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Kleine Oase statt Parkplatz

Mit Bäumen und Sitzgelegenheiten arrangieren Stuttgarter Bürger temporäre Treffpunkte auf Stellplätzen. Nach vier Wochen ziehen die Miniparks weiter.

14.05.2019
4 Minuten
Personen schieben Holzkarren auf der Straße an Häusern vorbei.

Busy Streets – Auf neuen Wegen in die Stadt der Zukunft

Bäume verbessern das Stadtklima. Sie produzieren Sauerstoff, sind natürliche Staubfilter und ihr Schatten ist an heißen Sommertagen beliebt für eine kurze Pause. Viel Schatten spenden die neuen Bäume in der Stuttgarter Augustenstraße noch nicht. Dafür sind sie zu klein. Dennoch haben sie das Straßenbild seit ihrer Ankunft am Samstag komplett verändert. Am Vortag parkten vor den Gründerzeithäusern mitten in Stuttgart die Autos noch Stoßstange an Stoßstange. Inzwischen unterbrechen kleine Arrangements aus Bäumen, Sitzecken und Hochbeeten die Pkw-Kolonne. Die Lokalpolitiker fördern das Projekt.

„Wir sind gar nicht gegen Autos“, sagt Annika Wixler von der „Wanderbaumallee Stuttgart“. Sie und ihre 20 Mitstreiter finden allerdings, dass es in der Stadt zu viele Privatwagen gibt und viel zu wenig Bäume und andere Pflanzen. Mit ihrem Projekt bringen sie für einige Wochen etwas Grün und Platz zum Verweilen in einige besonders karge Straßen. Den Raum dafür nehmen sie den Autos weg. Denn ihr eigentliches Ziel ist es, eine Diskussion ins Rollen zu bringen. Sie wollen über den öffentlichen Raum sprechen: wem er gehört und wie er genutzt werden soll.

Friedlich Demonstrierende tragen ein großes Banner.
Die Karawane der Wanderbaumalle-Bewegung zieht Richtung Augustenstraße
Die Kästen für Bäume und Hochbeete haben dicke Reifen und lassen sich leicht schieben.
Die Kästen für die Bäume und Hochbeete haben dicke Reifen und lassen sich leicht schieben.
Zwei Frauen schieben jeweils einen Holzkarren mit einem jungen Baum in der Mitte auf einer Straße.
Die Mini-Parks bestehen aus Bäumen, Hochbeete und Sitzgelegenheiten

Politik fördert Parks auf Parkplätzen

„Das Wanderbaumallee-Projekt ist keine Guerilla-Aktion“, betont Annika Wixler. Im Gegenteil. Es wurde von der Stadt genehmigt und sogar finanziell unterstützt. Die drei Bezirke, in denen die Miniparks bis zum Ende des Sommers jeweils für vier Wochen verweilen, haben die Sachkosten übernommen. Die Mitglieder der Initiative kauften zehn Bäume und bauten in ihrer Freizeit die Boxen für die Bäume sowie sechs Module für Hochbeete nebst Sitzgelegenheiten. Jetzt können die mit Rädern versehenen Kisten wie Schubkarren von einem Standort zum nächsten geschoben werden.

Die Wanderbaumallee ist ein kleiner ziviler Feldversuch für den Alltag. Die Verwandlung der Parkplätze soll die Phantasie der Anwohner anregen. Dass das funktioniert, zeigen Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Versuchen. Menschen, die sich an ihr Umfeld über Jahre gewöhnt haben, hinterfragen ihr eigenes Handeln schneller, wenn der Alltagstrott durchbrochen wird. Dann verändern sie ihre Gewohnheiten auch leichter. Im konkreten Fall könnten Parkplätze durch mehr Grün vor der Haustür ersetzt werden, was die Lebens- und Aufenthaltsqualität für die Anwohner steigert.

Für die Bewohner der Augustenstraße stellt sich seit Samstag also die Frage: Sind alle Parkplätze tatsächlich notwendig oder lässt sich ein Teil der Fläche anders verwenden? „Wir hoffen, dass dieser Denkanstoß nach ein paar Tagen oder Wochen eintritt“, sagt Annika Wixler. Ein Bewohner fragte sie am Samstag bereits, was der Unsinn mit den Bäumen solle. Der 32-Jährigen sind diese Reaktionen wichtig. Schließlich will sie herausfinden, was die Menschen tatsächlich brauchen und wo mögliche Spielräume für Veränderungen existieren. Um ins Gespräch zu kommen, veranstaltet die Initiative an allen Standorten Versammlungen, Café-Aktionen oder Vorträge, um sachlich mit den Anwohnern zu diskutieren.

