Wo die Bucht an Land kommt

Längst beherrschen die Meere den Alltag von US-Bürgern. Ein Besuch an der Chesapeake Bay

KlimaSocial – vom Wissen zum Handeln


Dank Donald Trump hat das amerikanische Volk einen Feind weniger. Nein, es geht nicht um Nordkorea, wo ein Ende des Konflikts noch nicht wirklich abzusehen ist. Sondern es geht um die Klimakrise. Sie bedroht die USA nun per Definition nicht mehr, weder die Zivilbevölkerung an den langen Küsten, noch den gewaltigen Militärapparat. 

Im Januar 2018 hatte das Pentagon nach einer Umfrage bei den Kommandeuren seiner Basen weltweit laut Reuters bilanziert, die Hälfte der Stützpunkte sei durch Extremwetter oder den Meeresspiegelanstieg gefährdet. Doch Mitte Mai berichtete die Washington Post, das Pentagon habe dem Kongress einen Entwurf dieses Berichts zugeleitet, aus dem die Wörter „climate change“ fast völlig entfernt worden waren. Wo es zu Zeiten Obamas noch geheißen hatte, der Klimawandel sei eine Bedrohung der nationalen Sicherheit, steht jetzt nur noch, das Risiko gehe vom Klima selbst aus. Und dafür kann natürlich niemand was.

Überall entlang der Küsten des Landes sehen sich seine Bürger jedoch inzwischen mit dem Anstieg des Meeresspiegel konfrontiert, der jahrzehntelange Gewissheiten über den Umgang mit dem Ozean in Frage stellt: von Kalifornien bis Connecticut, in Florida, Louisiana und auf Hawaii, und auch in vielen Binnenstaaten, wo Flüsse über die Ufer treten können. Das hat längst auch Auswirkungen für Immobilienpreise, Versicherungen und Kreditagenturen. Der Landkreis Marin County, durch die Golden Gate Bridge mit San Francisco verbunden, hat sogar schon ein Rollenspiel entwickelt, um seine Bürger auf die Veränderungen vorzubereiten. 

Doch wenn es nach der Regierung in Washington geht, darf man nach Überschwemmungen genauso wenig über den Klimawandel reden wie nach einem Amoklauf an einer Schule über die Waffengesetze. Und da, wo Trump Befehlsgewalt hat, zum Beispiel beim Militär, hat er den Uniformträgern eine Vorbereitung auf den Klimawandel bald nach seinem Amtsantritt per Dekret praktisch verboten

Am Ende der Feier fliegen weiße Mützen

Was all das bedeutet, kann ein Besucher aus Deutschland zum Beispiel in Annapolis studieren, eine Autostunde von Washington entfernt. Das schmucke Städtchen ist die Hauptstadt des kleinen Bundesstaats Maryland, wird im Rest der USA aber praktisch mit der Marine-Akademie (USNA) gleichgesetzt. Die ehrwürdige Institution liegt direkt im Stadtzentrum zwischen dem Hügel mit dem hiesigen Capitol und dem breiten Fluss Severn, der hier in die Chesapeake Bay mündet.

In Annapolis gibt man viel auf Tradition, zum Beispiel beim Jahr für Jahr erbittert ausgetragenen Football-Spiel der Studenten gegen die Rekruten von der Army-Akademie in Westpoint. Und wenn wie Ende Mai die Seekadetten ihren Abschluss feiern, in den schneeweißen Uniformen antreten, den Eid auf das Vaterland schwören und ihre Mützen fliegen lassen, ist in der gesamten Gegend kein Hotelzimmer mehr zu bekommen. Dieses Jahr war sogar der Präsident gekommen und erinnerte die etwa 1000 jungen Marine-Offiziere daran, dass sie ihren Alltag an der Hochschule vier Jahre lang umgeben von der „glorreichen Vergangenheit“ verbracht hätten. „Als Seefahrer-Nation sind wir von den Meeren umgeben. Wir müssen diese Meere stets beherrschen.“ 

