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Die Wasser-Retter: Wie Menschen in Kenia dem Mau-Wald neues Leben einhauchen

Das Waldgebiet versorgt über den Mara-Fluss auch Tansania mit Wasser. Menschen wie Richard Langat arbeiten daran, dem lebenswichtigen Ökosystem seine alte Kraft zurückzugeben

14.08.2021
11 Minuten
Paul Ronoh steht am Flussufer, im Mittelgrund sind zwei sitzende Zuhörer zu sehen. Paul Ronoh im Gestus des Erklären.

Im Südwesten Kenias haben sich Menschen in zahlreichen Umweltschutzverbänden zusammengeschlossen. Sie wollen nicht nur Kahlschlag im Mau-Wald verhindern, sondern arbeiten durch Pflanzprojekte auch an der Restaurierung des Waldes, damit es in Kenia und auch im Nachbarland Tansania ausreichend Trink- und Nutzwasser gibt.

Richard Langat ist damit beschäftigt, 16.000 Baum-Setzlinge zu wässern – mit zwei Gießkannen. Nachdem wir das Wasser zu Fuß aus dem Fluss geholt haben, brauchen wir drei Stunden, um alle Setzlinge zu gießen“, erzählt er. „Wir machen das zu fünft, morgens und abends. Jeder von uns holt bei jedem Gang an den Fluss zwanzig Liter. Jeder geht zehn Mal.“ Eine mühsame Aufgabe.

Langat ist Bauer, sein kleines Feld liegt in der Nähe des Mau-Waldes in Südwesten Kenias. In der Baumschule arbeitet der hagere Mann nebenbei und ehrenamtlich. Der Bauer, der sonst wenig spricht, ist Mitglied eines Verbandes von Waldanwohnern, den es seit rund 16 Jahren gibt, der „Nyangores Community Forest Association“.

Der Nyangores ist Teil des Mau-Waldes, der sich auf bis zu 3000 Metern Höhe über dem Meeresspiegel erstreckt. Der Mau wird aus gutem Grund der „Wasserturm Kenias" genannt.

Zwölf Flüsse haben hier ihre Quelle, darunter der berühmte Mara-Fluss, der durch das kenianische Naturschutzgebiet Massai Mara und durch die tansanische Serengeti fließt. Für das Ökosystem und die Flussanrainer ist er überlebenswichtig. Aber aufgrund massiven Kahlschlags im Mau-Wald fällt immer weniger Regen, die Wasserpegel sinken. Der Mara, der früher immer ganzjährig Wasser führte, fiel im extremen Dürrejahr 2009 erstmals trocken.

Anderen ein Vorbild sein

Richard Langat und die übrigen Mitglieder des Nyangores-Verbandes wollen die Zerstörung des Mau-Waldes stoppen und Kahlschlagflächen wieder aufforsten. Sie hoffen, dass dadurch wieder mehr Regen fällt, und die Flüsse nicht mehr ganz so extrem durch weggespültes Erdreich verschlammen.

Während Langat gießt, räumen einige andere Männer und Frauen in der Baumschule auf. Gestern haben sie hunderte Setzlinge umgetopft, jetzt sammeln sie die leeren Töpfchen auf und fegen die Wege zwischen den Beeten. Richard Langat arbeitet konzentriert und voller Hingabe.

Ich möchte anderen in der Gegend ein Vorbild sein“, sagt er. Die Verbandsmitglieder kommen weniger mit Moral als mit wirtschaftlichen Anreizen, denn viele Anrainer treibt die nackte Armut dazu, illegal Bäume zu fällen: Einige brauchen mehr Anbauflächen für ihre wachsende Familien, andere wollen die Stämme als Feuer- oder Bauholz verkaufen.

Ein Blick auf den Amala, er ist rotbraun. Im Wasser spiegeln sich trotzdem die Wolken.
Weil aufgrund der Abhlolzung im Mau-Wald jeder Starkregen Erdreich in den Amala spült, ist er rotbraun.
Eine junge Frau in rotem Rock hockt zwischen Setzlingen in einer. Baumschule.
Deborah Cherono in der Baumschule des Verbandes des Nutzer des Amala-Flusses.
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Die umweltbewussten Waldanrainer wollen den Menschen deshalb zu anderen Einkommensquellen verhelfen, um den Wald zu schützen. In der Baumschule können die Anwohnerïnnen Setzlinge sehr billig kaufen und später mit dem Holz oder den Früchten der Obstbäume Geld verdienen.

