Alles nur Öko-Panikmache?

Wie Avifaunisten den Rückgang der Vogelbestände dokumentieren. Von Johanna Romberg

Christian Schwägerl

Die Zahlen sind gruselig.

Feldlerche: minus 35 Prozent, Braunkehlchen: minus 63, Kiebitz: minus 80, Rebhuhn: minus 84 Prozent. Und all das innerhalb weniger Jahrzehnte. Seit Mitte der 1980er Jahre hat sich die Vogelpopulation in Deutschland halbiert; jede dritte Art nimmt im Bestand deutlich ab. In Europa sieht es ähnlich aus: Zwischen 1980 und 2010 sind allein aus der Agrarlandschaft 300 Millionen Brutpaare verschwunden, das entspricht etwa einem Fünftel des gesamten Vogelbestandes unseres Kontinents. So steht es in der Antwort der Bundesregierung auf eine „Kleine Anfrage“ der Grünen, veröffentlicht Anfang Mai. Diese Zahlen sind in den vergangenen Wochen oft zitiert worden, nicht nur von Naturschutzverbänden, sondern auch in vielen Medien, für die Vögel sonst eher ein Randthema sind.

Die Zahlen haben Erstaunen und Entsetzen ausgelöst, aber auch Skepsis.

Für die einen beweisen sie, wieder einmal, wie dringlich eine grundlegende Reform der europäischen Agrarpolitik ist, und wie notwendig ein gestärkter Naturschutz. Andere sprechen von Panikmache, dubiosen Fakten, falschen Schuldzuweisungen.  

Steht es wirklich so schlimm um unsere Vogelwelt?

Oder handelt es sich nur um die üblichen Übertreibungen von Öko-Hysterikern? Warum reden alle vom drohenden „stummen Frühling“, wo es doch vielerorts noch ganz munter zwitschert? Wer liefert eigentlich die Zahlen, auf die sich die Alarmmeldungen stützen? Stammen sie aus seriösen wissenschaftlichen Quellen, oder sind da bloß Liebhaber am Werk, die melden, was sie gerade am Futterhaus oder beim letzten Sonntagsspaziergang gesichtet haben? Und selbst wenn die Zahlen über den Vogelschwund halbwegs stimmen sollten: Was sagen sie aus? Trägt die intensive Landwirtschaft wirklich die Hauptschuld daran, oder sind doch andere Ursachen relevanter, etwa die brutale Zugvogeljagd rund ums Mittelmeer?

Das ist eine Auswahl aus den Fragen und Einwänden, die ich in den letzten Wochen gelesen habe, etwa hier oder hier, oder auch als Reaktion auf unseren Flugbegleiter-Kommentar. Vielleicht kann ich ein bisschen zur Klärung beitragen.

Die Zahlen, um die es hier geht, stammen auch von mir.

Ich gehöre zu den über 2000 Menschen in Deutschland, die in ihrer Freizeit Vögel zählen. Ich mache das noch nicht lange und auch nur vertretungsweise, aber ich weiß, wie’s geht, ich habe es von Leuten gelernt, die es seit Jahrzehnten regelmäßig tun, und vor allem kenne ich die Experten, die diese Zählungen planen, überwachen und deren Ergebnisse auswerten.

Eines gleich vorab, um eine häufige Skeptiker-Frage zu beantworten: Nein, ich bin keine Wissenschaftlerin. Ich habe weder Biologie noch Ornithologie studiert, und das Gleiche gilt für geschätzte über 80 Prozent der vogelkundigen Menschen, die ich kenne. Was das über meine Qualifikation aussagt? Nichts. Das Handwerk des Bestimmens, von Vögeln oder anderen Lebewesen, lernt man nämlich nicht an der Uni, sondern draußen in der Natur, durch genaues Hinsehen und -hören. Man braucht dazu kein theoretisches Vorwissen, sondern Neugier und wache, gut trainierte Sinne – mit deren Hilfe man etwa die Rufe von Kohl- und Tannenmeise unterscheidet, eine Mönchsgrasmücke aus einem Amselchor heraushört oder eine Silhouette auf dem Dach, anhand ihrer Haltung, als Haussperling oder Hausrotschwanz identifiziert.

Ich übe das Vogelbestimmen seit meiner Kindheit.

