Die "Neue Weltordnung" schlägt zurück

Der Flughafen von Denver muss sich seit jeher mit Verschwörungstheorien herumschlagen. Jetzt drehen die Airport-Manager den Spieß um.

Katharina Thalmann Eine lange Schlange von Menschen wartet vor den Metalldetektoren am Flughafen darauf, kontrolliert zu werden

Arme Aliens. Die meisten Passagiere gehen an den riesigen grünen Köpfen einfach vorbei. Auch die Katze mit Aluhut und die telefonierende Eidechse finden kaum Beachtung. Dabei sind die Plakate nicht zu übersehen. Ob am Gepäckband, in der Wartehalle oder vor der Sicherheitskontrolle: überall Hinweise auf Verschwörungen. Aber niemand guckt hin.

Der Flughafen von Denver – der fünftgrößte in den USA – bietet derzeit eine eigentümliche Kulisse. Weil der Terminal bei laufendem Betrieb umgebaut wird, zieht sich eine Baustelle mitten durchs Gebäude. An den Absperrungen hängen Plakate, die auf „Geheimnisse“ und „Ungereimtheiten“ verweisen. Bei allen Motiven geht es um die Frage, was im Terminal wirklich vor sich geht: „Baustelle oder Vertuschung?“

Die Plakate sind Teil einer Werbekampagne, die der Flughafen selbst ins Leben gerufen hat. Sie alle machen sich über diverse Verschwörungstheorien lustig, die über den Airport im Umlauf sind: Manche halten den Flughafen für einen Kommandoposten der „Neuen Weltordnung“. Andere vermuten Außerirdische, Illuminaten, Satanisten oder Reptilienwesen in den unterirdischen Katakomben.

Eigentlich ein ganz normaler Flughafen -- wenn da nicht die Aliens wären.
Katharina Thalmann
Ein Reisender sitzt in einem Sessel; im Hintergrund ein Plakat.
Die Mustang-Skulptur gibt es wirklich. Ob sie aber Laserstrahlen sprüht, darf bezweifelt werden.
Katharina Thalmann

Schon 1995, im Jahr der Eröffnung, sprudelte die Gerüchteküche – ausgelöst durch eine unterirdische Gepäcksortier-Anlage, die wegen technischer Probleme nie in Betrieb ging.

Was geschieht also wirklich unter der Erde?

Die Frage, die sich anfangs nur Einheimische mit einem Augenzwinkern stellten, hat in Zeiten von Youtube Fahrt aufgenommen. Erst recht, seit der rechte Radiomoderator und Verschwörungstheoretiker Alex Jones in seiner Sendung von „unterirdischen Gefängnissen und Exekutionskammern“ fabulierte.

Selbst wenn solchen Wirrwarr kaum jemand ernst nimmt: Manche Dinge wirken in Denver tatsächlich seltsam. So trägt eine steinerne Infotafel, die beim Bau des Flughafens aufgestellt wurde, das Logo der Freimaurer. Im Terminal hängen mehrere Wandgemälde, die apokalyptische Kriegsszenen, aber auch eine in Frieden vereinte Menschheit zeigen. Vor dem Gebäude thront eine blaue Pferde-Skulptur, die kurz vor ihrer Vollendung auf den Künstler Luis Jimenez stürzte und ihn dabei tödlich verletzte.

Alles Zufall? Die Flughafen-Verwaltung winkte lange Zeit ab. Nicht noch zusätzliches Futter liefern, lautete die Devise. 2008 dann die Kehrtwende: Die neue Flughafen-Chefin Kim Day nutzt jede Gelegenheit, um auf die „Verschwörungen“ hinzuweisen.

Mal gibt es Ausstellungen zu den Theorien, ein anderes Mal werden Touren in die Katakomben verlost. Regelmäßig veröffentlicht der Flughafen eigene „Enthüllungen“ im Internet. Als 2014 ein neues Flughafen-Hotel errichtet wird, posieren die Bauherren mit einem Alien.

