Wie sich die Corona-Pandemie im Südlichen Afrika auswirkt

Leonie March Township in Südafrika

Wie ist die aktuelle Situation in Südafrika und den Nachbarstaaten?

Die Infektionszahlen im Südlichen Afrika steigen weiter. Die meisten Corona-Fälle gibt es in Südafrika. Dort wurden bislang 701.883 (Stand 30.5.) Tests durchgeführt. 30.967 Menschen wurden positiv getestet, rund die Hälfte von ihnen, 16.116 Patienten, sind wieder genesen, 643 Menschen starben an Covid-19.

Die Zahl der Tests nimmt zwar zu, aber die Labors sind unter Druck und so vergehen mehrere Tage bis zu einer ganzen Woche, bis ein Ergebnis vorliegt. Eine Tatsache, die Experten zunehmend Sorgen bereitet.

1.130 Patienten (Stand 28.5.) werden im Krankenhaus behandelt. Südafrikas Gesundheitsminister Mkhize warnt, dass diese Zahl noch drastisch steigen könnte. Den Höhepunkt der Epidemie erwarten Experten am Kap erst im August/September.

Seit 27. März gelten weitreichende Ausgangsbeschränkungen, so wie in den meisten Nachbarländern auch. Der ursprünglich für drei Wochen geplante, sogenannte 'Lockdown' wurde bis Ende April verlängert, jetzt wird er stufenweise gelockert.

Südafrika nutzt diese Zeit für Massenscreenings, an denen landesweit schon über 13 Millionen Bürger (Stand 26.5.) teilgenommen haben, mobile Labors sind im Einsatz. Fast 50.000 Personen wurden aufgespürt, die Kontakt zu Infizierten hatten, Quarantänestationen werden ausgebaut, die Krankenhäuser bereiten sich intensiv vor.

Ärmeren Staaten wie Simbabwe oder Mosambik, können sich solche Maßnahmen jedoch nicht leisten. Die vergleichsweise geringe Anzahl an bekannten Infektionsfällen hängt dort auch damit zusammen, dass bislang nur wenig getestet worden ist.  

Wie geht die Bevölkerung damit um - und wie geht es dir dabei?

In Südafrika hat die Regierung anfangs viel Lob für ihr schnelles, entschlossenes Eingreifen bekommen. Mit zunehmender Dauer des Lockdowns wächst jedoch die Kritik daran. Auch der Widerspruch einiger Vorschriften sorgt für Unmut, so dürfen ab 1.Juni beispielsweise Kirchen, Moscheen, Tempel und Synagogen wieder für maximal 50 Gläubige öffnen, Besuche bei engen Familienangehörigen oder Freunden aber bleiben verboten.

Auch die soziale Lage spitzt sich weiter zu: Die meisten Bürger versuchen sich an die Ausgangsbeschränkungen zu halten, aber das ist extrem schwierig. Denn Millionen von Menschen leben dicht an dicht in Townships oder Slums, ganze Familien teilen sich dort ein Zimmer, viele Haushalte haben kein fließend Wasser und leben von der Hand in den Mund.

Je länger die Ausgangsbeschränkungen andauern, desto stärker rückt die Ernährungssicherheit der Bevölkerung in den Fokus - viele Südafrikaner haben nicht genug zu essen. Zwar werden Lebensmittelhilfen verteilt, aber sie erreichen offenbar nicht alle Bedürftigen. Auch die staatlichen Hilfsgelder haben längst noch nicht alle Anspruchsberechtigten erhalten.

Die Situation ist extrem angespannt und belastend, auch weil Polizei und Militär teils mit Gewalt durchgreifen, nicht nur in Südafrika sondern auch im Nachbarland Simbabwe. Es spielen sich verzweifelte Szenen ab, die nur schwer zu ertragen sind.

Anderseits gibt es auch viel Solidarität, Unternehmen und Zivilgesellschaft unterstützen den Kampf gegen das Virus.  Die südafrikanische Regierung hat ein historisches Rettungpaket in einer Höhe von umgerechnet ca. 25 Milliarden Euro geschnürt - für Investitionen in die Gesundheitsversorgung, die Unterstützung armer Familien und angeschlagener Unternehmen.

Welche regionalen oder andere Besonderheiten spielen eine Rolle?

Im Südlichen Afrika leben Millionen Menschen, die mangelernährt sind, HIV-positiv, an Tuberkulose oder Malaria erkrankt sind. Ihr Immunsystem ist also bereits geschwächt und das bereitet Medizinern und Regierungen besondere Sorgen, obwohl noch nicht bekannt ist, wie sich COVID-19 konkret auf diese Patienten auswirkt.

Nicht nur was das Gesundheitssystem betrifft, haben diese Staaten es nun mit einer mehrfachen Krise zu tun, sondern auch mit Blick auf die Wirtschaft. Südafrika steckt bereits in einer Rezession, Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit sind hoch. Noch kritischer ist die Lage in den ärmeren Nachbarländern Mosambik und Simbabwe.

Bevölkerung und Wirtschaft werden lange brauchen, um sich von dieser Krise zu erholen.

Welche Unterschiede siehst du im Vergleich zu Deutschland?

Existenzsorgen gibt es zwar auch in Deutschland, aber hier im Südlichen Afrika geht es für viele Menschen wirklich ums nackte Überleben. Nicht nur angesichts der Gefahr an dem Virus zu sterben, sondern weil Millionen hier nicht wissen, wie sie mehrere Wochen ‚Lockdown‘ überstehen sollen.

Lebensmittelvorräte haben die wenigsten. In Ländern wie Mosambik oder Simbabwe waren Ernten durch Dürren, die verheerenden Zyklone und Überschwemmungen vernichtet worden. Insofern sind die Menschen auf Hilfe angewiesen, aber das ist in Zeiten von Corona noch schwerer als sonst, weil auch die klassischen Geberstaaten mit der Krise im eigenen Land kämpfen.

Zur Autorin:

Leonie March berichtet seit 2009 als freie Auslandskorrespondentin aus dem Südlichen Afrika. Sie lebt in der südafrikanischen Hafenmetropole Durban und unternimmt von dort aus Recherchereisen in die Region. Sie ist Mitglied des Netzwerks freier Auslandskorrespondenten weltreporter.net und hat 2019 gemeinsam mit ihren beiden Kolleginnen in Nord- und Ostafrika das Riffreporter-Projekt Afrikareporter gegründet. Sie berichtet überwiegend für den deutschsprachigen öffentlich-rechtlichen Hörfunk. 2018 erschien ihr Buch „Mandelas Traum“.

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