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Bericht zur Lage der Natur in Deutschland: Die Umwelt hängt am Beatmungsgerät

Ein Kommentar

von
19.05.2020
4 Minuten
Ein Erlenbruch in abstrakter Fotografie, hellgrün leuchtend

Der Natur in Deutschland geht es schlecht, in weiten Teilen sehr schlecht. Der am Dienstag von Bundesumweltministerin Svenja Schulze und der Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz, Beate Jessel, vorgelegte Bericht zur Lage der Natur belegt das einmal mehr. In der aktuellen Pandemie-Sprache gesprochen: Viele Lebensräume und die sie bewohnenden Tier- und Pflanzenarten befinden sich auf der Intensivstation, etliche bräuchten Beatmungshilfen zum Überleben. Und einige sind in den vergangenen Jahren bereits verstorben. Die Intensivpatienten haben Namen wie Moorfrosch, Kreuzkröte oder Grüne Mosaikjungfer, die Opfer bleiben als Blauracke oder Rotkopfwürger in Erinnerung.


Die Wirkstoffe gegen die Krise der Natur sind klinisch erprobt: Sie heißen Pestizidverbot, teilweiser Nutzungsverzicht, Wildnisgebiete oder Ökolandwirtschaft


Die Krankheit, unter der die Natur hierzulande genau wie in vielen anderen Ländern leidet, heißt Intensivlandwirtschaft. Der Mechanismus, mit dem sie tötet, ist unter den Schlagworten Lebensraumzerstörung und Vernichtung der Nahrungsgrundlage einschlägig bekannt. Auch mögliche Arzneien sind seit langem verfügbar. Über sie wird gerade unter der Bezeichnung CAP oder Gemeinsame Agrarpolitik gestritten. Die Wirkstoffe gegen die Krise der Natur sind klinisch erprobt: Sie heißen Pestizidverbot, teilweiser Nutzungsverzicht, Wildnisgebiete oder Ökolandwirtschaft. Sogar über einen Impfstoff wird gerade diskutiert: Green Deal könnte er heißen, wenn er radikal genug ausfällt, um die Immunsysteme zu unterstützen und die Resilienz des Patienten Natur zu stärken.

Wir wissen, dass die Natur um uns herum weiter stirbt.

Das vor 40 Jahren auf den Weg gebrachte epochale Versprechen der EU-Staaten, die Lebensgrundlagen mit einer einheitlichen Naturschutzpolitik zu sichern, kann mit einem „Weiter so“ nicht eingelöst werden. Vogelschutzrichtlinie und das FFH/Natura2000-Schutzgebietsnetz haben zwar noch Schlimmeres verhindert, reichen aber in ihrer jetzigen Form der Umsetzung nicht aus: Der aktuelle Bericht zeigt, dass sich selbst in den FFH-Schutzgebieten der Zustand der Natur ständig weiter verschlechtert. Der Anteil von Lebensraumtypen in günstigem Erhaltungszustand nahm dagegen gegenüber dem Bericht von 2007 um vier Prozent ab.

In weniger als 25 Jahren hat Deutschland rund 14 Millionen Vögel verloren.


Geht es dem Lebensraum schlecht, leiden auch die darin lebenden Tier- und Pflanzenarten. Gegenüber dem letzten Bericht vor sechs Jahren nahm der Anteil, der mit „ungünstig–schlecht“ bewerteten Arten um vier Prozentpunkte zu. Und das ist die Situation in Schutzgebieten, in nicht geschützten Gebieten sieht es noch schlimmer aus, das belegen Analysen etwa des Dachverbands Deutscher Avifaunisten DDA.

Wie es um die belebte Natur um uns herum bestellt ist, hat auch der letzte Vogelschutzbericht der Bundesregierung an die EU-Kommission gezeigt, der Teil des jetzt vorgelegten Berichts zur Lage der Natur in Deutschland ist. Daraus nur eine Zahl, ausführlich können die Ergebnisse hier nachgelesen werden: In weniger als 25 Jahren hat Deutschland rund 14 Millionen Vögel verloren.

Moore gehören zu den vielen Biotoptypen in einem schlechten Erhaltungszustand

Wir wissen, was die Natur um uns herum kaputt macht

Es besteht ein einhelliger wissenschaftlicher Konsens darüber, dass der Verlust der Artenvielfalt maßgeblich auf die landwirtschaftliche Praxis zurückzuführen ist. Zuletzt haben das eindrucksvoll mehr als 2.500 Forscherinnen und Forscher aus den verschiedensten Fachrichtungen und aus ganz Europa in einem Brandbrief an das EU-Parlament und an Kommissionsschefin Ursula von der Leyen deutlich gemacht. „Die (gegenwärtige) Gemeinsame Agrarpolitik verwandelt ländliche Gebiete in grüne Wüsten aus unbewohnbaren Monokulturen mit maximalem Ertrag“, lautet das Fazit der Wissenschaftler.

Wir wissen, wie wir gegensteuern können

Wir brauchen eine grundlegende Reform der Lebensmittelerzeugung und der Landnutzung. Nachhaltige Bewirtschaftung von Böden und Gewässern, Wiederherstellung kaputtgenutzter Flächen und ausreichend große und miteinander vernetzte nutzungsfreie Flächen für die Natur sind Schlüsselkomponenten darin. Den Landwirten muss beim Umsteuern geholfen werden. Es existieren konkrete Strategien für eine Agrarwende, etwa erarbeitet von BirdLife International.

Revierstreit zwischen zwei Rotkopfwürgern ist in Deutschland nicht mehr zu beobachten. Die stark auf Großinsekten angewiesene Vogelart ist seit einigen Jahren hierzulande ausgestorben.

Es gibt Hoffnungsschimmer. Der Sieg des Volksbegehrens Artenvielfalt in Bayern etwa hat gezeigt, dass Fortschritte möglich sind. Die Düngeverordnung, die Bundesumweltministerin Schulze heute als Beleg anführte, ist dagegen kein taugliches Beispiel. Schließlich wird damit lediglich geltendes europäisches Recht endlich auch in Deutschland umgesetzt. Auch das von ihr auf den Weg gebrachte Insektenschutzprogramm harrt in weiten Teilen noch der Umsetzung. Ambition, Eile und Entschiedenheit, auch Konfliktbereitschaft mit anderen Teilen der Regierung, sind geboten.

Die Positionierung der Ministerin und von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Vorfeld der UN-Biodiversitätskonferenz in China weckt Hoffnungen. Alle Augen richten sich indes zunächst nach Brüssel. Dort stellt die EU-Kommission am (morgigen) Mittwoch ihre Strategie für Landwirtschaft und Biodiversität vor. Vize-Kommissionschef Frans Timmermans und seine Chefin Ursula von der Leyen haben es in der Hand, dem Patienten Natur mit der richtigen Therapie den Weg von der Intensivstation zu weisen.

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Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker ist Journalist und Naturfotograf in Berlin. Neben den RiffReportern schreibt er für überregionale Zeitungen und Fachjournale über Wissenschaftsthemen.


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