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Weltweit 5 Millionen Tote: Brasilianer errichten Gedenkstätte, Isländer sagen „Augen zu und durch“

Aktuelle Berichte zu Pandemie, Covid-19 und Impfungen in Südamerika, den USA, Afrika, Indonesien, Europa und Australien

31.10.2021
15 Minuten
Eine Frau steht neben der Corona-Gedenkstätte – lange metallische Banden mit den Namen von Verstorbenen.

Die Pandemie ist erst zu Ende, wenn sie für alle zu Ende ist – diese Devise der Weltgesundheitsorganisation WHO war noch nie wahrer als jetzt. Während in Deutschland Booster-Impfungen beginnen, haben auf dem afrikanischen Kontinent die meisten Menschen noch nicht einmal ihre erste Impfdosis bekommen. Bald sieben Milliarden Impfdosen wurden weltweit bereits verabreicht – aber sehr ungleich verteilt.

In vielen Ländern setzt angesichts des nahenden Winters ein fatalistischer Umgang mit der Pandemie ein – in Deutschland zum Beispiel schließen die Fraktionen der Ampel-Parteien weitere Lockdowns kategorisch aus. In Island heißt es „Augen zu und durch, wie Tina Gotthardt aus Reykjavik berichtet.

Weltweit geht das Leiden weiter: Mindestens fünf Millionen Menschen sind laut Johns Hopkins Universität inzwischen an einer Corona-Infektion gestorben. Und selbst Länder, die es bisher geschafft haben, der Pandemie zu entkommen – wie Tonga im Pazifik – können das Virus nicht fernhalten.

Dass Pandemie erst zu Ende ist, wenn sie für alle zu Ende ist, macht einen weltweiten Überblick der Lage wichtig. RiffReporterinnen und RiffReporter berichten aus zehn Ländern über die aktuelle Lage:

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Island: Masken ab, Augen zu und durch

Von Tina Gotthardt, Reykjavik

Die Fallzahlen in Island steigen wieder, doch im Moment gibt es weiterhin kaum Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Nur die Zahl der Menschen, die sich versammeln dürfen, ist noch begrenzt. Aber auch diese Regel soll im November fallen. Pressekonferenzen zu Corona-Zahlen finden nicht mehr statt und Infektionszahlen werden nicht mehr täglich veröffentlicht. Masken sieht man kaum noch. Trägt man selbst eine, kann es sein, dass man darauf hingewiesen wird, man müsse dies nicht tun. Island setzt nun alles auf eine gute Einreisekontrolle – also den Vorteil seiner Insellage – und die Impfquote.

Die Impfquote in Island ist gut, 76 Prozent der Gesamtbevölkerung sind vollständig geimpft, fast 90 Prozent derjenigen über 12 Jahre. Als nächstes sollen Kinder zwischen 6 und 11 Jahren mit dem Impfstoff von Biontech-Pfizer geimpft werden. Booster-Shots wurden in Island bislang nur an besonders Gefährdete verabreicht und denjenigen, die im Sommer mit dem Janssen-Impfstoff geimpft wurden. Als nächstes sind Menschen über 60 dran sowie Mitarbeiter im Gesundheitswesen und Bewohner von Pflegeheimen. Dies soll die Sterberate weiter gering halten. Seit Ausbruch der Pandemie sind in Island insgesamt 33 Menschen an Covid-19 gestorben, davon waren knapp zwei Drittel über 80 Jahre alt und nur eine Person unter 50.

Schneller steigende Infektionszahlen und zuletzt ein Ausbruch auf der Herzstation im Krankenhaus haben jetzt allerdings dazu geführt, dass es wieder eine Station exklusiv für Patienten mit Covid-19 gibt. Dass weitere Massnahmen ergriffen werden, scheint allerdings unwahrscheinlich. Die Devise lautet: Augen zu und durch.