Doch die Verhältnisse könnten sich in den kommenden Jahrzehnten dramatisch ändern, wenn das Meer beginnt, den Alltag an der Akademie zu beherrschen, stellte vor zwei Jahren die Union of Concerned Scientists in einer Serie von Studien über Militär-Einrichtungen fest: Gut 400 Überschwemmungen hätte die USNA dann nämlich im Jahr 2050 zu verkraften – statt 50 im Jahr 2012. Das sind mehr als Tage im Jahr, weil in manchen Phasen die Flut eben zweimal in 24 Stunden über die Uferbefestigung steigt. Auf vielen tiefliegenden Flächen steht dann 40 Prozent der Zeit das Wasser – das Gelände würde praktisch unbenutzbar. Das betrifft nicht nur Sportplätze, etwa den großen Footballplatz vor dem Campus, sondern auch den Zugang zu den Übungsschiffen und womöglich sogar die Messe der 4500 Kadetten. 

Vier Bronzefiguren: Ein alter Mann liest eine Geschichte aus einem Buch vor, drei Kinder liegen vor ihm auf dem Boden und hören zu. Doch die Skulptur im Hafen von Annapolis/Maryland, die den Schriftsteller Alex Halley und seine "Roots"-Saga ehrt, wird immer wieder überflutet. Hier umspült das Wasser die Figuren der Kinder. Manchmal guckt nur noch der Kopf des Alten aus dem Wasser.
Das Denkmal zu Ehren des Schriftstellers Alex Halley und seiner "Roots"-Saga im Hafen von Annapolis/Maryland wird immer wieder überflutet. Manchmal guckt nur noch der Kopf des Alten aus dem Wasser.

Sara Phillips, die Architektin der Akademie, holt Besucher gern am Tor 3 ab, auf hohem Grund nur ein paar Blocks vom Statehouse entfernt. Die Wachtposten werfen einen kurzen Blick in den weinroten Pass des EU-Bürgers, allzu streng sind die Sicherheitsmaßnahmen an der Bildungseinrichtung nicht. Das Gelände hier fällt sanft, aber deutlich erkennbar, zum Wasser hin ab. Eigentlich müssten daher die Bauten in der Nähe des Tors, zum Beispiel der Offiziersklub, das Museum und die Kirche, vor den Fluten geschützt sein. Doch auch sie, so Phillips, bekommen bei Sturm viel ab. „Dramatisch war die Situation hier im Jahr 2003 beim Hurrikan Isabelle. 22 Gebäude waren damals überflutet, die Marine musste Schiffe hierher verlegen, um genügend Behelfs-Unterrichtsräume zu haben.“ 120 Millionen Dollar Schäden hatte das Unwetter damals hier angerichtet. Das Wasser strömte aus zwei Richtungen auf das Gelände, ablaufender Regen vom Hügel mit dem Capitol traf auf Brackwasser aus der Bucht, das durch die Kanalisation eindrang. 

So schlimm sei es seitdem nicht mehr gekommen, sagt die Architektin, die als zivile Angestellte bei der Akademie arbeitet. „Aber ungewöhnliche Winde schieben immer wieder das Wasser gegen das Ufer. Und mit dem Anstieg des Meeresspiegels könnte das zum täglichen Ereignis werden.“ Die Hochschule hat darum schon mit Umbauten reagiert. Zum Beispiel wurde die zentrale Heiz- und Kühl-Anlage in den ersten Stock eines Neubaus verlegt. Hinter der Messe ist eine Zisterne entstanden, in die Wasser fließen und unter der es versickern soll. Und die neue Sporthalle steht auf einem sechs Stufen hohen Sockel, damit Anlagen wie die Laufbahn mit ihren hydraulisch anhebbaren Kurven nicht von Fluten zerstört werden. Um solche Baumaßnahmen bewilligt zu bekommen, sagt Phillips, hat auch sprachliche Zurückhaltung geholfen. „Wir reden immer nur vom Meeresspiegel und lassen das Wort Klimawandel weg, um nicht ins Fadenkreuz zu geraten.“

Für die Zukunft sieht die Architektin allerdings schwierige Entscheidung voraus. So könnte es sein, dass die Akademie das Tor 1 direkt am Hafen, durch das Honoratioren gewöhnlich auf das Gelände fahren, schließen muss. Das würde einen großen Bruch mit der Tradition bedeuten. „Die Akademie braucht doch die direkte Verbindung zum Wasser, man muss es sehen können“, sagt Phillips. „Diese kulturelle Beziehung dürfen wir nicht einfach mit Flutmauern unterbrechen.“ Sie prüft daher verschiedene Zaunsysteme, die normalerweise alle Blickachsen offen lassen, sich aber im Ernstfall zu Sperrwerken umrüsten lassen. Befehlsgebundene Arbeitskräfte für den Schutz des Geländes, die alle möglichen Hilfsmittel herbei schleppen, gibt es dann ja genug.

