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Reise ins Anthropozän: Dirk Steffens erklärt im ZDF die neue Erdepoche des Menschen

Von Petra Ahne

07.03.2020
3 Minuten
Das Bild zeigt eine Tagebaugrube, aus der eine Straße herausführt. Auf dieser Straße fahren in einer langen Kette Lastwagen, die Material abtransportieren. Das Bild symbolisiert Umwelteingriffe des Menschen.

AnthropoScene: Journalistische Expeditionen in unsere neue Erdepoche

Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen sich eines Themas annimmt, ist das ein zuverlässiges Zeichen dafür, dass es die Nische verlassen hat und für tauglich gehalten wird, ein größeres Publikum zu interessieren. Mit der dreiteiligen Serie „Anthropozän – das Zeitalter des Menschen“ hat sich das ZDF sogar eine aufwendige Eigenproduktion geleistet. Wer vorher nicht genau wusste, was „Anthropozän“ eigentlich bedeutet, wird es auch nach dem Gucken der Serie nicht mit einer Präzision sagen können, die einen Geologen – denn aus der Disziplin kommt das Wort ja – zufriedenstellen würde. Das ist aber auch nicht so schlimm.

Die Serie benutzt den Begriff nicht im streng wissenschaftlichen Sinn, sondern in der freieren Interpretation, in der er derzeit ins gesellschaftliche Bewusstsein sickert und da Wichtiges leistet. Er bringt auf den Punkt, was der Mensch für die Erde geworden ist: eine sie für immer verändernde Kraft. Sich diese Rolle unserer Spezies klarzumachen, ist dringend nötig, nur so kann endlich ein Gefühl der Verantwortung für den Planeten entstehen.

Erde, Wasser, Luft

Um die konkreten Auswirkungen menschlicher Aktivitäten anschaulich zu machen, bietet „Anthropozän – das Zeitalter des Menschen“ alles auf, was eine populärwissenschaftliche Fernsehsendung an Mitteln zur Verfügung hat: einen um die Welt reisenden Moderator, imposante Bilder, Szenen mit Schauspielern, die in eine mal nähere, mal fernere Vergangenheit führen.

Die jeweils 45 Minuten langen Folgen heißen „Erde“, „Wasser“, „Luft“. „Erde“ beschäftigt sich damit, wie der Mensch sich an der Oberfläche des Planeten zu schaffen macht. Es geht um die Geschichte des Ackerbaus, darum, wie mit der Landwirtschaft auch Staaten entstanden, um die folgenschwere Entdeckung des Kunstdüngers, die Verlagerung des Lebens vom Land in die Städte, das Insektensterben, Indoor-Farmen.

„Luft“ ist im Grunde eine Folge über CO2-Austoß und den daraus folgenden Klimawandel, Moderator Dirk Steffens reist vom ersten für tot erklärten Gletscher in Island zum Rio Tinto in Spanien, wo seit 3000 Jahren Kupfer und Eisen abgebaut werden, er erzählt von der Entdeckung von Erdöl, Steinkohle und der Photosynthese, zeigt Superfarmen in Australien mit ihren tausenden, Methan produzierenden Rindern und steht in der Sperrzone in Tschernobyl, wo die Hoffnung auf Atomkraft als saubere, sichere Form der Energiegewinnung begraben wurde.

Die Globalisierung hat schon früh begonnen

In der dritten Folge geht es um Wasser als lebensnotwendiges Element, um Cholera, um die ungeheure Wassermengen verschlingenden Gewächshäuser in Spanien, um die Versuche, Salz- zu Trinkwasser zu machen. Aber auch um die Meere, die allerdings durchaus umstrittene Prognose, dass 2050 wohl mehr Plastik in ihnen schwimmen wird als Fische, um ansteigende Meeresspiegel, versinkende Städte und immer weniger werdenden Sand.

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Das klingt wie ein ziemlich wilder Ritt durch Zivilisations-, Industriegeschichte und globale Umweltprobleme, und das ist es auch. Mehr als einmal wünscht man sich, die Macher des Dreiteilers hätten nicht alle erzählerischen Möglichkeiten so begeistert ausgeschöpft. Da befindet man sich in einem Moment auf einem Großmarkt für Obst und Gemüse, wo Moderator Steffens in verschiedene Kisten greift, um zu veranschaulichen, wie selbstverständlich Obst aus allen Ecken der Welt für uns ist. Im nächsten ist man im Alten Rom, wo als Römerinnen verkleidete Schauspielerinnen auf einem Markt ebenfalls das Angebot prüfen.

Dass die Globalisierung früh begonnen hat und dass es ein großer Schritt war, als der Mensch lernte, Feuer zu machen oder zum ersten Mal eine Erdölquelle zum Sprudeln brachte, hätte man sich auch ohne die großzügig eingesetzten Spielszenen vorstellen können. Dazwischen gibt es viele Satellitenbilder. So wirken die drei ohnehin mit Informationen und Zahlen dick bepackten Serienteile zuweilen überladen und nicht stringent erzählt.

Verlorene Unschuld

Zweimal gibt es einen unvermittelten Wechsel in ein Bohrkernlager, wo die geologischen Kriterien, die erfüllt werden müssen, damit unser Erdzeitalter offiziell zum Anthropozän werden kann, angedeutet, aber nicht wirklich erklärt werden.

Insgesamt ist der Dreiteiler aber ein eindrucksvolles Projekt und beim ZDF ist man merklich stolz darauf, im Rahmen der traditionsreichen Dokumentationsreihe Terra X diese Eigenproduktion gewagt zu haben. So oft ist noch nicht versucht worden, einem breiten Publikum den sperrigen Begriff „Anthropozän“ nahe zu bringen.

Die Folgen menschlichen Handelns für die Erde werden nicht nur benannt, es wird auch erklärt, wie es dazu kam. Man begreift, dass alles, was der Umwelt heute zu schaffen macht, einst in guter Absicht erfunden wurde, um das Leben der Menschen zu erleichtern. Und dass diese Unschuld für immer verloren ist.

„Anthropozän – das Zeitalter des Menschen“, ab dem 8. März jeweils sonntags um 19.30 Uhr im ZDF

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Petra Ahne

Petra Ahne

Petra Ahne war bis Ende 2020 Wissenschaftsredakteurin der Berliner Zeitung und ist Autorin der Bücher „Wölfe“ (2016) und „Hütten“ (2019) bei Matthes & Seitz. Sie interessiert sich besonders für das komplizierte Verhältnis von Mensch und Natur.


Anthropozän

Wir Menschen verändern die Erde so tiefgreifend und langfristig, dass der Planet auf Dauer von uns geprägt sein wird. Wir hinterlassen Spuren in der Tiefsee und der Ozonschicht, im Erbgut von Arten und im Weltklima. Keine Generation vor uns hatte so viel Macht über den Planeten. Und so viel Verantwortung. Naturwissenschaftler sprechen deshalb von einer neuen geologischen Erdepoche, dem Anthropozän. In diesem Themenmagazin erkunden wir die Menschenzeit.

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Petra Ahne

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