Design-Thinking und Persona-Methode im Museum

Gespräch mit Mirjam Wenzel zur Neueröffnung des Jüdischen Museums Frankfurt

Von Carmela Thiele

16. Oktober 2020

Das Gespräch kommt spontan zustande. Wir stehen in der neuen Dauerausstellung, die multimedial über jüdisches Leben in Frankfurt erzählt. Ohne Umschweife beantwortet Mirjam Wenzel Fragen zur Museumskonzeption. Welche gedankliche Arbeit ihr vorausgegangen ist, und wie die Digitale Strategie des Jüdischen Museums mit den materiellen Zeugnissen der Sammlung verbunden ist. Die Direktorin ist Literaturwissenschaftlerin, verfügt über einen akademischen Hintergrund, hat sich aber auch intensiv mit dem praktischen Einsatz der Neuen Medien im Museum auseinandergesetzt. Ihre Publikationsliste ist lang, wie auch die Liste ihrer Auszeichnungen. Seit vergangenem Jahr ist sie Honorarprofessorin am Seminar Judaistik der Goethe-Universität in Frankfurt und seit kurzem, Gastprofessorin an der Bauhaus-Universität Weimar.

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DebatteMuseum  Kommende Woche wird das Jüdische Museum Frankfurt neu eröffnet. Was ist das Entscheidende an der Neupräsentation des Hauses und an seiner inhaltlichen Zielsetzung?

Mirjam Wenzel Das Erste und Entscheidende ist der Gegenwartsbezug. Deshalb haben wir auch die Kampagne Wir sind jetzt gestartet, deshalb beginnt die Ausstellung in der Gegenwart, deshalb gibt es in allen Räumen in den partizipativen Stationen immer wieder einen Gegenwartsbezug. Wir erzählen jüdische Geschichte als persönliche Geschichten, als eine Pluralität von Geschichten, von Stimmen, von Perspektiven. Das ist unser Ansatz. Wir haben nicht den Anspruch, die eine jüdische Kultur zu vermitteln, sondern wir zeigen eine Pluralität an jüdischen Lebensentwürfen und jüdischen Perspektiven auf die Welt. Und das tun wir in europäischen Dimensionen, weil die jüdische Kultur und Geschichte Frankfurts von europaweiter Bedeutung ist. Die Stadt war von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart ein Zentrum jüdischen Lebens. Das wollen wir wieder spürbar machen.

DebatteMuseum  Welche Themen sind neu in der Dauerpräsentation?

Mirjam Wenzel   Wir thematisieren beispielsweise erstmals die Frankfurter Exilgemeinden, in Rio de Janeiro, New York und London die Traditionen der Frankfurter Gemeinde weitergeführt haben. Es ist unser Anspruch, die Beziehungen zu den Frankfurter Exilen und Emigrant:innen zu vertiefen. Wir sind glücklich, dass wir mit der Familie Rothschild und der Familie Goldschmidt in Kontakt stehen, die uns auch unterstützen. Die untere Etage unserer Dauerausstellung widmet sich dem Thema „Familie und Alltag“, mit dem wir drei Frankfurter Familien vorstellen: eine eher kaufmännische Familie wie die Familie Frank, aus der viele Künstler:innen hervorgegangen sind, die weltberühmte Familie Rothschild aus Frankfurt und die Familie von Valentin Senger. Dessen Eltern waren Kommunisten und kamen aus Odessa. In den amtlichen Dokumenten waren die Hinweise auf ihre jüdische Herkunft verschwunden, weshalb sie und ihr Sohn Valentin Senger die Judenverfolgung während des Nationalsozialismus mitten in Frankfurt überlebt haben. Diese Geschichte wollen wir bekannter machen. Senger hat eine Autobiografie geschrieben mit dem Titel Kaiserhofstraße 12.


Design Thinking und Persona-Methode

DebatteMuseum  An wen richten sich die Ausstellungen des Museums?

