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Corona weltweit: Sauerstoffnot in Indonesien, Lockdowns in Australien und Südafrika, Urlaub für Impfpersonal in Island

Aktuelle Berichte zu Pandemie, Covid-19 und Impfungen in Südamerika, den USA, Afrika, Indonesien, Europa und Australien

von
09.07.2021
13 Minuten
Ein junger Mensch im Schutzanzug kniet in der Erde an einem frisch ausgehobenen Grab und trauert.

Auch in Deutschland sterben weiter Menschen an Covid-19, aber die Inzidenzwerte sind so niedrig wie seit vergangenem Sommer nicht mehr. Auf den Landkarten der Corona-Fallzahlen ist Deutschland grün eingezeichnet, die Lage ist ruhiger und viele Menschen genießen dies.

Doch nah und fern schlägt die Delta-Variante zu: Die Mutation des Coronavirus, die zuerst Indien heimgesucht hat, führt nun in Indonesien zu großem Leid und in Australien und Südafrika zu neuen Lockdowns. Spanien wurde wieder zum Risikogebiet eingestuft, während in Großbritannien inmitten einer Vierten Welle nicht nur die Fußball-EM gefeiert wird, sondern ab 19. Juli alle Restriktionen fallen sollen und das Land in ein riesiges Experiment verwandeln.

Journalistinnen und Journalisten von RiffReporter bieten einen Überblick aus allen Teilen der Welt:

Indonesien: Katastrophale Infektionswelle

Von Tina Schott

„Entschuldigung“, postete am 1. Juli das Netzwerk freiwilliger Helfer „Gusdurian“ aus der javanischen Metropole Yogyakarta in den sozialen Medien: Man sei nicht mehr in der Lage, weiteren Corona-Patienten zu helfen, die Gesundheitseinrichtungen der Stadt seien kurz vor dem Zusammenbruch. Die Regierung müsse endlich drastischere Maßnahmen ergreifen. Das Land stehe am Rande einer Katastrophe, warnte am selben Tag auch das Internationale Rote Kreuz. Zwei Nächte später starben allein in Yogyakartas größtem Krankenhaus RS Sardjito 33 Corona-Patienten, weil der medizinische Sauerstoff ausging.

Die zweite Corona-Welle trifft den größten Staat Südostasiens mit voller Wucht. Trotz einer breit angelegten Impfkampagne, bei der vor allem der chinesische Impfstoff Sinovac eingesetzt wird, sind erst fünf Prozent der 270 Millionen Einwohner vollständig geimpft – und die Delta-Variante lässt die Kurve der Neuinfektionen steil nach oben schießen. Experten sind sich einig, dass die offiziellen Zahlen (am 8. Juli: 38.391 Neuinfektionen und 852 Tote an einem Tag, insgesamt 2,4 Millionen Fälle und 63.760 Tote) nur die Spitze des Eisbergs darstellen, da meist nur getestet wird, wer schon mit Symptomen erkrankt ist.

Die Regierung in Jakarta hatte aus Angst vor einer Ausweitung der coronabedingten Wirtschaftskrise lange versucht, einen neuen Lockdown zu umgehen. Doch seit dem 3. Juli gelten nun weitreichende Einschränkungen auf den Hauptinseln Java und Bali: Homeoffice-Pflicht für alle nicht-essentiellen Unternehmen, Gebetshäuser, Shopping Malls, öffentliche Parks und Freizeiteinrichtungen müssen schließen, Restaurants dürfen nur noch außer Haus liefern. Die Schulen, die am 12 Juli nach mehr als einem Jahr endlich wieder öffnen sollten, bleiben weiterhin geschlossen. Für Flug-, Zug- und Schiffsreisen auch innerhalb des Landes gelten strenge Beschränkungen. Und wer aus dem Ausland einreisen will, muss nicht nur zweimal geimpft und getestet sein – sondern zusätzlich mindestens acht Tage in Quarantäne.

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Australien: 12 Millionen Menschen im Lockdown

Von Julica Jungehülsing, Themenmagazin AustralienStories

Alltag in Australien fühlt sich 18 Monate nach Pandemiebeginn an, als sei man in eine Szene aus dem legendären Film “Und täglich grüßt das Murmeltier” gestolpert, dessen Hauptdarsteller in einer Zeitschleife feststeckt. In dem Land wechseln sich in unschöner Regelmäßigkeit eher sorglose Phasen und das Auftreten neuer Ausbruchsherde ab.

