Die Zukunft der Energie

Durch den Ukrainekrieg und die Klimakrise ist die Energieversorgung weltweit im Umbruch. Während Schottland und Kenia ihre grüne Energiewende vorantreiben, setzen Mexiko, Indien und Namibia auf fossile Energien.

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Eine Tankstelle, im Hintergrund Häuser

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die Sanktionen des Westens haben den weltweiten Energiemarkt auf den Kopf gestellt. In Deutschland geht die Angst vor einem kalten Winter um. Und überall auf der Welt fragen sich Menschen sowie die Regierungen: Woher kommt in Zukunft unsere Energie? Die Strategien und politischen Beweggründe könnten nicht unterschiedlicher sein.

In den USA versuche Präsident Biden vor den Wahlen im November doch noch ein Gesetz zur Energiewende durch den Kongress zu prügeln, berichtet Bastian Hartig aus New York. Und das gegen den hartnäckigen Widerstand aus der eigenen Partei. „Gleichzeitig putzt er eifrig die Türklinken der Öl-Despoten in Saudi-Arabien, mit denen er nach dem mittelalterlichen Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi eigentlich nichts mehr zu tun haben wollte“, schreibt Hartig im aktuellen Newsletter des Weltreporter-Netzwerks.

Schottland: „Das Saudi-Arabien der Windenergie“

Auf der anderen Seite des Atlantiks treibt Schottland seine Energiewende voran. Nach jahrzehntelanger Erdöl- und Gas-Förderung hat es sich ehrgeizige Klimaschutzziele verordnet: Bis zum Jahr 2045 will es klimaneutral sein. Vor der eigenen Haustür stehe eine Fülle an erneuerbarer Energie zur Verfügung, betont Schottland-Korrespondentin Nicola de Paoli.

Und: „Schon macht in Großbritannien der Spruch die Runde, Schottland sei das Saudi-Arabien der Windenergie“. So wie früher Erdöl vom Persischen Golf in alle Welt geliefert wurde, soll nun Strom aus Erneuerbaren von der britischen Insel exportiert werden. Angaben des Branchenverbands Scottish Renewables zufolge verfügt Schottland über rund ein Viertel der europaweiten Kapazitäten für Wind- und Gezeitenenergie und hat zehn Prozent aller Kapazitäten für die Nutzung von Wellenenergie in Europa. Flache Meeresufer, Wind und einige der stärksten Gezeitenströmungen der Welt machen Schottland laut Paoli „alles in allem zu einem Kandidaten für einen bedeutsamen Beitrag zur Energiewende in ganz Europa“.

Schiffe im Hafen
Auf den Orkneyinseln befindet sich ein weltweit anerkanntes Forschungszentrum für Wind- und Gezeitenenergie

Kenia: Vorreiter bei erneuerbaren Energien

Das ostafrikanische Kenia bezieht jetzt schon 75 Prozent seiner Energie aus erneuerbaren Quellen, vor allem aus Erdwärme und Wasserkraft.Die geografische Lage Kenias ist dafür günstig: Durch das Land führt der große afrikanische Grabenbruch, die Gegend ist immer noch vulkanisch aktiv. Erdwärme gibt es dort schon kurz unter der Oberfläche, nicht wie andernorts erst ab 10.000 Metern Tiefe.

Die kenianische Regierung will den Anteil der erneuerbaren Energiequellen weiter erhöhen. 70 Prozent der Haushalte sind nach wie vor nicht an die Stromversorgung angeschlossen. „Für sie gibt es jetzt allerdings immer mehr „Off-Grid“-Lösungen, etwa durch kleine Solarpaneele“, berichtet Bettina Rühl aus Nairobi. Die kleinsten und preiswertesten reichen für das Laden von Handys und etwas Licht im Haus. Familien können Energie auch aus kleinen Biogasanlagen beziehen.

vor einem Schuppen ragt die Bio-Gasanlage aus einer grünen Wiese
Die simple Biogasanlage einer Familie in Kenia produziert mehr Gas, als ihr Haushalt braucht

Namibia: Erdöl für die Entwicklung?

