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Corona weltweit: Arme Länder hungern nach Impfstoff, in den reichen Ländern stocken die Kampagnen

Aktuelle Berichte zu Pandemie, Covid-19 und Impfungen in Südamerika, den USA, Afrika, Indonesien, Europa und Australien

10.08.2021
14 Minuten
lange Schlange von Männern in einem Hinterhof vor dem Impfzentrum

Der Slogan der Vereinten Nationen, dass kein Mensch vor der Coronapandemie sicher sei, bevor nicht alle Menschen sicher seien, hat in diesen Wochen eine bittere Note. Denn dort, wo es reichlich Impfstoff gibt – in den reichen Industrienationen der Welt – lehnen viele Menschen es ab, den Schutz vor Covid-19 verabreicht zu bekommen oder zögern dabei. Länder wie die USA, Deutschland und die Schweiz versuchen verzweifelt, die Impfskepsis auszuräumen.

Die Menschen in vielen ärmeren Ländern – von Bangladesch (Bild) über Indonesien und Kenia bis Kolumbien – lechzen dagegen nach mehr Impfstoff. Von einem „Hunger“ nach dem Vakzin spricht ein südafrikanischer Mediziner. Da zählt es zu den Lichtblicken, dass in Südafrika nun eine eigene Fabrik für mRNA-Impfstoffe gebaut wird.

Zwischen 8000 und 10.000 Menschen sterben derzeit weltweit jeden Tag an Covid-19. Schon seit Mitte Juni steigt die Zahl der Infektionen wieder an. Insgesamt wurden inzwischen knapp 204 Millionen Fälle registriert. Mindestens 4,3 Millionen Menschen sind an Sars-CoV-2 gestorben. Weltweit sind inzwischen 4,47 Milliarden Dosen Impfstoff verabreicht – zum Schutz für alle ist es noch ein weiter Weg.

Wie sich die Pandemie entwickelt, berichten Journalistinnen und Journalisten von RiffReporter aus allen Teilen der Welt:

USA: Sorglosigkeit trifft Impf-Müdigkeit

Von Steve Przybilla, Themenmagazin USA-Reporter

Anfang August platzte Phil Murphy, dem Gouverneur des US-Bundesstaats New Jersey, der Kragen: "Ihr habt den Verstand verloren”, rief er in Richtung von Demonstrierenden, die gegen Corona-Impfungen protestierten. “Ultimative Dummköpfe” seien das, empörte sich Demokrat. “Euretwegen verlieren andere ihr Leben.”

Der Grund für die verschärfte Rhetorik liegt in den stark gestiegenen Covid-Fallzahlen in den USA. Zuletzt infizierten sich jeden Tag über 110.000 Personen mit dem Virus – zehnmal mehr als noch im Juni. Bemerkenswert ist diese Entwicklung vor allem deshalb, weil die USA mit einer rigorosen Impf-Kampagne ins Jahr gestartet waren. In Deutschland hatte man lange neidisch über den Atlantik geschaut.

Doch nun sind die Impfungen ins Stocken geraten. Die Hälfte der Bevölkerung ist komplett geimpft; der Rest zögert oder lehnt das Vakzin ab. In Florida und Texas droht mancherorts schon wieder eine Überlastung der Intensivstationen. Die dortigen Gouverneure – beide Republikaner – hatten sich wiederholt gegen eine Maskenpflicht ausgesprochen und entsprechende Verfügungen erlassen.

So geht es derzeit hin und her: Die Republikaner wettern gegen “drakonische Kontrollen”, die Demokraten warnen vor einer Eskalation der Lage. “Nutzen Sie Ihre Macht, um Leben zu retten”, appellierte US-Präsident Joe Biden kürzlich an widerspenstige Gouverneurinnen und Gouverneure. Die reagierten prompt und sprachen von individuellen Freiheiten – keine guten Aussichten für die weitere Pandemie-Bekämpfung.

