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Vergessene Corona-Helden: Pflegekräfte brauchen mehr als einen Pflegebonus

Wie lassen sich die Arbeitsbedingungen für Pflegende verbessern?

von
22.06.2020
11 Minuten
Pflegekraft mit Schutzausrüstung: Hohe Arbeitsbelastung nicht nur bei Corona

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Was kommt nach Corona? Sicher ist: Wir müssen aus der Krise mehr lernen als das richtige Händewaschen. Die ZukunftsReporter haben eine Watchlist mit Themen erstellt, die sich durch Corona verändern werden und verändern müssen. In einer sechsteiligen Artikelserie greifen wir diese Themen auf und werfen einen Blick in die Zukunft.

Teil 1: Vergessene Corona-Helden: Pflegek

Stellen wir uns einmal vor, Pflegekräfte machen ihren Job wieder gerne. Sie können ihre Einsätze selbst planen, haben Möglichkeiten, sich weiter zu qualifizieren und werden als ernstzunehmende Partner im Gesundheitssystem anerkannt. Dafür musste die Politik einige Weichen neu stellen. Ein Zukunftsszenario der ZukunftsReporter.


„Wie weit bist du denn mit deiner Planung?“, fragt Lena, während sie auf dem Sofa im Pausenraum der Station 95–6 im Klinikum lümmelt und ihre Kollegin Maike am Kaffeeautomaten einen Cappuccino aufbrüht. „Bis zu unserem Urlaub in den Sommerferien bin ich durch“, antwortet sie. „Bei mir ist es ja einfach. Ich kann eh nur arbeiten, wenn die Kinder in der Schule sind, und mit Philipp habe ich vereinbart, dass ich immer das erste Wochenende im Monat übernehme. Das kann er sich besser merken.“ Beide lachen. „Außerdem mache ich Pfingsten und Himmelfahrt, hast du da auch Zeit?“, fragt Meike. „Ich weiß noch nicht, wie die Seminare liegen. Aber schau mal“, ruft Lena. Sie nimmt sich ein Tablet vom Sofatisch und tippt eine Adresse ein: „Hier fahre ich Ostern mit Leon hin. Wir wollen nochmal in den Schnee.“ Maike setzt sich zu ihr und sie surfen durch die Bilder der Hütten und Pisten. Dann schaut Lena auf die Uhr. „Du, ich muss los. Schick mir doch mal deinen Dienstplan, dann sehe ich zu, dass wir möglichst oft zusammenarbeiten.“

Zwei Experten – ein Thema

Lena zieht sich die Schuhe an, räumt den Kaffeebecher weg und schnappt sich noch einen Keks. Dann greift sie ihren Laptop und geht zum Besprechungsraum, um mit Per über drei Patientinnen zu sprechen. Per ist Arzt, Lena Pflegeexpertin. Sie kennen sich noch aus dem Grundstudium und haben sich danach immer wieder in Praxiskursen getroffen, bis Lena ihren Bachelor hatte. Den Master in „Nursing Science“ hat sie an einer anderen Hochschule erhalten, aber danach kam sie ans Klinikum zurück. Ihr Spezialgebiet ist die Versorgung von Diabetes Typ 2, und darum geht es auch in ihrem Meeting.

„Fangen wir mit Frau Neumann an?“, fragt Per nach der Begrüßung. Lena ruft die Unterlagen auf und berichtet: Die tiefe Wunde an der rechten Ferse heilt trotz intensiver Wundtherapie nicht ab. Lena schildert, welche Behandlungen sie bereits angeleitet hat und äußert ihre Befürchtung: Dass sich der Knochen entzündet hat. Sie schlägt eine Röntgen-Untersuchung vor und bespricht mit Per die nächsten Schritte. Bei Frau Fechtner ist die Wundrose weitgehend abgeheilt. Sie kann entlassen werden. Lena hat als Case-Managerin für die Patientin einen Wundbehandlungsplan erstellt, die Medikation angepasst und mit der zuständigen Pflegefachkraft im Seniorenheim telefoniert, damit Frau Fechtner dort gut weiterversorgt werden kann.

