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Der Ornithologe von Auschwitz

75 Jahre nach der Befreiung: Interview mit dem Historiker Swen Steinberg über einen bekannten Vogelforscher unter den Tätern

von
22.01.2020
14 Minuten
Ein einzelner, geschlossener Waggon auf Schienen. Im Hintergrund sind man das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau

Am 27. Januar 2020 jährte sich die Befreiung der Insassen des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz zum 75. Mal. Mit einem der weniger bekannten Täter hat sich der Historiker Swen Steinberg intensiv befasst: Günther Niethammer, geboren 1908 im sächsischen Waldheim, gestorben 1974 im nordrhein-westfälischen Morenhoven, gehörte als Mitglied der Waffen-SS zum Wachpersonal.

Niethammer war schon in der NS-Zeit ein bekannter Ornithologe – und blieb es nach dem Zweiten Weltkrieg. Er machte Karriere am Museum Koenig und der Universität Bonn, wurde Präsident der Deutschen Ornithologen Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit seiner Mitwirkung an der Massenvernichtung begann erst lange nach seinem Tod – und ist noch nicht abgeschlossen.

Portrait von Swen Steinberg
Der Historiker Swen Steinberg

Swen Steinberg arbeitet als Post-Doctoral Fellow und Assistant Professor am Department of History der Queen’s University im kanadischen Kingston. Von ihm stammt die Untersuchung „'Birding im KZ" – Biografie, Netzwerke und Deutungen des Ornithologen und SS-Obersturmführers Günther Niethammer". Sie erschien 2018 in dem von Jan Erik Schulte und Michael Wildt herausgegebenen Sammelband „Die SS nach 1945. Entschuldungsnarrative, populäre Mythen, europäische Erinnerungsdiskurse.“

***

Herr Steinberg, es ist bekannt, dass führende deutsche Wissenschaftler als Mitwisser oder Täter in die Verbrechen der Nationalsozialisten verwickelt waren. Was hat Sie dazu gebracht, sich als Historiker intensiv mit dem Ornithologen Günther Niethammer zu befassen – sind Sie selbst Vogelbeobachter oder war es ein reines wissenschaftliches Interesse?

Es war einerseits eher Zufall, dass ich im Rahmen der Recherchen für meine Dissertation im Sächsischen Wirtschaftsarchiv in Leipzig und im Bestand der Papierfabriken Kübler & Niethammer über die Familienkorrespondenz und hier über Günther Niethammers Briefe aus Auschwitz stolperte. Anderseits hatte ich mich zu dem Zeitpunkt aber auch bereits intensiv mit der deutschen Wissenschaftsgeschichte befasst, deren Erinnerungskultur immer Teil meiner Lehrveranstaltungen war – hier mehr auf die Historiker und die Geschichte der Geschichtsschreibung bezogen. Ich bin allerdings auch schon immer ein tierbegeisterter Mensch gewesen, die Beschäftigung mit der Geschichte der Ornithologie als Wissenschaft lässt mich heute fraglos anders auf Natur und Vögel schauen.

Mancher Interessierte wird den Namen Niethammer vielleicht nur vom wissenschaftlichen Standardwerk „Handbuch der deutschen Vogelkunde" kennen, das er verfasst hat. Was genau hat Niethammer in der NS-Zeit getan, worin liegen seine Verbrechen?

Ausschnitt aus einem Buch. Titel: „Beobachtungen über die Vogelwelt von Auschwitz“
Ausschnitt aus „Beobachtungen über die Vogelwelt von Auschwitz. In: Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien. Band 52, 1941, S. 164–199“.

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Auszug aus einem Vortrag von Eugeniusz Nowak mit dem Titel „Erinnerungen an Ornithologen, die ich kannte“
Auszug aus dem aufklärerischen Vortrag von Eugeniusz Nowak mit dem Titel „Erinnerungen an Ornithologen, die ich kannte“, den er auf der 130. DO-G-Jahresversammlung in Neubrandenburg am 28. September 1997 hielt.
Alte schwarz/weiß Aufnahme eines Teichs.
Bilder aus Niethammers Veröffentlichung zur Vogelwelt der Gegend um Auschwitz: Während im KZ gemordet wurde, erfreute sich der SS-Mann an Bekassinen und beobachtete in einem Teich zwischen Harmense und der Weichsel Schwarzhalstaucher und Moorenten.
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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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