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Pro: „Wir waren im Naturschutz lange Zeit ein bisschen zu spaßfrei“

Norbert und Anita Schäffer haben ein Plädoyer für Vogelfüttern verfasst – der LBV-Chef im Interview

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14.03.2018
9 Minuten

Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

Der Winter neigt sich seinem Ende entgegen, die ersten Zugvögel sind bereits zurückgekehrt und signalisieren den nahenden Frühling. Für viele Vogelfreunde ist das die Zeit, die Vogelfütterung im Garten oder auf dem Balkon zu beenden. Doch nicht zuletzt angesichts von Horrornachrichten über Insektenschwund und Artensterben und aus der eigenen Erfahrung heraus, dass die Natur immer stärker verarmt, stellen viele sich die Frage, ob es Sinn machen könnte, Vögel auch ganzjährig zu füttern. Während dies beispielsweise in Großbritannien gängige Praxis ist, stehen Naturschutzverbände hierzulande der Ganzjahresfütterung immer noch sehr kritisch oder sogar offen ablehnend gegenüber und auch Wissenschaftlerinnen schließen sich dem an (Siehe „Kontra: Ist viel Fett auch für Vögel schädlich“ von Christiane Habermalz).

Die meisten Verbände empfehlen, wenn überhaupt, Fütterungen nur bei strengem Dauerfrost oder bei geschlossener Schneedecke. Die radikale Gegenposition vertritt der bekannte Ornithologe Peter Berthold, der seit langem energisch für eine Ganzjahresfütterung von Vögeln eintritt und dies sogar als „moralische Verpflichtung“ ansieht. (Siehe Pro: „Vögel sind nicht zu doof, die richtige Nahrung zu wählen“ von Cord Riechelmann)

Dass es sich bei der Vogelfütterung nicht um eine Nebensache handelt, belegt eine Zahl: Mit einer Fläche von mehr als 10.000 Quadratkilometern machen Gärten fast drei Prozent der Landesfläche in Deutschland aus. Ihre Gestaltung als vogelattraktiver Lebensraum – wozu auch ein ausreichendes Nahrungsangebot zählt – ist also durchaus von Relevanz für die Frage, wie viel Natur Menschen im Alltag und in ihrer unmittelbaren Umgebung erleben können.

In dieser Debatte melden sich nun der Vorsitzende des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) in Bayern und Chefredakteur des Vogelbeobachter-Journals „Der Falke“, Norbert Schäffer, und seine Frau Anita Schäffer mit einem Buch zu Wort. In „Vögel füttern im Garten“ plädiert das Autoren-Duo für eine ganzjährige Fütterung von Vögeln. Anders als beispielsweise Berthold verzichten sie aber darauf, das Füttern von Vögeln in allen Jahreszeiten als Maßnahme des Natur- oder Artenschutzes zu überhöhen. Ihr Fazit lautet: „Vogelfütterung rettet nicht die Welt und ersetzt keinen Naturgarten, aber richtig gemacht schadet auch eine ganzjährige Fütterung von Vögeln nicht.“ Wir sprachen mit Norbert Schäffer.

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Was treibt einen Ornithologen, der Jahrzehnte im wissenschaftlichen Vogelschutz gearbeitet hat, an, zusammen mit seiner Frau ein Buch ausgerechnet über die Vogelfütterung zu schreiben?

Es gibt einen eigenartigen Kontrast. Viele Menschen lieben es, Vögel zu füttern. Sie erfreuen sich daran, Natur in ihrer unmittelbaren Umgebung erleben zu können und füttern Vögel einfach aus Spaß am Kontakt mit der Natur und vielleicht auch ein bisschen in der Hoffnung, den Vögeln etwas Gutes zu tun. Dagegen gibt es unter Naturschützern vielfach immer noch eine große Skepsis gegenüber dem Vogelfüttern, die eigentlich durch nichts begründet ist, die sich aber immer noch hartnäckig hält. Da haben auch ungezählte pseudowissenschaftliche Haltungen den Lauf der Zeit und auch den Stand der wissenschaftlichen Forschung überdauert. Dieser Widerspruch hat uns interessiert.

Was sind denn die größten Mythen über das Vogelfüttern?

Es wird behauptet, Vögel würden abhängig von den Futterplätzen. Es gibt immer noch die Haltung, Sommerfütterung schädige die Jungvögel, Füttern hebele die natürliche Selektion aus oder Jungvögel nähmen durch falsches Futter Schaden.

Stimmt das alles nicht?