Freigespülte Pflastersteine klackern unter Autoreifen

Auch im benachbarten Innenstadthafen von Annapolis suchen die Verantwortlichen noch nach der Balance zwischen Tradition und Vorsorge. So hat der Hafenmeister bereits einen Steg höherlegen lassen, und sein Büro im ersten Stock eines Gebäudes eröffnet, das unten Duschen und Toiletten für die Segler von den Yachten im Hafen enthält. Aber das Denkmal am Ende des City Docks lässt sich kaum vor dem Wasser schützen. Es erinnert an Kunta Kinte, den vermutlich hier nach seiner Entführung aus Afrika als Sklaven verkauften Helden aus der Familien-Saga „Roots“. Die Bronzeskulptur zeigt Kintes Nachfahren, den Autor Alex Haley, wie er drei Kindern eine Geschichte vorliest. Diese Kleinen versinken bei den häufigen Fluten im Wasser, in extremen Fällen guckt dann nur noch der Kopf des alten Mannes heraus.

„Kein großes Problem“, beteuert hingegen Brian Porter, Manager des exklusiven Fleet Reserve Club am Hafen, vielleicht 200 Meter vom Denkmal entfernt und dem angehobenen City Dock genau gegenüber. „Wenn das Wasser kommt, dann kümmern wir uns halt darum.“ Es läuft dann über die Terrasse gleich in den großen Speisesaal des Klubs. Er zeigt dem Besucher gern die Plakette an einer der Säulen, die den Wasserstand nach Hurrikan Isabelle im Jahr 2003 markiert – hüfthoch. Aber mit dem Klimawandel habe das doch alles nichts zu tun, erklärt er.

Dem roten Klinkerpflaster der Main Street, die den Hügel emporstrebt, sieht man an, dass es häufig überflutet wird. An etlichen Stellen sind die Steine lose und klackern unter den Reifen der vorbeifahrenden Autos. Viele Anwohner geben sich aber unbesorgt. Laurie, die Kassiererin von Chick & Ruth’s Delly, wo die Politprominenz des Staates einkehrt und man die besten Crab Cakes der Gegend bekommt, zückt fröhlich ihr Smartphone und zeigt Fotos. Vom Eingang des auf halber Höhe gelegenen Restaurants aus kann man darauf Leute sehen, die mit Kanus und Surfbrettern in den Straßen herum paddelten. Das sei für viele ein Spaß, versichert Laurie (die übrigens sagt, ihr Nachname tue nichts zur Sache) – bevor sie zu den Fotos von den abgesoffenen Autos kommt. Klimakrise? Ach was.

Ein silber-graues Cabrio fährt hinter einer Militäreinheit her über eine Straße, die mit roten Ziegeln gepflastert ist. Die Straße führt auf einen Kirchturm zu. Auf dem Gehweg vor den Geschäften stehen Zuschauer, von den Häusern wehen Fahnen. –
Eine Parade die Main Street von Annapolis hinauf. Der General winkt aus dem Auto, und unter den Reifen klackern die Pflastersteine, die durch die häufigen Fluten den Halt verloren haben.
Eine Parade die Main Street von Annapolis hinauf. Der General winkt aus dem Auto, und unter den Reifen klackern die Pflastersteine, die durch die häufigen Fluten den Halt verloren haben.

