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Zukunft des Mara-Flusses: „Nutzung als Trinkwasser muss Vorrang haben“

GIZ-Experte Juan Carlos Sanchez über grenzüberschreitendes Wasser-Management in Tansania und Kenia entlang eines Flusses, der Millionen Menschen Trinkwasser spendet

20.08.2021
6 Minuten
Die Aufnahme wurde aus der Luft gemacht, im Abendlicht. Zu sehen sind der Mara-Fluss und die Weite des Nationalparks.

Bis 2030 sollen alle Menschen Zugang zu sauberem Wasser haben. Doch das geht nur, wenn die Erderhitzung nicht stark voranschreitet und wenn weltweit die Ökosysteme, aus denen Trinkwasser kommt, erhalten bleiben oder wiederhergestellt werden. Der Mara-Fluss, der Kenia und Tansania verbindet, ist dafür ein treffendes Beispiel. Er entspringt im kenianischen Mau-Wald, der über Jahrzehnte zerstört wurde, bei dem sich nun aber viele Menschen für die Regeneration des Ökosystems einsetzen.

Dafür, wie sich Naturzerstörung und Schutzmaßnahmen entlang des Mara-Flusses auswirken, ist Juan Carlos Sanchez Experte. Der Jurist beschäftigt sich mit grenzüberschreitenden Wassersystemen. Von 2008 bis 2018 arbeitete er für die IUCN (International Union for the Conservation of Nature), seit 2018 ist er für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) tätig. Er wirkt als Berater in einem grenzüberschreitenden Projekt im Nilbecken mit, das sich gemeinsam mit Akteuren wie dem WWF auch dem Mara-Fluss widmet. Das Projekt wird vom Bundesumweltministerium finanziert und läuft noch bis September 2021.

Welche Bedeutung hat der Mara-Fluss für die Region?

Der Mara hat einen fast ikonischen Charakter, nicht nur für die Region, sondern vermutlich weltweit. Der Fluss selbst ist einer der wichtigsten Nebenflüsse, der den Viktoriasee speist. Den wiederum teilen sich drei Länder, und er ist einer der Abflüsse des Nilbeckens. Außerdem hat der Mara eine große kulturelle Bedeutung, denn in seinem Einzugsbereich leben auf tansanischer und auf kenianischer Seite wichtige Volksgruppen. Der Fluss spielt also für beide Länder und die Region auf verschiedenen Ebenen eine große Rolle: politisch, kulturell und wirtschaftlich.

Viele Menschen in Europa kennen den Fluss noch aus einem anderen Grund…

Ja, wer schon mal die Serengeti besuchen konnte, weiß, dass es dort eine wunderschöne Tierwelt gibt. Die Wanderung der Gnus von Tansania nach Kenia und wieder zurück ist eine der größten Attraktionen für den Tourismus, sowohl in Tansania, als auch in Kenia. Der Mara und der Nationalpark haben also auch eine sehr große wirtschaftliche Bedeutung für beide Länder.

Welche Bedeutung hat der Fluss für die Trinkwasserversorgung der Menschen in Tansania?

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Juan Carlos Sanchez steht for einer Pinnwand mit Begriffen zum Wassermanagement. Ein mittel-junger Mann, leger gekleidet, offenes Gesicht.
GIZ-Mitarbeiter Juan Carlos Sanchez ist Experte für internationales Wassermanagement.

Laut einer Studie, die wir dazu in Auftrag gegeben haben, ist der Mara für die etwa 2,2 Millionen Menschen, die entlang des Flusslaufes leben, sehr wichtig. Im Vergleich zur tansanischen Gesamtbevölkerung (Anm: von knapp 60 Millionen Menschen) ist deren Zahl natürlich relativ niedrig, aber für die Anrainer ist der Mara als Trinkwasserquelle überlebenswichtig – sie haben keinen anderen Zugang zu Trinkwasser. Und deshalb ist es so wichtig, dass dieses Wasser gut gemanagt wird.

Was kann die GIZ als ausländische Organisation für ein besseres Management tun? Zumal zwei Länder beteiligt sind, und am Fluss und seinen Zuflüssen viele unterschiedliche Gemeinschaften leben?

Es gibt viele Möglichkeiten: Zum Beispiel unterstützen wir die Lake Victoria Basin Commission, dass sich deren Mitgliedsstaaten, wie etwa Kenia und Tansania, zu Fragen der grenzüberschreitenden, nachhaltigen Nutzung von Wasser austauschen. Konkret hat uns die tansanische Regierung gebeten, sie dabei zu unterstützen, Informationen darüber zu sammeln, wie viel Wasser des Mara-Flusses verfügbar ist und wie man es aufteilen kann. Kenia hatte diese Daten zu diesem Zeitpunkt schon erhoben und außerdem eruiert, wie hoch der aktuelle und zukünftige Wasserbedarf ist. Dazu wurde beispielsweise untersucht, wie viel Wasser die Zuckerrohrplantagen benötigen oder wie viel Wasser die lokale Bevölkerung braucht und so weiter.

