Kartoffeln auf dem Meeresgrund: Warum die ganze Welt Pommes aus den Niederlanden isst

Rob van den Broek im niederländischen Kraggenburg baut Kartoffeln an, die als Pommes in die ganze Welt exportiert werden. Den Preisdruck kann er nur durch Menge und Qualität wett machen.

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Weiter Blick auf braunen Acker, darauf in der Rückansicht ein Traktor mit Sämaschine für Kartoffeln. Am oberen Teil des Bildes blauer Himmel mit kleinen Wolken.

Von Sarah Tekath und Hildegard Willer

“Willkommen auf dem Grund des Meeres”, heißt es zur Begrüßung auf einem großen Schild am Randstreifen, direkt an der Autobahnabfahrt. Die Niederländerïnnen sind stolz darauf, dass es ihnen immer wieder gelingt, dem Meer Landflächen abzugewinnen. Denn auch hier in Kraggenburg, in der Provinz Flevoland, wo Familie van den Broek seit drei Generationen ihr Land bestellt, hätten Besucherïnnen im 19. Jahrhundert noch schwimmen und tauchen müssen, um den Grund zu sehen, in dem jetzt Kartoffeln wachsen.

Nasse Füße bekommt hier aber schon lange niemand mehr, denn nach dem Umleiten des Wassers hat sich hier eine der fruchtbarsten Anbauregionen der Niederlande entwickelt. Weite Felder, dazwischen vereinzelte Bauernhäuser. Auf den Landstraßen wechseln sich Traktoren und Transporter ab. In der Luft liegt der Geruch von Dung, und auf den Feldern stehen bunte Tulpen in voller Blüte.

Hinter dem etwas verschlafenen Ortskern von Kraggenburg, direkt an der Landstraße und zwischen den Ackern gelegen, befindet sich der Bauernhof van den Broek. Auf dem Hof wartet Ehefrau und Mutter Louise mit ihren kleinen Söhnen Dennis und Kevin. Über den Vorhof des modernen Wohnhauses neben einer alten Scheune toben zwei Hunde – einer schwarz, der andere weiß – und kläffen die Gäste an.

Louise van den Broek verpackt ihre Kinder noch schnell in Overalls, greift sich die Autoschlüssel und fährt dann vor, nur wenige hundert Meter auf der Landstraße zurück, zu den weiten Kartoffelfeldern, wo ihr Mann Rob und Großvater Herman seit Stunden mit dem Traktor ihre Bahnen ziehen.

Ein grosser blauer Traktor mit einem gelben Kipplader. Auf dem Traktor ein rund 30-jähriger weisser Mann mit blonden Locken im blauen Overall.
Für die Aussaat und Ernte seiner Pommes-Kartoffeln benötigt Rob van den Broek große Maschinen.
Zwei Bauern bearbeiten mit einem Traktor einen Acker.
Das Land hier ist dem Meer abgetrotzt. Die Kartoffelsorten sind großteils in den Niederlanden gezüchtet. Gute Voraussetzungen für reiche Ernte.
Ein Traktor zieht in der Ferne eines riesigen Ackers seine Bahnen.
Große Felder, dem Meer abgetrotzt: Nur mit Masse können viele Bauernfamilien in den Niederlanden im globalisierten Kartoffelmarkt bestehen. Ihre Waren werden oft exportiert.

Die kleinen Niederlanden sind Kartoffel-Champion

Auch wenn Kartoffeln ursprünglich aus Südamerika kommen, so haben es die Niederlande trotzdem geschafft, zu einem echten Champion im Kartoffel-Anbau und Kartoffel-Export zu werden. Allerdings haben die Kartoffel-Sorten, die heute in den Niederlanden angebaut werden, mit denen in Südamerika kaum noch etwas zu tun.

Dass sich der Kartoffel-Anbau in den Niederlanden so groß entwickelt hat, erklärt Stef de Haan, Wissenschaftler am Internationalen Kartoffelzentrum in Lima und zufällig Niederländer, folgendermaßen: „Der Boden ist nur ein Faktor von vielen.“ Noch wichtiger sei das Klima, denn je kälter es sei, umso weniger Sorgen müsse man sich um Plagen und Krankheiten machen.

„Außerdem ist es in den Niederlanden Tradition, dass Bauernfamilien selbst daran arbeiten, die Sorten zu veredeln.“ Dadurch sei bereits sehr gutes Material vorhanden gewesen. In der jüngsten Zeit sei zudem ein starker Fokus auf Innovation, Veredlung, neue Gen-Techniken und Technologie gelegt worden. Die Universität Wageningen gilt weltweit als führend in Sachen Ackerbau-Forschung und forscht auch an neuen resistenten und nachhaltigen Kartoffelsorten.