Annapolis ist bei weitem nicht die einzige Stadt mit großer Marine-Präsenz, die betroffen ist. Das US-Militär betreibt in Norfolk, drei Auto-Stunden südlich an der Mündung der Chesapeake Bay in den Atlantik gelegen, die Naval Station, ihre größte Basis weltweit. 75 Kriegsschiffe haben hier ihren Heimathafen, darunter vier Flugzeugträger, erzählt mit großem Stolz Petty Officer First Class Robert Martin vom Besucherdienst der Basis (sein Rang entspricht einem Bootsmann in der deutschen Marine). Das Gelände, über das er den Besucher fährt, liegt großteils nicht einmal zwei Meter über dem Meeresspiegel; Zufahrtsstraßen, Tore, Parkplätze, selbst einige der Piers stehen immer wieder unter Wasser, sagt Martin. Zehntausende Soldaten können bei Überflutung nicht mit ihren Autos auf die Basis kommen. „Sie müssen laufen, oft auch waten, um ihre Einsatzorte zu erreichen.“ Das kann Stunden dauern, so groß ist das Areal. 

Sinkt die Zahl der Überflutungen, ist das auch kein gutes Zeichen

Wichtiger aber noch ist die Versorgung der Schiffe. Die Stromleitungen wurden Anfang des 20. Jahrhunderts unter den 14 langen Docks verlegt – bei Hochwasser gibt es darum Kurzschlüsse. Martin hält an einem der Piers, der inzwischen als Doppeldecker neu gebaut worden ist. „Eigentlich haben wir das gemacht, um die Einsatzzeit zu verbessern. Dann haben wir festgestellt, dass die Docks auch wegen des Meeresspiegelanstiegs Vorteile bieten.“ Insgesamt aber spielt der Unteroffizier das Problem für die Basis herunter. „Wir haben das im Griff. Es kann ja nicht sein, dass das Wasser die Navy stoppt.“

Wissenschaftler sehen die Situation kritischer. Die Union of Concerned Scientists (UCS) erwarten für Norfolk einen weiteren Meeresspiegelanstieg von 1,30 bis 2,10 Meter zum Ende des Jahrhunderts, deutlich mehr als im globalen Mittel. Wo die Basis zurzeit allein durch den Tidenhub neunmal pro Jahr Überflutungen erlebt, könnte schon 2050 etwa 270-mal das Wasser auf Straßen und Piers stehen. Später steigt der Prognose zufolge die Zahl der Ereignisse sogar deutlich über 365 und sinkt dann wieder. Aber das ist kein gutes Zeichen – es bedeutet nur, dass sich das Wasser nicht jedes Mal bei Ebbe wieder zurückzieht.

„Sehr viel Fläche würde praktisch unbenutzbar“, sagt Astrid Caldas, die bei UCS die Analyse geleitet hat. Sie räumt ein, dass die Studie mit dem Fokus Marine auch strategisch wirken soll. „Wir haben die militärischen Einrichtungen zum Thema gemacht, um die Konservativen zu erreichen.“ Ob das gelingen kann, ist unklar; die Situation in Washington wie im ganzen Land ist unübersichtlich.

Die besondere Situation an der Chesapeake Bay macht es den Menschen leicht, die globale Erwärmung als Ursache möglicher Probleme auszublenden. Der Wasserstand in der großen Bucht ist seit dem Jahr 1927 um etwa 40 Zentimeter angestiegen, deutlich mehr als im globalen Durchschnitt. Jährlich kommen 4,4 Millimeter hinzu, und viele Wissenschaftler führen das zur Hälfte auf den globalen Klimawandel zurück: Gletscherschmelze und die Wärmeausdehnung des aufgeheizten Wassers sind die wesentlichen Faktoren. Die andere Hälfte aber hat lokale Ursachen: In der Gegend wird so viel Grund- und Trinkwasser entnommen, dass das Land absinkt, dazu kommen einige langfristiger geologischer Prozesse, wie die immer noch andauernde Reaktion auf das Ende der letzten Eiszeit (während sich der Untergrund der von Eispanzern befreiten Regionen im hohen Norden hebt, sinkt er weiter im Süden wie bei einer Wippe). Welchen der beiden nahezu gleichgewichtigen Anteile Menschen betonen, ist oft ein politisches Bekenntnis, besonders seit Donald Trump ins Weiße Haus eingezogen ist.

