Arzt, Krankenhaus, Krankenkasse: Unser Gesundheitswesen ist kaum zu durchschauen

In welches Krankenhaus für die OP? Was tun bei Stress mit der Krankenkasse? Es ist kompliziert in unserem Gesundheitssystem.

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Mann mit Hut steht vor Bild eines Labyrinths, in das mit roter Farbe ein Weg eingezeichnet ist.

Ich brauche eine Knie-OP – welches Krankenhaus in meiner Nähe eignet sich dafür am besten? Warum muss ich für die Physiotherapie etwas zuzahlen? Und welche Rechte stehen mir zu, wenn die Krankenkasse das Inhalationsgerät für mein Kind nicht bezahlen will?

Bei manchen Gesundheitsentscheidungen stößt du auf Fragen, die direkt oder indirekt mit unserem Gesundheitswesen zusammenhängen. Wie leicht dir die Entscheidung fällt oder wie sehr sie dich stresst, hängt auch davon ab, wie gut du dich in unserem komplexen Gesundheitssystem zurecht findest und durch das Gewirr von Regeln und Zuständigkeiten steuern kannst. Diese Kenntnisse und Fähigkeiten bezeichnen Fachleute auch als „navigationale Gesundheitskompetenz“.

Wie gut ist mein Krankenhaus?

Glaubt man Umfragen zum Thema, steht es darum in Deutschland nicht besonders gut. In der europaweit angelegten Untersuchung HLS-19 [1] sollten Menschen ihre Kompetenzen in diesem Bereich einschätzen. Konkret befragt wurden sie etwa, wie leicht es ihnen fällt, Informationen über die Qualität von Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäusern zu finden und einzuschätzen, sich über Patientenrechte zu informieren oder herauszufinden, in welchem Umfang die Krankenkasse die Kosten für bestimmte Leistungen übernimmt.

In Deutschland antworteten mehr als zwei Drittel der Befragten, dass es ihnen schwer oder sehr schwer fällt, Informationen über die Qualität von Krankenhäusern oder Pflegeheimen zu finden oder sich über Rechte von Patienten zu informieren. Gleichzeitig wünschten sie sich mehr Informationen zu diesen Themen. Für die Wissenschaftler:innen sprach das dafür, dass zunehmend mehr Menschen bereit und motiviert sind, sich mit der veränderten Patientenrolle auseinanderzusetzen, sich also informiert an Gesundheitsentscheidungen zu beteiligen.

Wie funktioniert unser Gesundheitswesen?

Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden gab an, dass es ihnen schwer oder sehr schwer fällt, zu verstehen, wie das Gesundheitssystem grundsätzlich funktioniert. Das Forschungsteam wertete das als Hinweis darauf, dass für viele das Gesundheitssystem immer noch eine „Black Box“ ist. Und das, obwohl in den letzten Jahren viele Anstrengungen unternommen worden seien, die Situation zu verbessern, etwa durch mehr Beratungsmöglichkeiten. Offenbar erreichten die Angebote viele Menschen aber nicht oder seien selbst schwer zu durchschauen: „Die Informations- und Beratungslandschaft in Deutschland ist mittlerweile ähnlich komplex, fragmentiert und unüberschaubar wie das Gesundheitssystem selbst.“

Nur in drei von insgesamt zwölf Punkten gab mehr als die Hälfte der Befragten an, dass ihnen die Aufgabe leicht oder sehr leicht fällt: Einen Termin zu bekommen, sich für eine bestimmte Praxis oder Krankenhaus zu entscheiden oder zu beurteilen, welche Versorgung sie bei einem Gesundheitsproblem benötigen.

Besonders häufig schätzten ältere und chronisch kranke Menschen ihre Fähigkeiten in diesem Bereich als eher gering ein. Auch bei niedrigem Bildungs- oder Sozialstatus gaben Menschen häufiger an, dass ihnen solche Aufgaben schwer fallen.

Das Gesundheitswesen ist komplex

Im Vergleich von acht europäischen Ländern [2] schnitten die Befragten in Deutschland in ihrer Selbsteinschätzung bei vielen Fragen am schlechtesten ab. Eine der beteiligten deutschen Wissenschaftlerinnen, Doris Schaeffer von der Universität Bielefeld, führte das bei der Vorstellung der internationalen Studie auf die Strukturen des deutschen Gesundheitssystems zurück: „Im Unterschied zu den meisten anderen in die Untersuchung einbezogenen Ländern ist das Gesundheitssystem in Deutschland sehr komplex und instanzenreich“, so Schaeffer.