Mirjam Wenzel   Der Ausstellungsentwicklung liegen acht Zielgruppen zugrunde. Diese Zielgruppen haben wir mittels Design Thinking und der Persona-Methode visualisiert. Wir haben uns genau vorgestellt, was diese Personen hier suchen, welche Interessen sie haben und wieviel Zeit sie mitbringen. Wir haben Zielgruppen-Workshops konzipiert, die wir in der Umbauzeit in unseren Pop-up-Plattformen im Stadtraum durchgeführt haben. Wir wollten sehen, ob unsere Zielvorstellungen auch der Realität entsprechen. Diese acht Zielgruppen sind zwei Schulklassen, eine Grundschulklasse und eine gymnasiale Schulklasse, eine alleinstehende Mutter mit ihrem Sohn, die hier einen Nachmittag verlebt, eine pensionierte Geschichtslehrerin mit ihrer Freundin, die viel Zeit mitbringt und alle Objektlabel liest. Wir haben uns vorgestellt, was einen Vater und seine Tochter aus New York und Israel interessieren könnte, die einen deutsch-jüdischen Hintergrund haben und auf einer Jewish Heritage Tour sind. Wir haben uns gefragt, was ein asiatisches Paar wissen will, das ins Haus kommt, weil es an der Familie Rothschild oder an Anne Frank interessiert ist, aber wenig Zeit mitbringt. Wichtig ist uns auch die Offenbacher Familie mit türkischem Hintergrund, die wir gewinnen wollen, und für die der Aspekt der Diversität im Museum von Interesse ist. Und auch der Geschäftsmann ist bedacht, der nach einem Lunch in unserem milchig-koscheren Deli seinem jüdischen Geschäftspartner noch schnell die Ausstellung zeigen will.

DebatteMuseum   In jeder Abteilung thematisieren alte und neue Kunstwerke Aspekte der Ausstellung. Wieso Kunst in einem kulturhistorischen Museum?

Mirjam Wenzel   Ich zögere immer, eine genaue Kategorisierung unseres Museums vorzunehmen. Ich finde, wir sind ein Kunstmuseum genauso wie wir ein historisches Museum und ein kulturhistorisches Museum sind. Ein Jüdisches Museum gehört keiner dieser übergreifenden Gattungen an oder allen zugleich. Wir haben jedoch einen thematischen Fokus und eine Festlegung in der Perspektive. Jüdische Geschichte kann sich auf die verschiedenste Art materialisieren. Das sind traditionell die zeremoniellen Objekte, aber es gibt auch eine lange Tradition in Jüdischen Museen, Kunst zu jüdischen Themen zu zeigen. Das Jüdische Museum Frankfurt hatte schon immer einen Schwerpunkt im Bereich der Bildenden Kunst. Unsere Sammlung umfasst das Ludwig-Meidner-Archiv, Werke von Moritz Daniel Oppenheim oder Jakob Nussbaum. Neu ist die zeitgenössische Kunst, mit der wir auch jüngere Perspektiven in den Ausstellungsrundgang einbinden. Uns geht es dabei um sinnliche Erfahrungsräume. Wir sind nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern auch ein Ort, in dem man nachdenken soll. Dazu trägt die Kunst entscheidend bei, weil die Wahrnehmung von Kunst verschiedene Ebenen der Interpretation eröffnet.

DebatteMuseum   Die Museumsarbeit ist in einem starken Wandel begriffen. Ist das ein Prozess, der sich zunehmend beschleunigt? Hat sich die Dauerausstellung von heute nicht in fünf Jahren schon wieder überlebt?

Mirjam Wenzel   Dauerausstellungen werden in der Tat zunehmend strittig. Wir begreifen unsere Dauerpräsentation nicht als eine, die ewig währen muss. Es gibt zwischen den längerfristig projektierten Räumen auch Wechselausstellungsräume. Für mich hat das mit work in progress zu tun. Wenn wir jetzt eröffnen, werden wir erfahren, wie die Ausstellung ankommt. Wir werden diese Erfahrungen einarbeiten in unseren Mediaguide, unserer Inklusionskonzept weiter ausbauen, beständig Objekte austauschen und wahrscheinlich auch früher oder später ganze Räume ändern. Was sich insgesamt verändert hat im Museumsbereich, ist der Stellenwert, den Ausstellungen haben. Sie standen immer im Zentrum der Museumsarbeit und tun dies nach wie vor. Aber andere Bereiche wie Bildung und Vermittlung und insbesondere das digitale Museum sind viel wichtiger geworden. Weil wir nun fünf Jahre lang keine Ausstellungen machen konnten, haben wir uns auf die anderen Facetten der Museumsarbeit konzentriert, die Sammlung aufgebaut und standardisiert inventarisiert, ein Leitbild wie auch eine digitale Strategie entwickelt und umgesetzt. Mit der Eröffnung geht unsere Sammlung erstmals online. Wir haben die Kommunikation in den sozialen Medien ausgebaut, Online-Ausstellungen und unsere Website neu gelauncht, ein neues Corporate Design entworfen, Bildungsprogramme für Schulen und Outreach-Programme entwickelt, um neue Zielgruppen zu erreichen, neuartige Veranstaltungen wie Dinners, Taschenlampenführungen und Konzerte durchgeführt und vieles mehr. Wir haben dabei die Erfahrung gemacht, dass ein Museum auch ohne Ausstellungen im Gespräch und relevant sein kann. Darum geht es im Kern bei Jüdischen Museen in Zeiten wie diesen: die Relevanz unserer Themen ins Bewusstsein zu bringen.