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Indonesien: Corona-Armut auf Bali, Notstand auf dem Land

Von Christina Schott

Hunderte Balinesen stehen im Strandort Kuta täglich für Gratis-Essenspakete an. Wer heute bei der Spendenaktion eines Motorrad-Clubs keinen Reis mehr ergattern konnte, wartet morgen vor der umfunktionierten „Twice Bar“, wo die populäre Band „Superman is Dead“ regelmäßig Essenspenden an die Bevölkerung verteilt. Vor Corona haben sich hier Surfer aus aller Welt gedrängelt, es wurde viel gefeiert, getanzt und getrunken. Doch seitdem wegen Corona keine ausländischen Besucher mehr nach Indonesien einreisen dürfen, liegt der Tourismus auf Bali brach – viele mittelständische Familien rutschen in die Armut ab. Das gilt auch für anderen Provinzen, aber die beliebte Ferieninsel hat die Pandemie wirtschaftlich besonders hart getroffen.

Seit rund zwei Monaten wütet die von der Delta-Variante verursachte zweite Welle im größten Archipel der Welt, viele Krankenhäuser in den Ballungszentren auf den Hauptinseln Java und Bali sind komplett überlastet, immer wieder gibt es zu wenig medizinischen Sauerstoff, um alle Patienten zu versorgen. Erst acht Prozent der Bevölkerung sind bisher vollständig geimpft, die meisten mit dem chinesischen Vakzin Sinovac, das sich gegen die Delta-Variante als nicht sehr effektiv erwiesen hat.

Die Regierung hatte daher Anfang Juni einen strengen Teil-Lockdown für die beiden Inseln verhängt, der mittlerweile auch für Sumatra und Papua gilt und gerade bis zum 16. August verlängert wurde. Immerhin sind die täglichen Neuinfektionen mittlerweile von mehr als 50.000 Mitte Juli auf 20.000 am Tag zurückgegangen. Einige Maßnahmen wurden daher schon wieder gelockert, Gebetsstätten und Restaurants etwa dürfen wieder mit 25 Prozent ihrer Kapazität operieren, traditionelle Märkte dürfen öffnen.

Gesundheitsexperten blicken allerdings weiterhin besorgt auf die Entwicklung, weil sich die Welle jetzt von den Hauptinseln in die abgelegeneren Provinzen ausbreitet, die von der ersten Welle in 2020 weitestgehend verschont blieben. Dort ist die medizinische Versorgung oft so schlecht, dass schon niedrige Infektionszahlen sehr hohe Todesraten mit sich bringen könnten. Bis zum 10. August wurden in Indonesien offiziell 3.718.821 Infektionen und 110.619 Corona-Tote registriert – Zahlen die weit unter den tatsächlichen Infektionsraten liegen dürften, da längst nicht alle Fälle getestet werden.

Menschen in kompletter medizinischer Schutzkleidung und Atemmasken tragen einen Sarg.
Die indonesische Insel Bali ist von der Pandemie schwer getroffen – wegen der vielen Kranken und Toten, aber auch wegen ausbleibender Tourismuseinkünfte.

Mexiko: Alarmstufe Rot nicht nur in der Hauptstadt

Von Wolf-Dieter Vogel, Mexiko-Stadt

Mexikos Regierung bleibt einer freizügigen Linie treu, die sie seit Beginn der Coronakrise verfolgt hat: Wer in das Land einreisen will, braucht keinen negativen Test und keine Impfbestätigung. Auch Quarantänemaßnahmen sind nicht vorgesehen. Das verwundert, denn die Lage spitzt sich erneut zu. Bis Mitte Mai nahmen die Infektionen und die Todesfälle kontinuierlich ab, doch seither steigt die Kurve wieder ständig weiter an. Mittlerweile stecken sich so viele Personen an wie im Januar, als die Ausbreitung des Virus seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte. Vergangene Woche starben nach offiziellen Angaben täglich 600 Menschen. Tatsächlich dürften es mindestens ein Viertel mehr sein, denn die Dunkelziffer liegt hoch.

Nach dem Durchatmen sind die Krankenhäuser nun also erneut überfüllt. In Mexiko-Stadt und mehreren weiteren Regionen herrscht Alarmstufe Rot, weil die Infektionszahlen hoch sind und eine Gesundheitsversorgung nicht garantiert ist. Dennoch werde das wirtschaftliche Leben uneingeschränkt weitergehen, betonte Bürgermeisterin Claudia Sheinbaum. Auch sie hatte wohl nicht mit dieser Verschärfung gerechnet.

Schließlich hatte die Bundesregierung große Anstrengungen unternommen, um die Bevölkerung zu impfen. Ob in abgelegenen Dörfern, kleinstädtischen Mittelstandsvierteln oder armen Barrios der Metropolen, überall erhielten Bürgerinnen und Bürger den Schutz durch die Vakzine. Ein Fünftel der Bevölkerung wurde bereits zweimal geimpft. Doch das sind offenbar zu wenig. Dem Land steht noch ein langer Kampf bevor, bis das Virus besiegt ist.