Im Detail sind die Ergebnisse aller dieser Umfragen jedoch nicht leicht zu interpretieren. In der Tat ist Orientierung im Gesundheitswesen besonders schwierig, wenn die Strukturen sehr komplex sind. Allerdings haben die Wissenschaftler:innen nach Selbsteinschätzungen gefragt. Wer in seinem Alltag nur selten mit solchen Fragen konfrontiert ist, neigt vielleicht dazu, seine Kompetenzen zu überschätzen – besonders dann, wenn er oder sie organisatorische Fragen im Alltag in der Regel gut bewältigen kann: also zum Beispiel Menschen mit hohem Bildungsstand. Ältere und chronisch Kranke, die häufig mit dem Gesundheitssystem zu tun haben, kommen möglicherweise durch praktische Erfahrungen zu einem realistischeren Bild ihrer Fähigkeiten.

Wie Orientierung im Gesundheitswesen leichter gelingen könnte

Klar ist: Die missliche Situation muss sich ändern, es muss für Patient:innen leichter werden, sich im Gesundheitssystem zu bewegen. Darauf weist auch der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz hin. Eine seiner Empfehlung lautet: „Die Navigation im Gesundheitssystem erleichtern, Transparenz erhöhen und administrative Hürden abbauen“. Wie das aussehen könnte, führt ein zugehöriges Strategiepapier aus und macht auch einige konkrete Vorschläge:

  • Praxen, Kliniken und ähnliche Einrichtungen im Gesundheitssystem gesetzlich dazu verpflichten, Daten zur Qualität der gesundheitlichen Versorgung zu liefern, diese öffentlich zugänglich machen und nutzerfreundlich aufbereiten
  • Flächendeckend und systematisch zugängliche Angebote etablieren, die Menschen bei der Navigation durch das Gesundheitssystem unterstützen, etwa durch Beratungsstellen oder Lotsen
  • Im Gesundheitswesen dafür sorgen, dass sich die Versorgung an den Schnittstellen, etwa zwischen ambulantem und stationären Bereich, besser vernetzt

Das sind alles keine ganz neuen Ideen und es gibt an vielen Stellen auch bereits einzelne Bausteine für mehr Orientierung im Gesundheitswesen: Seien es Lotsen für Patient:innen mit Schlaganfall, Informationsmodule zu Patientenrechten im Nationalen Gesundheitsportal, regionale Projekte oder ein Chatbot, der bei der Entscheidung hilft, wie dringlich eigentlich das aktuelle Gesundheitsproblem wirklich ist.

Solche Angebote in Bröckchen scheinen insgesamt aber nicht zu reichen. „Bislang fehlt es […] an flächendeckenden Strukturen, dahinterstehenden Konzepten und Instrumenten sowie nachhaltigen Förderprogrammen, die für eine nutzungsfreundliche und gesundheitskompetente Gestaltung des Gesundheitssystems […] notwendig sind“, stellt die Forschungsgruppe zum Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz fest.

Paradebeispiel Notfallversorgung

Wie dicke Bretter bei grundlegenden Veränderungen im Gesundheitssystem zu bohren sind, zeigt die seit Jahren schwelende Diskussion um die Reform der Notfallversorgung, an der viele Akteure mit unterschiedlichen Interessen beteiligt sind. Dringenden Handlungsbedarf sehen nicht nur der Sachverständigenrat Gesundheit, sondern auch der Sachverständigenrat Wirtschaft in seinem Jahresgutachten 2017/18: Das komplexe und für viele Patient:innen undurchschaubare Gesundheitssystem führe dazu, dass Menschen ohne akuten Notfall die Notfallambulanzen in Krankenhäusern ansteuerten, was nicht nur die Versorgung von echten Notfällen behindere, sondern auch teure Krankenhauskapazitäten binde.

Gleichzeitig verdeutlicht dieses Beispiel, dass von übersichtlicheren Strukturen und Zuständigkeiten nicht nur Patient:innen, sondern auch das Gesundheitssystem selbst profitieren könnte – in organisatorischer wie in finanzieller Hinsicht. Eine umfassende Reform der Strukturen, die von vielen gefordert wird, liegt jedoch derzeit pandemiebedingt auf Eis.

Anmerkungen

[1] Forschungsteams befragten Menschen in der WHO-Region Europa in verschiedenen Ländern mit einem einheitlichen standardisierten Fragebogen, wie sie ihre Gesundheitskompetenz in verschiedenen Bereichen einschätzen. Zu diesem Health Literacy Survey (HLS) gehörten unter anderem zwölf Fragen zum Thema Navigationale Gesundheitskompetenz. Antwortmöglichkeiten waren jeweils: sehr einfach, einfach, schwierig, sehr schwierig. Die Querschnittsbefragungen waren bevölkerungsrepräsentativ. In Deutschland wurden im Dezember 2019 und Januar 2020 rund 2.000 Menschen befragt (HLS-GER2), in einer Zusatzerhebung im August und September 2020 (HLS-GER2') weitere 500.

[2] Die navigationale Gesundheitskompetenz wurde außer in Deutschland auch in Österreich, Belgien, der Schweiz, Tschechien, Frankreich, Portugal und Slowenien erhoben.

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