Nun stehen wieder Schutzmaßnahmen im Vordergrund. Nachdem die Delta-Variante aus einem der notorisch undichten Quarantäne-Hotels in die Bevölkerung entwischt ist, heißt es nun wieder: Lockdowns, Masken, auch interne Grenzen zwischen den Bundesstaaten dicht – die internationale Grenze zum Rest der Welt ist sowieso zu. Die Zahl der pro Woche erteilten Ausnahmen für Härtefall-Einreisen, etwa für Australierinnen und Australier, die nachhause zurückkehren wollen, wurde halbiert.

Täglich werden seit Ende Juni zwischen 15 und 35 neue Coronafälle registriert. Zum ersten Mal in der Pandemie erreichen diese Infektionen auch das Northern Territory, das bislang kaum von Covid-19 betroffen war. 12 Millionen Menschen – knapp die Hälfte der Bevölkerung – leben Anfang Juli 2021 im Lockdown. Delta hält, was Virologen seit langem über diese Variante versprochen hatten: es verbreitet sich schneller. Nur hat das in Australien zuvor niemand so recht ernst genommen, da es im “No Covid”-Land in vielen Regionen seit über einem Jahr kaum Fälle gab.

Die Impfsituation lässt sich unterdessen nur als Fehlzündung der Regierung beschreiben: Erst neun Prozent der Bevölkerung haben Ende der ersten Juliwoche vollen Impfschutz, knapp 30 Prozent der Bevölkerung eine erste Dosis bekommen. Der Fokus auf AstraZeneca, das zunächst für niemanden unter 60, dann für niemanden unter 50 Jahren empfohlen wurde, dann plötzlich doch wieder für alle Altersgruppen für passend befunden wurde – als die Regierung merkte: gar nicht impfen ist angesichts von Delta vielleicht doch nicht so zielführend – trug nicht dazu bei, die Impffreude der Bevölkerung zu steigern. Der beliebtere Pfizer-Wirkstoff ist nach wie vor knapp. Bis Ende September, so die Regierung, soll sich das ändern.

Ausführlicher Bericht: Wenn No-Covid den Horizont schrumpft

Präsident Biden am Rednerpult, hinter ihm steht der Spruch „We can do this“
Präsident unter Druck: Am 6. Juli rief US-Präsident Joe Biden die US-Amerikaner vehement dazu auf, sich impfen zu lassen und warnte vor den Gefahren der Delta-Variante.

USA: Sorglosigkeit trifft Impf-Müdigkeit

Von Steve Przybilla, Themenmagazin USA-Reporter

Am 4. Juli, dem US-amerikanischen Unabhängigkeitstag, wollte Joe Biden die “Freiheit” vom Coronavirus verkünden. Ganz so ist es am Ende nicht gekommen – die Delta-Variante verbreitet sich auch in den USA. Dennoch zelebrierte der Präsident mit viel Pomp (und erstaunlich vielen maskenlosen Gästen) die Erfolge im Kampf gegen die Pandemie.

Erinnert euch, wo ihr vor einem Jahr wart”, sagte Biden und verwies auf “stille Straßen”, die sich in “Paraden voller Menschen, die amerikanische Flaggen wedeln” verwandelt hätten.

Womit er Recht hat: Viele Bundesstaaten haben ihre Covid-Restriktionen auf ein Minimum heruntergefahren. Bars, Restaurants, Kinos und Sportstätten sind offen. Zudem hatten am 4. Juli bereits 55 Prozent der Bevölkerung ihre erste Impfdosis erhalten.

Fast wirkt es so, als würden die Amerikanerïnnen übermütig. Denn trotz aller Erfolge ist etwa Deutschland bei den Erst-Impfungen inzwischen weiter.

Rochelle Walenskjy, die Leiterin der Seuchenschutzbehörde CDC, warnt angesichts von 600.000 Corona-Toten und der sich ausbreitenden Delta-Variante vor Impf-Zurückhaltung: So gebe es über 1000 Landkreise, in denen weniger als 30 Prozent der Einwohnerïnnen geimpft seien.

Gleichzeitig waren am Feiertagswochenende an den Flughäfen allein 2,2 Millionen Passagiere unterwegs, Millionen reisten zusätzlich per Auto durchs Land. Sorglosigkeit trifft Impfmüdigkeit: Die CDC warnt davor, dass das böse enden könnte.

