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Das JoT-Mach-Manifesto

Unsere vier Prinzipien der Innovationsentwicklung

3 Minuten
Ein Wintergarten bei Nacht.

Es ist nun nicht so, dass wir ganz ohne Seil und Steigeisen arbeiten. Wir erforschen viel, wir fräsen, schrauben und programmieren nicht einfach drauflos. Vorher entwickeln wir viele Ideen, wo es hingehen könnte. Meist folgen wir dabei dem Anspruch: In einer Woche kann man alles erfinden. Wenn man es richtig macht. Wir verfolgen bei unseren Projekten vier Prinzipien des Manifests, das die Entwicklungsabteilung der BBC im “Better Radio Experiences”-Projekt aufgestellt hat: Das BRE-Manifesto ist deutlich vom Design-Thinking und von der agilen Software-Entwicklung inspiriert. Das sind zwei Kulturen, die für den Journalismus völlig untypische Verfahren propagieren. Sich an seine eigenen Regeln zu halten ist hart, vor allem wenn man gerade etwas Tolles erfunden hat. Und dann beim ersten Kontakt der Schöpfung mit der Welt in ratlose Gesichter schaut. So eine Erfahrung schnürt jedem Erfinder das Herz zusammen. Schützen Sie sich davor, zum Beispiel mit diesem Sicherheitsnetz:

Das Journalismus-der-Dinge-Mach-Manifest (*inspired by BRE-Manifesto)

Erstens: Wir fangen bei den Menschen an. Durch Interviews, die Studie des Alltags und Workshops versuchen wir herauszufinden, was die Menschen wirklich tun, wenn sie Journalismus begegnen.

Als wir mit dem Einkaufswagen Storytrolley Journalismus vors Kühlregal gebracht haben, wollten wir vorher wissen: Wie kaufen die Menschen ein? Wie erzählt ein Käsefabrikant seine Geschichte im Regal? Und was kann die Wurstverkäuferin über das Rind erzählen?

Eine Frau steht im Zimmer und erzählt. Mehrere Zuhörer schauen sie an und hören ihr zu.
Eine Expertin erklärt Entwicklern, wie sie einkauft: Vor allem schnell

Zweitens: Wir machen Dinge. Ideen sind billig. Aber aus den Ideen einen arbeitsfähigen Prototyp, ein nutzbares Objekt zu machen ist härter. Eine Idee als echtes Objekt auferstehen zu lassen gibt uns die Möglichkeit, es zu testen. Beim Prototyp eines smarten Einkaufswagens wäre es einfach gewesen, einen Touchscreen an den Wagen zu bauen. Für die Erfahrung der Nutzer fanden wir echte Knöpfe besser – es hat uns mindestens eine Nacht mehr gekostet. Ich wage die These aufzustellen: Dinge als Informationsträger werden erfolgreich sein, wenn sie nicht das Smartphone imitieren, sondern wenn sie besser als das Smartphone sind. Und es macht einfach Spaß, auf einen Knopf zu drücken.

Drei Personen schauen sich ein Projektboard an.
Ideen finden und sortieren.

Drittens: Wir werden sehr schnell sehr viele Ideen entwickeln und wieder verwerfen. Wir wollen nicht mit dem Naheliegendsten anfangen. Denn die Goldstücke liegen meist weiter entfernt. Die Ideen entwickeln wir nicht in einem gemeinsamen Brainstorming. Sondern jeder verfasst grob ausgearbeitete Ideen.

Beim Storytrolley entstanden Ideen wie ein Supermarkt-Navigator, ein Spiel für die Kassenschlange oder der Ausdruck eines Einkaufszettels mit journalistischen Geschichten. Umgesetzt haben wir sie nicht. Aber ich muss bei jedem Einkauf an sie denken – denn es sind großartige Ideen.

Eine Journalismus-der-Dinge App liegt als Papierprototyp auf dem Tisch
Tisch statt tablet: Die künftige App ist als Papierprototyp auf einem Tisch ausgebreitet

Viertens: Wir sammeln verschiedene Meinungen. Und zwar von Menschen, die anders sind als wir. Denen zeigen wir unsere Ideen. Das ist immer verstörend. Und oft deprimierend. Aber es sind diese Erfahrungen, die den Prototyp später stark machen.

Einkaufswagen im Labor
Die Einheit für den smarten Einkaufswagen im Labor

Das sind die überlieferten Prinzipien hier im Basislager am Fuß des Internets der Dinge. Vier einfache Regeln für alle, die sich vorwagen mögen. In die Welt der Ideen, dahin, wo die Luft dünn wird und jeder Schritt ein Wagnis. Frei nach Reinhold Messner: Der Leser hat immer recht. Die Fehler machen immer nur wir. Und der große Fehler, den wir Journalismuserfinder machen, ist, den Unsinn überhaupt anzufangen.

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Jakob Vicari

Jakob Vicari

Jakob Vicari ist Wissenschaftsjournalist und Lead Creative Technologist bei tactile.news. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt im Journalismus der Dinge: Für den WDR produzierte er das Sensorjournalismus-Projekt Superkühe. Er hat die Nachrichtentasse Newsmug erfunden und den Storytrolley, einen vernetzten Einkaufswagen für Verbraucherjournalismus vor dem Kühlregal. Mit Unterstützung von Google Digital News Initiative hat er den Prototypen eines smarten Nachrichtenmöbels gebaut. Mit dem Start-up tactile.news macht er den Journalismus mit Technologie besser. Das WDR-Projekt #bienenlive wurde mit dem Deutschen Reporterpreis 2019 ausgezeichnet. (Foto: Heinrich Holtgreve, Styling Ines Könitz)


Journalismus der Dinge

Wir leben in einer Welt der vernetzten Dinge. Was heißt das für den Journalismus? In meiner Riff-Reporter-Koralle mache ich mich auf die Suche nach neuen Geschichten, Strategien und Prototypen für den Journalismus von Morgen. Als erster Aussichtspunkt in diese Zukunft hat sich hier die Koralle für den “Journalismus der Dinge” (Journalism of things, JoT) festgesetzt. Schön, dass Sie da sind!

In dieser Koralle werde ich Reporterinnen, Leserinnen und Redaktionen das Basiswissen für den Journalismus der Dinge liefern. Vom kostengünstigen Projekt für die Lokalredaktion bis zum Großprojekt fürs Fernsehen: Wie können vernetzte Gegenstände den Journalismus bereichern? Wie sehen Formate, Dramaturgien und Stories von und mit Gegenständen aus? Wie kann Journalismus für das Nachrichtenmobiliar von Morgen funktionieren? Hier ist jede Woche ein neuer Beitrag aus der Welt der vernetzten Dinge geplant.


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Redaktion: Katharina Jakob

Lektorat: Katharina Jakob

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