Feldreport 6: Schüsse im Knechtwuchs

Schärft Lebensgefahr unsere Sinne? Nie mehr werde ich den Weinstock vergessen, auf den ich ängstlich starrte und den ich möglichst akribisch beschrieb. Lesen Sie diese Schilderung im 6. Feldreport. Mir ist dabei bewusst geworden, wie sehr und wie selbstverständlich wir über das Leben anderer Wesen herrschen. Und wie verletzlich wir selbst doch sind.

Autor Gerhard Richter

Immer wieder fallen Schüsse. Ich kann nicht orten, woher die Schüsse jeweils kommen, das Echo hallt lange über den Hügeln und wird vom Wind verweht. Mir ist mulmig. An diesem Sonntag sind Jäger unterwegs.

Mit welchem Kaliber hier wohl gejagt wird, frage ich mich zwischen zwei Schüssen. Und worauf schießen die Jäger? Inmitten dieses sonntäglichen Geballers fällt es mir schwer, mich in die Betrachtung eines Weinstocks zu versenken. Deswegen sitze ich aber doch hier in diesem südfranzösischen Weinberg, die Hermes-Baby-Schreibmaschine auf dem Schoß.

Ich blende den Gedanken aus, erschossen zu werden und konzentriere mich auf eine der Pflanzen, welche die Trauben für den köstlichen Rotwein hervorbringt, den der Winzer im nächsten Dorf keltert.

Was sind das für Wesen, denen es gelingt, Erde und Wasser in süße Früchte umzuwandeln. Welches noch so innovative Unternehmen könnte das? Die Existenz von Lebewesen erscheint uns selbstverständlich, aber sie ist alles andere als das. Ein Weinstock ist ein lebendes Wunder. Und so einem Wunder sitze ich gegenüber.

Der Rebstock vor mir wächst in einer hellbraunen lehmigen Erde. Er steht leicht erhöht, auf einem kleinen Wall, einen dreiviertel Meter breit und zwei handbreit hoch. Der Stock selbst ist so dick wie mein Unterarm. Lange schmale Rindenstreifen lösen sich ab und flattern im Wind. Der Stamm wurde in Kniehöhe beschnitten. Wo früher Seitentriebe waren, klaffen helle trockene Stellen. Scheibchen nackten Holzes - die Wunde umrahmt von einem Wulst aus Rinde. In Kniehöhe hat der Weinbauer dem Stock erlaubt, auszutreiben. Acht Triebe zeigen schräg in die Luft, die älteren sind daumendick, die jüngeren bleistiftdünn. Sie sind glatt, hellbraun von einer etwas dunkleren Farbe als die Erde. Die dickeren Triebe sind an den Spitzen auch geschnitten, nichts wächst höher als Kopfhöhe. Nach diesem Muster hat der Weinbauer diesen Stock zurechtgestutzt. Zwischen Knie und Kopf sind die Trauben zu tragen. Effektivität bestimmt den Wuchs; und die Möglichkeit, den Stock mit Maschinen zu bearbeiten. Ein Krüppel nach Maß. Jetzt, nach der Ernte, raschelt zwischen Knie und Kopf das Weinlaub im Wind. Von den Trauben ist kaum noch etwas zu entdecken. Die Dolden hängen starr, leer und trocken. Winzige kurze Finger, bar jeder Last, zittern im Wind, erschrocken über den jähen Verlust der Früchte. Nur wenige Beeren haben die Ernte überstanden. Sie sind dunkelblau und runzlig wie Rosinen. Die Erntemaschinen haben sie offensichtlich nicht zu fassen bekommen. Den Erntemaschinen fehlt offensichtlich das Feingefühl. Zweige sind abgerissen, deren Enden zerfasert.

Indizien eines Gewaltdelikts.

Neben dem Weinstock, in Armeslänge entfernt steht ein weiterer Weinstock, genauso beschnitten und genauso zerrupft. Und wieder eine Armeslänge entfernt der nächste. Alle in einer Reihe auf dem Erdwall. So stehen an die 100 Rebstöcke in einer geraden Linie. Alle fünf bis acht Rebstöcke steckt ein Eisenstab in der Erde, als Stütze für zwei Drähte, welche im Abstand einer Elle übereinander gespannt, den Rebstöcken Halt geben. Manche Zweige der Reben halten sich mit ihren Korkenzieherfingern an dem Draht fest, andere hat der Weinbauer mit braunen plastik-umantelten Bindern an den Draht gezwirbelt. Die Reihen der Rebstöcke stehen fest und aufrecht und gerade. Eine Reihe neben der anderen, in jeweils zwei Schritt Abstand voneinander. Zwischen den Reihen wächst nur spärliches Gras. In der Erde sind die groben Stollen des Reifens von einem schmalen Traktor eingedrückt - direkt neben dem Erdwall. Es ist ein Weinacker.

