Covid-19: Kann Deutschland von China lernen?

Von Kai Kupferschmidt

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Zu sehen ist eine Nahaufnahme einer Gewebeprobe, in der kleine Kügelchen liegen. Dabei handelt es sich um die farblich hervorgehobenen Viren.

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Auf seiner Pressekonferenz Ende Februar sah Iradsch Harirtschi, Irans stellvertretender Gesundheitsminister, alles andere als entspannt aus. Während der Regierungssprecher neben ihm erklärte, die Regierung habe die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus „Sars-CoV-2“ im Griff, wischte Harirtschi sich immer wieder den Schweiß von der Stirn. Am Abend saß er hustend in einer Talkshow. Am Dienstag verkündete er dann in einem Handyvideo, was manche Beobachter bereits vermutet hatten: Harirtschi hatte sich selbst mit dem Virus angesteckt und war an der resultierenden Krankheit Covid-19 erkrankt. „Wir werden das Virus besiegen“, sagte er. Doch das sieht nach einer immer größeren Herausforderung aus. Weltweit.

Tatsächlich treibt der Ausbruch in Iran auch den Gesundheitsexperten in der Ferne den Schweiß auf die Stirn. Der Ausbruch ist offenbar spät entdeckt worden, und nun breitet sich das Virus in einem Land aus, das von zahllosen Pilgern besucht wird, aber von Sanktionen geschwächt und von Ländern mit zerrütteten Gesundheitssystemen umgeben ist. Das Misstrauen gegenüber der eigenen Regierung dürfte die Bekämpfung der Seuche nicht leichter machen.

Alles deutet darauf hin, dass der Ausbruch in Iran weit größer ist, als das Regime bislang zugibt. Etwa jeder fünfzigste bekannte Covid-19-Fall weltweit endete tödlich – in Iran wurden bis zum 2.März aber auf 54 Todesfälle rund 1500 Infektionen statt der eigentlich zu erwartenden 2700 Fälle gemeldet. Das ist ein Anzeichen dafür, dass viele milde Verläufe bislang nicht entdeckt wurden.

Auch die Zahl der exportierten Infektionen deutet auf eine beträchtliche Zahl unentdeckter Fälle hin: Reisende haben das Virus von Iran aus etwa nach Kanada und Bahrein getragen. Forscher haben errechnet, wie groß der Ausbruch sein müsste, um dieses Muster zu sehen, sie schätzen: 23.000 Fälle.

Jeder Brandherd schickt neue Funken aus

Die Situation in Iran ist besonders besorgniserregend, aber sie ist nur ein weiteres Indiz dafür, dass die Epidemie längst in eine neue Phase eingetreten ist. „Es sieht für mich so aus, als ob dieses Virus wirklich aus China entwichen ist und sich nun recht weit verbreitet“, sagt der britische Epidemiologe Christopher Dye. Die Strategie der Weltgesundheitsorganisation war bislang, das Virus in China einzudämmen und sich wie eine Art Virusfeuerwehr zu verhalten: den Brandherd in China bekämpfen und verhindern, dass das Feuer auf andere Länder übergreift. Der erste Teil der Strategie scheint im Moment zu funktionieren: Die Zahl der Infektionen in China sinkt. Doch einige Funken haben anderswo Feuer entfacht. In Iran zum Beispiel, aber auch in Italien, Südkorea, Japan.

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