-Varianten BA.4 und BA.5 sind noch ansteckender als die ursprünglichen Virustypen. Die Impfung schützt in den meisten Fällen auch hier vor schwerem Covid-19. Doch infizieren möchte sich natürlicher keiner. Vor allem diejenigen nicht, deren Gesundheit ohnehin strapaziert ist.

Was kann ich tun, um einer Ansteckung zu entgehen? Die „Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene“ (DGKH) setzt auch auf das Gurgeln – neben der Schutzimpfung, Abstandhalten, Mund-Nasen-Schutz, Händehygiene und dem Lüften. In einer aktualisierten Empfehlung vom April fasst die Gesellschaft alles Wissenswerte zum Thema zusammen. Das Gurgeln sei eine einfach zu realisierende Schutzmaßnahme, die bisher viel zu wenig beachtet worden sei, schreiben die Hygiene-Fachleute.

Was bringt das Gurgeln wirklich? Was muss ich beim Gurgeln beachten? Kann das Ganze auch Nebenwirkungen haben?

Schutz durch Gurgeln – die Grundidee

Das Coronavirus gelangt wie viele andere Krankheitserreger über die Mund-, Nasen- und Rachenschleimhäute in den Körper.

Eine erste Schutzbarriere gegen Eindringlinge bildet der klebrig-zähflüssige Schleim auf der Oberfläche in Mund, Nase und Atemwegen. Viren oder Bakterien bleiben hier im Idealfall stecken. Feine Härchen auf den Schleimhautzellen fegen durch rhythmische Bewegungen Schleim und Partikel wieder hinaus aus dem Körper.

Mund- und Nasenspülungen mit Salzwasser sind alte, zum Beispiel in der traditionellen indischen Medizin gebräuchliche Methoden, die den natürlichen Reinigungsprozess unterstützen sollen. Auch in Japan und Korea gehört das tägliche Gurgeln mit physiologischer Kochsalzlösung für viele zum praktischen Infektionsschutz. Als 1918 die spanische Grippe in Europa wütete, empfahl der deutsche Reichsgesundheitsrat nicht nur das Händewaschen mit Seife, sondern auch das regelmäßige Gurgeln mit Kochsalzlösung.

Das Gurgeln zielt insbesondere auf die Erreger ab, die es (zunächst) auf die Mund- und Rachenschleimhaut abgesehen haben. Je nach dem, welche Gurgellösungen zum Einsatz kommen, greifen unterschiedliche Mechanismen. Wasser oder Salzwasser befördern Schleim und Erreger in erster Linie durch mechanisches Spülen hinaus. Salzwasser hemmt zudem direkt die Vermehrung von Viren. Vermutlich entsteht wegen der erhöhten Chlorid-Menge (Kochsalz ist Natriumchlorid) auf den Schleimhäuten Hypochlorid oder Hypochlorsäure. Mit dieser antibakteriell und antiviral wirkenden Substanz inaktivieren übrigens auch die Fresszellen der Immunabwehr Eindringlinge.

Andere Wirkstoffe in Gurgellösungen, wie ätherische Öle (zum Beispiel Thymol), Povidon-Iod (PVP-Iod), Cetylpyridinumchlorid oder Ethanol (also Alkohol) zerstören die Hülle des Virus und verhindern, dass es neue Zellen infizieren kann.

Durch das Gurgeln will man zweierlei erreichen. Zum einen erhofft man sich, die Virusmenge auf den Schleimhäuten unmittelbar nach dem Kontakt zu einem Infizierten möglichst gering zu halten – also bevor sich die Viren im Körper etablieren können. Die initiale Virusdosis, die jemand bei der Ansteckung „abbekommt“, hat nach derzeitigem Kenntnisstand offenbar Einfluss auf die Erkrankungsschwere. Zum anderen kann das Gurgeln und Spülen die Virusmenge in der Mundhöhle bei bereits Infizierten verringern. Die Ansteckungsgefahr für die Mitmenschen besonders für medizinisches Personal, das den Infizierten betreut, sinkt.

