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Die Hürden vor dem Start der Corona-Impfung

Städte und Bundesländer bereiten Massenimpfungen gegen Corona vor. Das weckt Hoffnung, aber viele Fragen sind noch ungeklärt. Muss die Politik eine Altersgrenze für Risikogruppen festlegen?

03.12.2020
7 Minuten
Ein Mann hält ein Gefäß mit dem Impfstoff und eine Spritze, er bereitet eine Impfung vor.

Alles wird gut: Die Zulassung der neuartigen Corona-Impfstoffe steht bevor, Impfzentren werden eingerichtet. Das ist Grund für Optimismus, aber nicht mehr. Wir wollen nicht schwarzmalen, aber die Organisation einer Massenimpfung steckt voller tückischer Details. Wenn es bei der Vergabe des Impfstoffs gerecht zugehen soll, müssen noch ein paar Hürden überwunden werden.

Dieser Text gehört zu einer Serie der ZukunftsReporter und Plan G, in der wir in das Corona-​Jahr 2021 blicken. Wir werden über die Pflege in Krankenhäusern und Zuhause schreiben, über Chancen und Risiken der Impfung und die Situation auf den Intensivstationen.

Was den Start der Massenimpfung betrifft, musste Jens Spahn die Euphorie bremsen. Ende November sagte der Bundesgesundheitsminister noch, er hoffe, dass die Impfungen vor Weihnachten beginnen können. Das wird nicht klappen. „Unser Ziel ist es, dass bereits im Januar die ersten Risikogruppen und Pflegebeschäftigen geimpft sind“, sagte Spahn nun im Deutschlandfunk. Die Ursache der Verzögerung liegt im Zulassungsverfahren bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA), die nach Angaben von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek am 11. Dezember eine öffentliche Anhörung zum Zulassungsantrag von Biontech und Pfizer abhalten werde. Das Ergebnis der Prüfung soll bis zum 29. Dezember vorliegen. Selbst wenn die Behörde ein paar Tage früher entscheidet, werden die Weihnachtstage einen früheren flächendeckenden Beginn der Impfungen verhindern.

Massenimpfung benötigt viel Personal

Die Verschiebung verschafft den Bundesländern Luft, die sie benötigen. Städte und Gemeinden arbeiten noch am Aufbau von Impfzentren, die in jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt eingerichtet werden sollen. Die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten scheint dabei das kleinere Problem. Zudem müssen Tausende mobile Impfteams zusammengestellt werden, die Seniorenheime und pflegebedürftige Menschen, die zuhause betreut werden, aufsuchen. Zwar melden sich bundesweit Freiwillige. Aber die Mammutaufgabe verlangt viel zusätzliches Personal, wenn durch die monatelangen Impfungen nicht der normale Betrieb in den ohnehin schon belasteten Arztpraxen und Krankenhäusern eingeschränkt werden soll.

In NRW appellierte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann deshalb bereits an ÄrztInnen und KrankenpflegerInnen im Ruhestand sowie an medizinisches Personal, das in Teilzeit arbeitet. Auch Rettungskräfte und andere ausgebildete Mitarbeiter aus Gesundheitsberufen kommen in Frage. Sie sollen sich für den Einsatz gegen Corona in einem Freiwilligenregister eintragen. Aber noch ist unklar, wie die ImpfhelferInnen bezahlt werden und die Freistellung durch den Arbeitgeber erfolgt. Hier fehlen gesetzliche Regelungen.

Ein Blick auf den bevorstehenden Impfalltag zeigt, dass einige optimistische Ankündigungen mit großer Vorsicht zu genießen sind. Bei 20 Impfungen pro Stunde im 12-Stunden-Betrieb sollen in den großen zentralen Impfstellen in NRW täglich bis zu 2400 Menschen versorgt werden. Die meisten Bundesländer verfolgen für die 294 Landkreise und die über 100 kreisfreien Städte in Deutschland ähnlich hochgesteckte Ziele. Diese Zahlen vermitteln in der Bevölkerung den Eindruck, dass ein schneller Erfolg im Kampf gegen die Pandemie möglich ist. Die politisch Verantwortlichen lassen sich gern in den Hotspots der Virenbekämpfung fotografieren.

Risikogruppen sind auf Impfteams angewiesen

Doch der Fortschritt durch einen Impfschutz wird bei den besonders wichtigen Risikogruppen vor allem durch mobile Impfteams erreicht werden. Das trifft insbesondere auf ländlich geprägte Regionen zu. Denn während in den Großstädten noch kurze Wege zum Impfzentrum möglich sind, stellen sich auf dem Land massive logistische Probleme. Die Antwort bilden die mobilen Impfteams. Doch von deren Ausstattung, Personalbedarf und Vorgehensweise hört man derzeit wenig, An wen sollen sich Seniorenheime, pflegende Angehörige und ältere Menschen wenden? Wer koordiniert und priorisiert tausende Anfragen nach einem Besuch für eine Impfung? Hier besteht wenige Tage vor Impfbeginn noch großer Informationsbedarf.