Brasilien: DJs am Strand und Ermittlungen gegen Bolsonaro

Von Ulrike Prinz, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

DJs am Strand, kulturelle Veranstaltungen und Fußballspiele: Trotz Warnung der Spezialisten befindet sich Brasilien schon im Entspannungsmodus. Das Land registriert die geringste Sterberate durch Covid in sieben Monaten. Ab 17. August sollen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gelockert werden obwohl die Delta-Variante die 7-Tage-Inzidenz bei 116 Neuinfektionen hält und in der Hauptstadt São Paulo durchschnittlich noch 250 Menschen pro Tag an einer Corona-Infektion sterben. Vollständig geimpft sind kaum 20 Prozent der Bevölkerung.

Seit Mai protestieren Tausende von Brasilianerїnnen gegen Bolsonaros verheerende Corona-, gegen seine Umwelt- und Indigenen-Politik. Allein am 31. August waren zehntausende Brasilianerїnnen für eine Amtsenthebung Bolsonaros auf der Straße. Nachdem der Präsident in den letzten Monaten deutlich an Boden verloren hatte, will er durch Angriffe auf das elektronische Wahlsystem einer eventuellen Wahlschlappe im nächsten Jahr zuvorkommen. Die Forderung Bolsonaros nach Wahlzetteln öffneten der Abschaffung des Wahlgeheimnisses Tür und Tor.

Der Oberste Wahlgerichtshof ermittelt gegen Bolsonaro wegen des Verdachts auf Missbrauchs wirtschaftlicher Macht, Korruption oder Betrugs, Missbrauch der Medien und vorgezogener Wahlpropaganda. Diese Untersuchungen sollen in das bereits laufende Fake-News-Verfahren eingegliedert werden.

Kolumbien: Mit Delta mitten im Wahlkampf

Von Katharina Wojczenko, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

Eine einzelne Person soll die Delta-Variante im Juli von einer Reise in die USA mit nach Kolumbien gebracht haben – als ob das Land mit mittlerweile fast 123.000 Toten bei 51 Millionen Einwohnerïnnen nicht schon genug Probleme hätte. Hinzu kommen eine massive Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, 30 Millionen Arme und seit über drei Monaten Proteste. Sonst hat das Land der Alltag wieder, inklusive Mundschutz.

2022 sind Präsidentschaftswahlen. Der Wahlkampf hat längst begonnen. Präsidentschafts-Kandidat und Senator Gustavo Petro (Colombia Humana) hat sich zu einer ungeschickten Formulierung hinreißen lassen: Auf Twitter verkündete er, dass “die Impfungen gegen Delta nicht nützen, nach ersten Untersuchungen”. Worauf der Nachrichtendienst den Tweet als betrügerisch blockierte. Petro erklärte zwar, dass er gemeint hatte, dass Impfungen eine Ansteckung nicht ausschließen (was sich mit gutem Willen aus dem Rest-Tweet hätte entnehmen lassen), und schob einen Artikel der New York Times nach. Zu spät.

Präsident Iván Duque rief umgehend dazu auf, “kein Chaos zu säen”. Der Hashtag #LasVacunasSíProtegen (Doch, Impfungen schützen) schnellte nach oben. Erst 13,1 Millionen Kolumbianerïnnen sind komplett geimpft (Stand: 6.8.2021). Impfungen stehen mittlerweile allen über 20 Jahren offen. Viele Regionen sind aber schwer zu erreichen und haben keine Krankenversorgung. In Barranquilla soll ein dubioser Priester in seiner Radio-Sendung verkünden, dass die einzige Immunisierung von Gott kommt. Ansonsten gelten Impfungen in Kolumbien allgemein eher als Segen und sind gratis.

Auch Kandidat Gustavo Petro hat sich schon zum zweiten Mal impfen lassen. Das gepostete Foto mit nacktem Oberkörper im Putin-Stil samt Impfaufruf provozierte bei den kreativen Kolumbianerïnnen weniger Bewunderung als eine Meme-Flut.