Eine Wartehalle im Flughafen. Große Plakate sind zu sehen.
Der Flughafen hat die Verschwörungstheorien lange ignoriert. Jetzt greift er sie mit großflächigen Plakaten auf.
Katharina Thalmann
Ein Plakat zeigt eine Katze mit Aluhut.
Achtung, Zombie-Katze! Ist aber in Wahrheit nur eine Werbekampagne.
Katharina Thalmann

Anlässlich des aktuellen, 660 Millionen Dollar teuren Terminal-Umbaus hat der Flughafen nun eigens eine Werbeagentur beauftragt. Herausgekommen ist die Kampagne „DEN Files“, eine Anspielung auf die Mystery-Serie „X-Files“ (Akte X). Neben den Plakaten gibt es eine eigene Website, die sich den Gerüchten widmet. „Weltuntergang? Wir sind bereit“, heißt es dort. Gefolgt von: „Träumt weiter, ihr Reisenden, träumt weiter.“

Dass der Flughafen sich die Verschwörungstheorien zu Eigen macht, soll vor allem die Passagiere belustigen. „Reisen ist oft mühselig“, sagt Flughafen-Sprecherin Emily Williams. „Es ist eng, es gibt Verspätungen, Sicherheitskontrollen, und dann auch noch der Lärm durch den Umbau.“ Die Plakate böten „etwas Lustiges, über das man sich unterhalten kann.“

Dabei ist die Kampagne auch intern nicht unumstritten – was wiederum typisch für Orte in den USA ist, die mit Verschwörungstheorien zu kämpfen haben. Manche lehnen sie als Spinnerei kategorisch ab, andere greifen sie als Marketing-Instrument dankbar auf, und wieder andere pendeln zwischen Ulk und Ernst hin und her. In Roswell, einer Kleinstadt in New Mexico, in der 1947 angeblich ein Ufo abgestürzt ist, sieht sogar der McDonald’s wie eine fliegende Untertasse aus.

Der Terminal wird derzeit umgebaut - oder geschieht vielleicht doch etwas ganz anderes?
Katharina Thalmann
Ein Plakat zeigt einen Außerirdischen. Davor steht eine Frau mit Rollator.
Aliens am Flughafen
Katharina Thalmann
Reisende gehen an Plakaten vorbei.
Am Flughafen selbst scheint kaum jemand Notiz von den Plakaten zu nehmen.
Katharina Thalmann

In Denver sind die Reptilien, Satanisten und Illuminaten, die sich am Flughafen herumtreiben sollen, schon lange Stadtgespräch. „Manche unserer internationalen Passagiere wundern sich aber schon, was es damit auf sich hat“, räumt Williams ein. Auch gebe es durchaus Menschen, die erst durch die Kampagne auf die Verschwörungstheorien aufmerksam würden – und diese dann als „Wahrheit“ weiterverbreiteten. Trotzdem überwiege der positive Effekt. „Das verleiht uns Persönlichkeit.“

Doch es gibt auch Grenzen. Manche Verschwörungstheorien sind selbst den Werbestrategen zu krude. Zum Beispiel die Behauptung, die Start- und Landebahnen seien mit Absicht so angelegt worden, dass sie aus der Luft wie ein Hakenkreuz aussähen. „Da hört der Spaß auf“, sagt Williams.

 Bei anderen Themen ist man weniger zurückhaltend. Zum Beispiel bei den Freimaurern. Diese waren – so beteuert der Flughafen – tatsächlich an den Bauarbeiten im Jahre 1994 beteiligt. „Zwei Freimaurer-Logen aus Colorado haben eine Infotafel gespendet, unter der eine Zeitkapsel versenkt wurde“, berichtet Emily Williams. Deshalb tauche ihr Logo dort auf.

Ob das wirklich stimmt?

„Natürlich“, antwortet die Flughafen-Sprecherin und grinst. „Steht alles in den DEN Files.“

--

Dieser Beitrag gehört zur Koralle "America First: Verrücktes Land. Faszinierende Geschichten". Der Text wurde zuerst in der Badischen Zeitung veröffentlicht.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Durch einen Klick auf "Koralle unterstützen" (unten rechts) können Sie einen freiwilligen Beitrag zahlen. Damit unterstützen Sie unabhängigen Journalismus und helfen dem Autor bei seinen Recherchen.

Weiter zur Startseite von America First.

Ein Plakat in Nahaufnahme.
Ein Hinweis führt zum anderen, aber am Ende landet man doch bei den "DEN Files".
Katharina Thalmann
RiffReporter unterstützen
America First