Museen können Innovationszentren sein

Zur Tagung „Narrating Culture(s) in Museums and Exhibitions“ an der Leuphana Universität Lüneburg

Von Carmela Thiele

C.Thiele Kacheln

29. Januar 2018

Wir wissen es inzwischen: Die Museen im Allgemeinen und die Ethnografischen Museen im Besonderen sind in der Krise. Da bleibt keine Gewissheit unhinterfragt, kein Begriff kommt ohne Theorie-Check davon. So stellte der Frankfurter Anthropologe Hans Peter Hahn auf der Tagung „Narrating Culture(s) in Museums and Exhibitions“ mit Blick auf die zeitweise vor dem Berliner Humboldt Forum demonstrierende afrikanische Diaspora fest, dass es Communities, die ein Besitzrecht auf Objekte hätten, nicht gebe. Verschiedenste Gruppen bezeichneten sich als Communities oder würden von anderen so genannt. Aber was heiße das eigentlich?

Der Begriff wurde zum running gag der zweitägigen Konferenz an der Leuphana Universität in Lüneburg. Das Wort ist so geläufig, dass es keiner mehr überdenkt, auch die Vortragenden nicht. Es kam ihnen immer wieder unwillkürlich über die Lippen, was für allgemeine Heiterkeit sorgte. Mit Begriffen und Denkstrukturen zu arbeiten ist die internationale Gemeinschaft gewöhnt, die sich unter postkolonialem Vorzeichen den museum studies widmet. Neue Narrative, Erzählweisen sollen gefunden werden, die europäische Perspektive ist nur noch eine unter vielen; dieser Gedanke wurde im Laufe der Tagung immer plausibler.

„Museen können Innovationszentren sein“, machte Hans Peter Hahn dem mit angehenden Kurator_innen besetzten Auditorium Mut. Die Tagung fand im Rahmen des Projekts PriMus, Promovieren im Museum, statt, das ein neues Ausbildungsmodell für Museumskuratoren testet.

Schon zuvor hatte Hans Peter Hahn einen anderen wichtigen Begriff seziert. Das ethnographische Objekt. Was heute in einer Vitrine liegt, eine Flöte oder eine Schale aus Afrika, hatte einmal eine Bedeutung, die keiner mehr genau kennt. Solche Dinge werden nicht nur zum Fragment, weil vielleicht Teile fehlen. Der ursprüngliche Kontext ist verloren gegangen. Durch wissenschaftliche Sortierung nach Material, Form oder Fundort wird der Gegenstand zum Exponat, dessen Präsentation mehr über die Arbeitsweise von Ethnologen erzählt als über das Herkunftsland.

Die Sammlung schluckt das einzelne Objekt

Handelt es sich hier allein um ein Problem der Ethnologen? Das Sortieren nach Formen, Materialien und Regionen – und ganz wichtig der Vergleich von Objekten – sind Strategien, die genauso in Kunstmuseen praktiziert werden. Und auch für Gemäldegalerien gilt, dass am Ende die Sammlung das einzelne Objekt schluckt. Die Museumssammlung werde zum superobject oder metaobject, sagte Hans Peter Hahn.

Die Idee der geordneten Sammlung, des Superobjekts, hat die bisherige Museumspraxis und dessen repräsentative Rolle erst ermöglicht. Jetzt aber, so der Wissenschaftler, gehe es darum, dass Kuratoren neue Narrative finden und das Museum zum Akteur wird und Kuratoren andere Akzente setzen.

Vor einer Neuausrichtung der Museen steht jedoch die mühselige Analyse des status quo. Mirjam Shatanawi zeigte am Beispiel der Kunst des Mittleren Ostens und der Islamischen Kunst, dass in der Folge der Wissenschaften und ihrer Spezialisierung im 19. Jahrhundert sich auch Kunstmuseen, Archäologische Museen und Ethnografische Museen ausdifferenzierten. „Jeder neue Museumstyp bildete ein Selbstbild Europas im kolonialen Kontext ab“, sagte die Kuratorin des Tropenmuseums Amsterdam und illustrierte ihre These an mehreren Beispielen.

Als das Königliche Kuriositätenkabinett im Mauritshaus Den Haag 1883 aufgelöst wurde, wanderte ein Teil der Sammlung in das Ethnografische Museum in Leiden, der Rest wurde dem Rijksmuseum in Amsterdam gestiftet. Bei der Aufteilung machte man es sich indes nicht leicht. Die Kolleg_innen hätten bei jedem Stück diskutiert, ob dessen künstlerische Bedeutung größer sei als sein funktionaler Wert, ob es also eher dem Kunst- oder dem Ethnografischen Museum zuzuschlagen sei. Das geht aus Briefwechseln hervor, die Shatanawi in Archiven aufspürte. Auch die strikte Abgrenzung von europäischer und außereuropäischer Kunst habe die in-betweeness vieler Objekte übersehen. So war der Hedwig-Becher aus dem normannischen Sizilien in Europa für einen christlichen Herrscher gemacht. Er zeige aber auch deutliche islamische Einflüsse.

Die Aufteilung von Objekten auf unterschiedliche Museen enthüllt Prozesse von Inklusion und Exklusion. Was gehört zu „uns“, und was gehört zu „ihnen“, obwohl die Objekte wie der Hedwig-Becher oftmals in-between angesiedelt sind.“ Mirjam Shatanawi

Die Museen müssten ihre Sammlungsstrukturen und ihre Begriffe überdenken, forderte die Museumsfrau. Nur so könne die Institution dem von der Politik vielbeschworenen Dialog zwischen den Kulturen dienen. Allein schon der Begriff Islamische Kunst sei irreführend, denn er suggeriere, dass es so etwas wie eine einheitliche muslimische Community gebe, die aber in der Realität gar nicht existiere, sagte Mirjam Shatanawi mit Blick auf gutgemeinte Strategien des Empowerments, der Selbstermächtigung von Minderheiten, die immer öfter von Museen verfolgt werden.

