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Architektin des Pariser Klimavertrags: Nicht darauf warten, dass andere die drängenden Probleme lösen

In ihrem Buch „Die Zukunft in unserer Hand“ versuchen Christiana Figueres und Tom Rivett-Carnac, Auswege aus der Klima-Depression aufzuzeigen

16.11.2021
4 Minuten
Schaufel in der Erde

Viele Menschen sind wegen der zahlreichen schlechten Nachrichten zu Klimakrise und Naturzerstörung bedrückt und wissen sich nicht zu helfen. Ist es nicht längst zu spät, um die ökologische Katastrophe aufzuhalten? Sind die Politiker nicht hoffnungslos überfordert, wie der langsame Fortschritt beim Klimagipfel von Glasgow zeigt? Lohnt es überhaupt, aktiv zu werden oder im eigenen Alltag etwas zu ändern, zum Beispiel auf Autofahrten und Flüge zu verzichten?

Das Autorenduo von „Die Zukunft in unserer Hand“ hat eindeutige Antworten: Es ist nicht zu spät. Gute Politik kann noch umsteuern. Und es kommt auf jeden einzelnen an, auf jede einzelne Handlung.

Christiana Figueres und Tom Rivett-Carnac wissen, wovon sie reden. Sie haben nämlich nicht nur zusammen ein Buch geschrieben, sondern auch zusammen den Weltklimagipfel von Paris im Jahr 2015 zum Erfolg geführt, sie als Generalsekretärin der UN-Klimakonvention, er als ihr enger Berater. Sie beschreiben sich selbst als „gute Freunde und Reisegefährten auf diesem Planeten“.

Wegweiser aus der Klimakrise

Der Pariser Klimagipfel stellte einen Wendepunkt im Umgang mit der Klimakrise dar. Nicht umsonst war er soeben in Glasgow bei der COP26 Bezugspunkt aller Debatten. Über 20 Jahre hinweg hatten die Staaten der Erde sich hauptsächlich gegenseitig die Schuld am wachsenden Ausstoß von Treibhausgasen und der bereits messbaren Erwärmung der Atmosphäre und Versauerung der Meere zugeschoben.

Das Ergebnis war eine gefährlich steigende Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre. In Paris gelang es unter der Führung von Figueres und der französischen Regierung, dass alle gemeinsam Verantwortung für die Zukunft übernehmen und sich verpflichten, die Erhitzung so zu begrenzen, dass Zivilisation und Ökosysteme keinen katastrophalen Schaden nehmen.

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Figueres und Rivett-Carnac geben auf den 216 Seiten viele Einblicke in den hochkomplizierten Verhandlungsprozess und die Momente, in denen ein Scheitern wahrscheinlicher schien als ein Erfolg. Viele Hindernisse hatten sie zu überwinden, von der Skepsis Chinas bis zur Gefahr eines Bombenanschlags. Doch so sehr die diplomatische Großtat ein eigenes Buch verdienen würde – das Autorenduo geht weit darüber hinaus.

Christiana Figueres und Tom Rivett-Carnac wollen ihren Leser*innen Mut machen, dass die Verwüstung der Erde „keinesfalls unser unausweichliches Schicksal darstellt“. Und das gelingt ihnen auch, trotz einer sehr hohen Messlatte: „Wie wir es erreichen, dass auf einem blühenden Planeten alle Menschen überall gut leben können, wird das spannendste Kapitel in der Menschheitsgeschichte werden“, schreiben sie in der Einleitung. Das Buch wolle ein Leitfaden dafür sein.

Nicht in Form detaillierter Pläne wird dieser Anspruch eingelöst, sondern indem die beiden die Haltungen erkunden, die für einen schnellen Wandel zum Guten nötig sind: Für eine Regeneration der Natur bedürfe es einer Regeneration des menschlichen Geistes, schreiben sie. Es geht also nicht um Wundertechnologien, sondern um Mentalitäten.

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Nach den in Umweltsachbüchern inzwischen gängigen Zukunftsszenarien – eines dystopisch, eines positiv geprägt – benennen Figueres und Rivett-Carnac drei Denkweisen, die sie für zentral halten: Hartnäckiger Optimismus soll vom Defätismus zum Optimismus führen, ein Fokus auf „unerschöpflichen Reichtum“ den Übergang von Verschwendung zu Kreislaufwirtschaft ebnen. Die Mentalität einer „radikalen Regeneration“ illustrieren sie mit einem Wechsel „vom kurzfristigen zum langfristigen Denken und Handeln“.