Viele Ansichten vererben sich quasi ungeprüft von Generation zu Generation. Manches mag in Teilen stimmen. Insgesamt glaube ich aber, dass auch heute noch zu oft pseudowissenschaftliche Aussagen wiederholt werden, die entweder klar überholt sind oder niemals wirklich belegt waren. Dabei bestreiten wir gar nicht, dass es in vielen Bereichen auch noch Forschungsbedarf gibt (Siehe „Kontra: Ist viel Fett auch für Vögel schädlich“). Aber wir sagen schon, dass viele Vorurteile gepflegt werden, ohne dass sie wissenschaftlich belegt sind und dass mit übertriebenen Ängsten Menschen vom Füttern abgehalten werde.

Welche Ängste?

Nehmen wir das Beispiel der Hygiene: Natürlich ist sie wichtig, aber schauen wir doch mal in die Natur. Jede Meise würde sich an einem überfahrenen Hirsch erfreuen und ein Tierkadaver ist mit seiner Fettschicht ja im Wesentlichen nichts anderes als eine Art Meisenknödel. Natürlich soll man sich ansehen, wie welches Futter sich auf Vögel auswirkt. Es würde aber allen Prinzipien widersprechen, wenn Vögel von sich aus das falsche Futter fressen und sich selbst schädigen.

Norbert Schäffer ist seit 2014 Vorsitzender des Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV). Zuvor hat sich der Biologe bei der Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) um internationale Artenschutzprojekte gekümmert. Im Naturschutz ist er schon seit seiner Jugend aktiv. Koautorin Anita Schäffer hat Forstwirtschaft studiert und ihre Diplomarbeit  über Naturerziehung und Umweltbildung geschrieben. Sie arbeitet als freiberufliche Autorin.
Norbert Schäffer ist seit 2014 Vorsitzender des Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV). Zuvor hat sich der Biologe bei der Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) um internationale Artenschutzprojekte gekümmert. Im Naturschutz ist er schon seit seiner Jugend aktiv. Koautorin Anita Schäffer hat Forstwirtschaft studiert und ihre Diplomarbeit über Naturerziehung und Umweltbildung geschrieben. Sie arbeitet als freiberufliche Autorin.

Apropos Eingriff in die Natur. Wie stehen Sie zur teilweise auch propagierten großflächigen Fütterung auch außerhalb von Gärten, beispielsweise in der Agrarlandschaft?

Die dieser Forderung zugrunde liegende Analyse, dass es in der von Intensivlandwirtschaft geprägten, vielfach ausgeräumten Landschaft an Nahrung fehlt, stimmt leider. Aber die Folgerung daraus kann doch nicht sein, in einer lebensfeindlichen Umgebung durch künstliche Fütterungen bestimmte Tierarten künstlich am Leben zu erhalten. Natürlich kann ich auch in total ausgeräumter Landschaft Rebhühner und Goldammern erhalten, wenn ich alle Prädatoren abschieße und künstlich Futter herbeischaffe. Aber in so einer Landschaft wollen wir nicht leben. Es muss hier darum gehen, eine bunte lebendige Landschaft wo immer möglich zu erhalten oder durch Renaturierungsmaßnahmen wieder zu schaffen. Das ist aber ein Riesenunterschied zu Gärten.

Häufig wird gegen die Vogelfütterung eingewandt, sie leiste keinen Beitrag zum Arten- oder Naturschutz. Ist das richtig oder ein Totschlagargument? Schließlich könnte man mit dieser Logik auch gegen das Aufhängen von Nistkästen sein.

Selbstverständlich ändert Vogelfüttern im Garten nicht die biologische Vielfalt in der Welt. Aber das hat auch nie jemand behauptet. Man kann durch Vogelfütterung im Garten den Rückgang der Wiesenbrüter nicht aufhalten, das stimmt. Doch das behauptet doch auch niemand. Uns ist wichtig: Wenn man das Füttern richtig macht, dann schadet es nicht, bringt aber vielen Menschen etwas. Ein paar häufige Arten mögen sogar profitieren, und was ist schlimm daran, dass sie glücklicherweise noch häufig sind?

Man hat den Eindruck, dass Vogelfüttern bei den meisten Menschen völlig akzeptiert ist, jedoch just in den Organisationen, die sich um Naturschutz kümmern, auf Skepsis bis Ablehnung stößt. Wie kann das sein?

In der Tat ist das Füttern in der Vergangenheit vor allem von Natur- und Artenschützern etwas madig gemacht worden. In Deutschland hieß es über eine lange Zeit: Wir müssen uns um die wesentlichen Dinge kümmern, die harten Themen, Landwirtschaftspolitik etwa. Wir können uns nicht mit solchen „weichen“ Themen wie Gartenvögel beschäftigen. Es stimmt natürlich, dass Klima, Landwirtschaft- und Forstpolitik die wichtigen Naturschutzthemen sind und dass diese nun mal nicht im Garten stattfinden. Aber wieso muss es immer ein Entweder-Oder sein? Ich sehe das eher so: Wenn Füttern wenigstens ein bisschen was bringt, wenn es in jedem Fall nicht schadet und wenn es vor allem ein Zugang ist für viele Menschen zur Natur, warum soll ich es dann schlechtmachen?