Indonesien: Bali öffnet Tourismus, aber Ansturm bleibt aus

Von Christina Schott, Themenmagazin Weltreporter

Die Zahl der Neuinfektionen in Indonesien liegt zurzeit so niedrig wie zuletzt im Mai 2020. Ein gutes Drittel der Bevölkerung ist mittlerweile geimpft, die meisten mit dem chinesischen Impfstoff Sinovac. Seit dem 14. Oktober 2021 dürfen wieder ausländische Touristen auf die Ferieninsel Bali reisen. Allerdings bleibt der erhoffte Ansturm wegen der strengen Einreisebestimmungen bisher aus: Wer nach Indonesien einreist, muss sich weiterhin fünf Tage in eine überwachte Quarantäne begeben und zwei PCR-Tests durchführen. Dabei darf sowieso nur ins Land, wer schon vollständig geimpft und aktuell getestet ist.

Die brachliegende Tourismusindustrie auf der „Insel der Götter“ hofft auf baldige Erleichterung der Vorschriften: Viele Mitarbeiter haben ihr komplettes Einkommen verloren und drohen, in die Armut abzurutschen.

Nach anderthalb Jahren Homeschooling haben im September und Oktober nun auch die Schulen in Indonesien nach und nach wieder geöffnet. In Jakarta mussten allerdings schon wenig später die ersten wegen neuen Corona-Clustern wieder schließen. Zuvor hatte die WHO die indonesische Regierung gewarnt, dass die langanhaltenden Schulschließungen schwere Entwicklungsschäden und Benachteiligungen vor allem bei Kindern aus armen Familien bewirken könnten. Seit Beginn des Schul-Lockdowns im März 2020 wurde ein besorgniserregender Anstieg von häuslicher Gewalt und Kinderhochzeiten registriert.

Strand mit Liegen und Sonnenschirm vor tiefblauem Meer, aber ohne Menschen.
Leerer Strand auf Bali (Archivbild): Die Menschen, die von Tourismus leben, hoffen auf eine Rückkehr der Urlauberinnen und Urlauber.

Australien: Bald schneller in Rom als Perth

Von Julica Jungehülsing, Themenmagazin AustralienStories

Australierinnen und Australier lieben Rekorde, der jüngste ist allerdings nicht populär: Melbourne, Hauptstadt des Bundesstaats Victoria, brach im Oktober Buenos Aires’ Rekord des längsten Lockdowns der Welt: Mehr als 260 Tage waren die Einwohnerïnnen der Fünf-Millionen-Stadt seit Pandemiebeginn zu Hause geblieben, bis die Restriktionen in der Nacht zum 22. Oktober aufgehoben wurden. Die Infektionszahlen stiegen trotzdem: Mehr als 1.950 Neuinfektionen pro Tag waren Mitte Oktober ebenfalls ein Rekord für Victoria. Vermutlich kein Zufall, dass ebendort Australiens bisher heftigsten Proteste Schlagzeilen machten.

Als die Bauindustrie eine Impfpflicht einführen wollte, wurde der Protest von bis zu 2.500 Demonstrantïnnen teilweise gewalttätig. Die Polizei griff mit Härte durch. Die Regierung bestrafte auch Zigtausende, die nicht auf die Straße gegangen waren: Sie machte sämtliche Baustellen – die bis dahin mit Restriktionen arbeiten durften – in Victoria für zwei Wochen dicht. Mitte Oktober endete dann der längste Lockdown der Welt in Melbourne.

In Sydney und zahlreichen ländlichen Regionen im bevölkerungsreichsten Bundesland New South Wales wurde am 11. Oktober ein teils mehr als 110 Tage währender Lockdown gelockert: Geimpfte dürfen dort mit Abstand wieder in Cafés, Restaurants, zum Frisör und in Fitnesszentren oder sich zehn (ebenfalls geimpfte) Besucher nach Hause einladen.

