Auf dem Rhein in die Geschichte

Eine Film-Rezension von Rainer B. Langen inklusive Audio-Interview

Mit seiner Dokumentation „Die große Rheinfahrt in historischen Filmaufnahmen 3 – Am Puls des Stroms“ lässt Hermann Rheindorf Zuschauerinnen und Zuschauer den Rhein hinaufreisen und Geschichte erleben, die bis heute wirkt.

Per Linienschiff dauert eine Fahrt über den Rhein von Köln nach Mainz heutzutage 12 Stunden. Beim Kölner Filmemacher Hermann Rheindorf, der seine "Große Rheinfahrt" nach Mainz in Düsseldorf beginnt, dauert sie 60 Jahre. Er hat aus historischen Filmstreifen eine filmische Dokumentation über Geschichten und Geschichte auf, im und am Rhein von einst einträglicher Fischerei bis zur Vereinigung Europas montiert.  

Vorschau:

Seine bewegten Bilder stammen aus den 1920er bis 1980er Jahren. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer, insbesondere aus dem Rheinland, können diese Zeit, Orte und Begebenheiten aus dem Film durchaus selbst erlebt haben. Das schafft für diesen Teil des Publikums sicherlich Nähe. Aber der Film liefert nicht nur schöne Bilder zur rheinischen Heimatkunde. Vielmehr ist er eine spannende Reise zur Alltagsgeschichte der Menschen am und auf dem Fluss, zum Umweltschutz, bis hin zur großen Staatspolitik.

Als der Rhein noch seine Anwohner ernährte

Im Plauderton erzählt der Filmemacher zum Beispiel von den reichen Fischgründen, die der Fluss früher beherbergte. Manche Fischer machten schon einen guten Fang, wenn sie über eine flache Kiesbank am Ufer zu Fuß ihr Schleppnetz zogen. Bis weit ins vorige Jahrhundert hinein war die Flussfischerei ein bedeutender Wirtschaftszweig in Nordrhein-Westfalen. Lachse, „Rheinsalm“ genannt, waren ein wichtiges Nahrungsmittel. Ein Fluss mitten in Europa konnte seine Anrainer noch ernähren. Es blieb sogar genug Fisch für den Export übrig.

Ungezähmt und wild war der Rhein schon seit langem nicht mehr, als die Kameramänner ihre Aufnahmen drehten. Doch sie zeigen: Es gab noch überschwemmte Auwiesen, in denen Jungfische Schutz fanden und Kinder vor der Kamera planschten. Schwimmwettbewerbe im Strom gehörten zum Alltag.

Flüsse ziehen auch Industrie an. Als er auf seiner filmischen Reise Chemieanlagen direkt am Rhein bei Leverkusen passiert, kommt der Sprecher, charmant im Tonfall, auf den Punkt. Die großen Industriebetriebe nördlich und südlich von Köln seien nur dort, „weil es den Rhein gibt: Als Transportweg und sich selbst reinigende Mülldeponie.“ Abwasserreinigung habe bei den Firmen als pure Verschwendung gegolten. Zur „Großen Rheinfahrt“ gehört auch dieser Aspekt der Wirtschaftsgeschichte. Mit der Selbstreinigung war der Fluss irgendwann überfordert; er galt als größte Kloake Europas. 1969 brachte dann eine einzige Giftwelle neunzig Prozent des Fischbestandes im Rhein um.

Heute ist das Wasser im Rhein wieder viel sauberer. Aber das Zerstörte wieder herzustellen, die Fische, die es früher einmal gab, in den Rhein und seine Nebenflüsse zurück zu bringen, kostet sehr viel Mühe, Zeit und Geld - wobei an die schieren Fischmengen früherer Zeiten wohl eher gar nicht zu denken ist.

Der Film zeigt Anfänge von Geschichten. Zuschauer können heute erleben, wie sie sich weiterentwickeln – oder enden: In den siebziger Jahren führt die „Große Rheinfahrt“ am Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich in Bau vorbei. Der Gebäudekomplex mit dem riesigen Kühlturm gehört für viele Menschen im Rheinland seitdem zur Silhouette des Neuwieder Beckens. Das Kraftwerk ging erst mehr als ein Jahrzehnt nach Baubeginn ans Stromnetz – für 13 Monate. Dann verfügten Richter die Abschaltung. Schon lange läuft inzwischen der Rückbau. Heute, im Spätwinter 2019, fährt eine ferngesteuerte Abbruchmaschine auf der Mauerkrone des Kühlturms im Kreis und zwickt sie dabei mit starken Hydraulikzangen ab. Meter um Meter wird in Schutt verwandelt, der sich vielleicht einmal in Straßenbelag wiederfindet. Dieses Bauwerk war einmal höher als der Kölner Dom.

