Kaffeefahrt für Kiffer

Seit in Colorado das Kiffen erlaubt ist, boomt der Cannabis-Tourismus. Besonders beliebt: organisierte Rundfahrten, inklusive Joint und Bierdose.

Steve Przybilla Vier junge Leute sitzen in einer Luxuslimousine und kiffen.

Die Fahrt im Cadillac startet mit einem kräftigen Zug - nicht am Bong (das kommt später), sondern an der Schublade mit den Wasserflaschen. „Vergesst nicht, zwischendurch immer etwas zu trinken“, sagt Timothy Vee, ein groß gewachsener Mittvierziger, der früher als Restaurant-Manager gearbeitet hat.

Heute betreibt Vee ein anderes Geschäft. Als Inhaber von „Colorado Highlife Tours“ kutschiert er Marihuana-liebende Touristen in einer Luxuslimousine durch Denver. Wobei kutschieren das falsche Wort ist. Vee lässt fahren. Er selbst fläzt sich auf die gepolsterten Ledersitze, dreht die Musik auf und steckt sich den ersten Joint an. Die Kaffeefahrt für Kiffer hat begonnen.

Es ist eng im Cadillac. Obwohl das Gefährt zwölf Meter lang ist, stoßen die Insassen mit dem Kopf gegen die Decke. Die Mitfahrer - fünf Männer und eine Frau - sitzen sich Knie an Knie gegenüber. Doch das stört an diesem Nachmittag niemanden.

Schon fünf Minuten nach der Abfahrt wabert dichter Rauch durch den Innenraum, ein Joint macht die Runde. Im Sektkühler liegt eine Wasserpfeife; die Champagnergläser dienen als Aschenbecher. Durch die Lautsprecher dröhnt - fast so ein bisschen zu klischeehaft - Bob Marley. Als der Cadillac durch ein Schlagloch rumpelt, muss der erste Mitfahrer rülpsen.

„Dass ihr mir ja nicht ins Auto kotzt“, sagt Tourguide Vee mit gespielt ernster Miene. „Das habe ich schließlich auch nur geliehen. Oder meint ihr etwa, ich könnte mir so eine Karre leisten?“

Ein Mann mittleren Alters steht vor einer Luxuslimousine.
Timothy Vee verdient sein Geld mit Kiffer-Fahrt.
Steve Przybilla
Ein Mann mittleren Alters zieht an einem Joint.
Nach ein paar Minuten ist der Tour-Guide benebelt. So wie alle anderen auch.
Steve Przybilla
Ein vergittertes Ladengeschäft, vor dem eine Fahne mit einem grünen Kreuz und einem Hanfblatt hängt.
In sog. "dispensaries" können sich die Kiffer eindecken.
Steve Przybilla
Verschneite Landschaft, im Hintergrund Hochhäuser.
Highle Welt? Denver liegt über 1600 Meter über dem Meeresspiegel.
Steve Przybilla

Noch vor wenigen Jahren wären Ausflüge wie dieser undenkbar gewesen. Eine Kontrolle durch die Polizei, und schon hätten die Teilnehmer nicht nur ihren Joint, sondern auch jede Menge Geld verloren - wenn nicht sogar ihre Freiheit. Doch seit einiger Zeit dreht sich in den USA der Wind, was den Umgang mit Marihuana angeht. Immer mehr Bundesstaaten wenden sich vom Totalverbot ab und erlauben - zumindest in kleinen Mengen - den privaten Konsum.

So auch in Colorado, wo seit 2012 nicht nur zu medizinischen Zwecken, sondern auch zum privaten Vergnügen gekifft werden darf. Einheimische wie Touristen können sich in offiziellen Abgabestellen, den sogenannten dispensaries, mit allem eindecken, was das Kifferherz begehrt - zumindest solange die Menge von 28 Gramm nicht überschritten wird.