Die übrigen Bäumchen pflanzen die Verbandsmitglieder selbst auf Kahlschlägen im Wald oder am Flussbett, um dadurch Abbrüche der Uferbereiche und die weitere Versandung der Flüsse zu verhindern. In den Uferzonen legen sie vor allem Bambuswälder an, die später als Bau- und Brennholz geerntet werden können.

Weltweiter Kampf um sauberes Wasser für alle Menschen

Das Engagement von Menschen wie Richard Langat ist Teil eines weltweiten Kampfes, bei dem es um die wichtigste Lebensgrundlage geht – Wasser: Die Vereinten Nationen haben es zum Nachhaltigkeitsziel für 2030 ausgerufen, dass jeder Mensch Zugang zu sauberem Trinkwasser hat. Doch dabei geht es nicht nur um ausreichend Brunnen und Verfahren zur technischen Reinigung von Wasser.

Wichtigste Voraussetzung dafür, dass die bald acht Milliarden Menschen auf der Erde tagtäglich sauberes Wasser bekommen, ist die Natur. Von den Gebirgen, in denen Wasser aus Wolken abregnet über Moore, Wälder und Sümpfe, in denen Wasser gespeichert wird, über Bäche und Flüsse, mit denen es in Reservoirs oder direkt in die menschlichen Behausung gelangt – überall entlang des Wasserkreislaufs braucht es intakte Ökosysteme, damit Menschen nicht unter Wassermangel leiden.

Doch weltweit ist dieser Service der Natur in Gefahr – die Erderhitzung führt zu Dürren und Gletscherschmelze, Feuchtgebiete werden trockengelegt, Wälder abgeholzt. „Wir wollen mehr Wasser, aber zerstören seine Quellen. Wie soll das funktionieren?“, sagt Martha Rojas Urrego, Generalsekretärin der UN-Konvention zum Schutz der Feuchtgebiete, im RiffReporter-Interview.

Zum Nachhaltigkeitsziel 6 – dem Zugang zu sauberem Wasser für alle Menschen – gehört deshalb ein wichtiges Unterziel mit der Ziffer 6.6.: Bis 2030 gilt es demnach, „wasserverbundene Ökosysteme zu schützen und wiederherzustellen“. Genannt werden Ökosysteme in Bergen, Feuchtgebiete, Flüsse, Grundwasserleiter Seen – und Wälder wie in Kenias Mau-Region.

Wald und Wasser als Gemeingut begreifen

„Früher dachten wir, dass der Wald der Regierung gehört, und aus unserer Sicht hatte die Regierung mit uns nicht das Geringste zu tun“, erzählt John Mutai. Er ist der Vorsitzende des Waldverbandes von Nyangores, zu dem auch Richard Langat gehört.

„Wenn wir den Wald zerstörten, war uns nicht bewusst, dass wir uns selbst Schaden zufügen.“ Inzwischen hätten sie das verstanden und den übrigen Anwohnern klar gemacht, „dass der Wald uns allen gehört, und dass wir alle ihn schützen müssen“. Er selbst spüre die Folgen der Waldzerstörung bereits am eigenen Leib, sagt John Mutai: „Früher habe ich auf meinem Feld dreißig Säcke Mais geerntet. Jetzt ist es weniger als die Hälfte. Weil sich das Wetter geändert hat, produzieren wir weniger.“

John Mutai im Sonnenlicht, im Hintergrund der Regenwald zu sehen.
John Mutai in einem intakten Teil des Mau-Waldes.

Bevölkerung und Behörden denken um

Mutai hat außer seinen 10.000 Quadratmetern Land fünf Kühe und vier Legehennen. Der 54jährige Bauer denkt gerne in größeren Zusammenhängen: Er hat ein Diplom als Bauingenieur, aber wie so viele qualifizierte Arbeitskräfte in Kenia fand er in seinem Beruf keine Stelle. Also kehrte er in sein Dorf zurück und wurde Bauer.

Als er Naturschutzorganisationen über die Gründe für die Trockenheit reden hörte, überzeugte ihn das, und er verschrieb sich dem Umweltschutz. „Im Leben muss man sich verändern, sonst wird man von den veränderten Verhältnissen verändert“, stellt er fest. Dank der beharrlichen Arbeit der ehrenamtlichen Waldschützer sei auch die Einstellung der staatlichen Waldbehörde nicht mehr die gleiche.

