Wunder der Welt

Das interdisziplinäre Museum als Forschungsstation und Besuchermagnet

Von Carmela Thiele

11. Mai 2019

Von Ferne erinnert der spektakuläre Neubau an ein riesiges Insekt. Es ist kurz vor elf Uhr, eisiger Wind umweht die Plattform, dennoch hat sich vor dem Eingang bereits eine Schlange fröstelnder Besucher gebildet. Sie löst sich nur langsam auf, denn wer in Frankreich ins Museum will, muss durch die Sicherheitskontrolle. Erst dann steht der Besucher im 33 Meter hohen Foyer oder Kristall des Musée des Confluences, wie das österreichische Architektenbüro COOP Himmelb(l)au seinen Glaspalast genannt hat. Der spektakuläre Raum kann auch für Veranstaltungen und Empfänge von Partnern aus der Wirtschaft genutzt werden, alles ist funktional in diesem weltweit einzigartigen Museum, in dem das Crossover von Natur- und Kulturwissenschaften Programm ist. Der Name – „Museum der Zusammenflüsse“ – spielt sowohl auf seine Programmatik als auch auf seinen Standort an, den Zusammenfluss der Flüsse Rhône und Saône am Ende der Halbinsel im Zentrum von Lyon.

Mit Lift oder Rolltreppe geht es hinauf in die „Wolke“, ein asymmetrisches Gebilde aus matten Stahlplatten, facettenartig zusammengefügt, was aber nur von außen sichtbar ist. Innen herrscht optimaler Ausstellungskomfort ohne Tageslicht, störende Pfeiler, Türrahmen oder Feuerlöscher. Fünf Sonderausstellungen können parallel gezeigt werden, in vier Sälen ist die Sammlung unter verschiedenen Aspekten in aufwendig gestalteten „Szenographien“ präsentiert, die um das Rätsel des Lebens, die Wunder der Natur, der Tiere und Menschen kreisen.

Es solle ein Museum der Begegnung, des Austauschs und sich überschneidender Perspektiven sein, sagt Hélène Lafont-Couturier, die Direktorin des 2014 eröffneten Hauses, in einem Gespräch. Es wende sich an ein großes Publikum genauso wie an Experten. Es solle Staunen auslösen und neugierig machen auf das, was unseren Planeten und unsere Zivilisation ausmacht, soll populär und intelligent zugleich sein. „Das Musée des Confluences verkörpert eine Philosophie.“

Modernes Gebäude mit einem großen Platz davor.
Vor dem Eingang des Musée des Confluence befindet sich eine Tram-Station, über eine Fußgängerbrücke kommt man auf die andere Seite der Rhone.
Eine Brücke über einem Fluss. Im Hintergrund ein moderner Museumsbau.
Viele Angebote des Musée des Confluences richtet sich an Kinder und Jugendliche.
Modernes Gebäude mit einer Grünanlage davor, blauer Himmel und Sonnenschein.
Orte der Entspannung: Der Garten des Musée des Confluences.
Stofleth

Mit dieser neuen Programmatik stellen sich die Franzosen einem Dilemma, das seit einiger Zeit die Museen weltweit umtreibt: Wie soll das gehen, Kinder begeistern wie auch Erwachsene und gleichzeitig auf höchstem wissenschaftlichem Niveau agieren? Was wie eine Quadratur des Kreises klingt, kann nur gelingen mit politischer Triebkraft und dem Willen aller Beteiligten, einen großen Wurf zu wagen, wie das in Lyon geschehen ist.

Wer erstmals die Dauerausstellung betritt, wandert umher wie in einer Traumwelt. Aus dem Dunkel blicken eine Giraffe und ein Löwe auf die Flaneurin, ein Schwarm vielgestaltiger Schmetterlinge strebt in die Höhe, bizarr geformte Muscheln bilden einen zarten Vorhang, buntschillernde Käfer in allen Größen paradieren durch das Nichts. „Espèces – La maille du vivant“ (Die Arten – Die Maschen des Lebendigen) heißt die Präsentation. Inhaltlich und gestalterisch geht sie von einer Netzstruktur aus, nicht von Hierarchien. Wer sich für die Verwandtschaftsverhältnisse der Tiere interessiert, kann die Tablets nutzen, die in einer Höhe angebracht sind, in der auch Schulkinder sie bedienen können. Familien und Schulklassen gehören zu den Dauerbesuchern des neuen Museums, die Jahreskarte für Erwachsene kostet nur 30 Euro, Kinder haben freien Eintritt.