Pflege organisieren, koordinieren, überprüfen

Lena wird kommende Woche selbst nach ihr schauen, wenn ihre Schicht im Pflegeheim beginnt. Sie mag diese Wechsel zwischen der kurzen, aber intensiven Betreuung von Patienten im Krankenhaus und der engen Beziehung zu den Bewohnern im Pflegeheim. Frau Fechtner ist für sie keine Fremde. Sie weiß, dass die alte Dame dunkle Schokolade liebt und gerne Swing hört. Jetzt gilt es, dafür zu sorgen, dass sie nicht erneut ins Krankenhaus muss.

Per erzählt vom Neuzugang Frau Leonardi. Sie besprechen die Diagnose, Lena wird die Pflege organisieren. Sie schaut auf die Uhr. Es ist noch Zeit, direkt bei Frau Leonardi vorbei zu schauen und den Pflegeplan zu erstellen. Dann kann sie ihr Team einweisen, bevor sie für heute Schluss macht. Zwei Wundexpertinnen werden im Wechsel die Wundversorgung übernehmen, die Pflegeassistentinnen müssen bei der Körperpflege ganz besonders auf kleine Verletzungen achten, damit sich nicht noch mehr Stellen entzünden.

Auf dem Gang hört Lena eine Stimme hinter sich. Dr. Jacobs kommt angelaufen: „Gut, dass ich Sie treffe. Könnten Sie sich nochmal die Wunde bei Herrn Yilmaz in Zimmer 217 ansehen. Ich glaube, wir müssen mit anderen Wundauflagen arbeiten.“ Lena nickt und verspricht, sich darum zu kümmern.

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Weiterbildung erwünscht

Aber jetzt muss sie weiter. Im Moment arbeitet Lena reduziert, weil sie eine Weiterbildung zu Demenzerkrankungen macht. Im Studium war Demenz natürlich Thema, aber sie möchte ihr Wissen vertiefen. Der Klinikbetreiber zahlt die Weiterbildung und stellt sie für die Seminare frei.

Heute wird sie früher aufhören, um sich auf den nächsten Unterrichtsblock vorbereiten zu können. Die nächsten zwei Tage sitzt sie im Seminar, danach ist Wochenende und endlich frei. Lena hat ihren Dienstplan so zusammengestellt, dass sie nach Wochen mit Unterricht nicht auch noch am Wochenende arbeiten muss. Das wäre ihr zu stressig. Die Dienstplan-Puzzelei ist zwar immer nervig und sie braucht dafür ewig. Aber sie liebt es, so flexibel zu sein.

Das Handy piept. Lena guckt aufs Display und sieht, dass Maike ihren Dienstplan geschickt hat. Super, dann kann sie die gleichen Wochenenden belegen. Der Rest findet sich schon. Und wenn sie zu den gleichen Zeiten frei haben, könnten sie auch mal einen Ausflug machen. Lena hat von einem neuen Kanuverleih ganz in der Nähe gelesen. Das wäre vielleicht etwas für Maikes Kinder. Sie wird ihr die Fotos in der nächsten Pause zeigen, bei lecker Cappuccino auf dem roten Sofa.

Der Hintergrund

Zur Hochzeit von Corona wurden Pflegerinnen und Pfleger als Helden beklatscht, Bund und Länder spendierten einen Pflegebonus von bis zu 1500 Euro. Die grundsätzlichen Probleme aber bleiben. Deutschland hat einen dramatischen Mangel an Pflegefachkräften. Im Jahresdurchschnitt 2019 zählte die Bundesagentur für Arbeitur für Arbeit (BA) 39.700 offene Stellen in der Pflege. In der Krankenpflege dauert es im Schnitt 174 Tage – das sind knapp sechs Monate – bis eine freie Stelle für eine Pflegefachperson besetzt werden kann. In der Altenpflege liegt die Zahl mit 205 Tagen sogar noch höher. Daran ändern auch die Versuche wenig, Pflegekräfte aus dem Ausland anzuwerben. Die Afrika-Reporter berichten über ein Pilotprojekt, das junge SüafrikanerInnen zur Pflegeausbildung in Deutschland schickt.

