Mülltauchen

Oder die Entrümpelung der Gewässer

Der Tag: strahlend sonnig. Die Luft: schon relativ kühl. Nur wenige Menschen bewegen sich im Wasser. Und wenn dann sind es Taucher. Sie haben eine besondere Mission: die Neue Donau vom Unrat zu befreien.

Ilse Huber Ausschau halten im Wasser: Wo ist Müll?

Nicht nur in Wien steht jedes Jahr der September im Zeichen von „sauberen Gewässern“. In ganz Österreich werden im Herbst regelmäßig Seen und Badegewässer gereinigt. Vom Neufeldersee im Burgenland bis zum Bodensee in Vorarlberg kümmern sich unzählige Menschen um die Müllentsorgung aus dem Wasser. Insgesamt über 500 freiwillige Taucher waren heuer mit dabei, unterstützt von rund 2500 Helfern, die am Ufer Weggeworfenes sammelten. 

Die Säcke warten auf Befüllung
Am Ufer gibt es auch viele freiwillige Helfer zum Müllsammeln
Ilse Huber

Heuer hatte ein Mobilfunkbetreiber zu einem „Clean-Up-Day“ aufgerufen, voriges Jahr war es die Österreichischen Bundesforste Aktiengesellschaft. Alle zwei Jahre bestreiten diese den „Saisonschluss“.

An der ehemaligen „Copa Cagrana“, heute Copa Beach, einem Uferabschnitt der Neuen Donau unweit von Reichsbrücke und UNO City, mischen sich unter die Spaziergänger und Sonnenanbeterinnen etliche Froschmänner und -frauen. Wie die Biologiestudentin Hannah.

Sie steht triefend nass am Ufer begleitenden Treppelweg, schnallt ihre Pressluftflasche ab, schüttet das Wasser aus ihren Neopren-Füßlingen und ist glücklich:

Was Hannah so an Seetang erinnert, ist das Ährige Tausendblatt (Myriophyllum spicatum). Während andere das Gewächs so gar nicht schätzen, weil es beim Schwimmen am Bauch kitzelt, fühlt sich die junge Taucherin hier wie im Paradies. An diesem Samstag ist es das erste Mal, dass sie für einen bestimmten Zweck abtaucht.

Ein paar Schritte weiter tummeln sich ein paar Burschen am Ufer. Sie fühlen sich erfrischt, sind motiviert und nicht das erste Mal bei der Säuberungsaktion dabei. Sie kritisieren, wie viel Müll im Fluss landet und bemerken, dass es mit einer einmaligen Aktion nicht getan ist.

Alle packen an: der Müll muss aus der Neuen Donau
Viele helfende Hände sind nötig, um den Müll aus dem Wasser zu hieven
Ilse Huber

Die Liste ließe sich noch endlos weiterführen. Hier vor der Donau-City, die mit ihren Hochhäusern in den letzten Jahrzehnten eine Stadt in der Stadt bildet und noch weiter wächst, fließt die Neue Donau direkt vor den Fenstern vorbei. Wobei fließen ein wenig übertrieben ist. Seit dem Bau des Wasserkraftwerks Freudenau Ende der 1990er Jahre weiter flussabwärts, mutierte die Donau mehr zum stehenden Gewässer. Die Neue Donau, die durch die Donauinsel vom Hauptfluss abgetrennt wurde, ist seitdem Freizeitoase mit zahlreichen Lokalen und ein beliebter Ort für Festivitäten und Veranstaltungen. Da landet alles Mögliche im Wasser.

Zwischen den Wasserpflanzen verheddern sich weggeworfene Objekte wie zum Beispiel alte Liegestühle
Unter der Wasseroberfläche werden die freiwilligen Mülltaucher immer wieder fündig wie hier mit einem alten Liegestuhl

Die jungen Taucher von vorhin können die Feierlaune der Menschen zwar nachvollziehen, wieso aber Jacken, Getränkedosen und sogar schwere Betonbänke in der Neuen Donau versenkt wurden, verstehen sie nicht. Als beim Gespräch eine Art „Muschelbank“ vorbei getragen wird, erkennen sie diesen Fundgegenstand als den ihren.

Auf dem alten Sessel haben inzwischen etliche Muscheln Platz genommen
Auf dem alten Sessel sitzen inzwischen etliche Muscheln
Ilse Huber
Vorhin noch am Grund der Neuen Donau, nun steht der Sessel am Ufer zum Abholen bereit
Dieser Sessel wurde eben heraufgetaucht
ilse Huber

Derweil sind diese physisch greifbaren Materialien nur der tatsächlich sichtbare Teil des Abfalls. Die mitunter giftigen Inhalte von Tonnen, Batterien und Kanistern werden herausgespült und gelangen früher oder später ins Meer. Christian Redl kann sein Leid davon klagen: Der Mittvierziger aus Niederösterreich ist Weltrekordhalter im Apnoetauchen, also dem Freitauchen ohne Geräte. Er kennt sämtliche kalte und warme Gewässer auf der Welt und hat ein Anliegen:

Die Übergabe des Mülls aus dem Wasser an einen Helfer an Land ist oft garnicht so einfach
Die Taucherin übergibt ihre fette Müllbeute
Ilse Huber

Beim heutigen Müllsammeltag in der Neuen Donau in Wien ist Christian Redl mit vollem Elan dabei. Die bedenkliche Situation der Flüsse und Meere trifft ihn persönlich, nicht nur aus sportlichen, sondern auch aus umweltbewussten Gründen. Seit frühester Kindheit ist er mit dem Wasser verbunden. Von seinem Onkel bekam er als Sechsjähriger zu Weihnachten eine Schnorchelausrüstung geschenkt. Mit 17 Jahren faszinierte ihn Luc Bessons Film „Im Rausch der Tiefe“ mit Hauptdarsteller Jean Reno so sehr, dass er selbst mit dem Freitauchen anfing. Seither lässt es ihn nicht mehr los. 