Der Staat verdient durch die Steuereinnahmen kräftig mit, agiert also gewissermaßen als Dealer. Allein 2015 hat die Cannabis-Industrie in Colorado fast eine Milliarde Dollar Umsatz gemacht.

Für viele Amerikaner ist der Bundesstaat daher das gelobte Land. Längst klagen die Nachbarstaaten Nebraska und Oklahoma darüber, dass massenhaft „Gras“ über die innerstaatlichen Grenzen geschmuggelt wird. Bisher ohne Erfolg: Der Oberste Gerichtshof verwarf eine Beschwerde, die gegen Colorados Marihuana-Gesetz eingereicht worden war.

Während die Luft im Cadillac immer dicker wird, erzählen sich die Mitfahrer ihre Leidensgeschichten. „Zu Hause kann man höchstens in einer stillen Ecke rauchen“, erzählt die 21-jährige Stacey, die aus Wisconsin kommt und ihren Nachnamen lieber nicht nennen möchte - aus „Angst vor Stigmatisierung“, wie sie sagt. Ihr Freund Ken (23) erzählt, er sei in der Highschool das erste Mal high gewesen: „Der Joint wurde die Liebe meines Lebens. Das war ein wahnsinniges Gefühl.“

Michael Rosales, ein 35-jähriger Reisegruppenleiter aus Hawaii, steht zu seinem Drogenkonsum. „Ich kiffe einfach überall: am Strand, an der Bushaltestelle, auf dem Bürgersteig. Und wisst ihr was? Mich hat noch niemand angehalten. Sie können uns schließlich nicht alle verhaften!“

Blick in eine Dose voller Haschkekse.
Haschkekse zum Mitnehmen, wie beim Bäcker.
Steve Przybilla

Als die Limousine ihren ersten Stopp einlegt, fällt das Aussteigen schwer. „Ich bin so was von zugedröhnt“, kichert ein junger Mann mit Jamaika-Mütze, der sich selbst Angel nennt. Auch Tourguide Vee spricht nun etwas langsamer, auch wenn er sich Mühe gibt, die Contenance zu wahren. Schließlich waren die Tütchen im Auto nur ein erster Vorgeschmack.

Bei „3D“, einer der vielen offiziellen Cannabis-Plantagen in Denver, können die Tourteilnehmer den Entstehungsprozess ihrer Droge beobachten. Hinter dickem Glas sind Hunderte von Pflanzen zu sehen, die unter gelblichem Licht gedeihen - ein Anblick wie aus einem Polizeibericht, nur dass er hier legal ist.

„Unglaublich, wie viel Geld dem Staat früher entgangen ist“, meint Derrick Davis (32), der als Botaniker in der Plantage arbeitet. „Gekifft haben die Leute schon immer, aber jetzt kann das Geld sinnvoll eingesetzt werden.“ Ein Großteil fließt in Schulen, aber auch in Kampagnen gegen Drogenmissbrauch. Und in Entzugskliniken.

Zurück im Cadillac setzt Timothy Vee seine Brille auf. „Wenn ihr kifft wie ich, ist das Sehvermögen nicht mehr so gut“, sagt der Tourguide und lacht über seinen eigenen Witz. Dann dreht er das Gebläse hoch, um den Kopf wieder freizubekommen. Der eingebaute Disco-Laser und das Bob-Marley-Gedudel sind ihm nun nicht mehr geheuer. Doch ein Joint geht immer.

Schnell unterhalten sich wieder alle über ihre Lieblingsprodukte. Die Gespräche drehen sich um Haschkekse, Schmerzlinderung durchs Kiffen und Cannabis-Farmer, die ihre Pflanzen mit verbotenen Pestiziden besprühen. Den Tipp mit den Wasserflaschen beherzigt kaum jemand. Stattdessen zischen die Bierdosen, die in den Kühlfächern der Stretch-Limousine lagern.