Eine Grafik: Sie zeigt eine Kartoffelpflanze der Sorte Innovator: Ertrag pro Pflanze: 500 g, Kartoffeln pro Pflanze: 6–11, Nutzung: Pommes.
Die niederländische Kartoffelsorte Innovator erfreut sich großer Beliebtheit.
Eine Grafik: Sie zeigt eine Kartoffelsorte und Ihre Anbau- und Nutzungsart: Anbau: auf 36.00–3800 m Höhe. Ertrag pro Pflanze: 410 g, Kartoffeln pro Pflanze: 13.
Die peruianische Kartoffelsorte Yana Huayro Machu wird auf vielfältige Weise zubereitet.

Familie van der Broek setzt fast ganz auf Pommes

Großvater Jan van den Broek begann 1947 kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Landwirtschaft. Nun führen Vater Herman und Sohn Rob den Betrieb weiter. Der umfasst mittlerweile knapp 70 Hektar Land. Auf vier Hektar platten Landes bauen die Van den Broeks Kartoffeln an – dieselbe Fläche, die zusammen die unzähligen Steilhänge von Victor Anco in Peru ergeben. Auf dem Rest des van den Broekschen Landes wachsen Zuckerrüben, Zwiebeln, Möhren und Weizen.

Die Van den Broeks pflanzen Speisekartoffeln der Sorten Bildstar und Friesländer und Pommes-Kartoffeln der Sorte Innovator. Diese verkaufen sie nach der Ernte an den Pommes-Produzenten Aviko, der neben McCain, Lamb Weston und FarmFrites zu den größten des Landes gehört.

Fast 67 Tonnen Speisekartoffeln pro Hektar in den Niederlanden

Die Niederlanden sind in Sachen Effizienz beeindruckend: „Aktuell gibt es ungefähr 155.000 Hektar Anbaufläche für Kartoffeln. Davon entfallen knapp 40.000 Hektar auf Pflanzkartoffeln, 40.000 Hektar auf Stärkekartoffeln (Anm. für die Industrie) und 75.000 Hektar auf Speisekartoffeln“, sagt Keimpe van der Heide, Vorstandsmitglied des Niederländischen Ackerbau-Fachverbands.

Das ergibt allein bei den Speisekartoffeln einen Ertrag von 5 Millionen Tonnen, schätzt van der Heide, also eine Produktivität von 67 Tonnen pro Hektar. Zum Vergleich: In Peru wurden 2019 etwa genauso viel Tonnen geerntet – allerdings auf 330.000 Hektar, also 15,15 Tonnen pro Hektar.

Ungefähr 800.000 Tonnen der niederländischen Ernte sind die sogenannten “Tischkartoffeln” zum Kochen, 3,2 Millionen Tonnen Pommes-Kartoffeln, die in Form von vorfrittierten und tiefgekühlten Stäbchen in die ganze Welt und auch nach Kolumbien und Peru exportiert werden. Der Rest dient als Viehfutter. Beim Wert des Pommes-Exports liegen die Niederlanden weltweit auf Platz 2 nach Belgien.

Nicola, Lady Anna und Bildstar heißen die bekanntesten Speisekartoffeln; für Pommes-Kartoffeln werden meist die Sorten Innovator, Fontana, Challenger, Agria und Markes verwendet, sagt van der Heide. Sie alle sind richtig dicke, innen helle Knollen, aus denen sich besonders gut lange Pommes schneiden lassen.

Für gut die Hälfte der 15.000 Ackerbaubetriebe in den Niederlanden ist der Kartoffelanbau ein wichtiger Teil des Unternehmens. Das gilt auch für Familie van den Broek aus Kraggenburg in der Provinz Flevoland, die zu den wichtigsten Anbaugebieten des Landes zählt.

Vierköpfige Familie – Vater, Mutter, zwei blondgelockte kleine Buben – stehen auf dem Acker und blicken in die Kamera. Im Hintergrund ein Traktor mit einem Anhänger.
Rob van den Broek mit seiner Frau Louise und den beiden Söhnen Dennis und Kevin. Sie leben vom Kartoffelanbau für die Pommes-Industrie.

