Gelingt es, den Artenschwund rechtzeitig zu stoppen?

Die Verhandlungen über ein neues Weltnaturabkommen: Worum es geht, wo wir stehen und wo es beim Schutz der Biodiversität hakt.

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Luftbild einer von Straßen zerschnittenen Agrarlandschaft. Von vier Quadranten sind drei mit baren Sojafeldern, nur in einem ist der verbleibende Regenwald zu sehen.

Alle Menschen leben von der Vielfalt der Natur. Biodiversität schafft die fruchtbaren Böden, aus denen unsere Lebensmittel kommen, und neue Pflanzensorten, die uns ernähren. Intakte Ökosysteme liefern sauberes Wasser zum Trinken, Waschen und zum Bewässern von Feldern. Lebensräume wie Moore und Regenwälder sind enorm wichtig für ein stabiles Klima auf der Erde.

Doch die Biodiversität ist weltweit bedroht. Jede achte Art könnte weltweit in diesem Jahrhundert aussterben, Lebensräume wie Korallenriffe drohen weitgehend zu verschwinden, warnt die Wissenschaft.

Im Gegensatz zum Klimaschutz gibt es im Naturschutz zudem seit 2020 keinen global verabredeten Aktionsplan mehr. Einen solchen Plan zu schaffen ist das Ziel von Verhandlungen über ein neues globales Naturschutzabkommen, die derzeit in Genf laufen. Delegierte der fast 200 Mitgliedstaaten der UN-Konvention über die biologische Vielfalt (CBD) ringen dort um Formulierungen für Ziele und Wege zu deren Umsetzung. Im Spätsommer soll im chinesischen Kunming dann ein Weltnaturabkommen verabschiedet werden. Um was genau geht es dabei? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum entscheidenden internationalen Rahmenwerk für den unsere natürlichen Lebensgrundlagen in diesem Jahrzehnt.

Seit wann wird versucht, die Biodiversität weltweit zu retten?

Bereits Anfang der 1990er Jahre waren sich die Staaten der Erde einig, dass Natur und Klima stark bedroht sind und unser Wohlstand davon abhängt, sie zu schützen. Die Vereinten Nationen beriefen daher 1992 den „Erdgipfel" ein, der in Rio de Janeiro stattfand. Auf diesem Gipfel wurden drei UN-Konventionen auf den Weg gebracht, um die weitere Zusammenarbeit der Staaten im Natur-, Umwelt- und Klimaschutz zu organisieren: Das Übereinkommen über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD), die Klimarahmenkonvention (UNFCCC) und die Konvention gegen Wüstenbildung (UNCCD) sollen der Staatengemeinschaft einen völkerrechtlich verbindlichen Rahmen für den Kampf gegen die größten Bedrohungen für das Leben auf der Erde bieten (mehr zum CBD-Abkommen lesen Sie hier). Für die aktuellen Verhandlungen bildet die Biodiversitäts-Konvention die Grundlage.

Was soll das neue Abkommen regeln?

Das Biodiversitätsabkommen soll eine gemeinsame Grundlage aller Staaten für die Erhaltung der Natur auf der Erde für das kommende Jahrzehnt bilden. Es soll den Schutz der Arten und Ökosysteme ebenso regeln wie die nachhaltige Nutzung der Natur und ihrer Ressourcen. Schließlich geht es um eine gerechte Verteilung der aus der Nutzung genetischer Ressourcen erwachsenen Profite. Im besten Falle ist das Globale Rahmenabkommen für die Natur das, was das Pariser Klimaabkommen für den Kampf gegen die Erderwärmung ist: ein Fahrplan aus der existenziellen Krise (mehr dazu im Interview mit der Chefin des Weltbiodiversitätsrates, Anne Larigauderie)

Ist es das erste Weltnaturabkommen?

Nein. Schon zwischen 2010 und 2020 gab es den Versuch, mit einem gemeinsamen Plan die Vielfalt der Natur zu bewahren. Das ging aber schief. Im japanischen Nagoya war 2010 als Ziel ausgegeben worden, dass das Artensterben bis zum Jahr 2020 gestoppt wird und die Ökosysteme bis dahin widerstandsfähig sind. Die damals vereinbarten 20 konkreten Handlungsziele („Aichi targets“) wurden aber sämtliche verfehlt (mehr zu den Aichi-Zielen gibt es hier). Das Scheitern hat die Arten- und Ökosystemkrise weiter verschärft und das Vertrauen in die Fähigkeit der internationalen Politik erschüttert, die natürlichen Lebensgrundlagen auf der Erde wirksam schützen zu können. Auch wegen des Scheiterns des Vorgängerabkommens ist der Handlungsdruck jetzt so hoch.