Zugleich hat die konservative Regierung von Scott Morrison diese Woche ein überraschendes Ende des 18-monatigen Reiseverbots verkündet: Ab 15. November dürfen geimpfte Australierinnen und Australier ihr Land wieder ohne Sondergenehmigung verlassen, und vor allem wieder einreisen, ohne bei der Rückkehr für 14 Tage in teuren Quarantäne-Einrichtungen zu verbringen. Ab Mitte November müssen sie stattdessen nach der Rückkehr nur für sieben Tage in häuslicher Isolation bleiben. Über 74 Prozent der über 16-Jährigen in Australien haben inzwischen vollen Impfschutz.

Die neuen Regeln führen zu kuriosen Konstellationen: Reisehungrige Australierinnen und Australier aus Victoria und New South Wales dürfen voraussichtlich früher nach Rom oder Bali als ihre Verwandtschaft in Westaustraliens Hauptstadt Perth zu besuchen. Der Westen des Landes, der sich mit seltenen Neuinfektionen, 1.110 Corona-Fällen und 9 Toten eine „sichere Zone” nennt, hat sich weitgehend abgeschottet. Nur Einwohner aus dem Norden, Südaustralien und Tasmanien dürfen derzeit in das Bundesland, und auch sie nur mit Einschränkungen.

Kolumbien: Britische Expats rebellieren

Von Katharina Wojczenko, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

In Kolumbien rückte in den vergangenen Wochen eine ganz besondere Bevölkerungsgruppe in den Fokus der Corona-Debatten: Expats aus Großbritannien. Sie waren not amused, um nicht zu sagen stinksauer.

Kolumbien war eines von sieben Ländern, das nach Monaten immer noch auf der Roten Liste der britischen Regierung stand, das die Einreise verhinderte, zusammen mit Ecuador, Haiti, Panamá, der Dominikanischen Republik, Peru und Venezuela. Das Land war damit in kurioser Gesellschaft. Nicht auf der Liste standen Brasilien und ein Haufen anderer Länder, in denen die Pandemie schlimmer wütet.

Die Zahl der täglichen Neuinfektionen pro 1 Million Einwohner lag Ende Oktober in Kolumbien bei etwa 30 und im Vereinigten Königreich über 600. Auch bei der Zahl der täglichen Toten war die Situation auf der Insel deutlich schlimmer als in Kolumbien. Da fragte sogar die Zeitung The Independent: Ist Kolumbien wegen einer Verschwörung auf der Roten Liste?

Die Folgen, auf der britischen Roten Liste zu stehen, waren hart. Über knapp zwei Jahren hinweg durften Nicht-Britïnnen und Menschen ohne Residenzrecht im Vereinigten Königreich überhaupt nicht aus Kolumbien einreisen. Für britische und irische Staatsbürgerïnnen gab es zwar theoretisch Ausnahmen – aber zu einem horrenden Preis: Wer einreiste, muss geimpft sein und sofort zehn Nächte in ein vorab gebuchtes staatliches Quarantäne-Hotel am Flughafen. Kosten für den Pauschal-Zwangsurlaub: 2.285 Pfund für einen Erwachsenen. Eine Familie mit zwei Kindern über elf Jahren kostete das 8.860 Pfund, also 10.481 Euro. Das kolumbianische Impfzertifikat Mi Vacuna erkannte Großbritannien nicht an, selbst wenn die komplette Impfung mit in Großbritannien zugelassenen Vakzinen erfolgte.

Die menschlichen Dramen, die hinter diesen Zahlen steckten, kann man sich ausmalen. Stichworte: getrennte Familien, binationale Liebespaare, allein verstorbene Angehörige. Dasselbe galt für die Lieben auf der Insel, die gerne Verwandte in Kolumbien besuchen wollten – aber sich die Rückkehr nicht leisten konnten. Seit Monaten zerbrachen sich Menschen die Köpfe, welchen Drittstaat sie für einen billigeren Zwischenstopp nutzen können, um zehn Tage vor der Einreise in ihre Heimat nicht in Kolumbien gewesen zu sein.

