Stickstoff – bei uns Abfall im Überschuss, in Afrika wertvolle Mangelware

Das Element ist im Anthropozän Ursache massiver Probleme in der Landwirtschaft – und zugleich Schlüssel zu Lösungen

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Aufnahme eines Düngeanhängers in Betrieb.

Uwe Bartels hat ein Problem, das zum Himmel stinkt. Millionen Tonnen stickstoffhaltige Gülle und Gärreste fallen in seiner Heimat, dem Oldenburger Münsterland, pro Jahr an. Die Abfälle entstehen vor allem bei der Schweine- und Geflügelhaltung, für die Bartels Wohnort Vechta deutschlandweit zum Symbol geworden ist.

In riesigen Anlagen wachsen die Tiere zum Schlachtvieh heran. Der Stickstoff ist von Natur aus im Futter enthalten – zu einem guten Teil kommt er mit südamerikanischem Soja nach Deutschland. Bevor die Tiere als Fleischprodukte in Europa und Asien verkauft werden, erzeugen sie Fäkalien in rauen Mengen.

Bartels war früher Landwirtschaftsminister von Niedersachsen, dann Bürgermeister von Vechta. Jetzt, mit Anfang 70, will er als Chef des „Agrar- und Ernährungsforums Oldenburger Münsterland“, dafür sorgen, dass die Gülleflut kleiner wird. „Die Wirtschaft hat erkannt, dass wir in eine Sackgasse laufen, wenn wir nicht handeln“, sagt er, „denn die Verbraucher werden uns das Vertrauen entziehen, wenn es so weitergeht.“

Brot aus der Luft

Drei Millionen Tonnen Gülle und Gärreste lassen die Landwirte und Tierfabrikanten des Oldenburger Münsterlands pro Jahr bereits in andere Gebiete bringen, vor allem Ackerbaugebiete in Ostdeutschland, die Dünger benötigen. „Doch nach neuen Berechnungen müssen noch bis zu 1,4 Millionen Tonne aus der Region verbracht werden“, sagt Bartels. In ganz Niedersachsen gebe es 320.000 Hektar Land zu wenig, um den Stickstoff-Überschuss zu entsorgen.

Ein paar Tausend Kilometer weiter südlich haben Millionen Landwirte das umgekehrte Problem: In vielen Ländern Afrikas ist der Stickstoff, den deutsche Viehzüchter verzweifelt loswerden wollen, Mangelware. Bauern klagen darüber, dass ihre Ernten immer schmaler werden, weil nicht genügend organischer Dünger vorhanden ist und weil sie sich den teuren, künstlich hergestellten Mineraldünger schlichtweg nicht leisten können.

Zwei Landarbeiterinnen auf einem Feld.
Landarbeiterinnen in Ruhengeri, Ruanda
Ein Trecker der gerade Gülle über einem Feld versprüht.
Wohin mit der Gülle? Die stickstoffhaltigen Abfälle aus der Tierhaltung werden im Übermaß auf Nutzflächen entsorgt.Große Mengen landen dabei in Fließgewässern und angrenzenden Gebieten, wo die Vielfalt der Pflanzenwelt leidet.
Diese Karte zeigt den Einsatz von Stickstoffdünger pro Hektar weltweit. Die Größe der Länder ist relativ zur Agrarfläche variiert.
Diese Karte zeigt den Einsatz von Stickstoffdünger pro Hektar weltweit. Die Größe der Länder ist relativ zur Agrarfläche variiert.
Nahaufnahme einiger kleinen, weißen Blumen auf einer Blumenwiese.
Dünger ist ihr Feind: Blumenwiesen gedeihen in nährstoffarmen Landschaften. Wenn zu viel Stickstoff in der Umwelt ist, setzen sich nur wenige Pflanzen wie Löwenzahn durch und das Ökosystem verarmt. Botaniker beschreiben das als eines der gravierendsten Probleme für die pflanzliche Artenvielfalt.
Weltkarte auf welcher der Verbrauch von Stickstoffdünger dargestellt wird.
Diese Worldmapper-Darstellung gibt ein genaueres Bild davon, in welchen Regionen eines Landes am meisten Stickstoffdünger eingesetzt wird. So sticht zum Beispiel in den USA der Mittlere Westen hervor.
Balkendiagramm mit dem Stickstoff-Überschuss in Deutschland.
Die Lage in Deutschland: Bis zum anvisierten Ziel, den Stickstoff-Überschuss zu begrenzen, ist es noch ein weiter Weg.
Gewässerproben in Erlenmeyerkolben.
Im Rahmen des Projekts „NitroLimit“ haben Wissenschaftler untersucht, wie sich der Eintrag von Stickstoff auf Gewässer auswirkt und wie er sich begrenzen lässt. Aus den Proben der Limnologin Claudia Wiedner wurden Messwerte für das Projekt ermittelt (Foto von 2015).
Ein Netz an einem Seil hängt in einem See.
Im Scharmützelsee bei Berlin ist der Stickstoffgehalt noch relativ niedrig. Untersuchungen im Rahmen des Projekts „NitroLimit“ zeigten, wie sensibel Süßgewässer für den Eintrag von Düngemitteln sind.
Weltkarte mit Stickstoffeinsatz in absoluten Mengen
Stickstoffeinsatz in absoluten Mengen: China mit seiner riesigen Bevölkerung ist weltweit der Spitzenreiter.

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