Zudem lauert im Konzept der zentralen Impfstellen eine Gefahr: Weil sie mit großem Aufwand aufgebaut werden, wächst der Druck, dass sie erfolgreich sind. Es liegt also nahe, dass weitaus mehr Menschen in den Impfzentren geimpft werden als durch mobile Teams. Menschen, die ihr Bett oder ihre Wohnung nicht verlassen können, wären dann die Verlierer, wenn für sie keine klaren Regelungen getroffen werden.

Wer erhält den Corona-Impfstoff zuerst?

Das nächste große Problem der Massenimpfung ist die Frage, in welcher Reihenfolge die Menschen geimpft werden sollen. Zunächst werden die Impfstoffe nur für Erwachsene zur Verfügung stehen, da sie bei Kindern und Jugendlichen noch nicht genügend auf Wirksamkeit und Sicherheit untersucht werden konnten. Da sind sich alle einig. Aber sonst fehlt einige Wochen vor Impfbeginn noch immer Klarheit, wer denn als Erstes versorgt werden soll. Wenn es zu Beginn der Impfungen nur eine begrenzte Anzahl an Impfdosen gibt, ist eine klare Regelung zwingend. Schließlich kann nicht jeder geimpft werden, der an der Tür eines Impfzentrums klopft.

Die gemeinsame Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der Ständigen Impfkommission (STIKO), des deutschen Ethikrats und der nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die die Bundesregierung berät, empfahl bereits am 9. November 2020 eine „klare parlamentsgesetzliche Regelung". Die Bevölkerung müsse auf die Sicherheit, Wirksamkeit und ordnungsgemäße Durchführung der Impfung vertrauen können, um die Impfbereitschaft zu erhalten und zu verbessern. Weil das Infektionsschutzgesetz nur wenig inhaltliche Aussagen zur Verteilung enthalte, stehe der Gesetzgeber in der Verantwortung, die Grundlagen zu schaffen, heißt es im Papier. Und weiter: „Obwohl dies in Deutschland nicht zu den klassischen Staatsaufgaben zählt, erscheint es angesichts der mit COVID-19 verbundenen Gefahren angemessen, Verteilungsvorgaben über Impfstoffe nicht den üblichen Marktregeln von Angebot und Nachfrage zu überlassen." Das Expertengremium empfiehlt ein Dokument, um die Bevölkerung zu informieren und dadurch zur Transparenz bei der Entscheidungsfindung beizutragen.

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Risikogruppen und Pflegepersonal

Ein Grund, warum es diese Empfehlung noch nicht gibt, sind die immer noch fehlenden Daten zum Impfstoff. Was genau bewirkt die Impfung? Wenn sie vor allem dazu beiträgt, schwere Krankheitsverläufe mit Todesfällen zu verhindern, dann sollten zunächst die Risikogruppen geimpft werden, bei denen die Sterblichkeit besonders hoch ist. Deshalb rückt die Expertengruppe diese Menschen an die erste Stelle. Wenn die Impfung generell die Übertragung der Viren und damit die Infektionsgefahr verringert, wird der Kreis der Kandidaten für die erste Impfphase deutlich größer. Neben den Risikogruppen kommt dann das Pflegepersonal infrage, ebenso wie Berufsgruppen, die in der Corona-Pandemie als systemrelevant gelten. Polizei, Feuerwehr, LehrerInnen, ErzieherInnen und LokomotivführerInnen haben in verschiedenen Interviews bereits Bedarf an einer schnellstmöglichen Impfung angemeldet. Diese Liste der Interessenten wird sicher noch länger werden.

Fraglich, ob die Regierungen in Bund und Land dem Vorschlag des Expertengremiums folgen werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel sorgte mit einer Aussage in ihrer Regierungserklärung bereits für Irritationen. „Wir haben verabredet, dass diese Impfstoffe den Menschen angeboten werden, die im medizinischen, pflegerischen Bereich arbeiten, und sie als Erste Zugriff darauf haben", sagte Merkel. Gesundheitsminister Spahn wählt in Interviews inzwischen eine Formulierung, die beide Gruppen einschließt: „Unser Ziel ist es, dass bereits im Januar die ersten Risikogruppen und Pflegebeschäftigen geimpft sind.“ Die STIKO will noch vor Jahresende eine auf wissenschaftlichen Daten basierende, gegebenenfalls weiter zu entwickelnde Matrix vorlegen, wer als Erstes geimpft werden soll.