Diesen Monat hatte die Expat-Community in Kolumbien die Nase voll. Im Netz häuften sich die Flüche auf die eigene Regierung. „Diskriminierend” und „rassistisch” waren Begriffe, die da fielen. Mit den Hashtags #TakeColombiaOffTheRedListNow und #RemoveColombiaFromTheRedList forderten die Expats auf Twitter ihre Reisefreiheit zurück.

Durchaus mit Humor:

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Das Fass zum Überlaufen brachte Zac Goldsmith, der britische Minister für den Pazifik und die Umwelt. Der konservative Politiker besuchte Anfang Oktober nicht nur Kolumbien zur Vorbesprechung des COP26-Klimagipfels und ließ sich in dem vermeintlichen Pandemieherd mehrfach ohne Mundschutz ablichten. Er tauchte sogar nach seiner Rückkehr ohne Quarantäne direkt wieder im House of Lords auf. Minister-Ausnahmegenehmigung sei Dank.

Danach knackte die Petition ans Parlament mit dem Titel „Entfernen Sie umgehend Kolumbien von der Roten Reise-Liste” binnen weniger Tage das Quorum von 10.000 Unterschriften. Die “Zac Goldsmith soll nach seinen Reisen nach Peru und Kolumbien ins Hotel zur Quarantäne”-Petition blieb mit 14 Unterschriften dagegen eher etwas für Eingeweihte.

Ob es der Aufstand der Expats war oder das nahende Weihnachten? Ende Oktober verkündete Transportminister Grant Shapps, dass Kolumbien und die übrigen sechs Länder am Montag, 1. November, um 4 Uhr morgens von der Rote Liste gestrichen werden.

Peru: Der lange Schulausfall trifft die Ärmsten

Von Hildegard Willer, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

Zwei Bilder stehen für die vergangenen zwei Corona-Jahre in Peru: die langen Schlangen verzweifelter Menschen mit mannshohen grünen Sauerstoffflaschen, die darauf warten, diese für ihre an Corona erkrankten Angehörigen auffüllen zu können.

Und dieses Bild einer Mutter in den Anden. Sie ist mit ihrem Kind auf einen Hügel geklettert, um Handyempfang zu bekommen. Ihr Sohn liegt neben ihr im Gras und schreibt aufmerksam in ein Heft. Daneben das Handy, über das er die Aufgaben seine Lehrerin per Whatsapp erhält. Es ist das zweite Schuljahr, in dem er kein Klassenzimmer von innen gesehen hat.

Eine Mutter und ihr Kind sitzen in einer weitern gebirgigen Graslandschaft, das Kind macht Hausaufgaben.
Homeschooling in den Anden

Peru führt mit rund 6000 Toten auf eine Million Einwohner immer noch die weltweite Corona-Todesstatistik an. Die zwei ersten Corona-Wellen waren verheerend. Doch seitdem läuft die Impfkampagne gut und zumindest in den großen Städten der Küste sind rund 50 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Die angekündigte dritte Welle lässt noch auf sich warten. Und alle hoffen, dass es dieses Mal nur eine „Olita“ wird, ein „Wellchen“.

Doch eben weil Corona in Peru so viele Opfer gefordert hat, sind sowohl Behörden wie auch einige Eltern übervorsichtig damit, die Schulen wieder zu öffnen. Zusammen mit Venezuela, Honduras, Panama und Ecuador gehört Peru damit zu den Ländern in Südamerika, die ihre Schulen seit Ausbruch der Pandemie im März 2020 durchgehend geschlossen haben. Paradoxerweise gilt das Verbot nicht für Einkaufszentren, in denen Kinder wie Eltern seit Monaten wieder ungestört einkaufen dürfen.

Der seitdem virtuell durchgeführte Unterricht via Laptop, Handy, Radio und Fernsehen erreicht längst nicht alle Schülerinnen. 70 Prozent der Peruanerinnen hat Zugang zu Internet – doch dies sind in erster Linie die Bewohnerinnen an der Küste. Die meisten haben Zugang über ihr Handy. Doch der Apparat alleine reicht nicht. Vielen Familien fehlt das Geld, um das Handy so regelmäßig aufzuladen, damit die Kinder ihrem Unterricht folgen können.