Jedes Museum dient immer auch der Identitätsstiftung und der Repräsentation. Das lässt sich sehr gut zeigen am Beispiel der nach der Unabhängigkeit gegründeten Nationalmuseen in Indien, Pakistan und Bangladesh. Kavita Singh, Professorin an der Jawaharlal Nehru University Neu-Dehli, zeichnete deren Entstehung nach, die geprägt war von Widersprüchen, die zugunsten eines identitätsstiftenden Narrativs eingeebnet wurden.

Obwohl die aus dem Boden gestampften Nationalmuseen über ähnliche Sammlungsbestände verfügten, betonten die jungen Nationalstaaten bei der Einrichtung ihrer Schausammlungen das Trennende. Pakistan kaprizierte sich auf Werke, die innerhalb der Landesgrenzen entstanden waren, Indien lehnte sich in seiner Präsentation an den Westen an und präsentierte Figuren aus wichtigen Perioden der indischen Kultur nach formalen Kriterien geordnet im White Cube. Das erst 1971 aus Ost-Pakistan entstandene Bangladesh wiederum setzte auf ein Nationalmuseum, das in erster Linie der Geografie, Flora und Fauna, sowie den traditionellen Berufen und Gebräuchen des Landes gewidmet war – obwohl auch zuhauf qualitätsvolle Skulpturen verfügbar gewesen wären.

Kacheln
Kachel aus der Abteilung Islamische Kunst im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
C.Thiele

Identitätsstiftung spielt auch bei kommunalen Museen eine zentrale Rolle. Ray Silverman von der Michigan University stellte das Konzept einer „prozessualen Museologie“ vor, die jene, die repräsentiert werden sollen, in die Arbeit am Museum miteinbezieht. Er sprach in Lüneburg über sein Langzeitprojekt in Techimen, Ghana, wo er gemeinsam mit Studierenden aus den USA und Ghana sowie den Anwohnern die Planung eines Kulturzentrums begleitete. Das Community Museum gilt in afrikanischen Ländern als Gegenentwurf zum Kolonialmuseum, wie es etwa das Uganda Museum in Kampala eines ist. Dort arbeitete der Anthropologe Derek Peterson, ebenfalls von der Michigan University, mit Studenten an einer Sammlung, die sowohl aus traditionellen Objekten, aber auch einem Archiv von Alltagsgegenständen bestand, die mitunter eher aus Zufall im Museum gelandet sind. Manche der dort aufbewahrten traditionellen Gegenstände, etwa Halsschmuck oder Congas, dienen als Vorlagen für Majestic Brands, die Heritage-Industry Ghanas, die von den Chiefs betrieben wird, um soziale Projekte zu finanzieren. Neuschwanstein unter anderen Vorzeichen.

Was aus dieser Inventur des Museumswesens folgt, ist schwer auf einen Nenner zu bringen. Klar aber ist, dass es nicht mehr ausreicht, Objekte auszustellen. Immer wichtiger wird die Frage des angepeilten Kontexts. Diese aber in eine Ausstellung umzusetzen, ist gar nicht so einfach.

Wir wollen Vergnügen, aber auch Schmerz erleben

Trisha Austin von der Universität der Künste London (Central Saint Martins) warnte am Beispiel der extrem erfolgreichen Pink-Floyd-Schau des Victoria & Albert Museum in London vor einer Inszenierung, die vor allem auf Immersion, also das Eintauchen in eine andere Welt setze. Die Besucher_innen seien vollkommen aufgesogen gewesen von dem Audioguide, der für jeden Raum den entsprechenden Sound lieferte, aber eine inhaltliche Beschäftigung oder Diskussion nahezu unmöglich machte. Die Professorin beschäftigt sich mit der Inszenierung von Erzählungen im Raum. „Wir erfahren die Welt über unsere Körper“, sagte sie, „wir wollen Vergnügen, aber auch Schmerz erleben.“ Ausstellungen müssten einer durchdachten Dramaturgie folgen, und deshalb sollten Kuratoren und Ausstellungsdesigner Projekte gemeinsam erarbeiten.

Nicht thematisiert wurde in Lüneburg, wie denn Kunstmuseen, also etwa Gemäldegalerien europäischen Zuschnitts, mit den postkolonialen Einsichten umgehen sollen. Wie die Documenta 14 vergangenes Jahr gezeigt hat, kann es zu einer ziemlich eindimensionalen Veranstaltung führen, wenn zwar das Erbe des Kolonialismus mitgedacht wird, aber die bildende Kunst, ihre vielleicht universelle Dimension, nahezu auf der Strecke bleibt. Aber über diese Frage könnte man auf einer weiteren Tagung diskutieren, die hoffentlich genauso dicht und gelungen ausfällt wie der intellektuelle Spaziergang durch die verschiedensten Aspekte musealer Erzählung in Lüneburg. Die Organisatorinnen, die Professorinnen Susanne Leeb und Beate Söntgen sowie Projektleiterin Nina Samuel, können zufrieden sein. Auf hohem Niveau und zugleich mit kollegialer Gelassenheit und Esprit debattierten die eingeladenen Expert_innen untereinander und mit dem kenntnisreichen Publikum – aus dem auch die Frage nach der Bedeutung und dem Status der Communities kam.