Dieser Mangel hat dramatische Folgen für die Versorgung von hilfe- und pflegebedürftigen Menschen, wie die Corona-Pandemie deutlich zeigt. So stehen zwar vergleichsweise viele Intensivbetten und Beatmungsgeräte zur Verfügung. Das helfe aber nicht weiter, wenn das Personal fehlt, um die Patienten zu versorgen, warnt die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin immer wieder und fordert in einer Stellungnahme, akzeptable Arbeitsbedingungen zu schaffen.

Doch auch ohne die zusätzlichen Corona-Patienten ist die Versorgung gefährdet. Im Kinderkrebszentrum der Charité beispielsweise musste Ende 2019 ein Aufnahmestopp verhängt werden, weil Pflegekräfte fehlten. In einer Umfrage unter Pflegeeinrichtungen gaben rund 20 Prozent an, dass sie in den vergangenen drei Monaten aus Mangel an Personal keine neuen BewohnerInnen aufnehmen konnten. Von 535 ambulanten Diensten erklärten 80 Prozent, dass sie in den Monaten zuvor Anfragen ablehnen mussten, weil sie keine Kapazitäten hatten, 13 Prozent mussten sogar Kunden kündigen, weil sie die Versorgung nicht sicherstellen konnten.

Wo macht man hier eigentlich Pause?

Der Mangel an Pflegekräften hat zur Folge, dass der Beruf immer unattraktiver wird. Pflegerïnnen stehen unter hohem Zeit- und Arbeitsdruck, weil Pflegeteams chronisch unterbesetzt sind. Darunter leidet in der Folge die Qualität, denn es bleibt kaum Zeit, auf die Bedürfnisse der hilfebedürftigen Menschen einzugehen. Das führt bei Pflegenden zu moralischen Verletzungen und großer Unzufriedenheit. Eine aktuelle Online-Umfrage des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe zeigt, dass ein Drittel der Pflegekräfte häufig darüber nachdenkt, den Job hinzuschmeißen.

„Man muss sich nur mal die Pausenräume in den Einrichtungen anschauen. Diese werden teilweise als Umkleideräume oder als Lager für Inkontinenzmittel genutzt, und es steht nur eine kaputte Kaffeemaschine rum. In anderen Einrichtungen gibt es gar keine Pausenräume für die Pflegenden“, sagt die Pflegewirtin Annemarie Fajardo, die im Auftrag des Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung kleine und mittelständische Unternehmen dabei unterstützt hat, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. „Wenn ich das Thema `Pause´ bei den Pflegenden angesprochen habe, kamen Lacher und der Satz: `In der Pflege macht man keine Pause.´“

„Schichten von bis zu acht Stunden, zwölf Tage am Stück sind normal. Das ist superanstrengend“, sagt auch Andreas Wedeking, Geschäftsführer des Verbandes katholischer Altenhilfe in Deutschland. Ein Grund, warum viele Pflegekräfte ihre Arbeitszeit reduzieren: 58 Prozent haben eine Teilzeitstelle. Der andere Grund: In der Pflege arbeiten immer noch mehrheitlich Frauen. Ein Dienstplan mit ständig wechselnden Schichten und ohne verlässliche freie Tage lässt sich nur schwer mit Familie und Kindern vereinbaren.

Flucht in die Zeitarbeit

„Nicht planen zu können und immer wieder private Termine umlegen zu müssen, weil man bei der Arbeit einspringen muss, das stört Pflegekräfte massiv“, sagt Andrea Albrecht, Pflegedienstleiterin des Rheinland-Klinikums Neuss. Viele Pflegekräfte wandern deshalb zu Zeitarbeitsfirmen ab, wo sie deutlich mehr verdienen und so arbeiten können wie sie wollen. „Ein Großteil der Kliniken arbeitet in erheblichem Umfang mit Leasingkräften, weil sie keine Pflegekräfte mehr finden“, so Albrecht. „Da besteht eine absolute Abhängigkeit.“ Die so weit geht, dass die Berliner Regierung im März eine Initiative in den Bundesrat eingebracht hat, nach der die Leiharbeit in der Pflege weitgehend eingeschränkt werden soll.