„Ich bin überzeugt: Wer gespült und gegurgelt hat, ist praktisch nicht mehr ansteckungsfähig und wird auch nur mild erkranken“ zeigte sich Klaus-Dieter Zastrow zu Beginn der Pandemie zuversichtlich. Der Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin empfahl medizinischem Personal, jeden dritten Tag mit einer PVP-Iod-Lösung zu gurgeln und zu spülen. Doch drückt sich diese Zuversicht auch in Zahlen aus?

Wie wirksam ist das Gurgeln überhaupt? Was sagen die Studien?

Einige Gurgellösungen (zum Beispiel solche auf Basis ätherischer Öle, mit oder ohne Alkohol oder jodhaltige Spülungen) inaktivieren das Coronavirus im Labor innerhalb von 15 bis 30 Sekunden vollständig. Ebenfalls antiviral wirken in solchen Tests übrigens Grüner Tee, Salbei-Tee, Granatapfel- oder Aroniasaft. Nicht ausreichend wirksam seien Mundwässer mit beispielsweise Wasserstoffperoxid, schreiben die ExpertInnen der DGKH in ihrer Empfehlung.

Doch wie sieht es im wahren Leben aus? Hilft mir das Gurgeln, wenn ich bei einer Mahlzeit in großer Runde neben jemandem gesessen habe, der Sars-CoV-2 positiv war? Kann ich durch das Gurgeln eine Infektion verhindern beziehungsweise abmildern? Laut den Fachleuten von der DGKH sprechen einige Zahlen dafür, obwohl die Studienlage insgesamt sehr dünn ist. In einer Untersuchung mit fast 1000 TeilnehmerInnen in Brasilien verringerte sich beispielsweise durch drei- bis fünfmaliges Gurgeln am Tag die Covid-19-Erkrankungsrate im Vergleich zu einer Kontrollgruppe um gut die Hälfte.

Mundspülungen und Gurgeln können nicht nur schützend, sondern womöglich auch therapeutisch wirken. Bei PatientInnen, die sich bereits angesteckt, aber noch keine Symptome hatten, konnte das Gurgeln mit jodhaltigen oder auf ätherischen Ölen basierenden Mundwässern die körpereigene Immunabwehr unterstützen. Es förderte den Genesungsprozess in einer ägyptischen Studie und half, die Viruslast in einer französischen Studie deutlich abzusenken.

Die Hygiene-Fachleute listen auch ältere Studien zum Schutz vor der Influenza-Grippe auf, um ihre Empfehlung zu untermauern. So könne ein dreimal tägliches Gurgeln mit Kochsalzlösung die Erkrankungsdauer bei einer Virusgrippe deutlich verkürzen. Die Infizierten seien dank des Gurgelns außerdem offenbar weniger ansteckend. Zumindest erkranken in einer Studie gut ein Drittel weniger der Menschen, die mit im selben Haushalt leben, wenn die Grippekranken gurgelten.

„Viele Mundspülungen wirken in Laborstudien gut gegen Sars-CoV-2. Aber nach wie vor wissen wir zu wenig darüber, welche klinische Bedeutung das tatsächlich hat“, sagt Fabian Cieplik, Oberarzt an der Poliklinik für Zahnerhaltung und Parodontologie am Universitätsklinikum Regensburg. Es gebe einfach noch viel zu wenig wirklich aussagekräftige klinische Studien zu diesem Thema.

Die ZahnärztInnen machten sich verständlicherweise rasch nach Pandemie-Beginn Gedanken über die antivirale Wirkung von Gurgellösungen. Bei der Zahnbehandlung gilt es, das Ansteckungsrisiko für das medizinische Personal zu minimieren. Das Gurgeln (zum Beispiel mit Cetylpyridiniumchlorid) vor der Behandlung kann die Infektiosität des Virus in der Mundhöhle von Corona-Infizierten in einigen Untersuchungen senken. Das sieht auch Fabian Cieplik so, drückt sich aber äußerst vorsichtig aus: „Wenn ich der Infizierte bin, kann ich durch die Mundspülung die Viruslast in meinem Mund unter Umständenvorübergehend verringern, wodurch ich für ein paar Stunden weniger ansteckend sein könnte.“ Wie groß dieser Effekt sei und wie lange er anhalte, wisse man aber noch nicht.