Wir sind wie die Steinmetze von Kathedralen

Überraschend ist dabei, dass Rivett-Carnac, der aus einer wohlhabenden britischen Familie stammt, seine Nähe zum Buddhismus thematisiert. Zumindest mit dessen Meditationspraktiken hat er auch die Costa-Ricanerin Figueres, Tochter eines früheren Präsidenten, angesteckt. Aus dieser Tiefe kommende Gedanken machen das Buch zu einem Lektüregewinn und zum Therapeutikum für Öko-Panik. Es geht nicht darum, die Umweltkatastrophe schulterzuckend hinzunehmend, sondern im Gegenteil, ihr mit der richtigen Haltung zu begegnen.

Zum hartnäckigen Optimismus zählt für Figueres und Rivett-Carnac, an die Kraft des eigenen Handelns zu glauben. Allen zum Trotz, die Lösungen der Umweltfragen nur von staatlichen Verboten erwarten, plädieren sie dafür, jede einzelne eigene Handlung als Schritt in die Welt von morgen ernst zu nehmen. Moderne Menschen glichen den Steinmetzen mittelalterlicher Kathedralen, die gewusst hätten, dass sie die Fertigstellung ihrer Werke nicht mehr miterleben würden und doch weitergemacht hätten.

Diesen Optimismus zu kultivieren, werde „nicht nur einen wichtigen Schritt in der weiteren Menschheitsgeschichte darstellen, sondern auch unser heutiges Leben verbessern“.

Dass Figueres und Rivett-Carnac von unerschöpflichem Reichtum schreiben, ist eine gezielte Provokation in einer Welt, die einerseits unter Überkonsum leidet und andererseits immer mehr Verknappung erlebt, etwa von CO2-Budgets. Gemeint sind aber nicht materielle Reichtümer, sondern unerschöpfliche menschliche Reichtümer wie Kreativität, Solidarität oder Erfindungsgeist.

Vision eines „regenerativen Anthropozäns"

Der Physiker Klaus Hasselmann, der für seine Klimamodellierungen in diesem Jahr den Nobelpreis bekommt, hat gerade in einem Interview gesagt, er sei optimistisch, dass Menschen, die sich der Klimakrise „emotional nähern, am Ende mehr bewirken, als wir Wissenschaftler es geschafft haben“. An diesem Punkt holt das Buch sein Publikum ab.

Auch wenn zwischendurch der Eindruck entsteht, man habe es mit ökologischer Ratgeber- oder gar Erbauungsliteratur zu tun, so adressieren die Autoren doch ein zentrales Thema: Wie man im Anblick der heraufziehenden Umbrüche, bei denen eine Wende zum Guten massives Handeln voraussetzt, die Hoffnung bewahrt. Dazu zählen sie positive Erlebnisse im Alltag, wenn man das Richtige tut, wie auch Fernziele in Form eines „regenerativen Anthropozäns“, in dem die Menschheit gelernt hat, mit der Biosphäre zu wirtschaften und nicht gegen sie.

Den dritten Teil des Buchs prägen folgerichtig ganz praktische Hinweise, was jede und jeder tun kann, ob als Privatperson, Verantwortlicher in einer Firma oder Politiker.

Hier wird der Anspruch, einen Leitfaden zu bieten, am konkretesten eingelöst. Kein Masterplan zum Umbau der Gesellschaft ist „Die Zukunft in unserer Hand“, aber ein Buch, das, wenn man es auf sich wirken lässt, Energie dafür spenden kann, nicht darauf zu warten, dass andere die drängenden Umweltprobleme lösen. Angesichts der mauen Ergebnisse der COP26 in Glasgow ist es das richtige Buch zur richtigen Zeit.

Christiana Figueres und Tom Rivett-Carnac, Die Zukunft in unserer Hand, 216 Seiten, 22 Euro

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Ich bin Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik sowie Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. In früheren Stationen war ich Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012). Von mir stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leite ich die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“.


Anthropozän

Wir Menschen verändern die Erde so tiefgreifend und langfristig, dass der Planet auf Dauer von uns geprägt sein wird. Wir hinterlassen Spuren in der Tiefsee und der Ozonschicht, im Erbgut von Arten und im Weltklima. Keine Generation vor uns hatte so viel Macht über den Planeten. Und so viel Verantwortung. Naturwissenschaftler sprechen deshalb von einer neuen geologischen Erdepoche, dem Anthropozän. In diesem Themenmagazin erkunden wir die Menschenzeit.

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Lektorat: Petra Ahne
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