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„Wir müssen als Gesellschaft entscheiden, ob wir uns diese Schädigung unseres Planeten leisten wollen.“

Tiefseebergbau: Interview mit dem Expeditionsleiter Matthias Haeckel vom GEOMAR-Forschungszentrum

von
08.06.2019
4 Minuten
Das Bild zeigt eine Manganknolle, ein unförmiges Stück Gestein, das weder glänzt noch schimmert.

An 19 Forschungsexpeditionen zu See hat der Chemiker Matthias Haeckel schon teilgenommen. In ein ganz besonderes Meeresgebiet war er nun von Ende März bis Ende Mai als Expeditionsleiter mit dem Forschungsschiff „Sonne“ im Auftrag des GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel unterwegs: Im Pazifik westlich von Mexiko liegt die Clarion Clipperton Zone, in der ein großer Reichtum an metallischen Rohstoffen vermutet wird. Diese kommen dort in Form der „Manganknollen" (Titelbild) vor. Das sind über geologische Zeiträume entstandene Klumpen mit einem sehr hohen Metallgehalt.

Bergbau auf dem Meeresboden – das ist längst kein Science-Fiction mehr, sondern wird zur Realität. Mehrere Firmen, etwa die belgische Global Sea Mineral Resources, sind längst am Explorieren. Das Ziel: Manganknollen zu heben, die begehrte Rohstoffe enthalten, die vor allem für die Produktion von Hightech-Geräten wichtig sind, vom Handy über Windräder bis zum Satelliten.

Doch wie würde sich Meeresbergbau in großem Stil auf das Ökosystem auswirken? Darum ging es bei Haeckels Forschungsfahrt. Das Interview wurde Anfang April 2019 geführt.

Herr Haeckel, was genau ist das Ziel Ihrer Mission und wer ist mit an Bord?

Haeckel: Unser Ziel ist die Untersuchung des Manganknollen-Ökosystems sowie der potentiellen Auswirkungen, die der Abbau der Manganknollen auf die Umwelt in der Tiefsee haben wird. An der Expedition sind daher 65 Experten aus verschiedenen Fachdisziplinen, wie Ozeanographie, Biologie, Mikrobiologie, Meereschemie, Geologie, beteiligt. Die Teilnehmer kommen von 30 verschiedenen europäischen Instituten.

Ist der Hunger der Menschheit nach metallischen Rohstoffen wirklich so groß und Recycling so teuer, dass mit Bergbau auf dem ökologisch sensiblen Meeresboden begonnen werden muss?

Zwei Expeditionsteilnehmer stehen auf dem Deck des Schiffes und unterhalten sich. Im Hintergrund arbeiten weitere Teilnehmer an einer Maschine.
Der Expeditionsleiter Matthias Haeckel im Gespräch mit einer Kollegin an Bord des Forschungsschiffs RV Sonne.

Haeckel: Das ist zumindest das häufig gehörte Argument. Sicher ist aber auch, dass wir unser derzeitiges Konsumverhalten für Rohstoffe ändern müssen, nicht nur bei den Metallen, um den Bedarf bei prognostiziertem Bevölkerungswachstum und steigendem Lebensstandard nicht weiter explodieren zu lassen. So ließe sich Tiefseebergbau vielleicht doch vermeiden.

Was wird Ihr Team in dem Untersuchungsgebiet genau machen?

Haeckel: Die Expedition wird insgesamt über hundert Tage dauern. Die Arbeiten umfassen neben der Erhebung der Artenvielfalt in den verschiedenen Tierklassen auch Untersuchungen zu Stoffumsätzen im Ökosystem, insbesondere im Meeresboden, Vermessung der Dynamik der Bodenströmungen, in-situ-Experimente zur Ökotoxikologie, des Nahrungsnetzes und einiges mehr. Wir haben eine Vielzahl von Geräten für diese Untersuchungen dabei, zum Beispiel benthische Lander (Anm:: Spezialgeräte zur Untersuchung des Meeresbodens), einen Tauchroboter, Verankerungen zur Strömungsmessung sowie einige klassische Untersuchungsgeräte.

Welche negativen Folgen könnte Bergbau am Meeresboden haben und was sagen bisherige Simulationsversuche über das Ausmaß möglicher Schäden?

