Der Jazz kehrt zurück

Nach Hurrikan Katrina folgte in New Orleans die wirtschaftliche Katastrophe: Urlauber blieben weg oder interessierten sich hauptsächlich für das Elend. Heute zeigt sich: Der Voyeurismus hatte auch Vorteile.

Steve Przybilla Ein Park mit einer Kirche, im Vordergrund eine Straße, auf der eine Pferdekutsche und ein Auto fahren.

Die Leichen waren noch nicht geborgen, da fuhren schon die ersten Tour-Busse durch die Lower Ninth Ward. „Schrecklich“, sagt Bruce Nolan und legt das Mikrofon kurz zur Seite. „Die Leute haben die Sofas aus ihren zerstörten Häusern geschleppt, während die Touristen sie dabei fotografierten. Stellen Sie sich vor, wie sich das angefühlt haben muss.“

Zwei Dinge sollte man wissen, um diese Szene richtig einzuordnen:

Nummer eins: Die Lower Ninth Ward ist das Viertel in New Orleans, das von Hurrikan Katrina im Jahre 2005 am stärksten verwüstet wurde.

Nummer zwei: Bruce Nolan war damals als Zeitungsreporter selbst vor Ort. Heute ist er im Ruhestand, verdient sich aber als Tour-Guide ein kleines Zubrot – in genau der Branche, die er selbst kritisiert.

Um glaubwürdig zu bleiben, fährt Nolan deshalb nicht in die Lower Ninth Ward. Stattdessen geht es ins Lakeview-Distrikt, eine Insel des Wohlstands, die kurz nach dem Sturm wieder aufgebaut wurde. Manche Häuser stehen nun auf Säulen, vor einem anderen parkt ein Lkw in Militärfarben. „Der Besitzer will kein Risiko mehr eingehen“, erklärt Nolan. „Unter der Plane lagert er Wasser und Lebensmittel.“

Je näher der Bus der Lower Ninth Ward kommt, desto stärker wandelt sich das Bild. Von Unkraut überwucherte Brachflächen stehen neben frisch sanierten Häusern. Immer noch sieht man Ruinen mit eingefallenen Dächern.

„Wer keine Versicherung hatte, konnte sich die Reparaturen nicht leisten“, erzählt Nolan. „Viele haben die Stadt verlassen und sind nie wieder gekommen.“ Die Einwohnerzahl sei nach Katrina um 15 Prozent geschrumpft.

Ein Steg mit Wasser im Hintergrund.
New Orleans liegt direkt am Wasser - und ist dementsprechend sturmflutgefährdet.
Steve Przybilla
Ein aufgebocktes Auto steht auf einer Wiese.
Nach Katrina wurden die meisten Ruinen abgerissen. Viele Einwohner konnten sich einen Neubau aber nicht leisten und kamen nie zurück.
Steve Przybilla

Das Unwetter, das im August 2005 über den amerikanischen Süden hereinbrach, hat die Stadt verändert: 85.000 Häuser zerstört, weitere 210.000 beschädigt. Zehntausende Menschen verloren ihre Existenz, über 1500 ihr Leben.

Auch das Vertrauen in die Regierung ging verloren. Es dauerte Tage, bis die Nationalgarde eintraf. Die Evakuierung verlief schleppend. Vor allem arme, schwarze Familien standen vor dem Nichts. Und dann auch noch die Touristen.

Nachdem die ersten Gaffer durch die Lower Ninth Ward gerollt waren, beschwerten sich die Anwohner beim Stadtrat. Auf Gaffer, die ihre Fotos aus einer klimatisierten Fahrgastzelle heraus schießen, könne man getrost verzichten.

So weit, so verständlich. Doch nun kommt die Stelle, an der es kompliziert wird. Mit den Katastrophen-Touristen strömten nämlich auch mehrere Tausend Freiwillige nach New Orleans, die wirklich etwas taten: Bankmanager, Putzfrauen, Highschool-Kids. Aufbauhelfer aus allen Schichten und Regionen der USA.

Erst suchten sie nach Verschütteten, später beseitigten sie Unrat, verlegten Fliesen, Parkett, Dachpappe. „Die vielen Fotos, die von New Orleans verbreitet wurden, haben ihren Zweck erfüllt“, sagt Bruce Nolan. „Die Leute begriffen den Ernst der Lage. Dementsprechend groß war die Hilfsbereitschaft.“

Wagen eines Obdachlosen in New Orleans.
Wagen eines Obdachlosen in New Orleans.
Katharina Thalmann
Die wohlhabenden Viertel wurden nach dem Unwetter schnell wieder aufgebaut...
Steve Przybilla
Ein Haus, dessen Fenster mit Holzplanken vernagelt sind.
Die eine Seite der Lower Ninth Ward: verlassene, verfallene Häuser.
Steve Przybilla
Die andere Seite: Neubauten, die mit Spenden errichtet wurden.
Steve Przybilla

Vieles spricht dafür, dass diese These tatsächlich stimmt. Wer heute durch die Lower Ninth Ward fährt, sieht nicht nur Ruinen und aufgebockte Autos, bei denen die Räder fehlen. Vor vielen Häusern stehen Schilder, die den Helfern danken.

Auch Prominente engagieren sich vor Ort: Brad Pitt baut mit seiner „Make It Right“-Stiftung eine komplette Öko-Siedlung in dem Viertel. Hinzu kommen lokale Mäzene, die sich engagieren. So wie Joe Blanchek, Hotel-Chef und Vorsitzender des lokalen Ablegers von „Habitat for Humanity“, einer Hilfsorganisation, die nach eigenen Angaben 500 neue Häuser errichtet hat.