Ich bin darin, sagen wir, mittelgut. Die erfahrenen Zählerinnen und Zähler, die ich kenne, sind imstande, an jedem beliebigen Ort Mitteleuropas binnen einer Viertelstunde im Umkreis von 400 Metern nicht nur sämtliche vorhandenen Vogelarten, sondern auch die Zahl der Individuen zu ermitteln, einschließlich der Weibchen und Jungvögel in verschiedenen Entwicklungsstadien. Die Daten, die diese Leute liefern, sind ebenso zuverlässig und belastbar wie jene, die ornithologische Profis an Vogelwarten und Forschungsinstituten erarbeiten; sie sind auch nicht zu verwechseln mit den Momentaufnahmen, die bei Aktionen wie der „Stunde der Gartenvögel“ entstehen.

Die besten Artenkenntnisse nützen nichts, wenn nicht systematisch und koordiniert gezählt wird.

Dafür sorgt eine Organisation in Münster, die selbst unter Vogelfreunden nicht durchgängig bekannt ist. Denn der Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) macht keine öffentlichkeitswirksamen Kampagnen; die elf hauptamtlichen Mitarbeiter – unter ihnen Ornithologen ebenso wie IT-Experten – konzentrieren sich auf das Sammeln, Auswerten und Publizieren der Beobachtungsmeldungen, die ein gut vernetzter Schwarm von Vogelkundigen aus dem ganzen Land liefert. Auf diese Auswertungen stützte sich, unter anderem, auch die Bundesregierung in ihrer Antwort auf die Anfrage der Grünen; Bundesumweltamt und EU-Behörden greifen darauf ebenso regelmäßig zurück wie die Umweltverbände, vor allem der NABU. Der DDA betreut etwa die Internetseite ornitho.de. Auf dieser kann man Beobachtungen eingeben, wie in einem persönlichen Logbuch, und trägt damit zugleich zu einem umfassenden Bild von den Flugbewegungen über Deutschland bei. Bei ornitho.de gibt es eine straffe Qualitätskontrolle.

Beobachtungen werden von regionalen Koordinatoren auf Plausibilität überprüft.

Wichtigstes Aufgabengebiet des DDA ist jedoch das Erstellen systematischer Studien zur Erfassung des Vogelbestands, wie etwa des seit 1991 laufenden „Monitoringprogramms häufiger Brutvögel“, an dem auch ich vertretungsweise mitarbeite. Bei diesem Programm werden den Zählern bestimmte Gebiete zugeteilt, jeweils 100 Hektar groß, die sie auf festgelegten Strecken inspizieren. Die Untersuchungsgebiete, 2637 insgesamt, sind über ganz Deutschland verteilt, sie wurden mithilfe des Statistischen Bundesamt so ausgewählt, dass sie die deutsche „Normallandlandschaft“ in all ihren Varianten repräsentieren. Gezählt wird in naturnahen Wäldern ebenso wie in der intensiv bewirtschafteten Agrarflur, in Mooren, Heidegebieten und Seeufern ebenso wie auf Industriebrachen, in Neubaugebieten und auch mitten in der Stadt. Was den Zählern mitunter einiges zumutet: Wer in der Morgendämmerung mit dem Fernglas Häuserfassaden inspiziert, muss auf misstrauische Blicke und Fragen gefasst sein, und wenn man auf Bauernhöfen nach Spatzen oder Schwalben Ausschau halten will, kann es schon mal passieren, dass man barsch des Geländes verwiesen wird.

Manche Bauern betrachten Vogelschützer noch immer als ihre natürlichen Feinde.

Die Zählstrecken werden viermal im Jahr begangen, jeweils in den Monaten März bis Juni, wenn sich die Vögel – genauer: die fortpflanzungswilligen Männchen – durch Gesang und Balzflüge bemerkbar machen. Und natürlich frühmorgens. Dabei notieren die Zähler jedes Flugobjekt, das sie unterwegs hören oder sehen. Und zwar nicht nur dessen Namen, sondern auch seine genaue Position: Denn erst wenn ein Vogel mehrere Male hintereinander an derselben Stelle auftaucht, kann man davon ausgehen, dass er dort auch brütet. Zufallsgäste und Durchzügler werden bei diesem Programm nicht erfasst.

So richtig interessant werden die Zähldaten erst, wenn man sie mit früheren Erhebungen vergleicht.

