Konflikt um Windkraft-Ausbau: „Das Artenhilfsprogramm ist kein Trostpflaster“

Der neue Sonderbeauftragte für das Nationale Artenhilfsprogramm Josef Tumbrinck über seine Ziele, Kritik von Naturschützern und das Ringen um Artenschutz und Energiewende

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Porträtfoto Josef Tumbrinck im Grünen

Der von der Ampel-Koalition forcierte Ausbau der Erneuerbaren Energien wird nicht nur zum Stresstest für Verwaltungen, Planer und Bauunternehmen: Tausende neue Windräder, Photovoltaik-Großanlagen und Wasserkraftwerke bringen auch viele bedrohte Tierarten weiter unter Druck, deren Lebensraum ohnehin knapp ist.

Mit den gerade vom Bundestag verabschiedeten Gesetzen des „Osterpakets“ gelten künftig drastisch verkleinerte Schutzabstände zwischen Vogelbrutstätten und Windrädern. Die Liste der als „windkraftsensibel“ eingestuften Arten wird stark reduziert. Windräder sollen künftig auch in Landschaftsschutzgebieten gebaut werden dürfen.

82 Millionen Euro sollen Artenschutz absichern

Um diese negativen Folgen der Energiewende auf die Artenvielfalt abzufedern, hat die Bundesregierung erstmals ein nationales Artenhilfsprogramm aufgelegt. Bis zum Ende der Wahlperiode stehen gut 82 Millionen Euro zur Verfügung. Damit soll die Lage besonders gefährdeter Arten soweit verbessert werden, dass sie zusätzliche Verluste etwa an Windrädern verkraften können.

Die zügige Umsetzung der Hilfsprogramme ist Aufgabe von Josef Tumbrinck. Er wurde zum Sonderbeauftragten für das Artenhilfsprogramm berufen. Im ersten Interview in der neuen Funktion erklärt Tumbrinck, wie es gelingen soll, Artenschutz und Energiewende gemeinsam voranzubringen.

Ihre Chefin, Bundesumweltministerin Steffi Lemke sieht im „Osterpaket“ einen guten Kompromiss, zwischen den Zielen eines schnelleren Ausbaus der Erneuerbaren Energien und dem Naturschutz. Ist dieses Kunststück aus Sicht des Artenhilfskoordinators gelungen?

Natürlich ist es ein Spagat, vor dem wir stehen. Wir müssen die Erneuerbaren Energien angesichts der Klimakrise rasch ausbauen – auch der Krieg gegen die Ukraine illustriert die Gefahren einer Energieabhängigkeit nochmal dramatisch – und wir müssen gleichzeitig die Biodiversität sichern. Beides miteinander zu vereinbaren, hat auch der Bundestag mit seinen Beschlüssen im Blick. Und die Ampel-Koalition hat in ihrem Entschließungsantrag zu den Gesetzen deutlich gemacht, dass es gilt, die Umsetzung der Artenhilfsprogramme in gleichem Maß wie den Ausbau der Erneuerbaren Energien zu beschleunigen und dafür die notwendigen Grundlagen zu schaffen.

Die Liste der Arten, die als „windkraftsensibel" angesehen werden und damit besonderen Schutz genießen, wurde auf 15 verkleinert. Auch die Schutzabstände zu Windrädern sind gegenüber den Regeln, die bisher in den Bundesländern gelten, verkleinert worden, entgegen den Empfehlungen der staatlichen Vogelschutzwarten. Wäre hier nicht Prävention durch eine Beibehaltung der bisherigen Regeln der bessere Weg zum Schutz der Arten als ein Artenhilfsprogramm?

Prävention wird mit den beschlossenen Neuerungen nicht ausgeschlossen. Die Liste der 15 Brutvogelarten bezieht sich auf das Tötungs- und Verletzungsrisiko von Brutvögeln durch den Betrieb von Windkraftanlagen. Darüber hinaus gibt es beispielsweise auch die Gruppe der störungsempfindlichen Vogelarten. Diese werden in dem Gesetz überhaupt nicht adressiert, und als störungsempfindlich gilt eine größere Zahl als die 15 im Gesetz genannten Arten. Hier bleiben Regelungen der Länder und Standards unberührt.

Eine Gruppe Großtrappen fliegt vor einem Windrad.
Großtrappen verlieren mit der Novelle des Bundesnaturschutzgesetz komplett die Anerkennung als windkraftsensible Vogelart. Die Zahl der Windkraftopfer steigt damit unwillkürlich.
Schwarzstorch-Junge im Nest, kurz vor dem Ausfliegen
Flog buchstäblich in letzter Minute aus der Liste der als windkraftanfällig anerkannten Vogelarten: Auf Schwarzstorch-Vorkommen muss künftig noch weniger Rücksicht genommen werde.
Eine junge Wiesenweihe im Flug
Wiesenweihen gehören zu den Arten, die windkraftsensibel sind und auf dem Zugweg vielen Gefahren ausgesetzt sind.
Eine Gruppe Bekassinen im flachen Wasser zwischen Ufervegetation
Nach europäischem Recht eine besonders geschützte Art, soll es beim Ausbau der Windkraft keinerlei Beschränkungen wegen der vom Aussterben bedrohten Bekassine geben.
Ein Rebhuhn schaut aus einer Wiese
Vögeln der Agrarlandschaft geht es besonders schlecht. Auch für sie könnten sich Artenhilfsprogramme auszahlen.
Ein Porträtfoto eines Schreiadlers
In Deutschland fast ausgestorben und extrem gefährdet durch die Windkraft. Dennoch wird der Mindestabstand zwischen Horst und Windrädern mit der Novelle des Bundesnaturschutzgesetzes drastisch verringert.

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