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Gesundheit im Internet: Siegel keine Garantie für Qualität von Websites

Warum du dich auf Medizin-Seiten mit HON- oder Afgis-Logo nicht automatisch verlassen kannst

5 Minuten
Auf weißem Hintergrund liegt ein hölzerner Gummistempel. Das Textlogo zeigt das Wort Quality.

Bei Gesundheitsinformationen im Netz den Durchblick zu behalten, ist gar nicht so einfach: Die Suchmaschine deiner Wahl spuckt oft nicht als erstes die verlässlichsten Seiten aus. Bei den bekannten Anbietern verlässlicher Gesundheitsinformationen findest du vielleicht nicht das, was du suchst.

Aber vielleicht stößt du auf eine Website mit einem Qualitätssiegel: ein HON- oder Afgis-Logo. Was verbirgt sich hinter diesen Siegeln? Und was sagen sie wirklich über die inhaltliche Qualität von Websites mit Medizin-Inhalten aus?

Im Fußbereich einer Internet-Seite werden unter dem Titel Zertifizierung die Logos von HON und Afgis gezeigt.
Internet-Seiten zum Thema Gesundheit tragen oft Qualitätssiegel von HON oder Afgis. Dazu gehören zwar auch Anbieter verlässlicher Gesundheitsinformationen wie hier die Stiftung Gesundheitswissen. Aber allein aufgrund der Siegel solltest du einer Gesundheitsseite nicht vertrauen. Dafür braucht es noch mehr.

Wer die Siegel vergibt

Die Health on the Net Foundation (HON) ist eine internationale Stiftung mit Sitz in der Schweiz. Im Aktionsforum Gesundheitsinformation (afgis) haben sich verschiedene deutsche Krankenkassen, medizinische und therapeutische Fachgesellschaften und Berufsverbände, Kliniken, Selbsthilfegruppen, Institutionen und Anbieter von Gesundheitsinformationen zusammengeschlossen.

Beide Organisationen verfolgen ein ähnliches Ziel: Sie wollen transparente und verlässliche Gesundheitsinformationen im Netz fördern. Dazu haben sie jeweils Kriterien aufgestellt, zu denen diejenigen, die das Siegel erhalten wollen, Auskünfte geben müssen. Diese werden dann überprüft und die Anbieter erhalten bei Bedarf noch Hinweise, wie sie ihre Website überarbeiten müssen. Danach können sie das jeweilige Logo auf ihrer Website nutzen.

Beide Zertifizierungen sind kostenpflichtig. HON verlangt je nach Status des Anbieters (kommerziell oder nicht-kommerziell) und Reichweite der Website zwischen 50 und knapp 400 Euro. Bei Afgis kostet das Logo je nach Paket zwischen 690 und 990 Euro. Die Zertifikate sind jeweils für ein Jahr gültig und müssen danach erneuert werden. Entsprechend enthalten die Logos auf den Gesundheitswebsites ein Ablaufdatum (bei Afgis) oder das Datum, an dem sie ausgestellt wurden (bei HON).

Ein Klick auf das Logo führt beim HON-Logo zu einer Bestätigungsseite, dass es sich tatsächlich um ein aktives Zertifikat handelt. Auf der HON-Seite findet sich auch eine Suchmaske, mit der du auf HON-zertifizierten Websites gezielt suchen kannst.

Wenn du auf einer zertifizierten Website das Afgis-Logo anklickst, kommst du zu einer Datenbank, in der du die Angaben des Anbieters zu den einzelnen Kriterien nachvollziehen kannst.

Welche Anforderungen erfüllt sein müssen

Bei HON sind acht Prinzipien aufgestellt, Afgis nennt zehn Transparenzkriterien. Die Anforderungen für die Zertifizierung sind bei HON und Afgis relativ ähnlich, unterscheiden sich aber etwas in den Details:

Beide fordern zum Beispiel Angaben zum Anbieter der Gesundheitsinformationen, Kontaktmöglichkeiten und Datenschutz. Zum Teil ist das aber sowieso schon aus rechtlichen Gründen für alle Verantwortlichen von Websites notwendig.