Eine andere Form von Long Covid in Peru bedeutet schon jetzt: Kinder mit großen Wissenslücken in einem Land, dessen staatliches Schulsystem auch ohne Corona schon prekär ist.

Brasilien: Der Trauerprozess hat begonnen

Von Ulrike Prinz, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

Mit bisher rund 607.000 Toten ist Brasilien nach den USA das am schwersten von der Pandemie betroffene Land der Welt. Das Virus konnte sich zunächst fast ungehindert verbreiten. Im September stellte die Stadt Rio de Janeiro das erste Infinity Memorial für seine Toten auf. Mit dieser Idee wollte die brasilianische Architektin Crisa Santos den unzähligen Hinterbliebenen der Menschen, die isoliert und ohne Beistand sterben mussten, Trost spenden. Auf der 39 Meter langen Stahlstruktur können 4.000 Verstorbene verewigt werden, für 20 Dollar pro Namen. Mehr als 68.000 Tote zählt die Stadt an der Copacabana inzwischen. Das Design stellt Santos gratis zur Verfügung, so dass es auch anderenorts übernommen werden kann.

Auch São Paulo würdigte seine Toten mit einer temporären Installation von 38.000 Windrädern aus Papier. Jedes Papierrad auf dem Roosevelt-Platz repräsentiert eine verstorbene Person und soll gleichzeitig die Hoffnung, die Erneuerung symbolisieren und den frischen Wind, der nötig sein wird, die schweren Verluste zu verarbeiten. São Paulo allein zählt 152.000 Todesfälle.

Im Bundesstaat Amazonas starben bisher registriert 13.763 Menschen am Coronavirus. Neben einem äußerst prekären Gesundheitssystem, dem Fehlen von Intensivbetten und der Knappheit an medizinischem Sauerstoff, führten auch die Covid-Protokolle des brasilianischen Gesundheitsamtes zu Konflikten. „Ich habe viele Protokollregeln gebrochen“, sagte die junge Ärztin Israel Dutra gegenüber Amazonia Real, denn sie entsprächen nicht der Realität der Indigenen. So isolierte sie Patienten nicht mit Masken in den stickigen Krankenstationen mit Zinkdächern, sondern platzierte sie unter Bäumen, mit guten Ergebnissen, wie sie berichtet.

USA: Mehr Tote als durch die Spanische Grippe

Von Steve Przybilla, Themenmagazin USA-Reporter

In den USA zeigt sich dieser Tage ein gemischtes Bild: In vielen Teilen des Landes gehen die Infektionszahlen allmählich zurück. In Florida, wo sich noch im August 20.000 Menschen am Tag mit dem Coronavirus angesteckt hatten, waren es Ende Oktober unter 2000 am Tag. Andererseits verlagert sich das Infektionsgeschehen. So sind derzeit die Bundesstaaten Wyoming, Idaho und Montana stark betroffen.

Ein Grundproblem bleibt die mangelnde Impfbereitschaft. Erst 66 Prozent der Bevölkerung sind mindestens einmal geimpft, knapp 58 Prozent vollständig. „Coronavirus-Tote übersteigen 700.000 trotz breiter Verfügbarkeit der Impfung“, brachte die New York Times das Paradoxon auf den Punkt. An Covid-19 sind in den USA inzwischen mehr Menschen gestorben als 1918/19 an der Spanischen Grippe. Zwar hat sich seither die Bevölkerung verdreifacht – aber der medizinische Fortschritt war seither gigantisch, samt Entwicklung von Impfstoffen in Rekordtempo.

