Paul Crutzen: Vordenker einer neuen Einheit von Mensch und Natur

Rückblick auf das erfüllte Leben des Anthropozän-Forschers und Chemie-Nobelpreisträgers, das nun zu Ende ging

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Kinderfoto von Paul Crutzen. Er kniet auf der Wiese. Vor ihm liegt ein Fußball.

Paul Crutzen, einer der einflußreichsten Wissenschaftler des 20. und 21. Jahrhunderts, ist tot. Er starb am 28. Januar 2021 im Kreis seiner Familie. Mit Crutzen verliert die Welt einen Forscher, der weit mehr getan hat, als jene bahnbrechenden Erkenntnisse zur Atmosphärenchemie zu gewinnen, für die er den Nobelpreis für Chemie erhalten hat. Mit der Anthropozän-Idee hat Paul Crutzen einen umfassenden neuen Denkrahmen für unsere Zeit – und für die kommenden Jahrhunderte und Jahrtausende – geschaffen und popularisiert. Einen Denkrahmen, in dem die grundlegenden Umbrüche im menschlichen Zusammenleben, in Natur, Kultur und in der Technologie zusammenfließen. Das ist ein buchstäblich epochales Vermächtnis.

Der folgende Beitrag aus dem Buch „Menschenzeit“, der online zum ersten Mal am 15. Februar 2019 bei RiffReporter erschien, erzählt die Lebensgeschichte von Paul Crutzen. Ein Nachruf folgt.

AM 3. DEZEMBER 1933 bringt Anna Crutzen, eine junge Frau Anfang zwanzig, in Amsterdam ein Baby zur Welt. Fünf Jahre zuvor war sie aus dem deutschen Ruhrgebiet nach Amsterdam gekommen, um hier als Hausmädchen ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Anna lernte den Kellner Jozef Crutzen kennen, einen jungen Mann aus Vaals, einer niederländischen Kleinstadt an der Grenze zu Deutschland. Die beiden fühlten sich zueinander hingezogen, heirateten 1932 und gründeten bald darauf eine Familie.

Ihrem ersten Kind geben die Eltern den Namen Paul Jozef. Nichts deutet damals darauf hin, dass dieser kleine neue Mensch mit den großen Ohren einmal die ganze Welt vor einer existentiellen Gefahr retten und den Platz des Menschen auf der Erde mit einer bahnbrechenden Idee neu definieren wird.

Paul genießt keine Privaterziehung wie Alexander von Humboldt und hat keinen botanisierenden Onkel wie Charles Darwin. Der Junge wächst vielmehr in einfachen Verhältnissen und unter ziemlich harten Umständen auf. Die Mutter, die sich aufopfernd um die Familie kümmert, arbeitet als Reinigungskraft in der Küche eines Krankenhauses, und sein Vater verliert seine Arbeit als Kellner regelmäßig, so dass die Familie ausgesprochen arm bleibt.

Im Hungerwinter von Amsterdam verliert er Freunde

Zudem beginnt die dunkelste Zeit des 20. Jahrhunderts. Wenige Monate vor Pauls Geburt hat Adolf Hitler im Nachbarland Deutschland die Macht an sich gerissen. Kurz vor dem sechsten Geburtstag des Jungen gibt der deutsche Diktator der Wehrmacht den Befehl, Polen anzugreifen. Der Zweite Weltkrieg beginnt, und Paul Crutzens Kindheit fällt komplett in die neun todbringenden Jahre, die er andauert.

Der Junge sieht, wie deutsche Truppen in Amsterdam einmarschieren und seine Schule in Beschlag nehmen. Er erlebt den „Hungerwinter“ mit, dem Tausende Niederländer zum Opfer fallen, darunter auch einige seiner Freunde. Und selbst in den Anblick der alliierten Bomber, die aus Großbritannien kommend über die Niederlande hinwegfliegen, um den deutschen Feind zu bekämpfen, mischt sich Angst. Die Familie der Mutter lebt jenseits der Grenze im Ruhrgebiet, dem industriellen Zentrum, das die Alliierten Nacht um Nacht in Schutt und Asche legen.

Zwei Fotos: Links Paul Crutzen als Baby auf dem Schoß seiner Großmutter. Rechts ein Foto seiner Einschulung.
Paul Crutzen als Baby mit seiner Großmutter (links) und bei der Einschulung. Die Kindheit des späteren Nobelpreisträgers fiel in den „Hungerwinter“ und die Kampfhandlungen während der deutschen Besetzung der Niederlande.
Kinderfoto von Paul Crutzen. Er kniet auf der Wiese. Vor ihm liegt ein Fußball.
Paul Crutzen spielte gerne Fussball – zugleich zeigte schon in jungen Jahren eine unbändige Neugierde auf alles Wissenschaftliche.
Darstellung der Ozonschicht.
Eine Erfindung und ihre Folgen: Die Forschung von Paul Crutzen zur schützenden Ozonschicht um die Erde trug massgeblich dazu bei, dass das sogenannte Ozonloch entdeckt wurde.
Aufnahme von Paul Crutzen (rechts) bei seiner Dissertationsprüfung. Einen Tisch weiter sitzen zwei weitere Männer.
Paul Crutzen (rechts) bei seiner Dissertationsprüfung: Früher als andere beschäftigte sich der spätere Nobelpreisträger mit unbekannten chemischen Reaktionen in den Luftschichten der Erde.

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