Kenia: Steigende Infektionszahlen, fehlender Impfstoff

Von Bettina Rühl, Themenmagazin Afrika-Reporter

In Kenia war die beste Nachricht der vergangenen Wochen, dass die dänische Regierung dem Land 358.700 Dosen AstraZeneca gespendet hat, um den Impf-Fortschritt zu beschleunigen. Das ist bitter nötig, denn nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung hat bereits den vollen Impfschutz. Der Grund: Es ist gibt kaum Impfstoff über die Covax-Initiative, was auch in den anderen afrikanischen Ländern gilt.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO beobachtet auf dem gesamten Kontinent einen raschen Anstieg der Infektionen und bezeichnet die Lage als „extrem beunruhigend“. Viele Krankenhäuser sind überfüllt, das Personal über die Grenzen belastet.

In Kenia ist vor allem der Westen des Landes betroffen, der an Uganda grenzt. In beiden Regionen verbreitet sich die hoch ansteckende Delta-Variante schnell. Im Westen Kenias haben politische Großveranstaltungen die Verbreitung des Virus besonders gefördert. Sie wurden im Mai abgehalten, als Mediziner schon vor der schnellen Ausbreitung der Delta-Variante warnten – und von Großveranstaltungen dringend abrieten. Kenia ist – noch? – nicht wieder im Lockdown, aber die nächtliche Ausgangssperre gilt weiterhin, in den Krisenregionen im Westen noch früher, als im Rest des Landes. Von Reisen in und aus diesen Regionen rät die Regierung dringend ab.

Ausführlicher Bericht: Steigende Corona-Zahlen auf dem afrikanischen Kontinent

Krankenschwester verabreicht einer schwarzen Frau eine Impfung
Eine Krankenschwester gibt am 9. Juli einer Frau im Mbagathi Hospital in Nairobi eine Impfung mit einem AstraZeneca-Impfmittel, das Dänemark bereitgestellt hat.

Südafrika: Zurück im Lockdown

Von Leonie March, Themenmagazin Afrika-Reporter

Auch Südafrika ist zurück im Lockdown – die nächtliche Ausgangssperre ist wieder verlängert worden, der Alkoholverkauf wurde erneut verboten, um die Notaufnahmen der Krankenhäuser zu entlasten. Die Provinz Gauteng, das wirtschaftlichen Zentrum des Landes und Epizentrum der dritten Welle, dürfen Bürger nur aus beruflichen oder dringenden familiären Gründen verlassen. Soziale Zusammenkünfte sind verboten, zu Beerdigungen sind maximal 50 Trauernde zugelassen.

Der Grund für die erneute Einschränkung der Bewegungsfreiheit ist die massive dritte Infektionswelle, in der mittlerweile die Delta-Variante dominiert. Die Zahl der neuen Infektionen übersteigt jene der ersten und zweiten Welle. In einem schwierigen Balanceakt versucht die Regierung, weitere wirtschaftliche Schäden abzuwenden und gleichzeitig der Pandemie Einhalt zu gebieten.

Das Impfprogramm nimmt zwar mittlerweile etwas mehr Fahrt auf, aber noch sind nur knapp vier Millionen Südafrikaner und Südafrikanerinnen geimpft, bei einer Bevölkerung von rund 58 Millionen. Geimpft wird nach Alter und Berufsgruppen, nach medizinischem Personal wurden beispielsweise auch Lehrer geimpft, nach den Über-60-Jährigen derzeit die Über-50-Jährigen.

Weitere Impfdosen sollen in den kommenden Wochen und Monaten nach und nach eintreffen. Angesichts der Lieferengpässe, unter denen der gesamte afrikanische Kontinent leidet, geht die Regierung derzeit davon aus, dass die Impfung aller Erwachsenen erst im März 2022 abgeschlossen sein wird. Keine guten Aussichten am Kap der guten Hoffnung.

Ausführlicher Bericht: Südafrika – dritte Infektionswelle, mangelnde Impfstoffe

Brasilien: Bolsonaro wegen Korruption unter Druck

Von Ulrike Prinz, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

Seit Wochen demonstrieren Zehntausende von Brasilianierїnnen in mehreren Städten und vor dem Kongress. Sie sind wütend. Über 525.000 Tote hat die chaotische Corona-Politik von Jaír Bolsonaro bisher im Land gefordert. Dazu kam nun der Skandal: Beamte des Gesundheitsministeriums hatten offenbar Bestechungsgelder von Impfstoffhändlern abkassiert. Seit dem 2. Juli wird auch gegen eine mögliche Verwicklungen des Präsidenten Jaír Bolsonaro ermittelt.