Corona-Maßnahmen bleiben in den USA ein Politikum: Flugpersonal berichtet immer wieder über Angriffe und Beleidigungen, wenn es die Maskenpflicht durchsetzt. In Bundesstaaten, in denen keine Maskenpflicht gilt, grenzt der persönliche Infektionsschutz an ein politisches Bekenntnis. Wer im Supermarkt eine Maske trägt, wird mancherorts schief angeschaut – oder kurzerhand als „Weichei“ tituliert.

Eine medizinische Fachkraft zieht eine Impfspritze auf.
Vorbereitung zur Impfung in Tunis: Die Impfquote bleibt niedrig, aber eine faktische Impfpflicht naht.

Südafrika: Lockerungen wecken Hoffnung

Von Leonie March, Themenmagazin Afrika-Reporter

Der ursprüngliche Impfnachweis ähnelte einer Postkarte, handgeschrieben mit Aufkleber. Nun aber stellt auch Südafrikas Regierung digitale Impfpässe mit QR-Code aus, die unter anderem das Reisen erleichtern sollen. Wie andere Staaten des Kontinents hatte Südafrika lange auf den roten Listen vieler Länder gestanden. Vor allem die Einreisebeschränkungen in Großbritannien – inklusive Quarantäne – hatten in Südafrika für erheblichen Unmut gesorgt. Sie entbehrten jeglicher wissenschaftlichen Grundlage, so die Kritik.

Denn die Infektionszahlen sind derzeit auf einem Tiefstand und das Impfprogramm hat nach vielen Verzögerungen Fahrt aufgenommen. Anders als in anderen afrikanischen Staaten, in denen Impfstoffe noch immer Mangelware sind. In Südafrika jedoch können seit kurzem auch Jugendliche ab 12 Jahren geimpft werden, der Lockdown wurde auf die niedrigste Stufe gesenkt, größere Versammlungen sind wieder erlaubt, eine nächtliche Ausgangssperre besteht jedoch weiterhin.

Mit den neuen Lockerungen wächst vor allem in der angeschlagenen Tourismusindustrie die Hoffnung auf eine gute Sommersaison. Allein Reisebuchungen aus Großbritannien haben kräftig zugenommen. Viele südafrikanische Expats in England freuen sich schon jetzt auf ein Weihnachtsfest im Kreis ihrer Familie.

Tunesien: Auf dem Weg zur faktischen Impfpflicht

Von Sarah Mersch, Themenmagazin Afrika-Reporter

Nach einer verheerenden Welle im Frühsommer sinken in Tunesien die Zahlen der Covid-Infizierten seit einigen Wochen kontinuierlich, auch der Druck auf die Krankenhäuser hat merklich nachgelassen.

Dafür geht die Zahl der Impfungen langsam, aber stetig in die Höhe. Immerhin ein Drittel der Gesamtbevölkerung ist inzwischen vollständig geimpft. Eigentlich sollte es bis Mitte des Monats die Hälfte sein, hatte der Leiter der Impfkommission angekündigt, doch es macht sich eine gewisse Impfmüdigkeit breit, so dass inzwischen Tunesierïnnen ab 75 Jahren auch Booster-Impfungen angeboten werden.

Auch diejenigen, die mit Impfstoffen mit WHO-Zulassung geimpft wurden, die aber im Ausland nicht anerkannt werden, können sich jetzt registrieren, um sich vor einer Auslandsreise mit mRNA-Impfstoffen impfen zu lassen. Dies betrifft in Tunesien diejenigen, die Sinovac oder Sinopharm erhalten haben. Diese beiden Impfstoffe werden zum Beispiel von der EU nicht generell anerkannt, auch wenn einzelne Länder sie inzwischen akzeptieren. Wer Anfang des Jahres Sputnik erhalten hat, wird nochmal komplett neugeimpft.

Offenbar reicht aber selbst das nicht, um die Quote signifikant nach oben zu treiben. Ergebnis: auch in Tunesien wird der Corona-Impfnachweis erforderlich – und zwar für quasi alles, so dass es de facto einer Impfpflicht nahe kommt: So benötigt man in Zukunft zum Beispiel einen Nachweis bei Betreten öffentlicher Verwaltungen, Cafés, Restaurants oder öffentlichen Veranstaltungen, und außer bei Notfällen auch in Krankenhäusern. Auch für die Arbeit sowohl im öffentlichen Dienst als auch im Privatsektor werden Impfungen vorgeschrieben.