Australien: Jetzt 16 Millionen Menschen im Lockdown

Von Julica Jungehülsing, Themenmagazin AustralienStories

16 der 25 Millionen Australierïnnen leben in diesen Tagen wieder in Lockdowns diverser Schärfestufen: Sydney, die Central Coast, Brisbane und Queenslands Südosten, ganz Victoria, die Weinregion im Hunter Valley, das ländliche Armidale. Nachdem die Delta-Variante im Juni über einen Limousinen-Fahrer (ja, wir kennen unsere Fälle hier sozusagen persönlich) von Sydneys Flughafen in den Strandvorort Bondi gereist ist, geriet die zuvor relativ “heile ‘No-Covid’ Welt” in Unordnung.

Wovor Epidemiologen seit Monaten gewarnt hatten, trat wenig überraschend ein: Die hoch ansteckende Virus-Variante hatte in der nicht immunen Herde auf dem Südhalbkugelkontinent leichtes Spiel. Nur 4,7 Prozent der Einwohnerïnnen waren zu dem Zeitpunkt geimpft. ‘Zero Covid’ ist Schnee von gestern. Die Zahlen steigen, Sydney meldet täglich zwischen 250 und 300 neue Fälle, bestenfalls die Stimmung tendiert im Pandemiemonat 19 gegen Null.

Immerhin konnte sich der konservative Regierungschef Scott Morrison Ende Juli zu einer Entschuldigung durchringen: Ja, das mit dem Impfen sei bisher nicht so gut gelaufen. Er hatte schlicht zu wenig Vakzine gekauft. Und angesichts der Distanz zum Drama im Rest der Welt und der weitgehenden Isolation – die Grenzen sind nach wie vor dicht – war auch in der Bevölkerung keine sonderliche Lust zur Nadel aufgekommen.

Zumal der Pflingstkirchler im Chefsessel seinen Landsleuten immer wieder predigte “This is not a race” – das ist ja kein Wettrennen, lasst euch Zeit! Bis es dann doch ein Rennen wurde: um Impfstoff, gegen Delta, und neuerdings Richtung Lockdown-Ende. 17,5 Prozent der Australierïnnen sind derzeit geimpft. Bei 70 oder 80 Prozent – das Ziel wird ständig neu definiert – sollen sie aufatmen dürfen. Unterdessen bettelt Morrison – unterrichteten Kreisen und dem “The Australian” zufolge – bei den USA um übrige BioNTech/Pfizer-Impfdosen. Ausgang ungewiss. Sydneys Lockdown soll mindestens bis Ende August dauern, Verlängerung wahrscheinlich.

Eine junge Frau schaut hoffnungsvoll drein, während sie geimpft wird
Am 8. August konnten sich in Tunesien alle Impfwilligen impfen lassen – darunter war auch diese junge Frau in Tunis.

Tunesien: Massenimpfung für Herdenimmunität im Herbst

Von Sarah Mersch, Themenmagazin Afrika-Reporter

Während in Tunesien die dramatische vierte Welle langsam zurückgeht, nimmt die Impfkampagne endlich Fahrt auf. Am 8.August waren alle Tunesierïnnen über 40 Jahre zu einem offenen Impftag aufgerufen. Registriert oder nicht, wer wollte bekam seine Erstimpfung mit dem Impfstoff von AstraZeneca. Der Transport zu den mehr als 300 Impfzentren war kostenlos, die Stimmung gut. Mehr als eine Million Impfdosen standen zur Verfügung. Auch wenn letztendlich nur rund 550 000 davon verimpft wurden, gilt die Aktion als Erfolg, zumal auch die Organisation besser war als vor einem ersten offenen Impftag Ende Juli. Die Aktion soll demnächst für jüngere Altersgruppen wiederholt werden.

Tunesien hat rund 3 Millionen Dosen des Impfstoffs von Biontech/Pfizer bestellt, die bis Ende September geliefert werden sollen. Zusätzlich erhielt es neben wenigen Dosen aus der Covax-Initiative in den vergangenen Wochen angesichts der in die Höhe schnellenden Zahlen mehrere Millionen Dosen Astra Zeneca, Johnson & Johnson, Sinovac und Sinopharm – meistens aus Ländern der EU und des arabischen Golfs, die inzwischen hauptsächlich mRNA-Impfstoffe nutzen.