„Jeder Baumarkt stellt seinen Mitarbeitern vernünftige Hilfsmittel bereit, wenn sie schwere Lasten bewegen müssen. In der Pflege wird einfach vorausgesetzt, dass Pflegepersonen die Patienten im Bett alleine durch die Gegend schieben, es gibt nicht mal einen elektrischen Antrieb“, kritisiert Martin Dichter vom Vorstand des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe. „Was die Arbeitsbedingungen angeht, sind wir längst nicht im 20. Jahrhundert angekommen.“

Schließlich ist da noch die schlechte Bezahlung: Eine Altenpflegerin mit dreijähriger Ausbildung verdient in Vollzeit im Mittel 3.032 Euro brutto, wobei es große regionale Unterschiede gibt. In Sachsen-Anhalt liegt das mittlere Gehalt bei 2.532 Euro, in Baden-Württemberg bei 3.326 Euro. In der Krankenpflege wird mit 3.547 Euro besser bezahlt. Trotzdem: Ein Top-Verdienst sieht anders aus.

Verlässliche Dienstpläne – flexible Einsatzorte

Das ist der Status Quo. Was braucht es, um den Beruf attraktiver zu machen? Schon im Kleinen ließe sich einiges verbessern: eine adäquate Ausstattung mit Hilfsmitteln, weniger Bürokratie, verlässliche Arbeitszeiten, feste Pausen und mehr Anerkennung. „Wir brauchen viel mehr Führung und Kommunikation in den Einrichtungen“, sagt Annemarie Fajardo, die sich im Deutschen Pflegerat engagiert. Viele Führungskräfte seien so stark in die praktische Pflege eingebunden, dass sie es nicht schafften, Mitarbeitergespräche zu führen oder Entscheidungen zu kommunizieren. „Die einzelne Pflegerin sieht nur, dass sie an drei von vier Wochenenden arbeiten oder schon wieder für eine Kollegin einspringen muss, und ist frustriert.“ Die Führungskraft müsste eigentlich mit ihr über alternative dienstfreie Tage sprechen, aber das passiert zu selten.

Um Engpässe zu vermeiden, die Arbeitszeiten verlässlicher zu gestalten und sich weniger abhängig von den Leasingkräften zu machen, ist das Rheinland-Klinikum Neuss neue Wege gegangen. Dort wurde in den vergangenen drei Jahren ein Pool an 70 MitarbeiterInnen aufgebaut, die flexibel auf den Stationen eingesetzt werden. Diese „Flexer“ entscheiden selbst, wann sie arbeiten. Wo sie eingesetzt werden, legt hingegen die Klinik fest. Alle Mitarbeiterïnnen im Pool sind auf mindestens fünf Stationen eingearbeitet und springen immer dort ein, wo Lücken sind. „Manchmal erfahren sie erst morgens, wo sie arbeiten. Dafür können sie sich ihren Dienstplan so zusammenstellen, wie es zur Familie oder zum Studium passt“, sagt Andrea Albrecht, die den Flexpool aufgebaut hat.

Das Modell kommt gut an. „Es ist der einzige Bereich der Pflege, in dem wir permanenten Zulauf haben“, so Albrecht. Die Mitarbeiterïnnen im Flexpool schätzten die Verlässlichkeit. Und die Abwechslung. „Junge Menschen heute sind viel beweglicher, die wollen nicht 20 Jahre lang jeden Tag auf der gleichen Station arbeiten, sondern ihr Wissen breiter einsetzen.“ Einer der Pfleger aus dem Flexpool habe 18 Stationen abgedeckt und sei in einen regelrechten Wissensrausch gekommen.