Früher hätten die staatlichen Förster beide Augen zugedrückt, wenn sie illegale Holzfäller erwischten. Für ihre „Blindheit“ hätten sich bezahlen lassen. „Jetzt können sie so etwas nicht mehr ganz so einfach durchgehen lassen, weil sie wissen, dass wir die Förster zusammen mit den Holzdieben bei ihren Vorgesetzten anzeigen würden.“ Der illegale Holzeinschlag sei deshalb deutlich zurückgegangen.

An einem bemoosten Baumstamm schlägt ein Trieb aus, er steht im vollen Sonnenlicht.
Ein Trieb im Mau-Wald, einem Bergregenwald.
Das Blätterwerk im Mau-Wald ist grün und dicht, weil es viel regnet.
Dichtes Grün im Mau-Wald in Kenia. Das Moos auf den Bäumen zeugt vom vielen Regen.

Im Regenwald zur Ruhe kommen

Wenn Mutai über den Wald spricht, glänzen seine Augen. Ein Teil des Mau-Waldes ist noch intakt. Wenn er deprimiert ist, steigt er in seine Gummistiefel und zieht sich in den dichten Bergregenwald zurück. Schon nach zwei Metern ist von der Straße nichts mehr zu hören, Mutai ist in einer anderen Welt. Er lauscht den Vögeln, hört das Wasser auf die Blätter tropfen, freut sich über den Elefantendung auf den schmalen Schneisen im Unterholz – ein Zeichen, dass die Natur hier noch halbwegs in Ordnung ist.

Im Wald kommt Mutai zur Ruhe, die Stunden zwischen den Bäumen sind für ihn eine Quelle der Kraft. Manchmal nimmt er Ökotouristen mit auf Touren durch den Mau. Mutai hofft, dass sich künftig noch mehr Reisende für ihren Bergregenwald interessieren. Er möchte für den Wert des Waldes werben, und eine weitere Einnahmequelle für die Anwohner erschließen.

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Eine junge Frau in der Hocke, vor sich einen Setzling. Er steht schon im Pflanzloch, sie drückt die Erde fest.
Loni Chepkori bei der Aufforstung im Chepalungu-Wald.

Hand in Hand pflanzen

Am nächsten Morgen hängen schwere Wolken am Himmel. Es könnte Regen geben. „Das wäre gut für die Setzlinge“, meint Loni Chepkoria. Die 24-Jährige kommt seit zwei Wochen jeden Morgen auf ein abgeerntetes Maisfeld, um Bäume zu pflanzen. Einheimische Arten wie die Rote Zeder, Prunus africana, („Afrikanische Kirsche“) oder Olea africana, eine Oliven-Unterart. Loni hat im vergangenen Jahr ihr Pädagogikstudium abgeschlossen, aber noch keine Stelle gefunden. Also hilft sie zu Hause mit.

Die Familie hat Hühner und Milchvieh, baut außerdem Mais und andere Feldfrüchte an. Die Pflanzaktion in einem Teil des Mau-Waldes namens Chepalung wird von der Umweltschutzorganisation WWF und der Regierung des zuständigen Landkreises Bomet unterstützt. Loni und die übrigen 39 Arbeitenden bekommen einen Tageslohn von etwa 2,80 Euro. Loni macht aber nicht nur wegen des Geldes mit. „Unsere Ernten sind schlecht, wir brauchen mehr Regen“, sagt auch sie. „Wir hoffen, dass sich das lokale Klima wieder ändert, wenn der Wald sich erholt.“

Entlang eines Seils pflanzen Männer und Frauen die Setzlinge in ein abgeerntetes Maisfeld.
Aufforstung des Chepalungu-Waldes, der zum Mau gehört.

Die Männer und Frauen arbeiten in einer Reihe nebeneinander, Hand in Hand: die einen hacken Pflanzlöcher und orientieren sich an einem gespannten Seil, damit die Bäume später in einer Reihe stehen. Die anderen stellen die Setzlinge in die Löcher, treten die Erde fest. Wenn die Reihe fertig ist, schreiten alle auf Zuruf etwas nach vorne, graben dort nebeneinander die nächsten Löcher. „Ich pflanze 160 Setzlinge am Tag“, meint Loni stolz. „Zusammen schaffen wir täglich 6400.“

Die Überlebenschancen der kleinen Bäumchen seien gut, meint Cherus Korir, der für die Regierung des zuständigen Landkreises arbeitet und die Aufforstungsaktion unterstützt. Das ist wichtig, weil der Wald – oder was davon übrig ist – auf staatlichem Land steht. Korir will sich auf dem Feld einen Eindruck vom Fortgang der Pflanzaktion verschaffen.