Europäische Pommes für die Welt

Die kartoffelverarbeitenden Industrien aus den EU-Ländern Niederlande, Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien und auch aus Großbritannien sind mächtige Player im globalen Food-Business. In Brüssel unterhalten sie eine eigene Lobby-Vereinigung, die „European Potato Processor’s Association EUPPA. Die dort veröffentlichten Zahlen machen Eindruck: Innerhalb von zehn Jahren, von 2009 bis 2019, ist ihr Exportvolumen um 95 Prozent gestiegen – auf den Wert von 6.472 Milliarden Euro. 70 Prozent der Exporte sind tiefgefrorene Pommes Frites, für die Bauern wie die van den Broeks aus Kraggenburg den Rohstoff liefern.

Die Gründe, warum die Bauernfamilie sich entschieden hat, Pommes-Kartoffeln anzubauen, erklärt Rob van den Broek so: „Anfang des 21. Jahrhundert wurde es immer schwieriger, Speisekartoffeln aus luftgekühlter Aufbewahrung zu liefern. Oft dauerte das Liefern so lange, weil die Ernte so groß war, dass die Kartoffeln der letzten Transporte bereits gekeimt hatten.” Speisekartoffeln sind nicht nur anspruchsvoller, sie bringen auch weniger Geld: “Das Pflanzgut der Pommes-Kartoffeln ist günstiger, die Erträge sind höher“, sagt Rob van den Broek.

Eine Kartoffelpflanzmaschine von hinten, als Anhänger an einem Traktor. Fährt auf einem ebenen, braunen Feld voller Furchen.
Dank der ebenen weiten Flächen und dank der Maschinisierung kann Rob van den Broek seine Kartoffeln sehr effizient anbauen.

Subventionen für den Weltmarkt

Bauern wie die van den Broeks können ihre Kartoffeln relativ günstig an die Industrie abgeben, weil sie aus der Agrarförderung der Europäischen Union Direktzahlungen erhalten. Bei allen Landwirten der EU sind die Direktzahlungen an die Fläche gekoppelt. Verschiedene Ausgleichszahlungen honorieren zum Beispiel umweltschonende Praktiken. Mit rund 30.000 Euro erhaltener Subventionen im Jahr 2019 gehören die van den Broeks nicht zu den großen Subventionsempfängern.

Ein jüngster Bericht von FAO, UNDP und UNEP kritisiert die weltweite Agrarsubventionspolitik wegen ihrer verheerenden Auswirkungen auf die Umwelt, die Biodiversität, aber auch auf die Ernährungssicherheit. Um sowohl die weltweiten Entwicklungsziele wie auch die Pariser Klimaziele zu erreichen, fordern sie, sollten die Agrarsubventionen auf kleine Produzentïnnen und auf umweltschonende Praktiken ausgerichtet werden.

Familie van den Broek ist als Produzentin das erste und schwächste Glied einer Agrarindustrie, die indirekt von den subventionierten Bauern profitiert und auf Monokultur und den Weltmarkt setzt. Die Kartoffeln aus Kraggenburg werden in der ganzen Welt verzehrt. Ihre letzte Lieferung ging nach Japan.

„Netto werden ungefähr 3 bis 3,25 Millionen Tonnen exportiert. Davon sind 75 Prozent gefrorene Kartoffelprodukte”, erklärt Keimpe van der Heide vom Niederländischen Ackerbau-Fachverband. „Mehr als 75 Prozent davon bleibt in der EU. Der Rest wird über die ganze Welt verteilt.“

Gesellschaftliche Anerkennung schwindet

In einer Hinsicht schauen Vater und Sohn van den Broek ein wenig nostalgisch in die Vergangenheit. „Früher, gerade nach dem Zweiten Weltkrieg, waren die Menschen den Bauern dankbar, weil sie sie mit Lebensmitteln versorgt haben“, sagt Herman van den Broek. „Heute wird vor allem mit dem Finger auf uns gezeigt. Jetzt sind wir die, die die Böden auslaugen und Gift versprühen. Das ist schon frustrierend“, ergänzt sein Sohn Rob.

„Aktuell wird eine sehr emotionale Diskussion zum Thema Nachhaltigkeit geführt“, sagt Rob van den Broek. „Allerdings ist der Kartoffelpreis nicht hoch genug, dass es für uns Bauern möglich wäre, damit große Investitionen zu tätigen. Wenn alles nachhaltiger sein soll, dann muss auch jemand dafür bezahlen.“

Diese Recherche wurde von der Hering-Stiftung Natur und Mensch gefördert.

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