Dies ermöglichte nun, das Impftempo zu beschleunigen. Nach anfänglicher Skepsis nehmen viele Tunesierïnnen inzwischen jeden Impfstoff an. Der Leiter der nationalen Impfkommission und des Institut Pasteur von Tunis, Hechmi Louzir, erwartet, dass bis Mitte Oktober die Hälfte der Bevölkerung geimpft sei. Angesichts der hohen Durchseuchungsrate seien dann rund 80 Prozent der knapp 12 Millionen Tunesierïnnen immun.

Kenia: Behandlung gegen Bargeld, Tote in den Dörfern

Von Bettina Rühl, Themenmagazin Afrika-Reporter

Auch in Kenia steigt die Zahl der positiven Covid-19-Fälle rapide an. Da weiter vergleichsweise wenig getestet wird, sagt die reine Zahl der positiven Ergebnisse wenig aus. Informativer ist deren Prozentsatz: er lag am Samstag bei knapp 15 Prozent. Damit wurden in Kenia – Stand 7. August – insgesamt 211.028 Corona-Fälle und 4117 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus bekannt.

Diese niedrige Zahl hat mit der Realität wenig zu tun, da vermutlich die meisten Corona-Patienten das Gesundheitssystem meiden. Denn die Bevölkerungsmehrheit hat keine Krankenversicherung. Darüber hinaus haben die Versicherungen gleich zu Anfang der Pandemie klar gestellt, dass sie im Fall einer Covid-19-Erkrankung nicht zahlen. Wer in ein Krankenhaus aufgenommen werden will muss – sofern es überhaupt noch Betten gibt – eine Bar-Anzahlung leisten, berichtet wird von umgerechnet 2.000 bis 3.000 Euro. Im Bekanntenkreis ist zu hören, dass die Zahl der Toten in den Dörfern zunehme, für zahlenmäßige Schätzungen gibt es keinerlei Grundlage.

Immerhin gibt es auch eine leicht positive Nachricht: Nachdem das Impfprogramm mangels Vakzinen wochenlang still stand, geht es nun langsam weiter. Anfang August erhielt Kenia weitere 180.000 Dosen des Impfstoffs von AstraZeneca, eine Spende der griechischen Regierung. Nach Angaben der Regierung sind 695.690 Menschen vollständig geimpft – 2,6 Prozent der Bevölkerung. 1..097.830 Menschen haben immerhin die erste Dosis erhalten. Kenia liegt damit deutlich über dem afrikanischen Durchschnitt: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO haben weniger als 2 Prozent der Bevölkerung auf dem Kontinent einen vollständigen Impfschutz.

Südafrika: Hunger nach Impfstoffen – und eine mRNA-Fabrik

Von Leonie March, Themenmagazin Afrika-Reporter

In Südafrika nimmt die dritte Corona-Welle generell ab, obwohl die Infektionszahlen in einigen Provinzen weiterhin steigen. Gleichzeitig hat das Impfprogramm Fahrt aufgenommen. Derzeit wird die Bevölkerungsgruppe der ab 35-Jährigen geimpft, die Nachfrage ist groß. Ab 1. September sollen sich alle Bürger über 18 Jahre registrieren können.

Impfskepsis sei auf dem gesamten afrikanischen Kontinent nicht das größte Problem, schrieb der Direktor des Africa Centre for Disease Control and Prevention, John Nkengasong in einem Tweet. Es bestehe eher in einem “Hunger” nach Impfstoffen. Sprich: In Afrika herrscht weiterhin Mangel-Wirtschaft. Aktivisten, auch aus Südafrika, machen dafür nach wie vor auch die Industriestaaten, den sogenannten Impf-Nationalismus und Patentschutz verantwortlich.

Handlungsbedarf bestehe aber auch vor der eigenen Haustür: Noch immer kursieren in den sozialen Medien Fehlinformationen, die Ängste in der Bevölkerung schüren. Hier seien weiterhin Aufklärung und Fakten gefragt, so südafrikanische Gesundheitsexpertïnnen. Gerüchte und Befürchtungen, etwa mit Hinblick auf Impf-Nebenwirkungen, würden viele Bürgerïnnen noch immer davon abhalten, sich impfen zu lassen. Außerdem bräuchten gerade Ältere weiterhin Hilfe bei der Online-Registrierung für das staatliche Impfprogramm.