Und die gibt es. Vögel sind, dank ihrer Auffälligkeit und Allgegenwart, die mit Abstand meistbeobachteten und -erforschten wildlebenden Lebewesen überhaupt. In Deutschland werden sie seit Mitte der 1980er Jahre systematisch „kartiert“, wie es in der Fachsprache heißt, in Ost wie West. Die Methoden waren damals etwas andere als heute, aber die Daten sind trotzdem vergleichbar, weil sie flächendeckend und engmaschig erhoben wurden - und von Zählern, die über die gleiche Expertise verfügten wie die heutigen. Es gibt natürlich noch ältere Quellen, etwa Museumssammlungen sowie Aufzeichnungen und Tagebücher von Ornithologen und anderen Naturkundlern, die zum Teil verblüffende Erkenntnisse über die Vogelwelt vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte liefern.

Die Daten dokumentieren die Entwicklung jeder einzelnen in Deutschland vorkommenden Vogelart, von Alpenbraunelle bis Zwergtrappe.

Sie geben auch Aufschluss darüber, was diese Entwicklungen auslöst; weshalb einige Arten im Bestand abnehmen, während andere stabil sind oder sogar Zuwachs verzeichnen. Denn auch das gibt es, glücklicherweise; die Ergebnisse sind nicht einheitlich, und das erklärt auch, weshalb das Vogelleben vielerorts noch relativ lebendig wirkt. Die treibenden Faktoren hinter den Trends werden deutlich, wenn man etwa die Arten verschiedener Lebensräume miteinander vergleicht.

Positiv ist die Lage bei vielen Waldvogelarten.

Spechte, Kleiber, Eichelhäher und Zilpzalp profitieren davon, dass reine Fichtenforste vermehrt zu naturnäheren Mischwäldern umgebaut werden, aber auch davon, dass viele Städte im Laufe der letzten Jahrzehnte grüner geworden sind. Auch den Bewohnern von Binnengewässern geht es vergleichsweise gut – dank konsequentem Schutz von Feuchtgebieten, Beschränkungen der Jagd und neuen Seen und Teichen, die in stillgelegten Kies- und Braunkohlegruben entstanden sind. Kritisch sieht es dagegen für alle Arten aus, die als „Untermieter“ an oder in Gebäuden nisten – Spatzen, Schwalben, Mauersegler, Hausrotschwänze: Durch energetische Sanierungsmaßnahmen verlieren sie ihre Nistplätze, und die Brachflächen, auf denen sie noch Futter finden, verschwinden zusehends unter Parkplätzen und Neubauten.

Zappenduster wird es, wenn man Arten der Agrarlandschaft betrachtet.

Rund die Hälfte der Vogelarten, die dort lebt, befindet sich im Sinkflug, zum Teil schon im freien Fall. Betroffen sind die Häufigen – Star, Feldlerche, Goldammmer - ebenso wie die Raren – Braunkehlchen, Ortolan, Turteltaube -, die Bewohner von Grünland – Kiebitz, Bekassine, Uferschnepfe - ebenso wie die auf Äckern und Feldrainen lebenden Körnerfresser – Hänfling, Stieglitz, Feldsperling. Die Experten des DDA machen eine ganze Reihe von Faktoren aus, die den Vögeln des Offenlands das Leben schwer machen: intensive und häufige Bodenbearbeitung während der Brutzeit, starke Düngung, die auch auf mageren, trockenen Standorten die Vegetation hochschießen lässt, Zunahme des Maisanbaus für Biogasanlagen und, oft damit verbunden, verstärkter Einsatz von Pestiziden, der zu einem Rückgang von Wildkräutern und Insekten führt.

Vor allem der Einsatz der berüchtigten Neonikotinoide hat direkte Auswirkungen auf die Vogelwelt.

Eine Studie der Universität Nijmegen wies 2014 nach, dass in Regionen mit besonders hohem Einsatz dieser Insektengifte die Populationen von Staren und Schwalben stärker zurückgingen als anderswo – beiden Vogelarten sind wesentlich bis ausschließlich auf Insektennahrung angewiesen. Wie schnell und drastisch sich veränderte Bewirtschaftungsmethoden auf Vögel auswirken, zeigt sich auch bei uns: Nachdem die EU-Kommission 2007 ihr Stillegungsprogramm beendete, wurden viele Brachflächen wieder unter den Pflug genommen; prompt zeigten die Bestandskurven vieler Offenlandarten einen scharfen Knick nach unten.

