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Nachtschwärmer suchen den Romantikvogel

Museums-Gala, Bürgerforschung, Literaturpicknick – in Berlin wird in diesen Tagen die Nachtigall zelebriert

von
09.05.2018
24 Minuten
Ein heller Lichtstrahl erleuchtet die Blätter von Bäumen, in denen eine Nachtigall lebt.

Unter den 3,5 Millionen Berlinern sind viele Menschen mit exzentrischen Lebensentwürfen und viele mit Migrationshintergrund. Die Stadt rühmt sich für ihre Vielfalt, ihre Toleranz. Und seit wenigen Tagen sind zu dieser Stadtgesellschaft wieder rund 3000 Teilzeit-Berlinerinnen und -Berliner aus der Vogelwelt hinzugekommen, die beides auf sich vereinen: Exzentrik und Migrationshintergrund. Man kann ihnen jetzt in Gebüschen begegnen, in Kleingartenkolonien, Parks und sogar entlang der Stadtautobahn.

Diese temporären Stadtbewohner, kaum dreißig Gramm schwer, haben sich vor wenigen Wochen im südlichen Afrika jeweils ganz alleine auf den Weg gemacht, haben im Flug die größte Wüste der Welt, das Mittelmeer sowie Gebirge überquert und die deutsche Hauptstadt angesteuert – dieses brummende, leuchtende Konglomerat von Stein, Glas, Metall und Menschen inmitten der postglazialen Sandlandschaften Brandenburgs.

Nach wenigen Wochen zurück nach Afrika

Äußerlich machen die Vögel mit ihren grau-braunen Federn nicht viel her. Und doch überschlagen sich die Männchen unter ihnen geradezu vor Exzentrik: Meistens spät in der Nacht, stimmen sie jetzt ein Lied an, das kaum enden will, ein Lied, das aus mehreren hundert Strophen besteht, die sie immer neu miteinander kombinieren, verweben zu einem Sound, der irritierend und betörend zugleich ist.

Während in den Berliner Clubs die DJs die Stücke von Musikern nur von der Platte oder Festplatte weg sampeln, komponiert, memoriert und kollagiert der Vogel alles selbst. Das Ziel von DJ Nachtigall: eine Partnerin zur Fortpflanzung zu finden, die gerade dieselbe absurd anmutende Reise um die halbe Welt gemacht hat, mit ihr Junge zu zeugen, sie in Bodennähe auszubrüten – also dort, wo von Füchsen, Katzen und menschlichen Trampeltieren immer Gefahr lauert – sie mit den Insekten und Spinnen des hohen Nordens zu füttern, und dann nach wenigen Wochen wieder gen Afrika aufzubrechen.

Am Rand des Volksparks Schöneberg – fernab von Laternen einer der wenigen wirklich dunklen Orte der Metropole – klingt dieser radikal exzentrische Lebensentwurf derzeit ab etwa 23 Uhr so:

Ein mehrstöckiges Wohnhaus in der Nacht.
Ein Wohnhaus direkt neben dem Park – in stockfinsterer Nacht ist der Großstadtvogel weithin zu hören.
Sarah Darwin und Silke Voigt-Heucke stehen an einem Podium vor einer Gruppe von Menschen.
Sarah Darwin (am Podium links) und Projektleiterin Silke Voigt-Heucke (am Podium rechts) wollen möglichst viele Berliner dafür gewinnen, Nachtigallen aufzunehmen und die Daten mittels der Naturblick-App mit dem Museum für Naturkunde zu teilen.
Die Ornithologin Kim Mortega bei einer Rede einer Veranstaltung vom Museum für Naturkunde Berlin
Die Ornithologin Kim Mortega leitet in diesen Tagen Exkursionen, um die Berliner für die Nachtigall zu begeistern. Zugleich arbeitet die Wissenschaftlerin am Forschungsdesign und der Datenauswertung mit.

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Ines Theileis und ihr Chor im Naturkundemuseum. Sie stehen auf einer großen Treppe vor blauem Hintergrund.
An Nachtigallthemen besteht im Liederschatz kein Mangel: Ines Theileis und ihr Chor im Naturkundemuseum.
Daniela Friebel steht im Dunkeln zwischen Büschen. Sie hält etwas leuchtendes in der Hand.
Eine Nachtschwärmerin der besonderen Art: Daniela Friebel sucht im Bezirk Tempelhof-Schöneberg derzeit Nachtigall-Reviere – für ihr Fotografieprojekt und aus Leidenschaft.
Daniela Friebel steht vor einer Karte mit Markierungen.
Bei der NachtiGala am Naturkundemuseum präsentierte Daniela Friebel den Stand ihrer Recherchen und befragte die Teilnehmer nach Informationen über Reviere.
Eine kleine grüne Insel zwischen Autobahn und S-Bahn in der Nähe des Innsbrucker Platzes.
Eine kleine grüne Insel zwischen Autobahn und S-Bahn in der Nähe des Innsbrucker Platzes.
Autobahn bei Nacht.
Willkommen im Anthropozän – an der Stadtautobahn A100 ist von Nachtigall-Romantik wenig zu spüren. Aber der Vogel läßt sich davon nicht beirren und singt gegen den Lärm von Autos und S-Bahnen an.
Eine Nachtigall sitzt auf einem Ast.
Singt auch tagsüber: Der Gesang der Nachtigall besteht aus über 200 Strophen, die von den Männchen immer neu kombiniert werden.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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