Hinzu kommt ein kultureller Aspekt: „Wir in den USA haben nicht wirklich Erfahrung mit Überflutung“, sagt Skip Stiles von der Umweltgruppe Wetlands Watch. „Da gibt es eigentlich nur die biblische Geschichte von Noahs Arche und dann die Legende vom holländischen Jungen, der ein Loch im Deich mit seinem Finger stopfte, bis Hilfe kam.“ Diese Episode, die die Gewalt des Meeres verniedlicht, stammt tatsächlich aus dem 1865 veröffentlichen Roman „Hans Brinker“ der amerikanischen Autorin Mary Mapes Dodge. „Dass sich Küstenlinien verschieben“, fasst Stiles zusammen, „dazu gibt es nichts in unseren Gesetzen, unseren Überzeugungen, der Literatur oder der Ingenieurskunst.“ 

Der Abfluss ist zum Zufluss geworden

Norfolk, Virginia, wo auch Stiles lebt, gehört immer noch zum Einzugsgebiet von Washington. Die wohlhabenden Bürger der Hauptstadt kommen mit ihren Yachten regelmäßig her, und viele der Abgeordneten und Senatoren besuchen die großen Marinebasen in der Stadt. Seit der Besiedlung der Gegend durch die Einwanderer aus Europa hat sich das Wasser hier im Alltag der Menschen weitgehend ruhig und berechenbar verhalten. Der Tidenhub ist klein; Deiche waren hier unnötig und sind völlig unbekannt. Wenn wirklich ein Sturm zuschlug, ein Nor’easter im Winter oder ein Hurrikan im Sommer, musste man sowieso vieles neu aufbauen.

Dennoch kämpft die Organisation Wetlands Watch seit einiger Zeit dafür, dass Stadt und Anwohner die Veränderung erkennen. Wie viele Gemeinden nicht nur hier in der Gegend, sondern an vielen Regionen entlang der amerikanischen Küsten, leidet Norfolk vor allem am sogenannten Nuisance Flooding: Überschwemmung von Straßen und Kreuzungen auch bei schönem, ruhigen Wetter. Das Wasser kommt über die Uferbefestigung oder drängt weiter hinten aus den Gullies; es gefährdet keine Leben, aber es hindert die Menschen daran, zur Arbeit zu kommen oder ihre Kinder in die Schule zu bringen. Es untergräbt Fundamente und nagt an den Verkehrswegen.

Eine spiegelnde Wasserfläche unter blauem Himmel, umgeben von Orang-weißen Signaltonnen und im Hintergrund von Häusern. –
Der Parkplatz an der Olney Street steht mal wieder unter Wasser. Das passiert so oft, dass die Anwohner im Stadtteil Ghent von Norfolk/Virginia schon von Lake Olney sprechen.
Der Parkplatz an der Olney Street steht mal wieder unter Wasser. Das passiert so oft, dass die Anwohner im Stadtteil Ghent von Norfolk/Virginia schon von Lake Olney sprechen.

Für Journalisten und andere Besucher arrangiert Skip Stiles eine Stadtführung der besonderen Art. Sie beginnt an der Unitarian Church im Stadtteil Ghent nahe am Stadtzentrum. Das ehemalige Gotteshaus ist vor kurzem verkauft worden. Offiziell braucht die Gemeinde mehr Platz, aber tatsächlich ist das Gebäude mehrmals überschwemmt und beschädigt worden. Darum hatte der Pfarrer einen Link zum Wasserstandmesser auf seiner Homepage. Die Kirche liegt direkt neben einem Becken namens The Hague – man hat es hier mit flämischen Ortsnamen. Stiles zeigt auf eine Öffnung in der Verschanzung vor der Kirche: „Hier münden Abflussrohre in den Hague, durch die bei Regen das Wasser abfließen sollte. Aber inzwischen steht die Flut häufig über der oberen Kante der Öffnung – dann fließt das Wasser aus der Bucht zurück in den Stadtteil hinter der Kirche.“ 

Oft genug schwappt das Wasser auch über die Kante der Uferbefestigung. Daten lokaler Forscher zeigen, wie die Dauer der Überflutung hier innerhalb von 80 Jahren zugenommen hat – von 20 auf 300 Stunden pro Jahr. Oft genug füllt sich dann „Lake Olney“; so nennen die Anwohner inzwischen den Besucherparkplatz des Chrysler Museum of Art an der Olney Street. Das auch für den zivilen Flutschutz zuständige, einige Straßen weiter angesiedelte Army Corps of Engineers plane daher für 70 Millionen Dollar ein Fluttor am Ausgang des Wasserbeckens, sagt Stiles. „Dann kommt bei Sturm kein Wasser aus der Bucht mehr herein, aber man muss immer noch das Regenwasser aus dem Hague nach außen pumpen – und es ist nur eine Lösung für diesen Stadtteil.“ 