Was den Ansteckungsschutz in die andere Richtung betrifft, ist der Zahnmediziner Cieplik noch skeptischer. „Wenn ich mit infektiösem Aerosol in engen Kontakt gekommen bin, dann habe ich mich höchstwahrscheinlich infiziert. Da bringt auch ein späteres Gurgeln nichts mehr.“ Ob eine geringere Virusmenge zu Beginn bei der Ansteckung tatsächlich einen leichteren Krankheitsverlauf begünstige, sei schließlich ebenfalls noch unklar. Cieplik fürchtet, dass die Hoffnung auf das Gurgeln eine falsche Sicherheit hervorrufen könne: „Wer denkt: Wenn ich regelmäßig gurgle, brauche ich keinen Mund-Nasen-Schutz mehr, liegt falsch.“

Mögliche Nebenwirkungen des Gurgelns

„Empfehlungen für die gesamte Bevölkerung finde ich problematisch, weil eine regelmäßige Anwendung bestimmter Mundspülungen natürlich auch Nebenwirkungen haben kann“, sagt Cieplik. Je nachdem, welche antiseptischen Wirkstoffe und wie häufig sie zum Einsatz kommen, kann sich zum Beispiel die Zusammensetzung des Mikrobioms in der Mundhöhle verändern mit zum Teil unerwarteten Folgen. So beobachteten britische Forschende vor zwei Jahren bei gesunden Erwachsenen, die zweimal täglich mit einer antibakteriell wirkenden Chlorhexidin-Lösung gurgelten, nicht nur eine Veränderung des pH-Wertes sowie der Laktat- und Zuckermengen im Speichel. Bei den TeilnehmerInnen der Studie stieg auch der Blutdruck. Bakterien in der Mundhöhle und besonders auf der Zunge produzieren nämlich Nitritoxid, das an der Regulation des Blutdrucks beteiligt ist. Wenn die Gurgellösungen diese Bakterien abtöten, kann der Nitratstoffwechsel und mit ihm die Blutdruckregulation durcheinander kommen.

Zudem gibt es auch zunehmend Berichte über mögliche Resistenzen gegenüber in Mundspülungen enthaltenen Antiseptika, die unter Umständen das Risiko von Kreuzresistenzen gegenüber Antibiotika erhöhen.

Fazit

Gurgeln ist eine unterstützende Maßnahme, aber keine Alternative zu Impfungen, Mund-Nasen-Schutz und anderen Schutzvorkehrungen. Es gibt gute Hinweise dafür, dass das Gurgeln helfen kann, Erkrankungs- und Ansteckungsrisiken zu senken. Die Art der Mundspülung und die Häufigkeit sollte auf die tatsächliche Infektionsgefahr abgestimmt sein (siehe Info-Box unten). Eine dauerhafte Anwendung scharfer, desinfizierender Spülungen verändert die Bakteriengemeinschaft in der Mundhöhle mit negativen gesundheitlichen Folgen.

In der Stellungnahme des ExpertInnenrates der Bundesregierung vom 8. Juni 2022 „Pandemievorbereitung auf Herbst/Winter 2022/2023“ erwähnen die Fachleute als Präventionsmaßnahmen das Gurgeln nicht. Sie raten allerdings zur frühzeitigen Anwendung antiviraler Medikamente oder monoklonaler Antikörper – deren Wirksamkeit Studien bisher ebenfalls nur dürftig belegen.

Wir sind in einer für die moderne Medizin typischen, paradoxen Situation: Einige Fachleute lehnen Altbewährtes wie das kostengünstige und für Jede(n) zugängliche Gurgeln ab oder verschweigen es. Stattdessen raten sie zu teuren Antikörper-Präparaten, die – wenn überhaupt – nur in einem kleinen Zeitfenster wirken und sicher nur kleinen PatientInnengruppen zu Gute kommen werden.

Die Recherchen zu diesem Beitrag wurden über die Riff freie Medien gGmbH aus Mitteln der Klaus Tschira Stiftung gefördert.

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Lektorat: Joachim Budde