Anfangs seien die Aufforstungsversuche nicht sehr erfolgreich gewesen, räumt er ein: Die frisch gepflanzten Setzlinge wurden sich selbst überlassen, viele gingen nach kurzer Zeit ein. Jetzt weist die Regierung der Bevölkerung Parzellen auf dem staatlichen Land zu. „Um die Setzlinge herum dürfen sie Mais anbauen, wenn sie im Gegenzug für das Überleben der Setzlinge sorgen.“ Sobald die Bäumchen groß genug sind, schaffen sie sich durch den Schatten, den sie werfen, selbst ausreichend Platz um ihren Stamm.

Mit der Zeit verwandeln sich die Maisfelder immer erkennbarer in Wald.

Einige Männer beugen sich über feuchte Erde und halten eine rot-weiße Schale bereit.
Anwohner des Enkarengiitu, eines Mara-Zuflusses, prüfen die Wasserqualität durch so genannte Bio-Indikation.

Lebewesen als Sauberkeitsnachweis

Etliche Höhenmeter tiefer starren sieben aufmerksame Augenpaare auf einen Klumpen Schlamm. Mit einem kleinen Ast schiebt Paul Ronoh die Erde vorsichtig auseinander. Sobald er ein Insekt oder einen Wurm erspäht, wird das Lebewesen in eine Plastikschale geschoben. Dann fängt die eigentliche Arbeit an: Ronoh erklärt seinen Zuhörenden, wie sie mit einer Bestimmungstafel feststellen, was für ein Lebewesen vor ihnen krabbelt oder schlängelt.

Ronoh ist unermüdlich für die Flüsse im Mara-Einzugsbereich im Einsatz. Er ist Vorsitzender des Verbandes der Anrainer des Nyangores-Flusses, der im Waldstück gleichen Namens entspringt und in den Mara mündet. Außerdem leitet er den Dachverband der 24 „Water Users Associations“ jener Flüsse, die direkt oder indirekt in den Mara münden. Seinen Lebensunterhalt verdient sich Ronoh als Bauer.

In seiner freien Zeit ist er seit zwölf Jahren pausenlos im Einsatz, um Städter darüber aufzuklären, dass der achtlos weggeworfene Müll in den Flüssen landet. Bäuerinnen und Bauern versucht er davon zu überzeugen, auf nachhaltige Landwirtschaft umzusteigen, um die Wasserquellen zu schützen, die Erosion der Böden zu vermeiden, möglichst keine Pestizide einzusetzen, nicht zu nah am Ufer zu ackern und erst recht nicht dort zu bauen. Auch über Bäume spricht er häufig, über den Fluch der Abholzung, oder über das richtige Management der wertvollen Ressource Wald.

Paul Ronoh steht in einer Anglerhose im Fluss, er hat einen Köcher dabei. In den guckt er und nimmt in Augenschein, was für Lebewesen er gefangen hat.
Paul Ronoh fängt Lebewesen vom Grund des Flusses.

An diesem Morgen zeigt er den Mitgliedern eines neu gegründeten Verbandes, wie sie die Wasserqualität „ihres“ Flusses prüfen können, des Enkarengiitu. Die Ehrenamtlichen werden das in Zukunft alle drei Monate machen. Ronoh trägt eine Anglerhose.

Den Schlamm, der jetzt alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, hat er eben mit einem Köcher vom Ufergrund geholt. Im schlammig-braunen Wasser stehend, erklärte er seinen sechs Zuhörenden jeden seiner Schritte. Und mahnte immer wieder: „Eure Sicherheit ist das wichtigste. Passt auf, dass ihr nirgendwo hintretet, wo die Strömung zu stark ist.“ Ohnehin seien die meisten Lebewesen eher in den ruhigen Uferbereichen zu finden.

Paul Ronoh in Anglerhose im Enkarengiitu, er deutet mit der ausgestreckten Hand auf eine Stelle etwas weiter entfernt.
Paul Ronoh beim Freiluft-Lehrgang zum Überprüfen der Wasserqualität.