Es geht um einen Deal mit der indischen Firma Bharat Biotech über den Kauf von 20 Millionen Dosen des Impfstoffs Covaxin. Dieser wurde mit einem dubiosen lokalen Zwischenhändler abgemacht und überstieg mit 15 Dollar pro Dosis die normalen Preise. Darüber hinaus war der Impfstoff zu dem Zeitpunkt weder genehmigt noch waren die klinischen Studien abgeschlossen. Der Vertrag weist einige Unregelmäßigkeiten auf.

Die Demonstrationswellen und das Impfkomplott könnten dem Präsidenten gefährlich werden und machen ein Amtsenthebungsverfahren gegen ihn wahrscheinlicher. Trotz der wachsenden Rufe nach einem Impeachment halten Experten dies jedoch für unwahrscheinlich. Denn obgleich Bolsonaros Umfragewerte sinken, verfügt er immer noch über eine solide Basis im Kongress und genießt die Unterstützung von Arthur Lira, dem Präsidenten des Unterhauses, der einem Amtsenthebungsverfahren zustimmen müsste.

Peru: Trauriger Spitzenreiter dank berichtigter Zahlen

Von Hildegard Willer, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

Dass Peru schonungslos offenlegt, mit 5799 Covid-Toten auf 1 Million Einwohner der weltweit unangefochtene Spitzenreiter im weltweiten Ranking ist, hat das Land einer Handvoll Computer-Spezialisten und Epidemiologen zu verdanken. Die hatten seit Ausbruch der Pandemie vor allem auf Twitter ihre alternativen Infektions- und Todeszahlen unter dem Namen “Open Covid” veröffentlicht. Bis die peruanische Regierung die Computer-Spezialisten in eine offizielle Arbeitsgruppe berief und sie beauftragte, die Corona-Statistik richtigzustellen.

Am 30. Mai lag der Bericht vor und wurde zum Schock: Dreimal mehr Corona-Tote, als das Gesundheitsministerium bis anhin verzeichnet hatte. Die von “Open Covid” verwendeten Zählkriterien sollen nun sogar von der WHO übernommen werden. Mindestens solange andere Länder nicht dem Beispiel Perus folgen und ihre Coronazahlen richtigstellen, wird Peru weiterhin trauriger Spitzenreiter bleiben.

Dabei ist die dritte Corona-Welle in Peru praktisch abgeflaut. Schon warnt der Gesundheitsminister vor der vierten Welle. Dagegen wird nun angeimpft, und zwar für peruanische Verhältnisse erstaunlich schnell und effizient. Bis Oktober sollen 65 Prozent der Bevölkerung geimpft sein, so der Gesundheitsminister. Dazu tragen auch die zwei Millionen Impfdosen bei, welche die USA Peru spendiert hat. Nun ist nur zu hoffen, dass die Politik der erfolgreichen Impfaktion keinen Strich durch die Rechnung macht. Am 28. Juli wird eine neue Regierung ihr Amt aufnehmen und erfahrungsgemäß werden bei Regierungswechseln in Lateinamerika auch viele öffentliche Angestellte ausgewechselt.

Island: Sommerurlaub für Impfpersonal

Von Tina Gotthardt, Reykjavik

Schon seit Mitternacht des 18.Juni gibt es keine Restriktionen mehr in Island, Masken müssen nirgendwo mehr getragen werden, es gibt keine Besucherobergrenze für Veranstaltungen und keinen erforderlichen Mindestabstand in geschlossenen Räumen. Covid-19 macht Urlaub. Seit Ende der Beschränkungen sind in Island nur 10 neue Fälle gemeldet worden (14-Tage Inzidenz 2,7, Stand aller Daten: 9.07.2021).

Wer nicht voll geimpft ist, wird bei Einreise an der Grenze getestet und nach fünf Tagen Quarantäne ein zweites Mal, bevor er oder sie sich frei bewegen kann. Es gibt kaum einen Tag, an dem kein positiver Covid-19-Fall an der Grenze festgestellt wird, die 14-Tage Inzidenz liegt hier bei 7,9. Vollständig geimpfte Einreisende müssen allerdings seit dem 1. Juli nicht länger einen Test machen, nicht zuletzt um den Personalaufwand zum Testen an der Grenze bei den stetig steigenden Tourismuszahlen gering zu halten.