Eine junge Frau riecht an einer Dose mit Haschkeksen.
Riecht gut, findet diese Kundin.
Steve Przybilla
Nahaufnahme eines Kochbuchs mit Cannabis-Rezepten.
Cannabis gehört in vielen amerikanischen Großstädten zum Lebensgefühl. Sogar in der Buchhandlung.
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Ein Mann blickt durchs Fenster. Dahinter blüht Cannabis.
Bei diesem Anblick wird den Kiffern warm ums Herz.
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In einem Außenbezirk von Denver kommt der Cadillac erneut zum Stehen. Ein Mann mit Krawatte und weißem Hemd öffnet die Tür. Er stellt sich als Chauffeur vor. Für solche Details haben die Fahrgäste freilich keine Augen. Sie wollen lieber die 10.000-Dollar-Bongs sehen, die in der Glasbläserei „Illuzions“ dargeboten werden - alles Anfertigungen lokaler Künstler, wie die Verkäufer betonen.

Gleich nebenan liegt „Peak“, eine Abgabestelle, in der am Eingang erst mal die Ausweise kontrolliert werden. Genau wie Alkohol ist Marihuana unter 21 Jahren nämlich tabu, Legalisierung hin oder her.

Innen wirkt die dispensary wie eine Mischung aus Tante-Emma-Laden und Apotheke. Im Regal reihen sich Glasbehälter mit Cannabis-Produkten in allen Formen und Farben; ein unverkennbarer Geruch liegt in der Luft. Hinter der Ladentheke plaudert Eigentümer Justin Hinderson persönlich mit seinen Kunden.

„Das Arbeitsleben in den USA ist so hart, da braucht man ab und zu ein Ventil“, sagt er und klagt über bürokratische Hürden, die seine Branche immer noch ausstehen müsse. „Weil Cannabis auf Bundesebene illegal ist, dürfen wir kein Konto eröffnen“, erzählt der Geschäftsmann. Einmal im Jahr müsse er deshalb bis zu 60.000 Dollar an Steuern zum Finanzamt bringen - in bar.

Ein Mann mittleren Alters hält Marihuana-Blüten in einer Zange.
Cannabis-Verkäufer Justin Hinderson muss jedes Jahr bis zu 60.000 Dollar zum Finanzamt bringen, weil die Bank ihm ein Konto verwehrt.
Steve Przybilla

Längst toben die Diskussionen darüber, wie weit man die Legalisierung noch treiben darf. In einer Umfrage, die das Gesundheitsministerium von Colorado veröffentlichte, gaben fast 13,6 Prozent aller Befragten an, regelmäßig zu kiffen. Das ist fast doppelt so hoch wie der amerikanische Durchschnittswert, der zuletzt 2013 erhoben wurde.

Während religiöse Gruppen und Ärzte eher zur Zurückhaltung mahnen, prescht vor allem die Tourismus-Industrie weiter vor. Hotels bieten Kiffer-freundliche Räume an, in Denver steigt ein jährliches „Highlife-Festival“, und Timothy Vee ist längst nicht der Einzige, der rauchige Rundfahrten anbietet.

Nach drei Stunden hält die Limousine wieder in der Innenstadt von Denver. „Das ist fast wie Amsterdam“, jauchzt Angel, als er im Zeitlupentempo aussteigt. „Am besten, ihr raucht das Zeug ziemlich schnell auf“, rät Tourguide Vee, denn jenseits von Colorado ist Marihuana nach wie vor verboten. Wobei es für vergessliche Kiffer eine Notlösung gebe. „Am Flughafen stehen Amnestie-Boxen“, erklärt Vee. „Wenn ihr euer Zeug bis dahin immer noch bei euch habt, ist das eure letzte Chance.“

Mit einem Winken schlägt der Profi-Kiffer die Tür des Cadillacs hinter sich zu. Dann ist er so schnell wieder weg, wie er gekommen war. Nur die Abgaswolke hängt noch einige Zeit zwischen den Häusern.

-- Der Text ist zuerst in der Süddeutschen Zeitung erschienen.

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