Die vier großen Themenräume zeigen nur ein Konzentrat der Sammlung. Das Musée des Confluences besitzt 2,2 Millionen Objekte, ein riesiges Reservoir, aus dem es schöpfen kann. Im zweistöckigen Betonsockel des Gebäudes befinden sich die Depots eines der größten Museen Frankreichs. Ein eigenes Restaurierungs-Institut, Le Centre de conservation et d’Etude des collections (CCEC), kümmert sich um die Pflege aller Sammlungen, zu denen auch umfangreiche, hochrangige ethnologische Bestände gehören, die auf den Ostasienforscher Émile Guimet (1836-1918) zurückgehen – einen Industriellen aus Lyon.

Die Geschichte des Museumsbestandes ist lang und verworren. Ihre Anfänge reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück, auf das Kuriositätenkabinett der Brüder Gaspard de Liergues und Balthasar de Monconys. Als das Naturkundemuseum von Lyon 1772 gegründet wurde, gingen ihre Exotica darin ein. Bis in die neunziger Jahre waren die Sammlungen in einem von Guimet gestifteten Bau am Boulevard des Belges untergebracht. Von Beginn an umfasste das Museum Gebiete wie Paläontologie und Mineralogie, Anthropologie und Zoologie. Dazu kamen humanwissenschaftliche Sammlungen der Archäologie und der Ethnologie. Letztere wurden ergänzt von ethnologischen Beständen des einstigen Kolonialmuseums von Lyon sowie der Missionsstiftung L’œuvre de la Propagation des la Foi.

Die Szenografie „Die Arten – Die Maschen des Lebendigen“ ist eine von vier permanenten Ausstellungen.
Die Szenografie „Die Arten – Die Maschen des Lebendigen“ ist eine von vier permanenten Ausstellungen.
Bunte, vielfältig gemusterte Schmetterlinge in der Ausstellung.
Schönheit, Vielfalt, Verwandlungen: Die Natur als Lehrmeisterin.

Die Ausstellungs-Regisseure hatten die Aufgabe, sich auf wenige aussagekräftige Exponate zu konzentrieren. In der „erzählerischen Landschaft“ „Sociétés – Le théâtre des hommes“ (Gesellschaften – Das Theater der Menschheit) prallen extrem gegensätzliche Artefakte aufeinander. Feingearbeitete Schilde aus Afrika, das kostbare Gewand eines chinesischen Militärführers, ein Automobil, ein Hochzeitskleid aus einem lichtreflektierenden Stoff, der von einer Firma in Lyon extra für den Anlass angefertigt wurde. Welche Gedanken wollen die Ausstellungsmacher bei diesem Mix anstoßen? Es geht um die Energien, die die Menschheit vorangetrieben haben, um seine Fähigkeit, Gesellschaften zu bilden, um den Hang des Menschen kreativ und erfinderisch zu sein.

An einer Stelle funktioniert der Brückenschlag zwischen Natur- und Kulturgeschichte besonders gut: Über mehr als zehn Meter erstreckt sich die Vitrine mit einer Auswahl aus der riesigen Mineraliensammlung des Museums, die als gilt eine der schönsten Europas gilt. Mit Spots vor schwarzem Hintergrund beleuchtet, bieten sich dem Auge die vielfältigen Strukturen, Oberflächen und Farbschattierungen der Steine. Das Tablet informiert über die Eigenschaften von Pyrit oder Fluorit und darüber, wie der Mensch sie nutzt – etwa die seltenen Erden in Mobiltelefonen. Diese Geräte sind gleich gegenüber zu bewundern, als vorerst letztes Glied einer technischen Entwicklung vom ersten Telefon aus dem 19. Jahrhundert bis heute.