Ein Auto parkt vor dem winzigen Feldsteinhäuschen am Fuße dieses Weinbergs. Das Häuschen hat einmal als Werkzeug- und Wetterschuppen für die Arbeiter im Weinberg gedient. Jetzt steht es leer, im Dach fehlen Ziegel. Nur noch der Parkplatz davor wird benutzt.

Der Jäger steigt aus, lässt seinen Hund vom Beifahrersitz und nimmt die Flinte aus dem Kofferraum. Der Mann trägt eine Hose und eine Weste mit Tarnmuster. Flecken in hellen und dunklen Erdtönen, dazwischen abgestufte Grüntöne. Das Muster sieht aus, als habe man das Puzzle eines Landschaftsbilds maximal falsch zusammengebaut. Mithilfe dieser Hose und Weste und mittels der darauf gepuzzelten Landschaft hofft der Jäger für Beutetiere unsichtbar zu sein. Für diesen Weinberg ist das Tarn-Puzzle aber übertrieben bunt. Zwei Farben wären genug: Weinblattgrün und helle Erde. Genauso sieht Landschaft hier nämlich aus. Es gibt nur zwei Elemente: Weinstöcke in langen Reihen und dazwischen nackte Erde. Der Mann mit seinen Tarnflecken wirkt vor diesem Hintergrund wie ein Fremdkörper. Jedes Beutetier kann ihn mühelos als Eindringling erkennen.

Weste für die Beute, Mütze gegen Jäger

Solche streng gegliederten Weinfelder bilden das wiederkehrende Element dieser Landschaft. Mal laufen die Reihen quer, mal senkrecht zu den Hügeln. Die Kanten der Felder sind mit kniehohen Mauern aus Feldsteinen eingefasst. Es gibt keine rechten Winkel. Eine Landschaft aus Dreiecken, Trapezen und windschiefen Rechtecken. Zwischen den Weinäckern gibt es andere Parzellen. Mal glitzern die silbrigen Blattunterseiten der kugeligen Bäume eines Olivenhains, andere Felder sind braun und borstig - abgeerntete Sonnenblumenfelder, auf denen die Stängel noch handbreit stehen. Auf den Hügelkuppen lichte Wäldchen und Hecken. Der Himmel ist weit und ein böiger kühler Wind fährt ungebremst in die Reben und zaust die Blätter.

Der Jäger, der gerade aus dem Auto stieg, setzt sich, bevor er die Flinte schultert, eine orangefarbene Baseballmütze auf. So geht er auf Pirsch. Die Weinstöcke reichen dem Jäger gerade bis zu den Schultern und die rote Baseballmütze ragt darüber, wie eine Warnlampe. Aus der Ferne knallt ein Schuß. Und jetzt sehe ich auch rote Mützen in den anderen Feldern. Ich weiß nicht, was all diese Jäger jagen? Es sind keine Tiere zu sehen. Ab und zu fliegen Vögel auf und schwirren panisch davon. Die Vögel sind viel zu klein, um als Jagdwild zu taugen. Wer rupft und brät so ein kleines Vögelchen in der Pfanne? Und die Tiere sehen ja die roten Mützen, denke ich, das macht die Tarnkleidung doch völlig unnütz, eitle Mode. Andererseits ist die rote Mütze auch ein Zeichen dafür, dass die Jäger Angst haben, selbst von einem Jagdgenossen erschossen zu werden. Das finde ich ziemlich tröstlich, diese Gleichzeitigkeit von Tarnfarbe und Warnfarbe. Dem Jäger ist immerhin bewusst, dass er auch Ziel sein kann. So fühlt er sich gleichzeitig als Jäger und als Opfer. Ein besonderer Nervenkitzel an diesem Sonntagnachmittag. Knall, Blut, Tod. Jeden Moment kann das Schicksal zuschlagen. Mensch oder Tier – jeden kann es treffen. Ich sitze ohne rote Mütze zwischen den Reben, niemand sieht mich. Und Projektile, haben sie einmal den Gewehrlauf verlassen, sind gänzlich blind. Ganz unangenehme Vorahnungen treffen meine Haut. In welchem Teil meines Körpers schlägt die Kugel ein? Was wird sie dort anrichten?