Bei einer Fahrt durch Norfolk mit seinem klapprigen Toyota Prius zeigt Stiles die Salzkrusten an den Fundamenten und die Häuser, bei denen schon mal bei Sturm und Überschwemmung ein Auto auf die Veranda schwimmt. Er hält an den Pegelschildern einer Straße, die Autofahrern zeigen, wie hoch das Wasser über der Fahrbahn steht – einen oder drei Fuß. Das kann man sonst schließlich beim Zufahren auf die Senke im spiegelnden Nass nicht sehen, und selbst die beliebten Pick-Up-Trucks der Anwohner kommen nicht mehr durch 90 Zentimeter tiefes Wasser.

Stiles stoppt an Kreuzungen, wo Spezialfirmen Wohngebäude angehoben haben, um Flutschäden vorzubeugen. Der amerikanische Baustil (nicht unterkellerte Holzkonstruktionen) erlaubt es oft, massive Stahlträger unter dem Erdgeschoss hindurch zu schieben und das ganze Haus langsam nach oben zu drücken, bevor unten ein neues Fundament aufgemauert wird. An einer Kreuzung im Stadtteil Larchmont stehen drei solche Häuser nebeneinander, die jeweils unterschiedlich weit angehoben wurden: „Kommt halt drauf an, was man im Jahr der Baumaßnahmen für ausreichend gehalten hat“, erklärt Stiles den merkwürdigen Anblick.

Ein Bild von Google Earth, eine eingezeichneten Fahrtroute in rot und gelbe Pins für markierte Orte: Sightseeing in Norfolk/Virginia: eine Tour mit Skip Stiles von Wetlands Watch zu den Orten, wo Überschwemmungen den Alltag der Bewohner prägen.
Sightseeing in Norfolk/Virginia: eine Tour mit Skip Stiles von Wetlands Watch zu den Orten, wo Überschwemmungen den Alltag der Bewohner prägen.
Google Earth

An anderen Stellen hat nur eines von zwei ansonsten identischen Nachbarhäusern ein neues, wasserunempfindliches Erdgeschoss bekommen. Das andere, sagt Stiles, sei vermietet, da gebe es keine staatliche Förderung. Bewohner solcher Objekte wüssten oft auch wenig von der Gefahr. Vor allem bei den heruntergekommenen Studentenbuden im Stadtteil hält Stiles deswegen öfter mal an, um die jungen Leute vor dem Wasser zu warnen. „Auch wenn es die bewohnten Räume nicht erreichen kann, ist das Problem ja dadurch nicht gelöst. Viele Leute haben hier ein Kanu auf der Veranda und parken ihr Auto einige Blocks entfernt, wo es trocken ist, damit sie auf jedem Fall aus dem Viertel hinausfahren können.“

Manche der Anwohner stellt die Zunahme der Überschwemmungen aber vor finanzielle Probleme. Die nationale Flut-Versicherung verlangt teilweise bereits etliche Tausend Dollar Prämie pro Jahr. „Anekdoten zufolge sinken hier bereits die Immobilien-Preise“, sagt Stiles, „aber die Makler bestreiten das natürlich. Manche Nachbarn möchten wegziehen, können es aber offenbar nicht, weil sie ihr Haus nicht ordentlich verkauft bekommen.“ Neue Eigentümer wiederum erfahren bisweilen erst nach Vertragsabschluss, welches Risiko hier für ihr Haus besteht. 