Pflegende aus dem Ausland sind erschüttert

Wissen ist ein zentraler Aspekt, wenn es um die Aufwertung des Berufs geht. Denn im Alltag müssen Pflegefachpersonen oft Aufgaben übernehmen, für die sie völlig überqualifiziert sind. Beispiel Pflegeheim: Dort fehlten im großen Stil Pflegeassistenten und -hilfskräfte, kritisiert Fajardo, was auch der Abschlussbericht zur Personalbemessung des Socium Forschungszentrums Ungleichheit und Sozialpolitik zeigt. Die dreijährig ausgebildeten Pflegefachleute sollten sie anleiten, die Qualität überprüfen und die medizinische Behandlungspflege übernehmen. „Stattdessen müssen sie 30 Rücken waschen und abends noch Brote schmieren. So macht der Beruf keinen Spaß.“

Ein weiteres Problem – vor allem in den Kliniken – ist die fehlende Autonomie. In Deutschland gilt das Prinzip der ärztlichen Delegation. Pflegende werden noch immer als Zuarbeiter der Ärzte gesehen, nicht als Fachleute mit eigenständiger Profession. „Wir haben hier manchmal Pfleger aus Italien, die sind erschüttert, wofür sie bei uns alles den Arzt fragen müssen“, sagt Albrecht.

In vielen anderen Ländern hat Pflege eine viel stärkere Position – auch in der direkten Patientenversorgung. In Schweden beispielsweise sind Pflegende die Eintrittspforte ins Gesundheitssystem, sie behandeln selbstverständlich Patienten und entscheiden, wer überhaupt einen Arzt oder eine Ärztin sieht. In den USA versorgen sogenannte Nurse Practitioners völlig eigenständig Patienten in ihrer Niederlassung. Und in den Niederlanden dürfen Advanced Practice Nurses sogar Operationen vornehmen. Eine deutsche Pflegefachfrau aber darf ohne ärztliche Anordnung nicht einmal Blut abnehmen.

„Pflege muss dringend aus dem Schatten der Ärzteschaft treten“, sagt Prof. Gabriele Meyer, Leiterin des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaften in der Medizinischen Fakultät in Halle (Saale). In den USA oder den skandinavischen Ländern teilen sich Studierende der Pflege und Medizin am Anfang die Hörsäle. „Sie lernen gemeinsam und agieren auch später auf Augenhöhe.“ In Deutschland aber ist Pflege ein Ausbildungsberuf mit vergleichsweise niedrigen Zugangsvoraussetzungen. Während fast alle europäischen Nachbarländer Pflege an Hochschulen lehren, schreibt Deutschland auch im neuen Pflegeberufegesetz nur zehn Jahre allgemeinbildende Schule vor und hält an der dreijährigen Berufsausbildung fest – mit entsprechend geringen Karrieremöglichkeiten. Gleichberechtigt zu Ärztinnen und Ärzten wird man so nicht.

Ein Prozent Akademiker

Damit der Beruf wieder attraktiver wird, muss sich also auch im Großen einiges ändern: Der Wissenschaftsrat schlug bereits im Jahr 2012 vor, Pflegende künftig auch an Universitäten auszubilden. Die Deutsche Hochschulmedizin fordert seit Jahren mehr akademisch qualifiziertes Pflegepersonal. Im Februar 2020 meldete sich eine Allianz aus Stiftung Münch, Bertelsmann Stiftung und Robert Bosch Stiftung zu Wort. Der bestehende Fachkräftemangel erfordere „eine Kursänderung zu einer nachhaltigen Professionalisierung der Pflege mit erheblich mehr Akademisierungsanstrengungen“.

Fachkräfte müssten mehr Verantwortung bekommen und gleichzeitig von einfachen pflegerischen Verrichtungen und pflegefernen Hilfstätigkeiten entlastet werden, fordert auch der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung Andreas Westerfellhaus in einem Positionspapier. Das Stichwort heißt Qualifikationsmix: Pflege soll in Teams aus Akademikern, beruflich ausbildeten Pflegefachpersonen und angelernten Assistenz- und Hilfskräften erfolgen.