Haeckel: Zu Schäden kann es kommen, wenn Oberflächensedimente mit den Manganknollen und ihren gesamten Lebewesen entfernt werden. Ebenso, wenn der Lebensraum mit Sedimentablagerungen bedeckt wird, die beim Abbau aufgewirbelt und mit der Bodenströmung weitreichend verteilt werden. Bei Manganknollen wird die geschädigte Fläche daher beim industriellen Tiefseebergbau etwa 500 bis 1000 Quadratkilometer pro Jahr und pro Abbaufläche, die rund 300 Quadratkilometer pro Jahr in Anspruch nimmt, betragen. Das entspricht der zwei- bis dreifachen Fläche von München pro Jahr.

Was sind Ihre wichtigsten Forschungsfragen, was die größten Unbekannten?

Haeckel: Wir wissen derzeit zu wenig über die Konnektivität der Arten in der Tiefsee, also wie sie quer über den Pazifik miteinander zusammenhängen. Dass Arten quer über den Pazifik vorkommen, wissen wir, aber nicht über welche Zeiträume und wie viele Generationen der Genaustausch passiert. Wir können derzeit auch nur begrenzt Aussagen dazu treffen, ab welchen Sedimentkonzentrationen in einer Sedimentwolke durch Tiefseebergbau die Organismen geschädigt werden. Daher führen wir zum Beispiel in-situ-Experimente durch, damit sinnvolle Grenzwerte und Umweltstandards für die internationalen Regularien festlegt werden können.

Gibt es Wege, den Schaden zu begrenzen?

Haeckel: Es ist zusätzlich zu technischen Vorschriften für die Abbaugeräte notwendig, Grenzwerte festzulegen oder auch Raumplanungskonzepte zu schaffen, die regeln, wie groß zusammenhängende Abbauflächen sein dürfen und wie groß Schutzzonen dazwischen sein müssen. Da der Tiefseebergbau aber die Entfernung des Habitats auf großen Flächen bedeutet, kann ein Schaden nicht verhindert, sondern nur begrenzt werden.

Auch der Bundesrepublik Deutschland wurden von der Internationalen Meeresbodenbehörde Lizenzrechte in dem Gebiet zugesprochen. Ist das eine Art 17. Bundesland und was sollen wir damit machen?

Das Forschungsschiff auf dem Meer. An der Seite befindet sich ein großer „Science“-Schriftzug.
Das Forschungsschiff RV Sonne.

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Haeckel: Nein, es ist kein weiteres Bundesland, da es nicht der Bundesrepublik Deutschland gehört. Laut UN-Seerechtskonvention gehören der Meeresboden und seine Rohstoffe außerhalb der Außenwirtschaftszone von 200 Seemeilen der gesamten Menschheit und nicht einzelnen Staaten. Derzeit gibt es nur Explorationslizenzen, das heißt der Abbau der Rohstoffe ist bisher nicht erlaubt. Die Internationale Meeresbodenbehörde ist momentan dabei, die Abbauregularien zu entwerfen. Unser Forschungsprojekt liefert hierfür die wissenschaftlichen Grundlagen, um Umweltschäden minimieren zu können und Umweltstandards sowie Grenzwerte festzulegen. Es ist gut, dass Deutschland sich vor allem in diesem Bereich stark engagiert.

Wenn Ihre Ergebnisse vorliegen, könnte dann auch ein Moratorium oder ein Verbot des Bergbaus am Meeresboden die Folge sein?

Haeckel: Das entscheiden ja nicht wir als Wissenschaftler. Wir zeigen aber klar auf, worin die Schäden bestehen. Dann müssen wir alle als Gesellschaft entscheiden, ob wir uns diese weitere Schädigung unseres Planeten leisten wollen.

Werden Sie ein paar metallische Rohstoffe mit zurück nach Deutschland bringen?

Haeckel: Wir werden Probenmaterial mitbringen, darunter werden auch eine Handvoll Manganknollen sein, um die darauf und darin lebenden Organismen zu bestimmen und zu charakterisieren. Unser Projekt beschäftigt aber sich nicht mit der Untersuchung der Rohstoffressource.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


Anthropozän

Wir Menschen verändern die Erde so tiefgreifend und langfristig, dass der Planet auf Dauer von uns geprägt sein wird. Wir hinterlassen Spuren in der Tiefsee und der Ozonschicht, im Erbgut von Arten und im Weltklima. Keine Generation vor uns hatte so viel Macht über den Planeten. Und so viel Verantwortung. Naturwissenschaftler sprechen deshalb von einer neuen geologischen Erdepoche, dem Anthropozän. Unser Projekt „AnthropoScence" erforscht die Menschenzeit mit journalistischen Mitteln.

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