Auf die Barrikaden!

Das Badische Landesmuseum probt die Revolution

Von Carmela Thiele

21. April 2018

Der Jugendbeirat tagt seit Dezember, ein Film ist entstanden, wo laut der FSJ-Mitarbeiterin „wirklich was zerstört wird“, außerdem sollen ein Graffiti-Workshop und „was auf Instagram“ realisiert werden. Revolution ist was anderes. Aber immerhin: die Ausstellung „Revolution! Für Anfänger*innen“ des Badischen Landesmuseums greift ihr Thema zeitgemäß, aber auch zeit- und länderübergreifend auf, schlägt einen Bogen von 1789 über 1848, die Novemberrevolution 1918 bis zur den „Farbenrevolutionen“ und zum „Arabischen Frühling“.

In der Ausstellung wird, nicht wie üblich, Geschichte chronologisch erzählt, sondern thematisch geordnet nach Ursachen, Auslösern, Mechanismen und Folgen von Revolutionen gefragt. Es sind weniger Exponate zusammengestellt worden als gewohnt, dafür aber viele Quellen zugänglich gemacht worden, über Hörstationen, Videos oder Smartphones. Und wer sein eigenes revolutionäres Potential testen will, kann das vor Ort tun: Ein Frage-Parcours spielt an einem Modellfall durch, was passieren muss, damit wir Deutsche auf die Barrikaden gehen.

„Revolutionen kommen überraschend“, schreibt Gero von Randow im Magazin zur Ausstellung. So sei der Streit um die Zusammenlegung der Schlafräume von Studentinnen und Studenten der Auslöser für den Pariser Mai 1968 gewesen. Ein wenig bedeutendes Ereignis bringt die Kugel ins Rollen, fast immer haben charismatische Führungspersönlichkeiten wie Robespierre, Lenin oder Che Guevara die Bewegung angeführt, und oftmals greift die revolutionäre Energie auf die angrenzenden Ländern über, etabliert sich nach dem Umsturz eine neue Ordnung. Auch ein spezieller Dresscode setzt sich durch und Lieder rufen zum Aufstand auf oder feiern die Helden. Diese Parallelen brachten den Direktor des Badischen Landesmuseums Eckart Köhne auf die Idee, einmal anders auf das Phänomen Revolution zu blicken.

Maibaum und Sperrmüll
In gefährlicher Schräglage: Der Thronsessel des badischen Großherzogs auf einer der Barrikaden.
junge Frau vor einer Wand mit Text und Monitor
Revolution in Tunesien: Der Arabische Frühling begann 2011.
Smartphone
Hasta siempre, Comandante! - Der Kubaner Che Guevara gehört zu den charismatischen Revolutionsführern, die in Liedern verherrlicht wurden.

Das Ausstellungszenario hatte zum Ziel, die Besucher_innen, wenn nicht auf, so aber in die unmittelbare Nähe von Barrikaden zu bringen. Die wurden aus den Trümmern der alten Schausammlung „Absolutismus“ aufgebaut und verfehlen ihre Wirkung nicht: 600 Quadratmeter Chaos und Kakophonie. Das Schweizer Ausstellungsdesign-Büro Groenlandbasel und Kurator Oliver Sänger haben ganze Arbeit geleistet.

Das ist eine klare Ansage an die Kultur-Konsumenten: Hier gibt’s nichts holen ohne eigenes Zutun. Die epochenübergreifende Konzeption funktioniert trotz der Unordnung. Flugblätter und Plakate erzählen von Hungersnöten im Vorfeld der Französischen Revolution, ein Katalog mit Luxus-Waren wie Kaffee oder Mon Chérie, konzipiert für den Versand in den Osten, erinnert an die Mangelwirtschaft der DDR, und Aufrufe zur Frauenarbeit in der kriegswichtigen Industrie zeugen von der Zermürbung der Bevölkerung am Ende des Ersten Weltkriegs, die zur Abdankung der Monarchie und dem Aufstand der Soldaten- und Arbeiterräte 1918 führte.

Auch wenn die meisten Dokumente nichts anderes sind als auf den Boden oder den Sperrmüll geklebte Kopien, teilt sich ihre Botschaft und auch die jeweilige Epoche mit, durch Fraktur-Schrift, das ungewohnte Pathos der Aufrufe, die bissigen Karikaturen aus dem 18. Jahrhundert. Original dagegen ist der Thronsessel der badischen Großherzöge, der auf einem der Trümmerberge gelandet ist: Vorne vergoldet, hinten grobe Zimmermannsarbeit. Augenfälliger kann der Umsturz nicht dargestellt werden, noch dazu an einem historischen Ort, dem Karlsruher Schloss, aus dem der badische Landesvater nach Abdankung des deutschen Kaisers Wilhelm II. 1918 floh. Seitdem ist das Landesmuseum dort untergebracht

Aquarell
Revolution in Karlsruhe: 1848 zogen Studenten mit Fackeln vor das Schloss. Heute residiert dort das Badische Landesmuseum.