Außerdem sollen die zertifizierten Seiten erklären, an wen sich die Website eigentlich richtet und dass die Informationen nicht als Ersatz für einen Arztbesuch gedacht sind. Es soll deutlich werden, welche Qualifikation die Autor:innen besitzen, aus welchen Quellen die Informationen stammen und wie alt die erstellten Texte sind. Verpflichtend ist es auch, Finanzierung und Sponsoring offenzulegen und Inhalte von Werbung zu trennen.

Das hört sich erst einmal gut an. Zumindest in der Theorie.

Was nicht geprüft wird

Bei der konkreten Umsetzung gibt es aber offenbar ziemlich viel Spielraum.

Beispiel Trennung von Beiträgen und Werbung: Hier heißt es zwar, dass redaktionelle Inhalte und Anzeigen klar abzugrenzen sind. Die Praxis zeigt aber, dass es auch viele Graustufen gibt. Etwa in Form von Advertorials, die zwar am Anfang das Wort „Anzeige“ und am Ende einen kurzen Sponsoren-Hinweis enthalten, aber dennoch das gleiche Layout wie die redaktionellen Beiträge haben.

Das ist für die Erteilung des Afgis-Zertifikats offenbar kein Hindernis. Ebenso wie offensichtliche Widersprüche in den Erklärungen der Anbieter: So etwa auf einer Seite zum Thema diabetisches Auge, die von einem Pharmakonzern betrieben wird, der „zufällig“ auch ein Medikament für diese Erkrankung anbietet. Dort heißt es: „Die Inhalte dieser Webseite basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und sind frei von Werbung oder kommerziellen Anzeigen.“ Direkt darunter werden als Mitglieder der Redaktion Marketing-Mitarbeiter des Pharmakonzerns genannt.

Sehr groß ist offensichtlich auch die Bandbreite an dem, was beim Umgang mit Interessenkonflikten von medizinischen Fachleuten akzeptabel ist. Zwar sind die Regeln auf den ersten Blick scheinbar klar: Bei den HON-Kriterien heißt es explizit, dass Interessenkonflikte aufgeführt werden müssen. Afgis formuliert: „Vertrauenswürdige Anbieter:innen prüfen, ob sich Autor:innen möglicherweise in finanziellen oder wirtschaftlichen Interessenkonflikten befinden und publizieren diesbezügliche Angaben im Grundsatz oder mit jedem einzelnen Beitrag.“

Ein Blick in die Realität ist dann aber etwas ernüchternd: In der Afgis-Datenbank zum Beispiel finden sich einerseits Anbieter, die keine Autor:innen mit Interessenkonflikten akzeptieren. Andererseits aber auch welche, bei denen es lapidar heißt: „Potentielle Interessenkonflikte der Autorinnen/Autoren werden überprüft. Sie schließen eine Autorschaft nicht aus und werden nicht veröffentlicht.“ Transparenz geht anders.

Erstaunlich einfach war es, Websites mit Siegel zu finden, die offensichtliche Kriterien nicht erfüllen. Beispielsweise eine Internet-Seite zu Hashimoto-Thyreoiditis, die zwar ein HON-Siegel trägt, aber auf vielen Unterseiten noch nicht einmal Quellenangaben für ihre teils haarsträubenden Behauptungen aufbietet. Dafür blendet sie aber Werbung ein, über die Interessierte Sets zum Selbermachen des gesundheitsgefährlichen Chlordioxid (MMS) beziehen können, neben Anzeigen für allerlei Nahrungsergänzungsmittel ohne Wirkungsnachweis.

Welche Anforderungen es für Inhalte (nicht) gibt

Solche Erklärungen gehören zu den formalen Kriterien. Wie sieht es aber mit Vorgaben für inhaltliche Qualitätsaspekte aus? Kurze Antwort: Das bleibt oft vage.