In der Augustenstraße parken auf beiden Straßenseiten Autos
Normalerweise parken in der Augustenstraße …
Eine Straßenschlucht. Beide Straßenseiten sind mit Autos zugeparkt.
…auf beiden Straßenseiten Autos
Vier Bäume und zwei weitere Pflanzen in Holzkisten stehen von links bis rechts angeordnet auf einer Straße.
Diese Bäume begrünen die Straße in den kommenden vier Wochen.
Junge Bäume mit einer Holzeinfassung, die eine Sitzgelegenheit darstellt, stehen am Straßenrand.
Sie werden stets mit einer Sitzgelegenheit oder einem Hochbeet arrangiert. Je nach Standort bilden sie auch eine geschlossene Einheit.

In vier Wochen schieben die Mitglieder der Initiative die einzelnen Module der grünen Oase aus der Augustenstraße in den nächsten Stadtteil. Sie haben gezielt unbegrünte Straßen als Standorte ausgesucht, um den Menschen einen Mehrwert zu schaffen. „Je nach Gegebenheiten arrangieren wir die Bäume mal als kleinen Platz mit Sitzgelegenheiten, mal als Baum mit Bank“, sagt Annika Wixler. Menschen ohne Balkon oder Garten bekommen so vielleicht Lust, vor dem Haus auf der Straße zu sitzen, dort mit ihren Kindern zu spielen oder sich mit ihren Nachbarn zu unterhalten.

Parkplätze als Park-Plätze

Viele ihrer Mitstreiter hat die 32-Jährige beim internationalen Parkingday kennengelernt. Der findet seit 2005 jedes Jahr weltweit am dritten Freitag im September statt – in Deutschland in rund 30 Städten. Von Berlin bis München ziehen Künstler, Aktivisten und Anwohner morgens ihre Parktickets und rollen Kunstrasen auf den Stellplätzen aus. Andere stellen Bänke, Sessel oder auch mal ein Schaukelpferd auf und verwandeln ihre Flächen für kurze Zeit in eine Cocktailbar, eine Tanzinsel oder einen Spielplatz. Mit ihren Aktionen wollen die Aktivisten darauf hinweisen, dass Autos 23 Stunden am Tag in der Stadt herumstehen und oftmals die schönsten Plätze zum Sitzen, Spielen und Flanieren blockieren. „Ein Tag ändert daran aber wenig“, meint Annika Wixler. Ein eintägiges Experiment sei zu kurz, um die gewohnte Fläche tatsächlich als „anderen Ort“ wahrzunehmen und neu zu nutzen.

In Stuttgart hat das Umwidmen von Parkplätzen schon fast eine kleine Tradition – jedenfalls wenn es um eine temporäre Veränderungen geht. 2016 haben Studenten mit Bürgern in einem Feldversuch für einige Monate Stellflächen in sogenannte Parklets umgebaut. Sie wollten wissen, wie sehr das Auto das Stadtbild prägt und was die Veränderung bewirkt. So entstanden Sitzgelegenheiten, Minispielplätze, Cafés und vieles mehr. Einige der Parklets wurden von den Anwohnern rege genutzt, andere lösten sich schnell wieder auf und wieder andere führten in der Nachbarschaft zu kontroversen Diskussionen über die verlorenen Stellplätze.

Neuer Nachbarschafttreff

Nach drei Monaten wurden alle wieder abgebaut – fast alle. Das Parklet „Casa Schützenplatz“ wird seitdem jedes Jahr aufs Neue aufgebaut. Dort hatten die Architekturstudenten auf der sternförmigen Kreuzung mit dem Namen „Schützenplatz“ einen Teil der Stellplätze in eine Terrasse verwandelt. Sie stellten bunt bemalte Paletten auf und ein Sammelsurium aus Stühlen und Liegestühlen. Beim Ablauf des Projekts war ein Parklet ein echter Treffpunkt für die Nachbarschaft geworden. Die Anwohner wollten ihn nicht mehr hergeben und bauten ihn wieder auf.

Nach einer Weile kam ein leerstehender Laden als Ausweichquartier für die Wintermonate dazu. In den Sommermonaten stellen die Nachbarn ihre mobile Terrasse aber immer wieder auf die Stellplätze.

Casa Schützenplatz zeigt, wie aus Parkplätzen Begegnungsräume werden können. Die Umwidmung der Fläche hat das soziale Miteinander in dem Quartier beeinflusst. Mit dem Casa Schützenplatz ist ein Treffpunkt entstanden, den viele der Anwohner mit gestalten.

Das erhofft sich Annika Wixler im Idealfall auch von der Wanderbaumallee Stuttgart. Sie sagt: „Vielleicht fällt es den Menschen auch erst auf, dass etwas fehlt, wenn die Bäume nach vier Wochen wieder abgeholt werden.“

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Andrea Reidl

Andrea Reidl

Andrea Reidl arbeitet als Journalistin, Moderatorin und Buchautorin


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Wie soll die Stadt von morgen aussehen? Bei „Busy Streets“ geht es um nachhaltige Mobilität und die Entwicklung unserer Städte. Ich berichte schon seit längerem für große Medien über Sharing-Angebote, Radverkehr, autonome Fahrzeuge und Stadtbewohner, die Plätze und Grünflächen zurückerobern.

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