Das JoT-Mach-Manifesto

Unsere vier Prinzipien der Innovationsentwicklung

Jakob Vicari

Journalismus der Dinge– Strategien für den Journalismus 4.0

Es ist nun nicht so, dass wir ganz ohne Seil und Steigeisen arbeiten. Wir erforschen viel, wir fräsen, schrauben und programmieren nicht einfach drauflos. Vorher entwickeln wir viele Ideen, wo es hingehen könnte. Meist folgen wir dabei dem Anspruch: In einer Woche kann man alles erfinden. Wenn man es richtig macht. Wir verfolgen bei unseren Projekten vier Prinzipien des Manifests, das die Entwicklungsabteilung der BBC im “Better Radio Experiences”-Projekt aufgestellt hat: Das BRE-Manifesto ist deutlich vom Design-Thinking und von der agilen Software-Entwicklung inspiriert. Das sind zwei Kulturen, die für den Journalismus völlig untypische Verfahren propagieren. Sich an seine eigenen Regeln zu halten ist hart, vor allem wenn man gerade etwas Tolles erfunden hat. Und dann beim ersten Kontakt der Schöpfung mit der Welt in ratlose Gesichter schaut. So eine Erfahrung schnürt jedem Erfinder das Herz zusammen. Schützen Sie sich davor, zum Beispiel mit diesem Sicherheitsnetz:

Das Journalismus-der-Dinge-Mach-Manifest (*inspired by BRE-Manifesto)

Erstens: Wir fangen bei den Menschen an. Durch Interviews, die Studie des Alltags und Workshops versuchen wir herauszufinden, was die Menschen wirklich tun, wenn sie Journalismus begegnen.

Als wir mit dem Einkaufswagen Storytrolley Journalismus vors Kühlregal gebracht haben, wollten wir vorher wissen: Wie kaufen die Menschen ein? Wie erzählt ein Käsefabrikant seine Geschichte im Regal? Und was kann die Wurstverkäuferin über das Rind erzählen?

Eine Expertin erklärt Entwicklern, wie sie einkauft: Vor allem schnell
Jakob Vicari

Zweitens: Wir machen Dinge. Ideen sind billig. Aber aus den Ideen einen arbeitsfähigen Prototyp, ein nutzbares Objekt zu machen ist härter. Eine Idee als echtes Objekt auferstehen zu lassen gibt uns die Möglichkeit, es zu testen. Beim Prototyp eines smarten Einkaufswagens wäre es einfach gewesen, einen Touchscreen an den Wagen zu bauen. Für die Erfahrung der Nutzer fanden wir echte Knöpfe besser – es hat uns mindestens eine Nacht mehr gekostet. Ich wage die These aufzustellen: Dinge als Informationsträger werden erfolgreich sein, wenn sie nicht das Smartphone imitieren, sondern wenn sie besser als das Smartphone sind. Und es macht einfach Spaß, auf einen Knopf zu drücken.

Ideen finden und sortieren.
Jakob Vicari

Drittens: Wir werden sehr schnell sehr viele Ideen entwickeln und wieder verwerfen. Wir wollen nicht mit dem Naheliegendsten anfangen. Denn die Goldstücke liegen meist weiter entfernt. Die Ideen entwickeln wir nicht in einem gemeinsamen Brainstorming. Sondern jeder verfasst grob ausgearbeitete Ideen.

Beim Storytrolley entstanden Ideen wie ein Supermarkt-Navigator, ein Spiel für die Kassenschlange oder der Ausdruck eines Einkaufszettels mit journalistischen Geschichten. Umgesetzt haben wir sie nicht. Aber ich muss bei jedem Einkauf an sie denken – denn es sind großartige Ideen.

Eine Journalismus-der-Dinge App liegt als Papierprototyp auf dem Tisch
Tisch statt tablet: Die künftige App ist als Papierprototyp auf einem Tisch ausgebreitet
Jakob Vicari

Viertens: Wir sammeln verschiedene Meinungen. Und zwar von Menschen, die anders sind als wir. Denen zeigen wir unsere Ideen. Das ist immer verstörend. Und oft deprimierend. Aber es sind diese Erfahrungen, die den Prototyp später stark machen.

Die Einheit für den smarten Einkaufswagen im Labor
Jakob Vicari

Das sind die überlieferten Prinzipien hier im Basislager am Fuß des Internets der Dinge. Vier einfache Regeln für alle, die sich vorwagen mögen. In die Welt der Ideen, dahin, wo die Luft dünn wird und jeder Schritt ein Wagnis. Frei nach Reinhold Messner: Der Leser hat immer recht. Die Fehler machen immer nur wir. Und der große Fehler, den wir Journalismuserfinder machen, ist, den Unsinn überhaupt anzufangen.

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