Für Hoffnung sorgt der Aufbau einer Produktionsstätte für mRNA-Impfstoffe am Kap. Sie soll nicht nur Südafrika, sondern auch andere afrikanische Länder mittelfristig mit Covid-19-Impfstoffen beliefern und für einen Technologieaustausch sorgen.

Eine Menschenmenge weitgehend ohne Maske bewegt sich durch die Straße, mit vielen handgemalten Plakaten
Nizza, 7. August: Wie in anderen französischen Städten gehen Zehntausende Menschen gegen die Coronastrategie von Präsident Macron auf die Straße. Die Kritik richtet sich vor allem gegen einen Coronapass und Impfpflichten.

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Frankreich: Inzidenz steigt, Feierlaune bleibt, die

Von Giorgia Grimaldi, Marseille

„Nein zum Green Pass!“ – „Liberté vaccinale!“: Mit solchen Parolen wird seit einigen Wochen immer samstags in fast jeder französischen Großstadt gegen die für Gesundheits- und Pflegekräfte geltende und eine für weitere Personenkreise befürchtete Impfpflicht demonstriert. Doch die Lage verschlimmert sich: Der Inzidenz-Wert in Paris liegt deutlich über 200. Seit dem 8. August sind einige Teile Frankreichs, vor allem die Süd-Regionen, sogar wieder Hochinzidenz-Gebiete. Aber nur ein paar Stunden nach der Demo stehen hunderte Menschen Schlange, um in den Nachtclubs und Diskotheken zu feiern, die seit Juli 2021, nach 16-monatiger Schließung, erstmals wieder öffnen durften. Vor dem Einlass entscheidet der Türsteher nun nicht mehr nach Outfit, wer rein darf, sondern auch nach medizinischem Status.

Denn wer ab dem 9. August in Restaurants, Bars, Clubs, in ein Museum oder in den Zug will, muss den „pass sanitaire“ vorzeigen, also entweder geimpft oder frisch getestet sein. Gleichzeitig dürfen am 15. August 50.000 Menschen beim Fußball Match Marseille-Bordeaux im Vélodrome, dem zweitgrößten Stadion Frankreichs, mitfiebern.

Während die vierte Welle Kontinentalfrankreich ergreift, hat sie die aus der Kolonialzeit stammenden Überseegebiete des Landes längst fest im Griff. Karibikinseln wie Martinique und Guadeloupe befinden sich – nachdem eine Zeit von intensivem Tourismus dem Virus bei der Ausbreitung geholfen hat – bereits im vierten Lockdown. Der französische Gesundheitsminister Olivier Véran will die nationalen Pflegekräfte mobilisieren: „Ich appelliere an die Solidarität unseres Gesundheitspersonals im französischen Mutterland, den Krankenhäusern in Übersee zu helfen.“ Die Kosten für die Reise und die Unterbringung vor Ort will der Staat tragen.

Spanien: Wieder Sorge um Seniorenheime

Von Ulrike Prinz, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

Spanien ist weiterhin Hochrisikogebiet, taucht aber langsam aus seiner nunmehr fünften Welle auf. Die 7-Tage-Inzidenz ist leicht gesunken und liegt bei im Vergleich zu Deutschland immer noch sehr hohen 302. Obwohl fast 60 Prozent der spanischen Bevölkerung vollständig geimpft ist, hält der Druck auf die Intensivstationen, die mit 21 Prozent ausgelastet sind, an. Sorgen bereiten erneut die Seniorenresidenzen, in denen sich die Sterberate in der letzten Woche fast verdoppelt hat.

Während der ersten vier Monate der Pandemie waren in spanischen Pflegeheimen zwei von drei Personen am Coronavirus gestorben, insgesamt 29.757 Personen. Wegen eines generellen Kollaps der Gesundheitssysteme waren Menschen über 75 Jahre von der Intensivversorgung ausgeschlossen worden.

Der Notfallmediziner César Carballo schlug die Verwendung von Coronatests zur Kontrolle des Personals und der Besucher vor. Diese Tests werden seit einem Jahr von den Medizinern gefordert, bisher aber kaum verwendet. Sie sind in den meisten Apotheken nicht zu bekommen. Ein Test kostet in Spanien über sieben Euro, während er im Nachbarland Portugal für 2,50 Euro zu haben ist, kritisierte Carballo.