Damit die Assistenz- und Hilfsberufe nicht in eine Sackgasse führen, muss das Ausbildungssystem durchlässiger werden. In den europäischen Nachbarländern gebe es neben den Pflegestudiengängen andere Ausbildungsangebote von einem halben Jahr bis hin zu zwei Jahren für Pflegeassistenten und –helfer, sagt Michael Ewers, Direktor des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der Charité in Berlin. „Interessant ist, dass in den meisten Ländern diese Bildungsangebote später auf eine Pflegeausbildung angerechnet werden können.“ Die Aus- und Weiterbildung ist Teil der regulären Bildungsstrukturen. Anders als in Deutschland, wo jedes Bundesland unterschiedliche Anforderungen stellt und Assistenzkräfte in erster Linie fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden – was einen Aufstieg innerhalb des Systems erschwert und den Beruf damit kaum attraktiver macht.

Auf Augenhöhe mit der Ärzteschaft

Die Universität Halle-Wittenberg bietet seit 2016 einen Modellstudiengang Evidenzbasierte Pflege an. Das Besondere: Die Absolventïnnen dürfen bei zwei ausgewählten Diagnosen – Diabetes Typ 2 und chronische Wunden – heilkundliche Tätigkeiten ausüben, die sonst Ärztïnnen vorbehalten sind. In der Praxis heißt das: Der Arzt oder die Ärztin stellt die Diagnose, die so qualifizierte Pflegeperson arbeitet den Therapieplan aus, übernimmt oder überwacht die Behandlung, passt sie an, verschreibt Pflegehilfsmittel wie Wundverbandsmaterial oder eine manuelle Lymphdrainage. Sie entscheidet selbst, ob und wann der Arzt oder die Ärztin erneut hinzugezogen werden muss, zum Beispiel für eine weiterführende Diagnostik. „Da sich unsere Studierenden auf zwei Diagnosen konzentrieren, sind sie darin vertiefter ausgebildet als Medizinabsolventïnnen“, sagt Prof. Gabriele Meyer, die den Modellstudiengang leitet.

Die Studierenden lernen, wissenschaftlich zu arbeiten, die Fachliteratur auszuwerten, Leitlinien zu interpretieren und anzuwenden. Das sei enorm wichtig, sagt Meyer, um die Qualität der Pflege zu verbessern. Im Studium wird darauf geachtet, dass Pflege- und Medizinstudierende möglichst oft zusammen lernen und arbeiten. „Wir wollen, dass sie sich gegenseitig wertschätzen lernen und die besonderen Fähigkeiten des anderen erkennen.“ Die Zukunft seien multiprofessionelle Teams aus Ärzten und Pflegepersonen, die auf Augenhöhe zusammenarbeiten.

Bisher sind allerdings nur knapp ein Prozent der Pflegenden in Deutschland akademisch ausgebildet. Der Pflege müssen weit mehr Kompetenzen zugesprochen werden. Bei vielen Entscheidungen im Gesundheitswesen reden Pflegende bisher nicht mit. Und es fehlt ein flächendeckender Tarifvertrag, der den Beruf finanziell attraktiv macht. „Mit Klein-Klein kommen wir nicht weiter. Ich denke, es braucht den großen Paukenschlag, damit sich etwas verändert“, sagt Pflegedienstleiterin Albrecht. Auch die Stiftungsallianz sieht dringenden Handlungsbedarf: Deutschland leiste sich „eine sehr gute Breitenmedizin, eine wettbewerbsfähige Spitzenmedizin und zugleich einen Dauerpflegenotstand“. Das sei unwirtschaftlich und nicht gut für die Menschen.


.Die Recherche für diesen Artikel wurde durch den WPK-Recherchefonds Covid-19/Sars-CoV-2 gefördert. Bei welchen anderen Themen wir aus der Corona-Krise lernen können, lesen Sie hier.

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Carina Frey

Carina Frey arbeitet als freie Wissenschafts- und Verbraucherjournalistin für Magazine, Zeitungen und Online-Medien. Alter und Pflege sind ihre Spezialgebiete. Sie hat unter anderem die Bücher Pflegefall – was tun, Pflege zu Hause und Neues Wohnen im Alter geschrieben.


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