Manche der auf die zerschlagenen Pressspannplatten geplotteten Zitate versteht aber nur, wer das informative Ausstellungsmagazin studiert hat. Der Vers „Erfasst das Volk der Wille zum Leben / Dann muss sich das Schicksal ergeben“ des tunesischen Dichters Abou El Kacem Chebbi etwa wurde zur Befreiungsformel des arabischen Aufstands, wie der Philosoph Sarhan Dhouib in seinem klugen wie nachdenklichen Beitrag erklärt. Er befand sich in Paris, als sich 2011 in Tunesien der Volksaufstand ankündigte, und beobachtete, wie zögerlich zunächst die französischen und dann erst die deutschen Medien über den politischen Umsturz berichteten.

Ohne Medien keine Revolution: auch das ist ein wichtiger Punkt der Karlsruher Ausstellung. Tweets vom Maidan in Kiew oder vom Tahrir in Kairo erinnern an die Rolle der Sozialen Medien für moderne Revolutionen. Wenn der Umsturz Platz für neue Ideen schafft, kommt was Neues. 1848 etwa erschien die Frauen-Zeitung. Herausgeberin Louise Otto sehnte herbei, was erst sehr viel später Wirklichkeit werden sollte: „Wir wollen unseren Theil fordern, … und wir wollen unseren Theil verdienen.“

Es ist eine neue Zeit angebrochen

In der schummrigen Kulisse sind viele Spuren ausgelegt, die sich mit aktuellen Fragen verknüpfen lassen. Auch wenn sich vielleicht nicht jeder vom Aufruf des Soldaten- und Arbeiterrates beeindrucken lässt, lohnt die Lektüre. Er richtete sich 1918 an die Einwohnerschaft Karlsruhes, nachdem der Großherzog geflohen war und für kurze Zeit die rote Flagge auf dem Karlsruher Schloss im Wind flatterte. „Eine neue Zeit der Freiheit ist angebrochen, lasst uns ihrer würdig sein“, steht da als Intro. Erst dann folgen die revolutionären Forderungen: vollständige Rede- und Pressefreiheit, das Ende alter Hierarchien und des Blutvergießens. Zeigen wir uns eigentlich unserer Freiheit würdig?

Die Kehrseite des heroischen Aufstands ist blutige Gewalt, auch das wird nicht verschwiegen. „Es gibt nur ein Mittel, die mörderischen Todeswehen der alten Gesellschaft, die blutigen Geburtswehen der neue Gesellschaft abzukürzen, zu vereinfachen, zu konzentrieren, nur ein Mittel: den revolutionären Terrorismus“, schrieb Karl Marx. Die neben dem Zitat ausgestellte „Rastatter Guillotine“ jagt einem einen Schauder über den Rücken, nicht nur wegen Marx, ihre Mechanik und Funktionalität ist erschreckend. Die Hinrichtungsapparatur ist ein Original und stammt aus dem 20. Jahrhundert.

Eine Guillotine
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt. Die französische Besatzungsmacht nutzte die Rastatter Guillotine, um die Urteile zu vollstrecken.

Die Ausstellung folgt auf ganzer Linie neusten Museumsstrategien: kein vorgeschriebener Rundgang, Vielstimmigkeit der Meinungen und Postulate, Multimedia-Einsatz, politische Relevanz. So weit, so gut. Was aber hat der Zusatz „Für Anfänger*innen“ im Titel der Ausstellung zu bedeuten? Sicher, die Konzeption richtet sich vor allem an junge Erwachsene, doch bleiben grade Ältere wie angewurzelt vor dem TV-Ausschnitt stehen, wo der Schriftsteller Stefan Heym 1989 den historischen Moment des nahen Endes des SED-Staates beschwört: „Wir haben unsere Sprachlosigkeit verloren, und sind dabei, den aufrechten Gang zu erlernen.“ Was genau könnte das eigentlich heute bedeuten, fast 30 Jahre später?

Revolution als Spiel, diese Idee wirkt angesichts der vielen politischen Umwälzungen unserer globalen Welt erst einmal befremdlich. Aber warum nicht. Soziologen von der Uni Heidelberg haben sich gefragt, worüber die Deutschen sich heute noch so richtig aufregen könnten, und kamen auf ein politisch unverdächtiges fiktives Szenario: den reservierten und dann von jemand anders gekaperten Liegestuhl auf einem Kreuzfahrtschiff. Natürlich sind zu wenige da, was zu Konflikten führt und am Ende womöglich in einer Schlägerei endet.

Bleibt zu hoffen, dass die Teilnehmer_innen des Kartenspiels und zum Schluss stolzen Besitzer eines Revolutionspasses am Ende nicht „Liegestühle für alle“ in den knallroten Proklamator rufen, der auf dem Schloss-Balkon als weiteres interaktives Element aufgestellt ist. Die Revolutionäre vor 100 Jahren hätten eine Anregung. Wie wäre es mit: Eine neue Zeit der Freiheit ist angebrochen, lasst uns ihrer würdig sein.

Bis 11.11.2018 im Badischen Landesmuseum, Karlsruhe

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