Über welche konkreten Ziele wird verhandelt?

In Genf geht es um drei für das Abkommen wichtige Themen:

  • die konkreten Ziele für den Schutz der Biodiversität
  • die Frage, wie dieser Schutz finanziert wird, vor allem in ärmeren Ländern
  • die Frage, wie überwacht und sichergestellt werden kann, dass die Ziele auch erreicht werden.

Grundlage für die Arbeiten am Abkommen selbst ist ein erster Entwurf aus dem vergangenen Jahr (mehr zu dem Entwurf für das Natur-Abkommen finden Sie hier). Die darin aufgeführten 21 Ziele sollen dazu dienen, die von den Vereinten Nation ausgegebene „Vision 2050" zu erreichen. Ihr zufolge soll die Menschheit zur Mitte des Jahrhunderts „im Einklang mit der Natur" leben.

Insgesamt sieht der Entwurf 21 Ziele vor, die bis 2030 erreicht werden sollen. Dazu zählt beispielsweise

  • 30 Prozent der gesamten Land- und Meeresfläche der Erde unter „wirksamen“ Schutz zu stellen
  • ein Stopp des Eintrags von Plastikmüll in die Umwelt
  • die Reduzierung des Einsatzes von Pestiziden um zwei Drittel
  • die Verringerung naturschädlicher Subventionen um 500 Milliarden Dollar pro Jahr
  • eine Erhöhung der Umweltzahlungen an Entwicklungsländer um 200 Milliarden US-Dollar pro Jahr
  • die Einschleppung invasiver Arten in Ökosysteme um die Hälfte zu verringern

Keines der im Entwurf genannten Ziele ist bislang beschlossen. Wie bei allen solchen Verhandlungen gilt der Grundsatz „Nichts ist beschlossen, bis alles beschlossen ist“. Am Ende wird es also eine Paketlösung geben.

Welche Punkte sind besonders umstritten?

Die Frage nach den noch strittigen Punkten beantwortete CBD-Generalsekretärin Elizabeth Mrema in der Eröffnungspressekonferenz, indem sie praktisch alle zentralen Verhandlungsbereiche aufzählte: Von einer Verständigung auf die Nutzung genetischer Ressourcen und den finanziellen Ausgleich dafür über die genauen Regeln zur Umsetzung vereinbarter Ziele und die Kontrolle des Fortschritts bis hin zu den Zahlungen der entwickelten Länder an die Staaten des globalen Südens für den Schutz der Biodiversität dort. Auch Mrema betonte, dass keines der Ziele bereits in trockenen Tüchern sei. Über allem steht der Streit ums Geld.

Kann Naturschutz auch dem Klimaschutz helfen?

Die Erkenntnis, dass beide Menschheitskrisen sich nur gemeinsam lösen lassen, setzt sich auch in den politischen Prozessen immer stärker durch. So hat sich der Weltklimarat in seinem gerade veröffentlichten zweiten Teil des neuen Sachstandsberichts so ausführlich wie nie zuvor mit den Wechselwirkungen von Klimawandels und dem Biodiversitätsverlust auseinandergesetzt (mehr zur Stellungnahme des Weltklimarats lesen Sie hier). Dem Erhalt von Tier- und Pflanzenarten sowie der Ökosysteme misst der IPCC erstmals eine mitentscheidende Rolle für einen erfolgreichen Kampf gegen den Klimawandel zu. Der Biodiversitätsschutz wird in seiner Bedeutung auf Augenhöhe mit der Schlüsselmaßnahme einer radikalen und sofortigen Reduzierung des Treibhausgasausstoßes gesehen.

Wie funktioniert Klima- und Naturschutz gemeinsam konkret?

Das Bindeglied zur gleichzeitigen Beförderung von Klimaschutz und den Erhalt der Artenvielfalt sind naturbasierte Klimaschutzlösungen (mehr zu den sogenannten nature-based solutions lesen Sie hier). Das Konzept sieht Erhalt und Renaturierung solcher Lebensräume vor, die einerseits überlebenswichtige Refugien für viele Tiere und Pflanzen sind und andererseits große Mengen von Kohlenstoff speichern. Das sind an Land etwa alte Wälder, Moore oder Grünland und in Küsten- und Meereslebensräumen etwa Seegraswiesen oder Mangrovenwälder. Wissenschaftler gehen davon aus, dass über naturbasierte Lösungen etwa ein Drittel der Treibhausgaseinsparungen erreicht werden können, die für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels nötig sind. Dies gelte aber nur, wenn gleichzeitig sofort der Treibhausgasausstoß radikal reduziert werde.