Island macht nun eine Sommerpause beim Impfen: Allen Einwohnern über 16 Jahren wurde ein Impfstoff angeboten. Bis Mitte Juli werden noch die zweiten Dosen geimpft, danach ist Schluss mit Impfen bis Ende August. Das Impfpersonal bekommt Sommerurlaub. Dieser ist wahrlich verdient, denn seit Anfang des Jahres wurden 451.936 Impfdosen verabreicht, rund 70 Prozent der Gesamtbevölkerung gelten nun mit zwei Wochen Abstand zur zweiten Dosis als vollständig geimpft.

Pfizer/BioNTech hat den größten Anteil an Islands Impfstoffen, aber auch AstraZeneca, Janssen und Moderna wurden verimpft. Die Bevölkerung konnte dabei keinen Impfstoff wählen. Für den Großteil war es reiner Zufall, was geimpft wurde, vornehmlich abhängig von den Lieferungen, die Island erhalten hat. Wer in Island bis jetzt noch keine Impfung bekommen hat, hat seinen Impfstoff abgelehnt oder war verhindert – und muss nun bis zum Herbst warten.

In einer Fußgängerzone sitzen Menschen dicht an dicht an Tischen und dahinter stehen Menschentrauben beim gemeinsamen Public Viewing der EM
Entspannte Stimmung: Schweizer Fußballbegeisterte schauen gemeinsam das Spiel der Nationalmannschaft gegen Spanien – wird der wahre Sieger die Delta-Variante sein?

Schweiz: Gespannte Urlaubsruhe

Von Markus Hofmann, Zürich

Die Schweiz ist ein kleines Binnenland mit einer überdurchschnittlich wohlhabenden Bevölkerung. Zwei Umstände, die die Schweizerinnen und Schweizer zu Reisenden machen. Jährliche Urlaubsreisen ans Meer und in ferne Länder sind für viele ein Bedürfnis, das sie sich etwas kosten lassen. Doch wie im vergangenen Sommer steht auch dieses Jahr Corona im Weg der Reisepläne. Zwar sind nun 38 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft und verfügen über ein amtliches Impfzertifikat. Doch wird dieses auch am Ferienort akzeptiert? Oder braucht es doch noch einen Covid-Test? Muss man gar in Quarantäne? Diese Fragen treiben zu Ferienbeginn viele um.

Auch wenn die epidemiologische Lage eigentlich erfreulich ist, bereitet ein erneuter Anstieg der Infektionszahlen Sorgen. Nachdem der Trend wochenlang nach unten zeigte, hat er die Richtung vor ein paar Tagen wieder geändert. Möglicherweise macht sich wie in anderen Ländern auch in der Schweiz die Delta-Variante des Corona-Virus bemerkbar. Inzwischen sind etliche Corona-Massnahmen aufgehoben oder gelockert worden. Es herrscht eine Stimmung, als wäre das Schlimmste überstanden. In der Folge hat die Bereitschaft, sich zu impfen, etwas abgenommen. Fachleute warnen deshalb davor, dass es bereits im Sommer zu einer neuen Welle kommen könnte.

Auch politisch hat sich die Bevölkerung mit der Bewältigung der Pandemie beschäftigt. Es stimmte über das Covid-19-Gesetz ab, das wichtige Fragen dieser Ausnahmesituation regelt. Eine kleine Gruppe, die der Ansicht war, dass die Regierung die Grundrechte zu stark einschränke, wehrte sich dagegen. In der Schweiz genügen 50.000 Unterschriften, um ein Bundesgesetz an die Urne zu bringen. Das Referendum wurde abgelehnt, doch die Gegner erhielten die Unterstützung von immerhin 40 Prozent der Stimmbevölkerung. Und sie lassen sich nicht unterkriegen: Sie wollen nochmals über das Gesetz abstimmen lassen. In den nächsten Tagen wird sich entscheiden, ob sie die dafür nötigen Unterschriften zusammenbringen.

Österreich: Lockerungen zu locker?

Von Sonja Bettel, Themenmagazin Flussreporter

In Österreich sind die Corona-Infektionen in den vergangenen Wochen rapide gesunken, die 7 Tages-Inzidenz lag kürzlich schon bei 7,7. Am 1. Juli 2021 erfolgten deshalb zahlreiche Lockerungen der Einschränkungen. So darf die Nachtgastronomie wieder öffnen, was vor allem junge Menschen freut, in Restaurants darf man mit dem 3G-Nachweis (geimpft, getestet oder genesen) mit unbedecktem Gesicht gehen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, bei Behörden oder in Supermärkten muss nur mehr ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden statt einer FFP2-Maske.