Dabei klingt es eigentlich ganz verheißungsvoll: Bei HON heißt es etwa, dass Gesundheitsinformationen objektiv und ausgewogen dargestellt werden sollen und auch Risiken und Nebenwirkungen erwähnt gehören. Afgis fordert etwas allgemeiner sachlich richtige Informationen, die sich an Leitlinien beziehungsweise den Grundsätzen der evidenzbasierten Medizin orientieren, wie sie etwa in der Guten Praxis Gesundheitsinformation (GPGI) niedergelegt sind.

Aber was heißt das genau? Nach den Kriterien der GPGI entsteht Qualität durch den Prozess: Die Anbieter verlässlicher Gesundheitsinformationen brauchen ein Methodenpapier, das wesentliche Schritte beschreibt. Dazu gehören unter anderem eine systematische Literaturrecherche. Es braucht Kriterien für die Bewertung und Auswahl der relevanten Studien. Schließlich müssen Nutzen und Risiken ausgewogen dargestellt und offene Fragen und Unsicherheiten der Studienlage benannt werden. Damit das auch tatsächlich gewährleistet ist, müssen sich die Anbieter Maßnahmen zur Qualitätssicherung überlegen.

Die Anforderungen von HON und Afgis sind dagegen eher schwach: Für HON reichen „angemessene und überlegte Nachweise“, ohne konkreter zu werden. Bei Afgis ist die Hürde für die Einordnung von Quellen ziemlich niedrig: „Handelt es sich um eine persönliche Erfahrung oder um eine wissenschaftliche Studie?“ Als Beispiele für Beschreibungen der Qualitätssicherung nennt Afgis: „Das kann zum Beispiel die Information sein, dass Texte regelmäßig aktualisiert oder von unabhängigen Expert:innen gegengelesen werden, oder auch, dass nur Quellen herangezogen werden, die für jede Person nachvollziehbar sind.“ Nach den Kriterien der GPGI wäre das unzureichend.

Entsprechend wundert es auch nicht, dass die zertifizierten Websites damit sehr unterschiedlich umgehen. Auf einer Seite zu Schwangerschafts- und Baby-Themen heißt es etwa: „Alle […] medizinischen Inhalte beruhen auf wissenschaftlich sicheren Erkenntnissen und spiegeln den wissenschaftlichen Konsens wider.“ Wie das mit den Homöopathie-Empfehlungen in einigen Texten zusammenpasst, darüber schweigt sich der Anbieter aus.

Was das für dich bedeutet

Keine Frage: Dass du nachschauen kannst, wie bestimmte Websites die Kriterien umsetzen, ist ein großer Transparenz-Vorteil. Allerdings ist es nicht ratsam, sich blind auf das vermeintliche Qualitätssiegel zu verlassen. Sinnvoller ist es, sich die Details selbst anzuschauen. Entsprechende Informationen findest du etwa auf Unterseiten wie „Über uns“ oder „Wie wir arbeiten“.

Du solltest dir auch klar darüber sein, dass sowohl HON als auch Afgis im Wesentlichen nur Transparenz-Kriterien prüfen. Ob die Seite tatsächlich inhaltlich verlässliche Gesundheitsinformationen enthält, lässt sich damit aber nicht sicherstellen.

Kurz gesagt: Einige Anbieter von verlässlichen Gesundheitsinformationen haben zwar das HON- und/oder Afgis-Siegel auf ihrer Seite. Aber nicht auf alle Seiten mit diesen Logos kannst du dich wirklich verlassen. Damit bleibt dir leider wieder nur, dich selbst kritisch mit den Angeboten auseinanderzusetzen. Eine Hilfe dafür findest du in unserer Übersicht „Kriterien für verlässliche Gesundheitsinfos“.

Farbcode Rubrik „Gesundheitsinformationen finden“: Kachel in Rot

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Iris Hinneburg

Iris Hinneburg

Als Pharmazeutin und Medizinjournalistin liegen mir gute Gesundheitsinformationen und informierte Entscheidungen besonders am Herzen. Deshalb schreibe ich bei den Riffreportern vor allem für das Online-Magazin „Plan G: Gesundheit verstehen“.


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