Social Media Strategie

DebatteMuseum   Stichwort Digitale Strategie, können sie die kurz umreißen?

Mirjam Wenzel   Die habe ich verfasst, als ich 2016 nach Frankfurt gekommen bin. Denn Medienkompetenz ist der Hintergrund, den ich vom Jüdischen Museum in Berlin mitgebracht habe. Die Konzeption umfasst drei Säulen. Die erste Säule ist die der Kommunikation. Dafür haben wir einen Onlineredakteur eingestellt und können deshalb professionell die Social Media Plattformen bespielen. Dabei verfolgen wir eine integrative Social Media Strategie. Bei uns bloggen also auch die Kurator:innen. Unsere Kernkanäle sind Facebook und unser eigener Blog. Die zweite Säule ist der Bereich der Vermittlung. Da geht es um ein Zusammenspiel, zwischen dem, was wir physisch tun, und dem Digitalen. Ein innovatives Beispiel ist das Angebot Museum to go. Mit diesem Geschenk, das wir unseren Besucher*innen in Form eines Lesezeichens beim Kauf eines Tickets machen, können sie Inhalte aus der Dauerausstellung auswählen, mit einem RFID-Chip mobilisieren und nach dem Besuch in einem personalisierten Bereich der Website anschauen. Wir haben auch die App Unsichtbare Orte entwickelt, die zu Orten der Migration nach 1945 im Stadtraum führt, und die man sich kostenlos runterladen kann. Wir verbinden die Nutzung dieser App mit Instawalks, bei denen die Nutzer und Nutzerinnen selbst Bilder in die App hochladen können. Es geht dabei auch nicht ausschließlich um Orte jüdischer Migration, sondern auch um Orte der Migration anderer Communities, der griechischen, der türkischen, der italienischen, der spanischen. Sehr häufig überschneiden sich diese Orte oder sind benachbart.

DebatteMuseum  Und die dritte Säule?

Neu ist das Online-Angebot für Forschende. Es ist unser Ziel, unsere Sammlung Wissenschaftler*innen in aller Welt zugänglich zu machen. Ein Teil unserer Online-Sammlung wird aus einem Verzeichnis bestehen, in dem die Objekte in standardisierter Form zugänglich sind. Wir verfolgen dabei eine Open Access Strategie. Wenn wir können, stellen wir die Daten zum Anschauen und zum Download zur Verfügung. Was unsere Online-Sammlung besonders auszeichnet, hat allerdings mit Vermittlung zu tun und unserem Ansatz, Geschichte in Geschichten zu erzählen. Denn es gibt einen zweiten Bereich in der Online-Sammlung, der mit Geschichten operiert. Hier präsentieren wir Geschichten zu unseren Objekten und jüdische Geschichten im Allgemeinen, die wir zum Teil online finden oder auch schon bei anderen Gelegenheiten erzählt haben.

DebatteMuseum   Letzte Frage. Gibt es einen Raum, den sie persönlich als besonders gelungen empfinden?

Mirjam Wenzel   Diese Frage würde ich wohl jeden Tag anders beantworten. Ich mache ja erst selber eine Erfahrung mit dieser Ausstellung. Sie ist jetzt über fünf Jahre in den Köpfen des Teams gewachsen, und ich bin sehr glücklich, wie sie in den Räumen wirkt. Manche finde ich wunderbar, bei anderen würde ich gerne noch nachbessern. Bezaubernd finde ich die Raum Ask the Rabbi, wo man sich hinsetzen kann und sich Interviews mit fünf amtierenden Rabbiner*innen Frankfurts anhören kann, wo die Multiperspektivität der jüdischen Kultur deutlich wird, wo man Kaffee trinken und ausruhen kann. 

Ein Bericht über die neue Dauerausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt folgt.

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