Auf der anderen Seite des afrikanischen Kontinents versucht Namibia einen Energie-Spagat: Auch dort investiert die Regierung in erneuerbare Energien, baut Solarfarmen und Produktionsanlagen für grünen Wasserstoff. Aber sie sieht auch Chancen in der Förderung fossiler Energien. Die durch den Ukrainekrieg gestiegene Nachfrage nach Öl und Gas befeuere diese Pläne, kommentiert Leonie March, Korrespondentin für das Südliche Afrika. Internationale Konzerne haben in dem südwestafrikanischen Land nach eigenen Angaben große Erdöl- und Gas-Vorkommen entdeckt. Im Norden führt ein kanadisches Unternehmen bereits Probebohrungen durch, vor der Küste im Süden soll bald die Offshore-Exploration beginnen.

Die Regierung spricht von einem „Jackpot“: Die Einnahmen aus der Förderung fossiler Energien würden zur Entwicklung des Landes beitragen, Arbeitsplätze schaffen und die Wirtschaft ankurbeln. Kritiker halten diese Erwartungen für illusorisch, warnen vor Korruption, der Zerstörung von Umwelt und damit der Lebensgrundlage vieler Bürger*innen. Die Debatte über Energiegewinnung und -versorgung spaltet Namibia.

Häuser sind bis auf den Strand gebaut, ein Schiff vor der Küste
Die Küste vor der Hafenstadt Walfish Bay

Mexiko: Unabhängigkeit durch eigenes Erdöl

Die Energiesicherheit steht für Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador schon länger ganz oben auf der Agenda. Um sein Land vom internationalen Energiemarkt unabhängiger zu machen, setzt er seit seinem Amtsantritt 2018 fast ausschließlich auf die Förderung heimischen Erdöls. Anfang Juli feierte der Staatschef den Abschluss der ersten Bauphase der neuen Raffinerie Dos Bocas, bis 2023 will er das Projekt abschließen.

Unter staatlicher Obhut solle das „schwarze Gold“ dann im Golf von Mexiko gefördert werden, sagt der Journalist Wolf-Dieter Vogel, der schon seit fast 20 Jahren aus dem Land berichtet. „Alternative Energiegewinnung durch privatwirtschaftliche Windparks und Solaranlagen geraten indes ins Hintertreffen.“ Aus wirtschaftlicher Sicht könnte Mexiko angesichts der steigenden Ölpreise mit seiner Strategie auf der sicheren Seite stehen. Ökologisch, so kritisieren Klimakämpfer, sei López Obradors Rückkehr zu fossilen Brennstoffen eine Katastrophe.

ein großer Tanker ist im Hafen eingelaufen
Öltanker vor der indischen Küste

Indien: Öl-Geschäfte mit Russland

Während der Westen versuche, sich aus der Abhängigkeit von russischer Energie zu lösen, sei Indien beim Kreml zum neuen Großkunden geworden, schreibt Mathias Peer, der aus Indien und Südostasien berichtet. Im Juni kauften indische Abnehmer pro Tag mehr als eine Million Barrel Rohöl aus Russland. „Wegen erheblicher Preisnachlässe dürfte das Land damit erstmals zu Indiens Hauptlieferanten geworden sein“, sagt Peer.

Allein in den drei Monaten nach der Invasion der Ukraine bezahlte Asiens drittgrößte Volkswirtschaft fünf Milliarden Dollar für russisches Öl – mehr als fünfmal so viel wie 2021. Kritik aus dem Westen weist Indien zurück: Als Schwellenland sei man auf günstige Energieimporte angewiesen, heißt es aus Neu-Delhi. Auch wenn der Westen seine Sanktionen gegen Russland weiter verschärfen sollte, kann sich Wladimir Putin weiterhin auf die Geschäfte mit Indien verlassen.

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