Schweiz: Impfen deutlich ins Stocken geraten

Von Markus Hofmann, Zürich

“Wir hätten es in der Hand, die Epidemie in der Schweiz in rund acht Wochen zu beenden, indem wir uns alle impfen lassen.", sagte Martin Ackermann, der Vorsitzende der “Swiss National COVID-19 Science Task Force”, die regelmässig epidemiologische Lagebeurteilungen vornimmt sowie die Politik berät, Anfang August. Doch das Impfen in der Schweiz ist ins Stocken geraten.

Noch Anfang Juni verwies man stolz auf die hohe Impfrate in der Schweiz. Nach einem – vor allem aus organisatorischen Gründen – zögerlichen Start ließ die Schweiz andere europäische Länder bald hinter sich zurück. Es kam zu einem Ansturm auf die Impfzentren. Die Termine für die Impfung waren so rasch weg wie Karten für ein Konzert von Billie Eilish. Doch nun ist die Schweiz wieder zurückgefallen. Sowohl die Impfrate als auch die Impfabdeckung sind vergleichsweise tief. Es scheint so, als hätten sich die Impfwilligen ihre zwei Picks abgeholt. Knapp 50 Prozent sind vollständig geimpft – doch dies genügt nicht, um die Epidemie in den Griff zu bekommen.

Nun dreht sich die Debatte darum, wie man die restlichen drei Millionen Menschen dazu bringen könnte, sich ebenfalls impfen zu lassen. Manche hoffen, dass sich nach den Sommerferien wieder mehr Menschen bei den Impfzentren und Ärzten melden. Andere setzen auf Anreize, indem Geimpften gewisse Vorteile gewährt werden wie ein erleichterter Zugang zu Kulturveranstaltungen oder gar Geschenke. Kaum eine Chance dürfte in der freiheitlichen Schweiz ein Impfzwang haben. Allerdings: Im Gesundheitsbereich steigt der Druck auf das Pflegepersonal, sich impfen zu lassen.

Lauter werden zudem Stimmen, die die Aufhebung aller einschränkenden Massnahmen fordern. Sie berufen sich dabei auf die Regierung. Diese hatte im April angekündigt, dass keine starken gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einschränkungen mehr zu rechtfertigen seien, wenn alle impfwilligen erwachsenen Personen vollständig geimpft sind. Und dies sei ja nun offensichtlich der Fall, meinen diejenigen, die wieder in die „Normalität“ zurück wollen, bevor aus epidemiologischer Sicht genügend Menschen geimpft sind.

Island: Das Ende des Sommermärchens

Von Tina Gotthardt, Reykjavik

Nach niedrigen Fallzahlen und einer hohen Impfquote hatte Island alle Corona-Restriktionen Ende Juni eingestellt, genau wie auch die Testpflicht von geimpften Reisenden ab 1. Juli, doch die Normalität währte nur kurz: am 19. Juli wurden erstmals seit Beginn des Jahres über 30 Neuinfektionen registriert, der Großteil außerhalb von Quarantäne-Quartieren, also schwerer kontrollierbar. Dies war nur der Anfang, Tag für Tag hagelte es neue Negativrekorde.

Die ersten größeren Ansteckungsereignisse ließen sich noch auf Wembley-EM-Finalrückkehrer und Besucher eines Nachtclubs zurückführen. Aber schon bald wurden Infektionsherde in allen Teilen des Landes gemeldet, war die Testinfrastruktur des kleinen Landes am Limit. So ging es innerhalb von nur drei Wochen von einer 14-Tages-Inzidenz von 3 pro 100.000 Einwohnern auf jetzt über 400. Von Grün auf Rot.

Wegen einer neuerlichen Einschränkung wurden verschiedene Großveranstaltungen für August abgesagt oder verschoben – zum Beispiel das Nationalfestival (Þjóðhátíð), die Reykjavik Pride und der Marathon. Wo 1,5 Meter Abstand nicht eingehalten werden kann, gilt wieder die Maskenpflicht. Diese Maßnahmen gelten noch bis Ende des Monats, eine Verschärfung ist derzeit nicht geplant. Island setzt auf Impfung statt Restriktionen: Über 90 Prozent der Isländer sind vollständig geimpft. Dass die Inzidenz trotzdem so hoch ist, beunruhigt nicht nur die Inselbewohner.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels stand, in Kolumbien seien alle Altersbeschränkungen für den Zugang zur Impfung gefallen. Korrekt ist, dass mittlerweile alle über 20-Jährigen geimpft werden können.

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