In Kraft treten sollen die Regelungen zwar erst in zwei Monaten, so dass alle Zögernden noch genug Zeit haben, sich impfen zu lassen. Doch bereits jetzt fordern einzelne Restaurants oder Kulturveranstaltungen den Nachweis ein. Ob es funktionieren wird? Kritiker der Maßnahmen fürchten, die Regelungen würden dazu führen, dass die Umsetzung von der Tagesform der Sicherheitskräfte abhängen wird und wem sie sich gegenüber sehen. So ähnlich war es bereits bei der Maskenpflicht im öffentlichen Raum passiert, an die sich kaum jemand gehalten hat.

Unterdessen wundern sich Beobachterïnnen, warum die Zahl der Infizierten lange gesunken ist und sich inzwischen auf niedrigem Niveau stabilisiert hat, trotz Schulbeginn vor einem Monat und weitestgehender Aufhebung beziehungsweise Nicht-Beachtung der Schutzmaßnahmen. An den wenigen Tests kann es kaum liegen, denn die Positivrate, die zwischenzeitlich bei mehr als 40 Prozent lag, hat sich bei um die drei Prozent eingependelt, und auch die Krankenhauseinweisungen sind deutlich zurückgegangen. Zwar geht die Krisenkommission von einer hohen Dunkelziffer der Erkrankungen aus, doch selbst wenn wie geschätzt 30 Prozent der Bevölkerung irgendwann infiziert waren, wäre das Land von einer sogenannten Herdenimmunität weit entfernt.

Spanien: Debatte über die „Botellones“-Jugendproteste

Von Ulrike Prinz, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

Ende Oktober war die Zahl der Corona-Fälle in Spanien deutlich niedriger als in den meisten anderen Teilen Europas. Je nach Region variierte die 7-Tages-Inzidenz zwischen 8 und 40, während zum Beispiel Bayern einen Wert von 243 meldete. Nun diskutiert die spanische Gesellschaft über ein Folgeproblem der Pandemie: die „botellones“.

Massenbesäufnisse Jugendlicher im öffentlichen Raum halten die großen Städte Barcelona und Madrid in Atem, werden aber auch in kleineren Ortschaften veranstaltet. Ende September hatten sich In Barcelona zum traditionsreichen Feiertag der Stadtpatronin, „La Mercè“ über 40.000 Feiernde auf der Plaza de Espanya versammelt. Trotz hoher Geldbußen bei Regelverstößen – zwischen 100 und 600 Euro – sind diese Feste kaum zu kontrollieren und münden oft in Gewalt und Vandalismus.

Mireia Cabero, Professorin für Psychologie an der Universidad Oberta de Catalunya, vermutet hinter der enormen Zunahme dieser Sauffeste eine Reaktion auf die Pandemie, eine Art Pendelwirkung nach den restriktiven Maßnahmen. Sie seien wie ein Befreiungsschlag nach dem Eingesperrtsein. Auch der Soziologe Jordi Busquet Duran sieht in den botellones ein Symptom von Unruhe, Unzufriedenheit und starker Anspannung, die unter den Jugendlichen herrsche.

Die Pädagogin Lola Álvarez nimmt den Vandalismus der Jugendlichen unter massivem Alkoholeinfluss als eine Art Jugendprotest wahr. Die Pandemie habe die Gesellschaft in eine schwere Krise gestürzt, während der Gewalt deutlich zugenommen habe. Die Geschlechtergewalt, die Gewalt zwischen Eltern und Kindern aber auch die Gewalt gegen sich selbst. Suizid ist in Spanien die häufigste Todesursache bei Jugendlichen zwischen 15 und 29 Jahren.

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