Und dann?

Anschließend hat die kenianische Regierung einen Plan entworfen, wie sie die Wasserressourcen jetzt und künftig aufteilen wollen. Im Rahmen des Projektes haben wir Tansania mit Experten dabei unterstützt, ebenfalls einen solchen Plan zu entwickeln. Dafür wurde eine bestimmte Methode angewandt, die so genannte „ökologische Flussbewertung“. Damit lässt sich herausfinden, wie viel Wasser in welcher Jahreszeit von Kenia nach Tansania fließt, das heißt, wie viel Wasser verfügbar ist und welche Qualität es hat.

Es ging um Prognosen, wie sich die Wassersituation entwickelt?

Links ist eine Karte zu sehen, mit Kenia imNorden und Tansania im Süden, dem Victoria-See im Westen. Die unterschiedlichen Höhen sind farblich wiedergegeben, mit dem Mau-Wald als höchstem Bereich in über 2500 Metern Höhe. Im Zentrum ist das verzweigte Mau-Mara-Flusssystem gut zu erkenne.
Das verzweigte Fluss-System aus dem kenianischen Mau-Wald, das im Victoria-See endet.

Ja, genau, es wurde ermittelt, wie viel Wasser dem Fluss für die verschiedenen Nutzungen entnommen wird – als Trinkwasser, für den Bergbau, für den Serengeti-Nationalpark – und wie viel voraussichtlich in Zukunft entnommen werden wird. Dafür wurden beispielsweise Projektionen des Bevölkerungswachstums für die nächsten 10, 15 und 20 Jahren entwickelt. Die GIZ unterstützt die tansanische Regierung also mit Fachwissen dabei, informierte Entscheidungen darüber zu treffen, wie sie nachhaltig mit ihren Wasserressourcen umgehen kann. Diese Daten bieten jetzt die Grundlage dafür, dass sich beide Regierungen auf einen grenzüberschreitenden nachhaltigen Nutzungsplan verständigen können. Diesen Verhandlungsprozess zwischen den Regierungen unterstützen wir ebenfalls.

Wie ungewöhnlich ist es, dass sich mehrere Staaten zusammentun, um sich darüber zu verständigen, wie das Wassers eines Flusses verteilt wird?

In den weltweit etwa 310 grenzüberschreitenden Flusseinzugsgebieten regeln nach Angaben der Oregon State University schätzungsweise vierzig Prozent davon die Verteilung durch irgendeine Art von Koordinationsmechanismus zwischen den Ländern. Viele davon befinden sich natürlich in Europa. Grundsätzlich wird das durch einen UN-Vertrag geregelt, der die Länder dazu verpflichtet, zusammenzuarbeiten, um die Flüsse gemeinsam zu verwalten.

Wie gut funktioniert das?

Nehmen Sie den Rhein oder die Donau. Die Flussgebietseinheit Donau umfasst 19 Staaten, die alle in einem Koordinationsmechanismus für das Management der Donau vertreten sind. Diese grenzüberschreitende Wasserwirtschaft funktioniert auch im afrikanischen Kontext relativ gut. Sie haben vor allem im südlichen Afrika sehr fortschrittliche Koordinationsmechanismen, und speziell im Zusammenhang mit dem Nil haben sie zwanzig Jahre grenzüberschreitende Zusammenarbeit. In dieser Zeit gab es viele Erfolgsgeschichten, aber natürlich auch weniger erfolgreiche. Ich finde es auf jeden Fall sehr bemerkenswert, dass wir dieses Jahr tatsächlich 21 Jahre Nil-Kooperation feiern.

Mitglieder der Nil-Anrainerinitiative sind nicht nur Regierungen, sondern auch Gemeinschaften der Anwohner. Wie überzeugen Sie die davon, sich am Management des Wassers zu beteiligen?

Diese Überzeugungsarbeit ist der Kern dessen, was wir machen. Die Nile Basin- Initiative ist ein zwischenstaatliches Gremium. Unterstützt wird es von einer Plattform für nicht-staatliche Akteure, dem Nile Basin Discourse. Sie hat allen Sitzungen der Nile Basin-Initiative ein Mitspracherecht.

Die Nilbecken-Initiative hat eine Reihe von Richtlinien entwickelt, wie man Flüsse managen kann. Wie funktioniert das grundsätzlich? Denn es ist ja ein sehr komplexes System, und es geht nicht nur darum, einen Damm zu öffnen oder zu schließen.

