Würstchen sind schon Widerstand

Ein Zukunftsszenario zur Klimapolitik

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Würstchen liegen auf einem Grill.

Stellen wir uns einmal vor, eine neue Regierung will tatsächlich die Welt retten. Die Bürger gewöhnen sich an vegetarisches Essen ebenso wie an ein Tempolimit. Doch unzufriedene Politiker treffen sich zum konspirativen Grillen… Ein Zukunftsszenario der ZukunftsReporter.

Dieser Artikel ist Teil der globalen Medieninitiative #CoveringClimateNow.

Leise surrt der Elektrobus den Hang hinauf und stoppt an der Haltestelle „Waldschänke“. Unter dem herbstlich gefärbten Blätterdach ist es einige Grad kühler als in der Stadt, doch ohne den Fahrtwind spürt man auch hier die drückende Hitze. Ferdinand Springorum setzt Sonnenbrille und Hut auf, packt seinen Rucksack und wirft noch einen Blick auf die Fahrgäste. Ein Mädchen von zehn oder zwölf Jahren lächelt ihn an. Er ist also erkannt worden. Aber das macht nichts, denn aus diesem Grund nimmt er den Umweg in Kauf.

Von der Haltestelle führt ein Weg ins Tal und über den Bach. Dann geht es durch die Felder – ein quälender Marsch, denn hier gibt es keine Bäume, die Schatten spenden. Aber Ferdinand Springorum hat ein frisches Hemd eingepackt. Auf der gegenüberliegenden Anhöhe wartet anderthalb Stunden später ein Auto auf ihn. Die Begrüßung ist knapp, der Fahrer ist ein Mitarbeiter des Catering-Dienstes, der ihn zum versteckten Grillplatz fährt. Dort wird Springorum die Pampa-Fraktion treffen, wie sie sich selbst nennt: ein Kreis von Bundestagsabgeordneten und Parteifunktionären, der weit weg sein möchte vom Tagesgeschehen.

Die Erfolge der ökologischen Koalition

Als Sprecher der nicht mehr ganz so jungen ökologischen Koalition ist Ferdinand Springorum eines der prominentesten Mitglieder. Seine Chefin, die Bundeskanzlerin, ahnt nichts von seinem Ausflug in den Wald – das hofft er zumindest. Er ist heute offiziell auf einer Hochzeit, auf seinem Profil werden das später gefälschte Fotos beweisen. Seine Frau ist dort und hat sein Smartphone mitgenommen, damit er auf seinem Weg keine digitalen Spuren hinterlässt. Ihm ist ein wenig unwohl dabei, weil er so viele Menschen einweihen musste, um die falsche Fährte zu legen. Aber der Anlass rechtfertigt den Aufwand, beruhigt er sich.

Der Alterspräsident der Pampa-Fraktion, der konservative Politiker Peter Grimm, begrüßt die Runde. Dieses Mal sind 18 Männer und Frauen zusammengekommen. Es riecht nach Spiritus, mit dem das Catering-Team die Grillkohle tränkt. Der Grill steht auf einem Sandplatz, um die Brandgefahr nach dem langen, trockenen Sommer zu minimieren. „Ich freue mich schon die ganze Woche auf mein Nackensteak“, gesteht Grimm. „Und auf die Gespräche mit euch. Wir wollen hier keine Gesetzesvorlagen diskutieren, sondern uns über die politische Lage Gedanken machen. Ich denke, wir teilen alle den Eindruck, dass der Klimaschutz nicht vorankommt.“

Ferdinand Springorum möchte etwas erwidern, die beruflichen Reflexe zwingen ihn fast dazu. Doch er schaut nur zu Boden. Er ist nicht hergekommen, um die Runde von den Erfolgen der Koalition zu überzeugen, was in Berlin seine Aufgabe gewesen wäre. Er ist bekannt dafür, jeden Einwand auf Knopfdruck zu entkräften. Hier will er aber nur zuhören und verstehen, was die neue Widerstandsbewegung antreibt. Er hat sich sogar gefreut, dass man ihn für vertrauenswürdig hält und in die Pläne eingeweiht hat.

Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren die Weichen neu gestellt, so lautet Springorums übliche Sprechweise. Die Emissionen sinken kontinuierlich um zwei Prozent im Jahr – das ist natürlich noch zu wenig, um die Klimaziele zu erreichen, aber dass es endlich in die richtige Richtung geht, weckt Hoffnung. In Bus und Bahn wurden viele Milliarden investiert und klimafreundliche Technologien massiv subventioniert. Der politische Mut hat auch gereicht, um ein Tempolimit einzuführen und die Zahl der Parkplätze in Innenstädten nach und nach zu verringern. Gleichzeitig hat sich das gesellschaftliche Klima verändert. Heute ist es üblich, vegetarisch zu essen, Shampoo selbst herzustellen und im Second-Hand-Shop einzukaufen. Windräder sind zum Symbol einer neuen Energiewirtschaft geworden.