Durch dieses nusiance flooding kommt zwar niemand körperlich zu Schaden, das bedeutet aber nicht, dass die Lage für die Städte nicht ernst ist. Dafür gibt es mehrere Gründe:

Erstens macht der schon bei ruhigem Wetter erhöhte Wasserstand die Folgen von Sturmfluten und Hurrikanen durchaus gefährlicher. Und solche Ereignisse passieren nun häufiger: viermal in sieben statt zweimal in 70 Jahren, ergab eine Studie der lokalen Old Dominion University. In Norfolk zum Beispiel könnten dann je nach Höhe der Überflutung mehr als die Hälfte aller Krankenhäuser vom Wasser eingeschlossen sein – und wäre womöglich nicht mehr funktionsfähig, wenn technische Anlagen in ihren unteren Stockwerken ausfallen. Die Stadt plant Dutzende Projekte mit Gesamtkosten von Hunderten Millionen Dollar, um die Überschwemmungen und die Folgeschäden zu begrenzen. 

Zweitens plant die Stadt Norfolk Dutzende Projekte, um die Folgeschäden zu begrenzen – und muss dafür Hunderte von Millionen Dollar aufwenden, die dann an anderer Stelle fehlen. Neben einzelnen Fluttoren und angehobenen Straßen sollen vor allem Rückfluss-Ventile in der Kanalisation verhindern, dass das Wasser der Bucht in die Stadtviertel im Inneren gelangt. Wie in Ghent waren die Rohre schließlich einst für das Ableiten von Regen angelegt worden, wirken jetzt aber in vielen Gemeinden umgekehrt.

Drittens sind die Überschwemmung längst ein Klotz am Bein der lokalen Wirtschaft: Als vor kurzem eine Brauerei aus Kalifornien eine Ostküsten-Niederlassung suchte, erzählt Stiles, erhielt das eine Stunde entfernt gelegene, trockene Richmond den Zuschlag. Das feuchte Norfolk ging trotz intensiver Lobbyarbeit leer aus. Auch viele Geschäftsleute nehmen das Thema inzwischen ernst, weil Wasser auf Kreuzungen ihre Kunden fernhält. „Sie wollen von mir etwas über den Klimawandel wissen und was er für sie bedeutet“, freut sich der Aktivist. „Stellen Sie sich das mal vor, das sind knallhart kalkulierende, meist konservative Menschen und keine treehugger“ – den abfälligen Begriff benutzt er selbstironisch, das Wort ließe sich vermutlich am besten mit „Ökospinner“ übersetzen. 

Was Norfolk gern von Lummerland hätte

Aber das sind seltene Erfolgsmomente in der Arbeit des Umweltschützers. Meist vermeidet er Begriffe wie „Klimawandel“ und „Meeresspiegelanstieg“, wenn er mit Betroffenen über Schutz- und Abwehrmaßnahmen spricht. Dabei helfen ihm die vielen Geschichten, die er von Anwohnern kennt, denen die Flut plötzlich in die Garage oder sogar das Wohnzimmer drang. „Mit ,Sicherheitsmarge‘ kommt man in solchen Gesprächen ganz gut zurecht. Wir müssen die Leute erstmal überhaupt in den Bus bekommen, dann können wir darüber reden, wo er hinfährt.“

Am Ende der Tour, bei Limonade und Sandwiches, hat auch der Besucher aus Deutschland eine Geschichte für den amerikanischen Fremdenführer. Sie handelt von Jim Knopf, dem in Amerika weitgehend unbekannten Helden von Michael Endes Jugendbüchern. Er musste seine Heimat, die winzige Insel Lummerland, ja mit seinem Freund Lukas wegen der vermeintlichen Überbevölkerung verlassen. Aber am Ende, als die Piraten besiegt sind, hebt sich das Eiland und darunter kommt ein großes versunkenes Reich zum Vorschein. Meeresspiegelsenkung als literarisches Sujet. „Das“, lacht Stiles, „das brauchen wir hier auch.“ ◀

Eine überflutete Straße, im Wasser liegt ein umworbenes Verkehrsschild. Im Stadtteil Colonial Place von Norfolk/Virginia haben die Hausbesitzer nasse Füße statt Wasserblick.
Das Tempolimit ist im Moment ohne Belang: Im Stadtteil Colonial Place von Norfolk/Virginia haben die Hausbesitzer nasse Füße statt Wasserblick.

Hinweis 1: Zu dieser Reportage habe ich hier einige Updates zusammengefasst.

Hinweis 2: Hintergrund-Informationen über das sogenannte Nuisance Flooding sowie die Reaktion von Forschern und Umweltschützern habe ich bereits hier beschrieben.

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