„Muss der Verkehr in der Stadt so sein …?“

Ein Gespräch mit Jörg Spengler, Realschullehrer und Influencer für mehr nachhaltige Mobilität

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Auf der Straße parken rechts und links Autos in zweiter Reihe. Eine Radfahrerin überholt sie in der Mitte der Fahrbahn

Wer sich für die Mobilitätswende interessiert und sich über Social Media über internationale Entwicklungen auf dem Laufenden hält, trifft schnell auf Jörg Spengler. Mit seinen Posts kritisiert der Realschullehrer aus München das vorherrschende Verkehrssystem und zeigt auf, was woanders besser geht. Auch wenn der Wandel vom Auto zu mehr Bus- und Bahn sowie Rad- und in Deutschland etwas länger dauert als in manchen Nachbarländern, findet er: Die Verkehrswende nimmt auch hierzulande langsam Fahrt auf – im Bewusstsein der Bevölkerung, aber auch deutlich sichtbar auf der Straße. Jörg Spengler arbeitet hauptberuflich als Realschullehrer und leitet ehrenamtlich für die Grünen den Bezirksausschuss im Münchner Stadtteil Au-Haidhausen.

Jörg Spengler hat kurze dunkelblonde Haare und trägt ein weinrotes T-Shirt
Jörg Spengler zeigt täglich mit seinen Posts, wie Mobilität auch ohne Auto oder mit weniger Auto funktioniert

Busy Streets: Herr Spengler, Sie zeichnen mit Ihren Posts stets ein positives Bild der Verkehrswende. Wie weit sind wir?

Jörg Spengler: Tatsächlich noch sehr am Anfang. Aber ich mag Fotos, Cartoons und Comics und zeige damit gerne, was bereits alles geht. Dafür gibt es international tolle Beispiele aus Fahrradstädten wie Kopenhagen oder Amsterdam. Aber auch in Deutschland gibt es inzwischen nachahmenswerte Beispiele.

Busy Streets: Zum Beispiel?

Jörg Spengler: Frankfurt schleppt inzwischen sehr konsequent Falschparker ab. Das ist natürlich noch nicht die Regel, aber ein wichtiges Signal.

Busy Streets: Wie kamen Sie zum Thema Mobilität?

Jörg Spengler: Als ich 2007 vom Augsburger Land nach München gezogen bin, hat mich der massive Autoverkehr in der Innenstadt erschlagen. Als Erwachsener bin ich mit dem Rad trotzdem relativ gut durch die Stadt gekommen, weil ich mir den Platz auf der Straße genommen habe. Das hat sich verändert, seit ich Kinder habe. Für mich war es purer Stress, mit den Kleinen zu Fuß oder später mit dem Lauf- oder Kinderrad in der Stadt unterwegs zu sein. Wenn sie vorlaufen oder vor einem herfahren, hat man als Vater an jeder Straßenecke Angst, dass sie übersehen werden oder dass etwas passiert. Das war für mich der Wendepunkt. Ich habe mich gefragt: Muss der Verkehr in der Stadt so sein oder kann man das nicht auch anders organisieren?

Busy Streets: Wie sieht für Sie eine familienfreundliche Innenstadt aus?

Jörg Spengler: Vom Autoverkehr räumlich getrennte Radwege, Fahrradstraßen mit Tempo 30 und grundsätzlich weniger Autos in der Stadt.

Den Menschen fehlt der Platz zum Gehen und Radfahren.

Busy Streets: Wie viel Autos in der Stadt sind für Sie denn ein gutes Maß?

Jörg Spengler: Ich denke gar nicht so sehr in Zahlen, sondern achte auf die eigene Wahrnehmung. Momentan stehen und fahren so viele Autos in den Städten, dass es kaum mehr Platz für Menschen gibt. Für sie fehlt der Platz zum Gehen und Radfahren. Ich lebe im Stadtteil Au-Haidhausen rechts der Isar, hier würde eine Halbierung der Autos dem Quartier wahrscheinlich guttun.

Busy Streets: Das Umweltbundesamt hat 2019 den Wert von 150 Autos pro 1.000 Einwohner als Zielmarke für die „Stadt für Morgen“ gesetzt. Wie hoch ist der Autobesitz in Ihrem Stadtteil?