Am 22. Juli sollen auch Kapazitätsbeschränkungen für die Gastronomie fallen. Obwohl bereits mehr als fünf Millionen Menschen in Österreich (Einwohnerzahl mehr als 8,9 Millionen) mindestens einmal geimpft sind, steigt die 7 Tages-Inzidenz jetzt aber wieder leicht, was vermutlich auf die Delta-Virus-Variante zurückzuführen ist und darauf, dass die Bevölkerung angesichts der Lockerungen die Pandemie zu locker nimmt. Um eine Welle im Herbst zu vermeiden, setzt man jetzt auf Impfung ohne Voranmeldung, auch an öffentlichen Orten, an denen Menschen ihre Freizeit verbringen, was gut angenommen wird.

Frankreich: Moment der Entspannung, Moment der Wahrheit

Von Katja Trippel

“Der Kirschbaumgarten” hieß das Eröffnungsstück des Theaterfestivals von Avignon im Hof des Papstpalasts, Isabelle Huppert spielt die Hauptrolle, nur ein paar Kilometer weiter strampelten die Radler der Tour de France gleich zwei Mal den Mont Ventoux hinauf, beklatscht von euphorischen Fans. In den Dörfern finden wieder Feste und Flohmärkte statt, in Cannes läuft das Filmfestival: Diese Woche wirkte in Frankreich alles wie vor Corona – auch wenn es diesmal, im Gegensatz zu “normalen Jahren”, in Avignon und Cannes noch freie Unterkünfte gibt, und die Menschen auf der Straße noch Masken tragen. Im Rest des Landes darf man sie im Freien nach Monaten wieder abnehmen, worüber sich viele Menschen freuen.

Frankreich will den Sommer genießen, zusammen mit ersten Touristen, die nach gefühlt ewiger Abwesenheit wieder auf Märkten, an Stränden und in Museen auftauchen und Hotels und Campingplätze bevölkern. Damit es auch gut weiterläuft, drängt die Regierung offensiv über die Medien zum Impfen. Die 38 Prozent, die inzwischen vollen Impfschutz haben, sind ihr zu wenig, weshalb man nun sogar am Ferienort halbwegs spontan Termine ausmachen darf – und auch bekommt.

Für Menschen in Pflegeberufen steht eine Impfpflicht im Raum. Denn klar, auch in Frankreich erreicht Delta, je nach Region, bereits über 50 Prozent, die Infektionszahlen steigen wieder an, Expertïnnen fürchten bereits eine vierte Welle samt einem vierten “confinement”. „Wir befinden uns in einem Moment der Wahrheit” zitiert der “Figaro” einen Regierungsberater. “Wir müssen die Menschen dazu bringen, sich ihrer Verantwortung zu stellen.“

Spanien: Die “Fiesta-Variante” grassiert

Von Ulrike Prinz, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

Auf der europäischen Corona-Landkarte leuchtet Spanien im Gegensatz zum grünen Deutschland mit seinen niedrigen Inzidenzen nun wieder in den Warnfarben orange, rot und lila.

Ein starker Anstieg der Fallzahlen versetzt das Land in Unruhe. Anfang Juli verkündete der der spanische Epidemiologie Fernando Simón die schlechten Nachrichten. Die 14-Tage-Inzidenz war über das erste Wochenende des Monats um 51 Punkte auf 204 Fälle pro 100.000 Einwohner geklettert. Besonders hart betroffen sind mit 640 Fällen die Jugendlichen – die Gruppe, die noch am wenigsten geimpft ist. Hier kletterte die Inzidenz um 96 Punkte auf 814 Fällen pro 100.000 Einwohner. Seither hat sich die Lage dramatisch zugespitzt, das deutsche Robert-Koch-Institut sprach neue Reisewarnungen für das ganze Land aus. Am 7. und 8. Juli wurden je mehr als 17.000 neue Fälle registriert.

Die heftigen Ausbrüche werden auf die „Fiesta-Variante“ zurückgeführt. Auf der Partymeile Mallorca steckten sich um die 2000 Studenten an. Doch auch britische Urlauber gelten aus Mitverursacher der aktuellen Krise, weshalb Spanien auch in seiner Politik gegenüber Großbritannien zurückrudern musste. War das Land trotz grassierender Delta-Variante zunächst auf der grünen Liste der Einreiseländer gestanden, so müssen von nun an auch die Briten einen negativen Test bei der Einreise vorweisen.

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