„Die größte Tierschutzbewegung überhaupt“

Sie haben lange in Großbritannien gelebt. Dort wird man eine so kritische Debatte ums Vogelfüttern wohl kaum verstehen.

Es ist tatsächlich auch eine Mentalitätsfrage. Es gibt Studien, die sagen, dass in Großbritannien etwa jeder zweite Vögel füttert. Das ist im Prinzip die größte Tierschutzbewegung, die es überhaupt gibt. Dort spricht man mit den Nachbarn über Vögel, so wie übers Wetter. Man freut sich, ein Rotkehlchen zu sehen und erzählt es. Man spricht über die Ankunft des Ziplzalps ebenso selbstverständlich am Gartenzaun wie über den Frost der letzten Nacht. Und abends im Pub wird man nicht schräg angesehen, wenn man berichtet, dass man heute einen Rotmilan gesehen hat.

Großbritannien als Vorbild: Norbert Schäffer sieht in der Fütterung einen guten Weg, um eine ganz selbstverständliche Nähe zu Rotkehlchen und anderen Angehörigen der Vogelwelt zu entwickeln.
Großbritannien als Vorbild: Norbert Schäffer sieht in der Fütterung einen guten Weg, um eine ganz selbstverständliche Nähe zu Rotkehlchen und anderen Angehörigen der Vogelwelt zu entwickeln.

Woher kommt diese verbreitete Haltung: Vogelfüttern lenkt vom Angehen der eigentlichen Probleme des Naturschutzes ab? Spielt auch der Kampf um Spendengeld eine Rolle, nach dem Motto: Wenn jemand Geld für Vogelfutter ausgibt, spendet er nichts mehr für einen Verband?

Rausgeworfenes Geld, das war in der Tat immer so eine Sorge. Es gibt diese Furcht in den Verbänden, dass man sagt: Man bringt die Leute zum Vogelfüttern und dann kümmern sie sich nicht um eine ökologischere Landwirtschaft oder um Großschutzgebiete. Diese Bedenken teile ich ganz und gar nicht. Es gibt überhaupt keine Belege dafür, dass Leute sagen: Ich füttere Vögel und deshalb unterstütze ich Naturschutzverbände nicht. Ich kann niemandem sagen: Lasst das Vogelfüttern sein und gebt das Geld lieber für was Vernünftiges im Naturschutz aus. Das entscheiden schon die Leute selbst.

Ist der Naturschutz in Deutschland zu sehr verkopft? Täte gelegentlich ein positiver emotionalerer Ansatz nicht auch gut, um Menschen für die Natur zu gewinnen?

Ja und ich denke, dass Gartenvögel der beste Zugang zur Natur überhaupt sind. Zu lange haben große und unstreitig wichtige Themen wie Verschmutzung der Weltmeere alles überlagert. Aber wer nur wenig oder keinen Zugang zu Naturschutzthemen hat, den verschrecke ich mit der Wucht eines solchen Problems, den mache ich hilflos. Wir müssen die Leute da abholen, wo sie sind. Sie müssen sich für das faszinieren, was sie um sich haben oder haben können und dann weiterentwickeln. Die ist kein Selbstläufer. Hier setzt die Verantwortung der Naturschutzverbände ein.

Naturzeitschriften boomen, das Fernsehen ist voll mit Natur- und Tierfilmen, es ist ganz deutlich: Immer mehr Menschen interessieren sich für Natur, auch für Vögel. Holen die Verbände diese Menschen ausreichend ab, gibt es Versäumnisse?

Ich glaube, wir waren in Deutschland auch im Naturschutz lange Zeit ein bisschen zu spaßfrei. Es ist doch auch interessant, dass viele Menschen, auch gewichtige Leute in Naturschutz und Wissenschaft, ihren Zugang zur Natur durch den eigenen Garten und die Vögel im eigenen Garten bekommen haben. Ich hab manchmal den Eindruck, dass das Interesse der Bevölkerung die Naturschutzverbände überholt hat. Ich erlebe eine breite Zustimmung zu Naturschutz, mehr als in den letzten Jahren.

Anita und Norbert Schäffer – Vögel füttern im Garten – ganzjährig und naturnah“, Ulmer-Verlag, 9,90 Euro ISBN 978–3–8001–0294–5

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Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker ist Journalist und Naturfotograf in Berlin. Neben den RiffReportern schreibt er für überregionale Zeitungen und Fachjournale über Wissenschaftsthemen.


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