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„Muss ein Kondom gekocht werden?“

In Mosambik klären Jugendliche Gleichaltrige per SMS auf

von
10.01.2020
8 Minuten
Blick in den sogenannten Berater-Hub, wo die jungen Leute vor Computer-Bildschirmen sitzen

Im Rahmen des Projekts ‚Generação Biz‘ können sich junge Mosambikanerïnnen mit ihren Fragen an Gleichaltrige wenden – anonym, per SMS. Das Angebot wird dankbar angenommen. Denn viele dieser Fragen berühren gesellschaftliche Tabus. Es geht um Sex, Drogen, Gewalt.

„Muss ein Kondom gekocht werden, bevor es benutzt wird?“. Antonio Mate schüttelt den Kopf, aber dumm findet er die Frage nicht. Er habe dieses Gerücht selbst schon einmal gehört, erzählt der 22-Jährige. Es ist eines von vielen, die unter Jugendlichen in Mosambik kursieren.

Der Wunsch nach korrekten, fundierten Informationen war der Grund dafür, dass er sich der Jugend-Initiative ‚Generação Biz‘ angeschlossen hat und nun derartige Fragen beantwortet. „Ich war früher ebenfalls auf der Suche nach Antworten, die mir Familie und Freunde nicht geben konnten. Es ist mir wichtig, mein heutiges Wissen mit anderen zu teilen“, sagt er, während er eine Antwort formuliert.

Bitte Kondome nicht kochen!

Der Fragesteller sitzt ihm nicht etwa gegenüber, er hat eine SMS geschickt, deren Text auf Antonios Bildschirm auftaucht. SMS Biz/U-Report nennt sich diese IT-Plattform. „Kein Kondom sollte gekocht werden, denn dadurch kann es beschädigt werden und dann ist es nicht mehr sicher“, schreibt Antonio und schickt seine Antwort ab. Der Empfänger erhält den Text per SMS und wird dem Ratschlag hoffentlich folgen.

Seit etlichen Jahren werden im Rahmen der landesweiten ‚Generação Biz‘ Initiative junge Mosambikanerïnnen zu Aktivistïnnen ausgebildet, um Gleichaltrige aufzuklären. Damit sollen vor allem die Ausbreitung von HIV und die Zahl von Teenagerschwangerschaften verringert werden. Studien zufolge wird etwa die Hälfte der Mosambikanerinnen noch vor der Volljährigkeit schwanger. 120.000 Teenager sind laut Schätzungen HIV-positiv, darunter wesentlich mehr Mädchen als Jungen. Die Zahl der Neuinfektionen ist weiterhin besorgniserregend hoch. Um noch mehr Jugendliche auch jenseits der Zentren und Aufklärungskampagnen zu erreichen, startete UNICEF das bereits in anderen Ländern erfolgreiche U-Report-Projekt 2015 auch in Mosambik.

Aktivisten der "Generação Biz’ sitzen auf einer Mauer vor einem Jugendzentrum in Maputo
Aktivisten der "Generação Biz’

„Es ist eine web-basierte Plattform, die mit den Mobilfunkanbietern verbunden ist“, erklärt UNICEF-Programmmanager Francelino Murela. Jugendliche registrieren sich und können dann ihre Fragen per SMS schicken. „Das ist kostenlos, anonym, funktioniert auch mit einfachen Handys und ohne teure Daten“, zählt Murela die Vorteile auf. Die Resonanz habe alle Erwartungen übertroffen.

Fast 250.000 Jugendliche und junge Erwachsene haben sich bereits angemeldet. Bis zu 1.500 Fragen werden jeden Tag beantwortet. Die Fragen gehen in sogenannten Berater-Hubs in Maputo und Quelimane ein, werden automatisch thematischen Rubriken zugeordnet und von insgesamt 48 Freiwilligen, wie Antonio, beantwortet.

Manchmal geht es um Leben und Tod

Zusammen mit anderen jungen Männern und Frauen sitzt er in einem kleinen Raum der Jugendorganisation Coalizão, jeder vor seinem Bildschirm. Die Stimmung ist konzentriert, alle nehmen ihre Aufgabe ernst. Sie arbeiten in drei Schichten, von acht Uhr früh bis acht Uhr abends. Jeweils vier Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche beantworten sie Fragen, die im Extremfall über Leben und Tod entscheiden.

Raima Manjate sitzt mit ihren Kolleginnen vor dem PC und beantwortet die Fragen Gleichaltriger
Raima Manjate (links)
Alfabeto Chiloveque schaut konzentriiert auf den Bildschirm und beantwortet eine SMS
Alfabeto Chiloveque
Blick in den sogenannten Berater-Hub, wo die jungen Leute vor Computer-Bildschirmen sitzen
Berater-Hub in Maputo
Drei Aktivistinnen sprechen mit einer jungen Frau, ein Mann hört zu, dahinter eine der typischen Wellblechverkleidungen eines der Häuser in dem Armenviertel von Maputo
Aktivistin informiert Gleichaltige
Eine Aktivistin steht draußen vor einer Gruppe Grundschülern
Aktivistin klärt Schüler auf
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Leonie March

Leonie March

Leonie March lebt und arbeitet seit 2009 als freie Auslandskorrespondentin in Südafrika.


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