Jörg Spengler: Momentan liegt er bei 280 Autos pro 1.000 Einwohner. Münchenweit bei 340. Eine Halbierung würde also gut passen.

In der Zeichnung wird ein grüner Teppich mit Fußgängerïnnen und Radfahrerïnnen über Autos ausgerollt
Mit seinen Posts stellt Jörg Spengler das Verkehrssystem in Frage

Busy Streets: Ein Argument ist, dass die Menschen ihr Auto brauchen. Was sagen Sie ihnen?

Jörg Spengler: Das trifft auf Handwerker, Pflegedienste und manche Privatleute sicher zu. In meinem Stadtteil leben rund 60.000 Menschen. Gerade mal ein Viertel von ihnen besitzen überhaupt einen eigenen Wagen, trotzdem ist das ganze Straßenbild in dem Quartier auf das Auto zugeschnitten. Das empfinden inzwischen viele Bewohner als ungerecht. Sie möchten das nicht länger hinnehmen.

Busy Streets: Woran machen Sie das fest?

Jörg Spengler: An den Ergebnissen der vergangenen Kommunalwahl. In Au-Haidhausen war die Verkehrswende Wahlkampfthema. Die Parteien, die die Verkehrswende vorantreiben wollen und die den Radentscheid unterstützten, haben dort damals die meisten Stimmen erhalten. Mit rund 60 Prozent haben sie dort jetzt die Mehrheit.

In der Zeichnung stehen mehrere Autos vor einem Abgrund und eines stürzt hinunter
Jörg Spengler postet mehrmals täglich Comics, Cartoons und eigene Fotos

Busy Streets: 2019, als der Radentscheid in München angenommen wurde, war die Bewegung noch deutlich kleiner als heute. Inzwischen gibt es bundesweit rund 50 Radentscheide. Welche Rolle spielen Bürgerinitiativen wie diese aus Ihrer Sicht?

Jörg Spengler: Sie üben enormen Druck auf die Politik aus. Das ist wichtig. Der Druck muss hoch bleiben. Das zeigt auch Berlin. Dort gibt es zwar das Mobilitätsgesetz, aber lange Zeit ist nichts passiert. Das ist in München ähnlich. Wir haben ein Mobilitätsreferat bekommen, das die Verkehrswende vorantreiben soll. Aber bis die Strukturen aufgebaut sind und man die Resultate auf den Straßen sieht, vergeht Zeit. Wir hinken noch etwas hinterher, aber der Wandel hat begonnen. Wir haben im Bezirk bei den Themen Radverkehr eine breite Unterstützung von 80 Prozent. Selbst die CSU unterstützt meist die Pläne, wenn es darum geht, den Radverkehr auszubauen.

Busy Streets: Warum dauert es dann trotzdem so lange?

Jörg Spengler: Momentan scheitern viele politische Entscheidungen pro Verkehrswende an der Verwaltung. Mal fehlt das Geld für den Umbau, mal das Personal und dann sind Entscheidungen wie die Erhöhung der Parkgebühren nicht umsetzbar, weil die Landesgesetzgebung die Höhe vorgibt. Wir erleben viel Ablehnung, aber es bessert sich.

Busy Streets: Was stimmt Sie so zuversichtlich?

Jörg Spengler: München hat ein Mobilitätsreferat bekommen. Das musste in den vergangenen Monaten erst aufgebaut werden, aber jetzt kommt es langsam in die Umsetzung. Der Aufbau neuer Radstellplätze funktioniert beispielsweise sehr gut. Demnächst sollen 1.000 Privatparkplätze in Car-Sharing-Stellplätze umgewandelt werden und Gastronomen dürfen Schanigärten, also mehr Außengastronomie, auf den Parkplätzen vor ihrer Haustür errichten. Die Gaststätten sind demnach wichtiger als das Parken. Das ist ein echter Bewusstseinswandel und der erhöht die Lebensqualität für alle, die in dieser Straße wohnen.

Busy Streets: Vielen Dank für das Gespräch.

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Redaktion: Andrea Reidl

Lektorat: Steve Przybilla

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