Halb unter, halb ober Wasser. Unter der Wasseroberfläche schwimmt der Taucher, am festen Ufer warten die Helferinnen und Helfer auf den Müllfang
Knapp unter der Wasseroberfläche schwimmt der Taucher, oberhalb der Wasserkante warten die Helferinnen und Helfer am Ufer

Wie ein Fisch unter Fischen zu sein, macht das Erlebnis unter Wasser noch viel stärker. Nur der Freitaucher, das Wasser und die Tiere. Im Jahr 2003 tauchte Christian Redl eine Strecke von 90 Metern unter dem Eis in Kärnten. Mit Scooter, einem elektrischen Propellerantrieb, sogar 150 Meter. Weltrekord. Acht Jahre später waren es 61 Meter unter Eis in die Tiefe. Wieder Weltrekord. Insgesamt sind es inzwischen zehn.

Diese Fähigkeiten machten ihn auch zum Stuntman: Einsätze in Film (Just Add Water) und Fernsehen (Bergdoktor, SOKO Donau, Galileo FakeCheck) folgten. Auch Bücher „Freitauchen - Schwerelos in die Tiefe“ oder „Grenzbereiche meistern durch mentale Stärke - sicher tauchen“ verfasste Christian Redl. Sein ganzes Leben ist er unterwegs: von Höhlen in Mexiko, über Island und Grönland bis nach Polynesien. Immer wieder steht für den Apnoetaucher im Mittelpunkt, wie es um die Seen, Meere und Flüsse auf der Erde bestellt ist. 

Der blaue Himmel und das blaue Wasser täuschen über den Dreck unter Wasser hinweg
Auch wenn Himmel und Wasser blau strahlen- Müll gibt es zuhauf in der Neuen Donau in Wien

Heuer hat ein Mobilfunkbetreiber zu einer Reinigungsaktion aufgerufen. Am „Strand“ der Copa Beach sind noch viele weitere Organisationen dabei: Die Wasserrettung aus Sicherheitsgründen. Die Tauchklubs, die teilweise Ausrüstung für die freiwilligen Helfer zu Verfügung stellen und Martin Aigner. Ohne ihn und sein Team wären die Fotos für diesen Beitrag nicht zustande gekommen. Der Fotograf ist selbst Taucher und er verbindet dabei Berufliches mit Privatem.

Einen Nachmittag lang sammelten heuer rund 100 freiwillige Taucherinnen und Taucher den Müll aus der Neuen Donau in Wien, hier wird ein E-Scooter geborgen
Insgesamt sammelten heuer rund 100 Taucherinnen und Taucher den Müll aus der Neuen Donau in Wien, hier kommt ein E-Scooter aus dem Wasser

Ein Projekt, das Martin Aigner am Herzen liegt, ist das reefvillage. Diese gemeinnützige Organisation errichtet mit Hilfe von Freiwilligen und Spender*innen künstliche Korallenriffe auf den Malediven und auf den Philippinen. Denn an den Mitwirkenden geht nicht vorüber, dass weltweit sämtliche Tier- und Pflanzenarten im Wasser bedroht sind. Menschen wie Martin Aigner und Christian Redl wissen wie alle Taucher, wie es unter der Oberfläche aussieht.

Probleme - ausgelöst durch den Klimawandel, die Umweltverschmutzung, die Industrie, sowie durch den Massentourismus - belasten die Unterwasserwelt und die Korallenriffe massiv.

So ist es auf der homepage von reefvillage zu lesen. Folglich liegt es für den gebürtigen Oberösterreicher Martin Aigner auf der Hand, beim Clean-Up-Day in Österreichs Gewässern dabei zu sein. Die Mitglieder des Fotoclubs Unterwasserkamera sind seit Stunden an bzw. in der Neuen Donau und dokumentieren, wie die Taucher den Müll aus dem Wasser sammeln.

Kurz einmal Luftholen, die Fotografin des Fotoklubs Unterwasserkamera macht eine kurze Pause auf dem Schwimmboard
Die Fotografin des Fotoclubs Unterwasserkamera gönnt sich eine Pause auf dem Schwimmboard
Ilse Huber
Die Taucherin hält ihre Beute, einen alten Plastikkübel, in der Hand. Den Kopf hat sie schon aus dem Wasser, ihre Flossen sind noch im Wasser
Zwischen Himmel und Donaugrund finden sich genügend Gegenstände, wie hier ein alter Kübel, der von der Taucherin entsorgt wird
Martin Aigner taucht gemeinsam mit einem Kollegen auf. Der hat einen weggeworfenen Liegestuhl geborgen. Dahinter befindet sich die Wiener Donauinsel
Martin Aigner, hier links im Bild, taucht auf. Neben ihm ein Tauchkollege mit dem Müllgut Liegestuhl in der Hand, dahinter die Wiener Doanauinsel

Mit der Reinigung wird nur das Symptom behoben, nicht aber die Ursache: die Verschmutzung der Gewässer.

Apnoetaucher Christian Redl appelliert an alle:

Fündig geworden, nach dem Tauchgang kommt der Müll zur Entsorgung
Etwas erschöpft, aber erfolgreich steigt die Taucherin aus dem Wasser
Ilse Huber
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Flussreporter