Doch muss die Frage erlaubt sein, ob die betörenden Ausstellungsszenarien im Grunde bloß die Schaufenster eines großartigen interdisziplinären Forschungsinstituts sind, und was das eigentlich bedeutend. Das Haus verfolgt gezielt eine Politik der zeitgemäßen Wissensvermittlung. Sonderausstellungen, wie aktuell zur Vielfalt der Käfer, der Coleoptera, setzen auf Vertiefung des Wissens. Für das Zielpublikum erstellte Publikationen werden angeboten, die wissenschaftlichen Hauszeitschriften sind online zugänglich. Die Schau zur Sammlung afrikanischer Kunst von Ewa und Jacques Develon hingegen stellt eine Schenkung vor. Die Vielfalt der Themen soll gewahrt bleiben. 2017 war sogar eine Ausstellung zum Thema Körper/Tanz zu sehen, eine Kooperation mit dem Musée de la Civilisation Québec.

Ein Ausstellungsraum mit unterschiedlichen Exponaten: Schutzschilden aus Afrika, einem Automobil und einem Webstuhl.
Zu den großen Rätseln des Lebens gehört auch die Frage, wie sich die großen Zivilisationen entwickeln konnten. Die Szenographie „Gesellschaften - Das Theater der Menschheit“ erzählt vom Erfindungsgeist und der Kreativität verschiedener Kulturen.

Das Museum begreift die Suche nach neuen Wegen der Vermittlung als eine ihrer zentralen Aufgaben. Es ist zu einer Forschungsplattform geworden - einschließlich der Museologie. In Deutschland ist ein solches Denken noch selten. Und welches Museum hat schon einen international besetzten wissenschaftlichen Beirat im Rücken, wie er für Lyon geschaffen wurde. Außerdem gehören ständige Kooperationen mit Hochschulen, Wissenschaftlern und anderen Museen weltweit zum Konzept.

Dieses Museum sucht in einem tieferen Sinn, emotional, strukturell und geistig, die Nähe zum Puls der Zeit. In Lyon legte die Spannbreite der Sammlungen ein solches interdisziplinäres Vorgehen nahe, doch musste eine solche Umstellung auch erst einmal realisiert werden. Die Idee, spartenübergreifend zu agieren, liegt seit einer Weile in der Luft. Auch in Deutschland waren solche Ausstellungen schon zu sehen, etwa im Hygiene-Museum in Dresden.

Das Musée des Confluences konnte aber wohl auch nur entstehen, weil es ein politisches Vorzeigeprojekt ist, zunächst des Département Rhône und dann der Métropole Lyon. In der Stadt leben mehr als eine halbe Million Menschen, in der Metropolregion sind es weit mehr als 2 Millionen. Der spektakuläre Bau zieht zudem Touristen an, so wie das von Frank Gehry gebaute Guggenheim Museum in Bilbao es vorgemacht hat. Fast 50 Prozent der Besucher kommen aus anderen Regionen Frankreichs und aus dem Ausland. Rund 700.000 Besucher pro Jahr zieht das Haus bislang an. Die Investition hat sich offenbar gelohnt. Nur große Pariser Museen schaffen mehr. Der Bau kostete 255 Millionen Euro, kalkuliert waren nur 60 Millionen. Insofern ist der Druck, erfolgreich zu sein, enorm. Und das betrifft nicht nur die Besucherzahlen. Schon jetzt ist die wissenschaftliche Expertise des Hauses weltweit gefragt. Das National Museum in Addis Abeba etwa, wo das 3,2 Millionen Jahre alte Skelett eines Menschen (Lucy) aufbewahrt wird, möchte mit der Expertise aus Lyon ein Museum zum Ursprung der Menschheit aufbauen.

Aber wie in jedem Museum heute geht es nicht nur um Kultur, auch der Komfort muss stimmen. Wer im hauseigenen Restaurant das von aufmerksamen Kellnern servierte Mittagsmenü zu sich nimmt, empfindet einmal mehr die Akkuratesse und das Qualitätsbewusstsein, mit der hier alles geplant ist. Doch eines ist es nicht: vegetarisch, also klimabewusst. Fisch oder Fleisch heißen die Alternativen. Selbst wenn die Franzosen in ihrem Vorzeige-Museum über Biodiversität und kulturelle Vielfalt aufklären, im Restaurant obsiegen Genuss und Tradition.

RiffReporter unterstützen
DebatteMuseum