Muss die Politik Altersgrenze für Impfung festlegen?

Geht man mal davon aus, dass Risikogruppen die ersten Impfberechtigten sind, bleibt wenige Wochen vor Beginn der Impfung die Frage offen, wie die Kandidaten ermittelt werden. Ein Teil der Risikogruppe – die Älteren – könnte sich durch den Personalausweis als impfberechtigt ausweisen. Dazu müsste die Politik eine Altersgrenze festlegen, die eine Abgrenzung zwischen Risikogruppe und Nicht-Risikogruppe ermöglicht. Zusätzlich könnten Menschen mit Vorerkrankungen einen Impfanspruch geltend machen. Hier sind HausärztInnen oder die Pflegekassen gefragt, entsprechende Bescheinigungen auszustellen. Doch welche Vorerkrankungen werden anerkannt? Diabetes ja, Asthma nein? Beide Festlegungen – Altersgrenze und Vorerkrankungen – werden Diskussionen auslösen. Wir müssen diese Debatten führen, am besten bevor die Impfungen beginnen. Bisher finden sie aber kaum statt.

Ein weiterer Aspekt, der derzeit in der Öffentlichkeit zu wenig diskutiert wird, sind die möglichen Nebenwirkungen der Impfung. Sicher ist die Impfung ein Segen im Kampf gegen Corona und ein wichtiger Schritt, um die Pandemie mit vielen Toten zu beenden. Doch wenn 50 Millionen Menschen geimpft werden, lassen sich schon angesichts der großen Zahl an Impfungen Probleme nicht vollständig ausschließen. Deshalb muss eine Impfstrategie aus drei Schritten bestehen: Aufklärung, Impfung und Nachverfolgung.

Dokumentation von Nebenwirkungen der Corona-Impfung fehlt

Thomas Mertens, Vorsitzender der STIKO, machte dazu am 1. Dezember in den Tagesthemen mit umsichtig gewählten Worten einen guten Anfang. „Wir glauben schon, dass der Impfstoff jetzt sicher ist", sagte er. „Wir müssen allerdings – und das ist ein ganz wichtiger Punkt – bei Beginn der Impfkampagne dafür sorgen, dass wir eine hervorragende Dokumentation haben, damit wir – als zusätzliche, übervorsichtige Maßnahme – genau merken können, wenn irgendetwas auftreten sollte." Am Sinn der Impfung zweifelt er nicht. „Impfungen sind das Einzige, mit dem wir Infektionsprobleme lösen können", sagte Mertens und fügte hinzu: „Wann immer ein neuer Impfstoff oder ein neues Medikament eingeführt werden muss, kann es auch immer Nebenwirkungen geben."

Es wäre dringend notwendig, dass der Gesundheitsminister die Art und Weise dieser Dokumentation und die Frage, wie transparent sie sein wird, bald erläutert. Wenn ein Impfstoff gegen COVID-19 bei der Eindämmung der Pandemie zukünftig breit und erfolgreich eingesetzt werden soll, muss das Vertrauen der Öffentlichkeit in seine Sicherheit und Wirksamkeit gewonnen, gesteigert und aufrechterhalten werden.

Impfung als Freischein für Reise und Partys?

Und noch einen Aspekt sollten die PolitikerInnen schnell klarstellen. Sie haben bereits mehrfach gesagt, dass es keine Impfpflicht geben wird. Nun sollten sie ergänzen, dass geimpfte Menschen in Bezug auf die Corona-Beschränkungen keine Vorteile gegenüber nicht-geimpften Menschen haben werden. Sonst könnte in den ersten Wochen und Monaten der Impfkampagne ein großer Druck entstehen, weil Bürgerinnen und Bürger zur Impfung drängen, um einen Freischein für unbeschränktes Reisen, Feiern und Ausgehen zu erhalten. Dieses Verhalten würde all die Menschen gefährden, die eine frühzeitige Impfung schützen soll, die aber nicht zu Zuge kommen.

Quellen:

https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2020_Positionspapier_COVID-19-Impfstoff_final.pdf

https://www.ardmediathek.de/daserste/video/tagesthemen/tagesthemen/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3RhZ2VzdGhlbWVuLzg4NTkzNzVmLWI3Y2MtNGFlNC04YWM5LTlkYTY0YzM5NjJiMQ/

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Rainer Kurlemann

Rainer Kurlemann

Rainer Kurlemann ist promovierter Chemiker und arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Journalist. Er schreibt nicht nur über Wissenschaft, sondern sucht als Moderator auch den Dialog mit Menschen und Innovationen für die Diskussion über Wissenschaft. „Der Geranienmann“ ist sein erster Wissenschaftskrimi, weitere Bücher werden folgen.


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