Genau. Wenn wir über Kooperation sprechen, müssen wir auch Grautöne sehen, nicht nur Schwarz oder Weiß. Es ist nicht so, dass wir entweder kooperieren oder nicht kooperieren. Im Laufe der Zeit werden verschiedene Meilensteine erreicht, und so kommen wir langsam weiter. Das haben wir am Beispiel des Mara gesehen: Kenia und Tansania haben sich zunächst darüber verständigt, welche Prioritäten sie bei der Zuteilung von Wasser setzen müssen.

Mit welchem Ergebnis?

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Zu sehen sind die dicht gedrängten Gnus im und am Fluss. Die Ufer sind sehr steil. Oben auf dem Steilhang stehen etliche Geländewagen mit Touristen.
Bei ihrer jährlichen Wanderung überqueren über eine Million Gnus mehrmals den Mara-Fluss.
Im Bildvordergrund sind im Anschnitt von hinten Touristen zu sehen, die aus offenen Geländewagen heraus die Flussüberquerung der Gnus beobachten.
Die jährliche Gnuwanderung ist eine der größten Touristenattraktionen in Kenia und Tansania.
Dicht gedrängt stehen etliche Gnus, die Köpfe in den Mara-Fluss gesenkt, um zu trinken.
Die Gnus trinken noch, ehe sie sich an die gefährliche Flussdurchquerung wagen.
Einige Flusspferde sind mit ihren Köpfen aus dem Mara aufgetaucht.
Flusspferde verbringen ihre Tage im Mara.

Dass erst einmal der Bedarf an Trinkwasser gestillt sein muss, dann die ökologischen Grundbedürfnisse. Was dann übrig bleibt, kann man für die anderen Zwecke aufteilen, also für Landwirtschaft, den Bergbau, für die Hotels, für Wasserkraft und was auch immer noch für andere kommerzielle Bedürfnisse in Zukunft entstehen mögen.

Wie ist die Qualität des Mara-Flusses?

Der ökologische Zustand ist gut. Aber es gibt ernstzunehmende Gefahren für die Wasserqualität, zum Beispiel durch Pestizide von der kenianischen Seite. Und natürlich haben die Bergbauunternehmen auch einen Einfluss auf die Wasserqualität.

Sie haben den Wasserstand in einer mehrjährigen Studie an verschiedenen Abschnitten des Flusses gemessen. Sind die gemessenen Pegel bereits deutlich unter dem geforderten Niveau?

Das Ergebnisse der Studie, die wir durchgeführt haben, ist ziemlich positiv: Es gibt genügend Wasserressourcen, um die Bedürfnisse der Bevölkerung und auch die ökologischen Bedürfnisse der tansanischen Seite zu befriedigen. Damit das so bleibt, ist es wichtig, dass wir die Situation im Auge behalten. Die Entwicklung zusätzlicher Goldminen oder der Bau eines Stausees auf kenianischer oder tansanischer Seite könnte indes alles verändern.

Im Projekt Countdown Natur" berichtet ein Team von 25 Journalistinnen und Journalisten mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel Ende 2021 über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Die Recherchen wurden vom European Journalism Centre durch das Programm „European Development Journalism Grants“ gefördert. Dieser Fonds wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.

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Bettina Rühl

Bettina Rühl

Bettina Rühl lebt seit 2011 als freie Korrespondentin in Nairobi. Ihre Radio-Dokumentationen und Features wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2020 mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz. Sie ist Vorsitzende des Korrespondentennetzwerkes weltreporter.net.


Countdown Natur

Der Reichtum des Lebens auf der Erde ist in Gefahr. Es geht um die Zukunft unzähliger Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume. Das betrifft uns Menschen existenziell. Es geht auch um sauberes Trinkwasser, unsere Nahrung und ein lebensfreundliches Klima. Ein Team von 25 Journalistïnnen von RiffReporter berichtet bei "Countdown Natur" über den Wettlauf gegen die Zeit und über Lösungsansätze. Wissenschaftlerïnnen sagen: Bisher hat der globale Naturschutz fast alle Ziele verfehlt. Kommt nun die Wende zum Besseren?

2021 entscheiden die Staaten der Erde bei zwei UN-Umweltgipfeln darüber, ob und wie sie gemeinsam die weitere Zerstörung der Lebensvielfalt aufhalten wollen. Dazu braucht es vertiefte Recherchen, ausführliche Berichterstattung und eine große Öffentlichkeit. Die Recherchen werden von der Hering-Stiftung Natur und Mensch, dem European Journalism Centre, der Andrea von Braun Stiftung und dem Hofschneider-Preis gefördert. Auch Sie können uns unterstützen!

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