Zugvögel sind unabhängig von ihrem Lebensraum besonders stark in Bedrängnis.

Ihre Bestände gehen stärker zurück als die derjenigen Spezies, die im Winter hierbleiben oder nur kurze Strecke ziehen. Und wenn man liest, welchen Bedrohungen die Fernflieger unterwegs ausgesetzt sind, von Vogeljägern über Windräder bis hin zu zerstörten Rastplätzen, dann wundert man sich, dass es überhaupt noch so viele jedes Jahr hin und zurück schaffen. Für die einen ist dies Anlass, stärkere internationale Anstrengungen zum Schutz von Zugvögeln zu fordern. Andere dagegen sehen sich in ihrer grundsätzlichen Skepsis gegenüber Forderungen nach mehr Naturschutz bestätigt.

Was soll eine ökologische Agrarwende bringen, wenn die Hauptursachen für den Vogelschwund jenseits unserer Grenzen liegen?

Wozu mit viel Aufwand Grünland wiedervernässen, Blühstreifen anlegen oder gar auf Erträge verzichten, wenn die dadurch geretteten Vögel in ägyptischen Fangnetzen landen oder von maltesischen Scharfschützen abgeknallt werden? Antworten auf diese Fragen kann man, unter anderem, durch direkte Anschauung finden: in jenen Gebieten, in denen Vögel bereits wirksam geschützt werden. Durch rigorose Einschränkung jeder Art von Nutzung, oder durch Formen von Landwirtschaft, die auf ihre Bedürfnisse konsequent Rücksicht nehmen. Ich kenne solche Gebiete aus eigener Anschauung, und ich staune jedes Mal darüber, wie groß der Vogelreichtum dort ist, wie leicht, und in welch erstaunlicher Zahl, man dort Arten antrifft, die aus der Umgebung längst verschwunden sind. Systematische Langzeitbeobachtungen bestätigen meinen Eindruck:

Dort, wo Vögel erträgliche Lebensbedingungen vorfinden, stabilisieren sich ihre Bestände oder nehmen sogar zu.

Das gilt auch für die besonders gefährdeten Langstreckenzieher. Das Problem ist bloß: Naturschutzgebiete machen weniger als vier Prozent unserer Landesfläche aus. Das ist verschwindend wenig, verglichen mit den 53 Prozent, die landwirtschaftlich genutzt werden. Und etwa drei Viertel der Schutzzonen stehen mehr oder weniger nur auf dem Papier; es fehlt an Managementplänen, an Aufsicht und Pflege. Die Naturschutzbehörden, die dafür zuständig wären, sind überlastet und unterbesetzt, meist fehlt ihnen auch die Durchsetzungsmacht gegenüber den Interessen lokaler Nutzer. Oft springen Ehrenamtliche als Betreuer ein, aber deren zeitliche und finanzielle Ressourcen sind begrenzt: Wer sich hierzulande für den Schutz des Allgemeinguts Natur einsetzt, sei es als Landschaftspfleger oder Vogelzähler, muss in der Regel ohne öffentliche Zuwendungen auskommen. Und sich oft auch noch, diese Bemerkung kann ich mir nicht verkneifen, als Investitionsverhinderer, weltfremder Öko-Romantiker oder noch schlimmer als "grün versiffter" Gutmensch beschimpfen lassen.   

Ohne grundlegende Änderungen in der landwirtschaftlichen Praxis werden wir den weiteren Rückgang der Vögel nicht aufhalten können.

Es führt kein Weg daran vorbei: ohne ein „Greening“, das diesen Namen wirklich verdient, geht es nicht, die Schrumpfung der Bestände anzuhalten, geschweige denn, sie wieder umzukehren. Was ja das eigentliche Ziel sein sollte. Das Monitoring der Artenvielfalt insgesamt zu verbessern ist eine wichtige Aufgabe. Noch wichtiger aber fände ich es, die Landwirte, und die sie vertretenden Funktionäre und Politiker, würden endlich die Zahlen zur Kenntnis nehmen, die es bereits gibt.

Und daraus die nötigen Konsequenzen ziehen.


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Titelfoto: Himmel ohne Schwalben über einem oberbayerischen Dorf im Sommer 2017. Foto: Christian Schwägerl

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