Der Entwurf für das neue Weltnaturabkommen sieht vor, über naturbasierte Beiträge, mindestens 10 Gigatonnen Treibhausgase pro Jahr einzusparen – das entspricht etwa einem Drittel des gegenwärtigen Ausstoßes.

Wie steht es um die Natur weltweit?

Katastrophal – das zeigen alle zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Forschungsergebnisse. Wichtigste fachliche Grundlage für die Bewertung des Zustands der weltweiten Biodiversität in den Verhandlungen über ein neues Rahmenabkommen ist eine Zusammenschau des wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Zustand der Natur des Weltbiodiversitätsrates IPBES (eine Zusammenfassung des Reports können Sie hier lesen). Darin kommen die Expertinnen und Experten zu dem Ergebnis, dass das Tempo des weltweiten Artensterbens schon jetzt zehn- bis einhundertmal höher ist als im Durchschnitt der letzten 10 Millionen Jahre. Innerhalb der nächsten 80 Jahre – also einer menschlichen Lebensspanne – könnten dem Bericht zufolge eine Million Arten aussterben, wenn nicht energisch gegengesteuert wird, was jeder achten Art entspricht, die schätzungsweise existiert.

Wieviel Geld wird benötigt?

Vor allem die noch sehr artenreichen südlichen Regionen der Erde bestehen darauf, für den Verzicht auf eine weitere Ausbeutung beispielsweise des Amazonas-Regenwaldes entschädigt zu werden. Während auch die reichen Staaten im Prinzip zustimmen, dass es eine Kompensation geben muss, verweisen sie aber auch darauf, dass es sich bei den verbliebenen halbwegs intakten Ökosystemen der Erde um „globale Güter“ handelt, deren Schutz allen zugutekommt und daher auch in der Eigenverantwortung der Anrainerländer liegt. Der jährliche Finanzbedarf wird auf 700 Milliarden Dollar geschätzt (mehr dazu, wofür diese Summen nötig sind, lesen Sie hier). Dem steht eine bisherige Finanzierung von weniger als 140 Milliarden Dollar gegenüber.

… und wo soll das Geld herkommen?

Diese Summe soll nach dem ersten Entwurf für das neue Abkommen durch den Abbau naturschädlicher Subventionen in einem Umfang von 500 Milliarden Dollar jährlich sowie Zahlungen von Staaten, Institutionen und privaten Geldgebern in Höhe von 200 Milliarden für den Biodiversitätsschutz erreicht werden. Die Rechnung gilt vielen aber als eine der größten Schwachstelle des Abkommens. Denn erstens ist ein rascher Subventionsabbau in dieser Größenordnung utopisch und zweitens lassen sich diese Subventionen nicht ohne weiteres „umwidmen“, wie es im Vertragsentwurf heißt. Auch kommen die Verhandlungen über den Abbau naturschädlicher Subventionen, beispielsweise in der Agrarindustrie, nicht voran. Nicht zuletzt die gerade in der EU beschlossene neue Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) hat gezeigt, wie schwierig ein wirksamer Abbau naturschädlicher Subventionen ist. Und das gerade von der Bundesregierung auf den Weg gebrachten Entlastungspaket enthält mit der Subventionierung von Benzin und Diesel neue schädliche Anreize.

Wie ist die Haltung der Bundesregierung?

Mit Zusagen über jährlich 500 Millionen und tatsächlichen Ausgaben von sogar rund 800 Millionen Euro zählt Deutschland zu den größten internationalen Geldgebern für die Bewahrung von Ökosystemen und biologischer Vielfalt. Die neue Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) hat nach Informationen von RiffReporter in den Koalitionsverhandlungen angestrebt, diesen Betrag mindestens zu verdoppeln (mehr zu den Zielen Lemkes hier). Im Koalitionsvertrag selbst ist von einer „erheblichen“ Steigerung die Rede. Im aktuellen Entwurf für den Haushalt, der Ende Mai verabschiedet werden soll, ist aber keine Erhöhung und mithin kein eindeutiges Signal in Richtung Kunming erkennbar.