Als Sprecher der Koalition kann es sich Ferdinand Springorum wie auch die meisten anderen in der Runde nicht leisten, beim Grillen erwischt zu werden. Das wäre schlimmer, als Biomüll in den Glascontainer zu werfen. Dabei will ich doch gar nicht viel, denkt er trotzig. Zwei Bratwürste mit Senf würden mir reichen. Doch der öffentliche Druck ist groß. Neulich ist Springorum bei einem Abendempfang in Berlin gefragt worden, warum ihm die Umstellung so schwerfalle. Da hatte er gerade in ein Tofuwürstchen gebissen und sich verdächtig gemacht.

Im Bundestag wird seit einigen Monaten diskutiert, ob der soziale Druck und die finanziellen Anreize ausreichen. Die Kanzlerin hat weitergehende Verbote ins Spiel gebracht, denn es gibt immer noch Menschen, die dicke Autos fahren und sich jedes Jahr eine Fernreise genehmigen. Doch für Verbote reicht der gesellschaftliche Konsens nicht mehr ganz aus. Den einen gehen diese Vorschläge zu weit, sie warnen vor einer Ökodiktatur, den anderen gehen sie in die falsche Richtung, sie beklagen reine Symbolpolitik. Die Ablehnung hat die Pampa-Gruppe zusammengebracht, doch das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit der Mitglieder, die aus allen Parteien stammen.

Zwischen Ökodiktatur und Symbolpolitik

Peter Grimm rät in seiner Ansprache dazu, geduldig zu sein: „Wir erwarten vom Klimaschutz zu viel in zu kurzer Zeit.“ Die Gesellschaft sei jetzt auf einem guten Weg, mit neuen Verboten würde aber der Bogen überspannt. Das genügt, um die Debatte zu eröffnen. Die linke Seite will die Emissionszertifikate, mit denen gehandelt werden darf, weiter verknappen, um den CO2-Preis zu erhöhen. Es werde immer noch in fossile Energien investiert, offenbar sei das Signal des Umschwungs noch nicht in den Finanzmärkten angekommen. Die Rechtspopulisten fordern hingegen eine bessere Anpassung an den Klimawandel. Als Beispiele nennen sie Bauern, die unter Missernten leiden, und Senioren, die sich keine Klimaanlage kaufen dürfen. Und natürlich könne man nicht jedem Flüchtling aus dem Süden helfen.

Eine Stunde später, die ersten Fleischstücke sind durchgebraten, steht Ferdinand Springorum mit einer Bratwurst neben Jana Maier, der Sprecherin der Südamerika-Gruppe im Bundestag, die sich mit Nico Holzmann streitet, einem Wirtschaftspolitiker. „Ich kann verstehen, dass Europa und vor allem Deutschland in vielen Schwellenländern als bevormundend wahrgenommen werden“, sagt Jana Maier. „Wir kaufen weniger Soja und Fleisch von ihnen und wir reden über ihre Wälder, als würden sie uns gehören.“ „Dass die lateinamerikanischen Staaten nun gemeinsam Geld für den Erhalt des Regenwalds fordern, ist und bleibt eine Erpressung“, beharrt Nico Holzmann.

„Ist das nicht genau das Problem für uns alle?“, wirft Peter Grimm ein, der sich mit einem Glas Bier in der Hand dazustellt. „Wir versuchen Menschen zu zwingen – in Deutschland und überall in der Welt. Die Motive sind edel, aber man muss kein Psychologe sein, um vorauszusagen, dass das nicht gut gehen kann.“ Nico Holzmann stimmt sofort zu, aber Jana Maier überlegt und wiegt dabei den Kopf hin und her. „Die Welt braucht Vorbilder“, sagt sie schließlich. „Aber nach all den Jahren mit hohen Emissionen taugen wir noch nicht dazu.“ „Dann sind wir uns doch einig“, provoziert Nico Holzmann. „Alle dämpfen mal ihre moralische Rhetorik und wir diskutieren wieder vernünftig über Klimaschutz.“

Wer will schon die Regierung stürzen?

Wie gut, dass es keinen Konsens gibt, denkt sich Ferdinand Springorum. Die Regierung hat von der Pampa-Fraktion weniger zu befürchten, als er erwartet hatte. Ihm fällt auf, dass alle Teilnehmer unterschiedliche Feinde haben: die Autofahrer und Touristen, die Kohlekraftwerke, die Flüchtlinge, den erpresserischen globalen Süden, die Besserwisserei der Deutschen. Er sucht nach weitere Beispielen, während der Streit zwischen Jana Maier und Nico Holzmann weitere Zuschauer anzieht. Dann wird er aus seinen Gedanken gerissen: „Was sagt eigentlich die Regierung, Ferdinand?“

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