Entführte Pflanzen flüstern aus ihrem Gefängnis: „Warum bin ich hier?“

In Berlin widmen sich mehrere aktuelle Ausstellungen dem Verhältnis von Mensch und Erde. Petra Ahne und Christian Schwägerl haben sie sich angeschaut.

11 Minuten
Kunstwerk im Gropius-Bau: „Antoine' s Organ“ besteht aus Stahl, Pflanzen, Teppichen und einigen Zutaten mehr.

AnthropoScene: Journalistische Expeditionen in unsere neue Erdepoche

Petra Ahne ist Autorin der Bücher „Wölfe: Ein Portrait" und „Hütten: Obdach und Sehnsucht" im Verlag Matthes & Seitz, Redakteurin der „Berliner Zeitung" und Mitgründerin von „AnthropoScene". Christian Schwägerl arbeitet für Medien wie FAZ und Yale E360 und hat 2010 mit „Menschenzeit" eines der ersten umfassenden Bücher über das Anthropozän geschrieben.

Roots: Ai Weiweis Ahnung einer Entwurzelung

Im vergangenen Jahr war Ai Weiwei im Nordosten Brasiliens, er ließ sich in einen Wald führen, in dem viele Wurzeln abgestorbener Pequi-Bäume liegen, manche seit 100 Jahren. Auf einem Video kann man sehen, wie der weltbekannte chinesische Künstler von Wurzel zu Wurzel spaziert, die am eindrucksvollsten gewachsenen wählt er aus. Von ihnen ließ er an Ort und Stelle Formen aus Silikon anfertigen, die Formen verschiffte er nach China.

In einer Gießerei wurden Abgüsse aus Eisen gemacht, und die wiederum nach Europa transportiert. Dort, in der Berliner Galerie Neugerriemschneider, sind sie nun zu sehen: sieben imposante, raumgreifende Wurzel-Skulpturen. Wüsste man nicht, dass man vor originalgetreuen Kopien steht, man käme nicht darauf. Feinste Unebenheiten zeichnen sich ab, das rostige Braun könnte auch als Holzfarbe durchgehen und wenn man die Oberfläche berührt, fühlt sie sich rau und warm an und gar nicht nach Metall.

„Roots“ ist eine von vier aktuellen Ausstellungen in Berlin, die sich mit der Natur beschäftigen und dem, was der Mensch mit ihr macht. Es ist eine bescheidene Häufung, aber eine, an der man schon ablesen kann, welche Herausforderungen es bedeutet, wenn ein tendenziell politisches Thema in die Kunst getragen wird – und auch, was dabei schief gehen kann.

Als Ai Weiwei in Brasilien war, brannte es nicht im Regenwald, jedenfalls nicht in einem Maße, das in Europa Schlagzeilen gemacht hätte. Jetzt kommt man nicht umhin, beim Gang durch die Galerie an die Tausende Bäume zu denken, die, jahrzehntelang von ebenso riesigen Wurzeln gehalten und genährt, nun in Südamerika verbrennen. Auch ohne den aktuellen Bezug wirken die Wurzeln wie ein eindringliches Mahnmal. So schön und kraftvoll sie sind, eigentlich dürfte man sie nicht sehen. Ihr Platz ist unter der Erde, ist ein Baum entwurzelt, stirbt er. So wie jeden Tag viele Bäume sterben, nicht nur in Brasilien.

Kunstwerk von Ai Weiwei
Ai Weiwei: Roots
Abfallbaum und Naturwarte – solche Exponate werden in der Ausstellung „Licht Luft Scheiße. Perspektiven auf Ökologie und Moderne“ eher zusammenhanglos geboten.
Abfallbaum und Naturwarte – solche Exponate werden in der Ausstellung „Licht Luft Scheiße. Perspektiven auf Ökologie und Moderne“ eher zusammenhanglos geboten.
„Antoine's Organ“ von Rashid Johnson im Foyer des Gropius Bau.
„Antoine's Organ“ von Rashid Johnson im Foyer des Gropius Bau.
Lungiswa Gqunta: „Lawn I“ zeigt ein Scherbenfeld
Lungiswa Gqunta: "Lawn I
Libby Harward: Ngali Ngariba (we talk), im Gropius-Bau Berlin. Dargestellt sind Pflanzen in geschlossenen Behältern, die in der Ausstellung sprechen.
Libby Harward: Ngali Ngariba (we talk), im Gropius-Bau Berlin
Yayoi Kusama: With all my love for the tulips, I pray forever, Gropius-Bau Berlin. zeigt eine psychodelisch dokorierte Riesenblume.
Yayoi Kusama: With all my love for the tulips, I pray forever, Gropius-Bau Berlin.
Renato Leotta: Notte di San Lorenzo im Gropius-Bau Berlin zeigt einen Tonboden, in dem Abdrücke von herabfallenden Früchten zu sehen sind.
Renato Leotta: Notte di San Lorenzo im Gropius-Bau Berlin

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