Wenn Blanchek mit seiner Oberklasse-Limousine durch die Lower Ninth Ward fährt, wirkt er wie ein Exot. „Man sollte sich von meinem Anzug aber nicht täuschen lassen“, betont der Geschäftsmann. „Ich komme selbst aus einer Arbeiterfamilie. Deshalb möchte ich diesen Leuten helfen, auf die Beine zu kommen.“

Blancheks Organisation ist eine der größten in New Orleans. Sie wendet sich vor allem an Firmen, die beruflich in der Stadt sind, zum Beispiel für eine Messe. „Oft hängen die Mitarbeiter freiwillig einen Tag dran, um vor Ort zu helfen“, so Blanchek. Da komme schon mal eine ganze Abteilung, um auf überwucherten Grundstücken Unkraut zu jäten.

Touristen in New Orleans
Im Touristenviertel, dem French Quarter, ging das Leben schnell weiter...
Katharina Thalmann
Ein Schild mit einer durchgestrichenen Pistole.
Anderswo folgte der wirtschaftliche und soziale Niedergang.
Katharina Thalmann
Hochhäuser im Gegenlicht der untergehenden Sonne.
Viele ärmere, schwarze Einwohner haben nach Katrina die Stadt verlassen.
Katharina Thalmann

Auch 13 Jahre nach Katrina stehen immer noch viele Häuser leer. Doch allmählich kehrt das Leben in die Lower Ninth Ward zurück. Es gibt ein neue Highschool und eine Bibliothek, einen Mini-Supermarkt, einen Schnapsladen, mehrere Restaurants und seit Neuestem eine CVS-Drogerie, die vor dem Unwetter noch nicht existierte.

Auch der Tourismus erholt sich: 2016 kamen 9,7 Millionen Besucher in die Stadt; vor Katrina waren es zehn Millionen.

Manchmal vermischt sich der gute Wille jedoch mit Geldgier. So kam es in den Monaten nach dem Hurrikan immer wieder zu Vorfällen mit angeblichen Helfern, die Häuser zum Spottpreis reparieren wollten. Viele kassierten das Geld und tauchten nie wieder auf.

Auch die gezielte Vermittlung von Helfern stößt auf Kritik. Das „Living Museum“, eine mit Spenden finanzierte Ausstellung in der Lower Ninth Ward, findet klare Worte: „Bis 2010 kamen etwa zwei Millionen Freiwillige nach New Orleans“, heißt es auf einer Schautafel. Wer für eine Woche kam, habe rund 1000 Dollar für Flug, Verpflegung und Unterkunft ausgegeben.

„Wenn die Freiwilligen zu Hause geblieben wären und das Geld direkt an Hilfsorganisationen überwiesen hätten, hätte das Stadtviertel vier Mal wieder aufgebaut werden können.“ Was diese Rechnung jedoch vergisst: Auch Arbeitskraft gibt es nicht zum Nulltarif – außer bei Ehrenamtlichen.

Ein Friedhof mit Mausoleen.
Auch viele Friedhöfe wurden überschwemmt. Die Leichen trieben zum Glück nicht durch die Straßen - der Mausoleen sei Dank.
Katharina Thalmann
Das "Living Museum" beschäftigt sich mit der Geschichte des Viertels. Und kritisiert: Statt ihr Geld für Flüge und Hotels auszugeben, hätten die Helfer es lieber spenden sollen.
Katharina Thalmann
Ein Mann sitzt auf einem Stuhl und hält Bücher in die Höhe.
Ronald Lewis ist ein Urgestein in der Lower Ninth Ward. Heute betreibt er eine Folklore-Ausstellung.
Steve Przybilla
Neu gebaute Häuser in der Lower Ninth Ward - dank Spenden.
Steve Przybilla

Laura Paul gehört ebenfalls zu den Kritikern. „Es existiert eine ganze Industrie von Freiwilligen-Schleusern“, klagt die Geschäftsführerin des Vereins Lowernine.org, der sich ebenfalls im Lower Ninth Ward engagiert. Ihr Tipp: Am besten den kleinen Vereinen helfen, die wirklich vor Ort sind – zum Beispiel ihrem eigenen. Lowernine.org habe bereits 83 Häuser neu gebaut und über 200 repariert.

„Ich bin froh über die ganze Hilfe“, sagt Ronald Lewis (65), ein langjähriger Einwohner im Lower Ninth Ward, dessen Haus im Hurrikan zerstört wurde. Nach dem Unwetter halfen ihm Studenten beim Wiederaufbau; heute betreibt er mit dem „House of Dance & Feathers“ ein kleines Folklore-Museum.

„Wir hängen hier alle am Tourismus“, sagt Lewis, „auch wenn viele unser Viertel noch nicht als Destination sehen.“ Just in diesem Moment kommt eine Studentengruppe aus Cincinnati durch die Tür. Was die jungen Leute hier wollen? „Lernen“, antwortet die 22-jährige Michelle Indelicato. „Wir wollen die Geschichte der mutigen Leute hören, die so viel schon mitgemacht haben.“

Mit Zuhören allein sei es aber nicht getan. „Vorhin haben wir einem älteren Mann im Garten geholfen“, sagt die junge Frau. „Wenn wir schon herkommen, können wir schließlich auch was tun.“

Ein Gedenkstein.
Gedenkstein für die Opfer von Hurrikan Katrina.
Katharina Thalmann

Dieser Beitrag gehört zur Koralle "America First: Verrücktes Land. Faszinierende Geschichten". Der Text ist zuerst in der Süddeutschen Zeitung erschienen und wurde behutsam aktualisiert.

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