Die Kathedrale darf natürlich in der „Großen Rheinfahrt“ nicht fehlen. In atemberaubenden Sequenzen aus den 1920er Jahren klettern Steinmetze ganz oben an der Spitze eines der Domtürme oder hängen an Seilen und bugsieren baumelnde Steinblöcke an ihren Platz.

Der Rhein ist schon seit langem Tourismusmagnet. Aus allen Epochen hat Hermann Rheindorf Sequenzen mit fröhlichen Ausflüglern in den Film montiert. Sie gingen damals schon an Orten von Bord, die heute noch als beliebte Ausflugsziele gelten. In Königswinter als Startort zum Drachenfels auf dem Esel, zu Fuß oder mit der Zahnradbahn, zu den Burgen im Mittelrheintal oder ins weinselige Rüdesheim.


Gesicht eines blonden Mannes
Filme aus historischem Material über das Rheinland sind Hermann Rheindorfs Spezialgebiet. Er hat bereits zwei historische Rheinfahrten herausgegeben; in einer davon finden sich die ältesten Filmaufnahmen – aus dem Jahr 1896 – die je in Köln gemacht wurden. Wie es zur dritten Großen Rheinfahrt kam und was der Rhein mit der Vereinigung Europas zu tun hat erzählt er in diesem Audiointerview:

In den Szenen aus sechs Jahrzehnten wird Geschichte lebendig. Es ist zunächst Alltagsgeschichte von Schiffern, Fischern, Ausflüglern, Flaneuren und geschäftigen Menschen in vielen Orten am Strom. Zeitgeschichte kommt hinzu, wenn US-Präsident John F. Kennedy mit seinem Besuch in der – inzwischen schon wieder ehemaligen – Bundeshauptstadt Bonn so viel Begeisterung hervorruft, dass ihn viele Jubelnde bei seiner Anreise vom Flughafen schon auf der Autobahn stehend begrüßen.

Hermann Rheindorf lässt nicht nur seine Bilder wirken. Er nutzt sie auch als Brücken, um noch tiefer in die Geschichte des Rheinlandes einzutauchen, die Kultur und Menschen dieser Flusslandschaft geprägt hat. Bezüge zum Mittelalter und in die Römerzeit lassen sich auf der Rheinreise zwischen Mainz und Düsseldorf leicht finden.

1000 Jahre ohne Brücken

Reale Brücken sind im Rheinland eine relativ neue Errungenschaft. Bis ins 19. Jahrhundert hatte es stromabwärts von Basel bis zu den Niederlanden für 1000 Jahre keinen solchen Flussübergang gegeben. „Es fehlte an Grundvertrauen (…) vor allem in die Absichten der anderen Seite,“ erläutert der Autor im Film. Wobei mit der anderen Seite fremde Herrschaftsgebiete gemeint sind. Deren Armeen hätten die Reiche der Nachbarn über Brücken schneller überfallen können als ohne. In Köln ließen die Preußen erst Brücken zu, nachdem sie in ihrer Rheinprovinz zwischen Saarbrücken und Kleve beide Ufer weiträumig beherrschten.

Das deutsche Kaiserreich hatte sich bei seiner Gründung 1871 mit Elsass-Lothringen auch die linken Ufer am Oberrhein einverleibt. Für annähernd 50 Jahre beherrschte Deutschland beide Rheinufer zwischen Basel und der niederländischen Grenze. Am Rhein bei Rüdesheim wurde die Reichsgründung und damit die Herrschaft über beide Rheinseiten mit dem Niederwalddenkmal gefeiert, auf dem die Symbolfigur Germania den Blick über das Rheintal richtet.

Ganz in der Nähe dieses wuchtigen Monuments des Nationalstolzes trafen sich 1948 die Ministerpräsidenten der damaligen westlichen deutschen Länder in einem Jagdschloss, um die Verfassung des Grundgesetzes der Bundesrepublik vorzubereiten. Sie schufen damit am Rhein eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich Deutschland vom Nationalismus ab- und der Vereinigung mit den Nachbarn in Europa zuwenden konnte.

Wer gut unterhalten werden und dabei erfahren möchte, wie es sich am Rhein in der Zeitenwende von der Monarchie zur Demokratie, von dieser zur Diktatur und zur neuen Demokratie der Bundesrepublik lebte, was der Fluss für seine Anrainer und Europa bedeutet, dem empfehle ich diesen Film.

Die große Rheinfahrt in historischen Filmaufnahmen 3: Am Puls des Stroms. Eine Dokumentation von Hermann Rheindorf, Kölnprogramm, Länge: 1 Stunde 12 Minuten

Der Film ist bestellbar bzw. steht zum download bereit über diese Links:

DVD: 14,80 €

Video on Demand: Ausleihe 3,99 €, Kauf 7,99 €



Flussreporter