Umweltverbände schlagen deshalb Alarm. Deutschland und die EU stünden besonders in der Verantwortung, weil ihre Wirtschafts- und Handelsaktivitäten weltweit die Natur zerstöre, argumentieren sie. „Ein Bruch des Koalitionsvertrages könnte im schlimmsten Fall zu einem Scheitern der Verhandlungen in Kunming führen und nicht nur der Artenvielfalt, sondern auch der Glaubwürdigkeit Deutschlands großen Schaden zufügen“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von NABU, BUND, Greenpeace, Campaign for Nature, WWF und Forum Umwelt und Entwicklung. Sie fordern von der Bundesregierung, die Mittel für die internationale Biodiversitätsförderung auf mindestens zwei Milliarden Euro jährlich aufzustocken und die fast 70 Milliarden Euro naturschädlicher Subventionen radikal abzubauen. Zudem müsse die Bundesregierung ihren derzeitigen Vorsitz in der G7-Staatengruppe nutzen, um das Thema auf höchster politischer Ebene zu lösen. „Dieser Verantwortung kommt Deutschland in den aktuellen Verhandlungen nicht nach“, monieren die Verbände.

Und wie steht es um die Natur in Europa?

Auch auf europäischer und nationaler Ebene belegen zahlreiche wissenschaftliche Analysen, wie verheerend es um den Zustand der Natur steht. Der Bericht zur Lage der Natur in Europa zeigt auf, dass ein Großteil der Lebensräume in der EU in einem schlechten bis sehr schlechten Zustand ist, und dass sich der Artenschwund rapide beschleunigt. Das Bundesamt für Naturschutz kommt in ihrem Report „Die Lage der Natur in Deutschland“ zu einem ähnlich verheerenden Ergebnis und zeigt die Intensivlandwirtschaft als eines der zentralen Probleme im Kampf um den Erhalt der Artenvielfalt auf.

Vögel sind mit der beste Indikator, um den Zustand von Lebensräumen und Lebensgemeinschaften darin zu bewerten. Neuere Analysen zeigen, dass in den Staaten der EU innerhalb der letzten vier Jahrzehnte 600 Millionen Vögel verloren gingen. In Deutschland schätzen Experten des Dachverbands Deutscher Avifaunisten, dass im selben Zeitraum 16 Millionen Vögel verschwunden sind – das entspricht rechnerisch einem Verlust von 40.000 Vögeln pro Tag (mehr zur Gefährdung der Vogelwelt lesen Sie hier). Die vor kurzem veröffentlichten aktualisierten Roten Listen der Vögel Europas und Deutschlands zeigen, dass mittlerweile selbst früher extrem häufige Vogelarten in ihren Beständen bedroht sind. Seit Beginn der Industrialisierung ist bereits eine halbe Million Insektenarten verschwunden. Vielen wirbellosen Tierarten droht das Aussterben, bevor wir sie überhaupt als Art entdeckt haben. Wissenschaftler weltweit haben sich deshalb mit einer „Warnung an die Menschheit“ an die Öffentlichkeit gewandt. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen zudem, dass vor allem die Nachfrage aus den entwickelten Ländern ein massiver Treiber des Artensterbens ist.

Wann könnte das neue Abkommen stehen?

Der Weltnaturgipfel hätte bereits im Oktober 2020 stattfinden sollen. Das Treffen unter chinesischer Präsidentschaft in Kunming wurde wegen der Corona-Pandemie – anders als der Weltklimagipfel, der im Herbst 2021 in Glasgow zustandekam – mehrfach verschoben. Ein Auftakttreffen, eine Art Vorgipfel, hat im vergangenen Herbst in China stattgefunden. (was in Kunming passierte, können Sie hier nachlesen). Die Verhandlungen in Genf sollen nun den Grundstein für einen Gipfel „noch in diesem Jahr“, wahrscheinlich im Sommer oder Frühherbst legen. Ein konkretes Datum gibt es noch nicht. Dieses soll am Ende des Genfer Treffens verkündet werden.

Im Projekt „Countdown Natur“ berichtet ein Team von 25 Journalistinnen und Journalisten mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Unser Newsletter informiert über neue Beiträge, Recherchen und Veranstaltungen. Die Recherchen zu diesem Beitrag wurden von der Hering Stiftung Natur und Mensch gefördert. Sie können weitere Recherchen mit einem Abonnement unterstützen.

Diese Recherche wurde von der Hering-Stiftung Natur und Mensch gefördert.

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Thomas Krumenacker

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