Braune Brühe statt Trinkwasser

Er redet konzentriert über Steinfliegen, Libellen, Würmer und andere Bewohner des Gewässergrundes, die in etwas Wasser in der orange-weißen Plastikschale schwimmen. Zwei Frauen und vier Männer hören ihm eifrig zu, machen beim Lebewesen-Raten mit. Rose Kigen ist fasziniert. „Ich hatte keine Ahnung, wie viel Leben in unseren Flüssen steckt“, sagt die 58jährige Bäuerin.

Das Bestimmen der kleinen Tierchen war kein Selbstzweck. Den nächsten Schritt findet Kigen ebenso spannend: Ronoh zeigt den neuen, ehrenamtlichen Wasserschützern ein weiteres Schaubild, in dem die verschiedenen Flussbewohner entsprechend ihrer Empfindlichkeit gegen Verschmutzung aufgelistet sind. So lässt sich anhand der vorhandenen Lebewesen bestimmen, wie schmutzig ein Fluss ist.

Das Ergebnis für den Enkarengiitu ist wenig ermutigend. „Unser Fluss ist sehr schmutzig“, stellt Kigen deprimiert fest. Das bestätigt, was sie längst beobachtet hat: „Wir haben ein riesiges Problem mit unserem Wasser“, sagt sie. „Vor zehn Jahren konnten wir auf dem Grund des Flusses jeden Stein erkennen.“ Noch etwas früher hätten sie das Flusswasser sogar getrunken. Damals seien am Ufer noch Bäume gewachsen, die Wurzeln hätten das Abrutschen von Erdreich verhindert.

Jetzt ist der Enkarengiitu eine rot-braune Brühe, und Kigen sorgt sich sogar um die Gesundheit ihrer Kühe, Schafe und Ziegen, die ihren Durst weiterhin im Fluss stillen. „Sogar wir Menschen werden vielleicht krank, obwohl wir im Fluss nur noch unser Geschirr spülen, Wäsche waschen und baden.“

Ein Mann, der halb von hinten zu sehen ist, rollt ein Poster auseinander, darauf sind schematische Zeichnungen zur Bestimmung der Lebewesen im Fluss.
Eine Schautafel zur Bestimmung der Flussbewohner.

Verantwortungsgefühl auch für die anderen Flussanrainer

Sorgen macht sie sich außerdem um die Anwohnerïnnen am unteren Flusslauf des Mara in Tansania. Denn sie weiß, dass der Enkarengiitu über andere Flüsse schließlich in den Mara mündet und so in das Nachbarland gelangt. Kigen fühlt sich für die Gesundheit der Menschen dort mitverantwortlich. Deshalb war sie sofort dabei, als jemand vorschlug, für den Enkarengiitu einen Nutzerverband zu gründen, um dessen Wasserqualität zu verbessern.

„Wir werden Bäume pflanzen, um die Ufer zu stabilisieren. Und mit den Menschen in der Gegend sprechen, damit sie weniger Pestizide benutzen, ihre Autos oder Motorräder nicht mehr im Fluss waschen und das Wasser möglichst sauber halten“, beschreibt sie die nächsten Schritte. Ihre längst erwachsenen Kinder, die ebenfalls Bäuerïnnen sind, hat sie schon davon überzeugt, dass nur nachhaltige Landwirtschaft den Fluss als Lebensquelle erhält, für die Menschen in Kenia und im benachbarten Tansania.

Im Projekt Countdown Natur" berichtet ein Team von 25 Journalistinnen und Journalisten mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel Ende 2021 über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Die Recherchen wurden vom European Journalism Centre durch das Programm „European Development Journalism Grants“ gefördert. Dieser Fonds wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.

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Bettina Rühl

Bettina Rühl

Bettina Rühl lebt seit 2011 als freie Korrespondentin in Nairobi. Ihre Radio-Dokumentationen und Features wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2020 mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz. Sie ist Vorsitzende des Korrespondentennetzwerkes weltreporter.net.


Countdown Natur

Der Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

2021 entscheiden die Staaten der Erde bei zwei UN-Umweltgipfeln darüber, ob und wie sie gemeinsam die weitere Zerstörung der Lebensvielfalt aufhalten wollen. Dazu braucht es vertiefte Recherchen, ausführliche Berichterstattung und eine große Öffentlichkeit. Die Recherchen werden von der Hering-Stiftung Natur und Mensch, dem European Journalism Centre, der Andrea von Braun Stiftung und dem Hofschneider-Preis gefördert. Auch Sie können uns unterstützen!

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