Was wir gelernt haben

Zum Abschluss des Dialogprojekts #50survivors

Zweite Welle, November-Lockdown. Und die Deutschen sind Corona-müde. Das ist die Gefahr der Stunde. Sie haben das Virus am eigenen Leib erlebt und kennen es besser als wir: die #50survivors. 

Im Mai 2020, mitten in der ersten Corona-Welle, haben wir nach ihnen gesucht: den Menschen hinter den anonymen Fallzahlen. 50 haben wir gefunden. Bis dahin hatte sich kaum jemand für ihre Sicht der Dinge interessiert. Seit Juni haben wir einen Dialog mit ihnen geführt, haben Fragen gestellt und ihnen zugehört. Dabei mussten wir feststellen: Die Krankheit ist heimtückisch, enorm vielfältig -  und sie greift radikal ins Leben der Betroffenen ein.  Nicht immer nur körperlich und emotional, manchmal auch sozial.

Matthias aus Stolpe // Nein, ich gebe niemandem die Schuld an meiner Erkrankung. Derjenige, der mich mutmaßlich angesteckt hat, wusste zu dem Zeitpunkt nichts von seiner Infektion. Und jetzt ist er tot.
Heinz-Günther aus Braunschweig: Bin Pensionär. 44 Tage krank insgesamt. Davon: 10 Tage im Haus ohne Test und Kenntnis, 3 Tage im Krankenhaus im 4-Bett-Zimmer, bis das positive Ergebnis kam. Dann 11 Tage im künstlichen Koma mit Intubierung. Dann 3 Wochen Intensivstation.

Ein neuer journalistischer Ansatz

Statt einzeln und nacheinander Menschen zu befragen, wie es Journalist*innen  sonst tun, haben wir für diese Recherche eine eigens entwickelte Software eingesetzt. Und mit 50 Menschen gleichzeitig gesprochen. Unsere #50Survivors waren dort per Messenger und E-Mail mit uns verbunden und nur einen Klick entfernt. Wir haben gefragt und sie haben geantwortet - per Sprachnachricht, mit Emojis und auch mal Tippfehlern. Authentisch und direkt. 

Aus diesen vielen 1:1 Dialogen ist ein Dauergespräch geworden. Es hat ähnliche und ganz unterschiedliche Erlebnisse der #50survivors zu Tage gefördert. Gemeinsam haben sie ein breiteres Bild der Pandemie vermittelt,  als es Einzelinterviews vermocht hätten. Wir sind unseren Teilnehmer*innen sehr dankbar für ihre Offenheit und das entgegengebrachte Vertrauen. 

Birgit aus Würnitz, Österreich // Ich habe mir lange die Schuld daran gegeben, meine Mutter getötet zu haben. Ich habe sie angesteckt. Wegen mir ist sie gestorben. Mittlerweile denke ich so nicht mehr. Der Gedanke war nicht richtig. Niemand kann etwas dafür, wenn er ohne Symptome Menschen ansteckt.
Anorte aus Leipzig //  Corona ist so ein riesiges Damoklesschwert, was über allem schwebt und sobald es runter fällt, köpft es auch sofort. Das ist ja aber gar nicht so. Ich versuche tatsächlich, eher ein bisschen meine Erfahrungen zu teilen, die da eben in meinem, und in dem Fall von meinen 16 Freunden, nicht so schlimm waren. Das soll auf keinen Fall verharmlosen, aber nicht jeder mit Corona stirbt. Und ich habe oft das Gefühl, dass die Leute das denken.

Was wir aus den Dialogen gelernt haben, steht in dieser Koralle. Es sind Auswertungen einzelner Fragen, wie der nach der Schuld. Und es sind Erlebnisprotokolle, eine der unmittelbarsten journalistischen Darstellungsformen. Sie lassen uns teilhaben an den unterschiedlichen Erfahrungen der Betroffenen. Das Projekt wurde von der Riff freie Medien gGmbH aus Mitteln der Klaus Tschira Stiftung gefördert.

An dieser Stelle endet unser Dialogprojekt. Aber die Pandemie ist noch nicht am Ende. Die persönlichen Schilderungen unserer #50survivors senden ein deutliches Signal: Das Virus ist nicht harmlos. Es ist gefährlich. Und es lohnt sich, andere und sich selbst auf die bestmögliche Art davor zu schützen.

Das Projekt wurde von der Riff freie Medien gGmbH aus Mitteln der Klaus Tschira Stiftung gefördert.

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#50survivors