Ein Zufallsziel bin ich.

Schmale asphaltierte Landstraßen verbinden die kleinen Dörfer miteinander. Die Jäger brauchen nur ein paar Auto-Minuten zu ihrem Revier. Es knallt noch immer. Dann weht eine Sirene wie von einem Kranken- und Rettungswagen durch die Landschaft. Es ist doch passiert, denke ich. Trotz der roten Warnmützen hat es einen erwischt. Ein Streifschuß wäre eine gute Lehre.

Aber kein Rettungswagen erscheint, um einen angeschossenen Jäger abzuholen. Eine langgezogene Gruppe Motorradfahrer kommt die Landstraße von Caux heruntergefahren. Die Motoren brummen und dröhnen. Der Jäger schaut hinüber zur Landstraße. Aus den Hügeln knallt es häufiger, einige - so scheint es - schießen Salut. Oder der Krach scheucht die Vögel auf und die Jäger drücken auf sie ab. Die Sirene gehört einem Begleitfahrzeug. Für die Motorradfahrer sieht diese Landschaft wirklich sehr lieblich aus, verträumt, idyllisch. Als sie außer Hörweite sind, senkt sich für einen Moment eine biblische Ruhe in die Hügel. Schon der nächste Schuss tötet den Sonntagsfrieden. Und direkt neben so einem Weinstock verliert die Landschaft auch ihre letzte Anmut. Ein Weinstock ist pure Effizienz, sein Schnitt, sein vorgeplanter Wuchs, die Ernte sind reine Optimierung. Eine Landschaft aus Zweck, festgezurrt mit Eisenpfosten und Drähten. Von nahem betrachtet - ein trauriger Anblick.

Aber so sicher bin ich mir nicht. Weinstöcke mögen vielleicht den Halt, mögen die Reduktion auf wenige Triebe, mögen Raum, ohne Gerangel um Licht und Krieg der Wurzeln. Vielleicht fühlen sie sich aber auch angenagelt wie Christus ans Kreuz? Reihenweise Leid und Knechtwuchs im Dienste unseres Alkoholdursts.

Wenn ich den Weinstock lange beobachte, seine Formen beschreibe, ihn in seinem Wesen in Worte fasse, dann bekomme ich für einen winzigen Moment einen Eindruck, wie es wäre, ein fühlender Teil dieses Geflechts aus Lebewesen zu sein. Mir wird schwindlig. Es wäre wie eine Erleuchtung, eine Offenbarung. Plötzlich alles zu erfassen, mit allem zu fühlen. Tausende fremde Sprachen gleichzeitig zu hören und alle zu verstehen. Eins zu sein mit allen Lebewesen. Ich wäre erfüllt von einem Glücksgefühl. Eine berauschende Aussicht.

Bei den Weinstöcken bin ich mir jedoch nicht so sicher, ob ich sie verstehen will. Vielleicht würde es mich grausen? Bei der Vorstellung bekomme ich eine Höllen-Angst davor, alle Wesen zu verstehen. Sie könnten auch Brüllen vor Schmerz und Verzweiflung.

Wenn mir das nächste Glas Wein noch munden soll, dann sollte ich mich mit diesen Wesen besser nicht innerlich verbinden.

Es knallt in meiner Nähe. Während ich diese letzte Zeile tippe, rieselt ein Schauer über meinen Rücken. Ich bin noch heil und gehe.

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Jeden zweiten Samstag im Monat veröffentliche ich hier https://www.riffreporter.de/field-writing/ meine Feldreporte.

Es sind Berichte meines Selbstversuchs. Es ist mein Versuch das Verhältnis zur Natur zu klären und erfahrbar zu machen. Sind wir Menschen tatsächlich noch ein Teil der Natur? Dafür verlege ich meinen Schreibtisch in die freie Landschaft und setze mich mit meiner mechanischen Schreibmaschine den unmittelbaren Eindrücken von Feld, Wald und Wiese aus. Ich protokolliere meine Beobachtungen, Gedanken und Empfindungen.

Der nächste Feldreport erscheint am Samstag, den 9.11.2019. Sie wollen den Feldreport nicht verpassen? Dann tragen Sie sich für meinen Newsletter ein. Er informiert Sie zwischen den Feldreporten über meine Erkenntnisse aus dem Selbstversuch, Hintergründe des Field Writing, und benachrichtigt Sie über jeden neuen Feldreport.



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